Titelbild eines Buches

Johannes Moosdiele-Hitzler: Konfessionskultur – Pietismus – Erweckungsbewegung.

Die Ritterschaft Bächingen zwischen »lutherischem Spanien« und »schwäbischem Rom«

(Arbeiten zur Kirchengeschichte Bayerns, Band 99). Verlagsdruckerei Schmidt Neustadt an der Aisch 2019. 788 Seiten. Hardcover 76,– €. ISBN 978-3-940803-18-4.

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Ein sperriges Buch mit einer bisweilen den Blick auf die Seiten verstellender Fülle an Fußnoten, einem nahezu 300-seitigen Anhang samt Quellen-, Literatur-, Abbildungs- und Registerteil – aber trotz des Umfangs und wissenschaftlichen Anspruchs ein erhellendes Leseerlebnis. Johannes Moosdiele-Hitzler legt mit seiner Augsburger Dissertation die in jeder Hinsicht gewichtige Summe einer zwei Jahrzehnte währenden Forschungstätigkeit vor. Für seine Erkenntnisse zur Entstehung und Entwicklung lokaler pietistischer Gemeinschaften und konfessioneller Identitäten, deren Auswirkung im Alltag dörflicher Lebenswelten, der Verzahnung mit der Hofkultur des Ortsadels und der Sonderrolle von Reichsritterschaften wurde der Autor 2019 mit dem Gustav-Schwab-Preis des Schwäbischen Heimatbundes ausgezeichnet.

»Lutherisches Spanien« (Stuttgarter Herzogtum) und »schwäbisches Rom« (Dillinger Jesuiten-Universität und Augsburger Fürstbistum), so umreißt der Autor das nach dem 30-jährigen Krieg am Unterlauf der Brenz entstehende Spannungsfeld zwischen Württemberg und Bayern, Protestantismus und Katholizismus. Im 18./19. Jahrhundert wenden sich im ursprünglich katholischen Bächingen mit der Obrigkeit weite Teile der Untertanen dem Pietismus zu. Die Ritterherrschaft ist ein exemplarisches Beispiel für Machtpolitik als Konfessionspolitik und für religiöse Vergesellschaftung. Denn der Pietismus ist nicht nur die »Religion des Volkes« (Marin Scharfe), sondern fungiert hier ebenso als herrschaftliche Ideologie.

Moosdiele-Hitzler korrigiert auch das schönfärberische Bild, in dem Franziska von Hohenheim als eine Art pietistische Ersatzheilige erscheint. Die Mätresse und spätere zweite Ehefrau Herzog Karl Eugens herrscht von 1790 bis 1811 über Bächingen, das zum Vorposten Württembergs auf bayerischem Gebiet, zum protestantischen Stachel im katholischen Fleisch wird und zugleich den privatwirtschaftlichen Interessen Karl Eugens dient. Die chronologisch aufgebaute Untersuchung spiegelt »den schleichenden Übergang des Pietismus von der elitären zur popularen Bewegung im Rahmen des lokalen konfessionskulturellen Vermittlungs- und Adaptionsprozesses«.

Nach einer systematischen Darstellung der Ursprünge und Entwicklungen des Pietismus, seiner württembergischen Spielarten und der Formen von Reichsritterschaften skizziert der Autor die Herrschaft Bächingen in ihren Grundstrukturen und ihrer Einbettung in die Landschaft Schwaben. Protestantische Identitätsbildung vollzieht sich in Abgrenzung zum Katholizismus, zugleich wandelt sich die Konfessionskultur der Herrschenden im 19. Jahrhundert zur herrschenden Konfessionskultur. Dabei spielen die Freiherren von Stain als Verbündete Schwedens und des Exulanten- Adels eine zentrale Rolle.

Der adelige Pietismus korrespondiert dann mit dessen Wirkung als Heilsbotschaft in breiten Bevölkerungsschichten. Hier betritt Franziska von Hohenheim die Bühne, pietistische Sozialisation und ostentative Frömmigkeit weisen ihr eine Hauptrolle zu. Aus der Anerkennung als rechtmäßiger Ehefrau Karl Eugens resultieren Versorgungsansprüche, die mit dem Erwerb der Herrschaft Bächingen abgesichert werden; der Kauf ist zugleich mit fiskalpolitischer Konkurrenz zum pfälzisch-bayerischen Kurfürsten Karl Theodor erklärbar.

Franziska plant als pietistische Netzwerkerin die Ansiedelung der Herrnhuter Brüdergemeinde, mit der sie neben religiösen Erwartungen die Hoffnung auf wirtschaftliche Modernisierung verbindet. Als das Projekt scheitert, versucht sie selber, aus Bächingen ein Reformmodell zu machen. Dabei sind ihr Pfarrer wie Johann Andreas Schmidt, der in einer schönen Fallbeschreibung dargestellt wird, mit religiösem Rigorismus zu Diensten.

In der Umbruchzeit 1796–1818 kommt es zu sozialen und religiösen Verwerfungen, die sich in Rückkehr zu individualisierter Frömmigkeit, Hinwendung zur Allgäuer Erweckungsbewegung oder Auswanderungen nach Bessarabien äußern. Die Wirkung des Pietismus aber hält bis ins 20. Jahrhundert an, neben Hauskreisen bilden sich Freikirchen und Sondergemeinschaften.

Moosdiele-Hitzler füllt mit seiner materialreichen, methodisch schlüssigen und plausibel argumentierenden Arbeit eine Lücke in der Pietismus- und Adelsforschung. Er fächert den makrogeschichtlichen Blick durch eine mikrogeschichtlich-schichtspezifische Perspektive auf, macht im Sinne Carlo Ginzburgs (Der Käse und die Würmer) Lebenswelten plastisch. Und sein Blick reicht über die engere Fachgrenze hinaus in den Bereich soziokultureller Konfessionsanalysen etwa von Martin Scharfe und Christel Köhle-Hezinger.

Bächingen ist übrigens heute noch zu über 60 Prozent evangelisch. Ob eine der »letzten Bastionen des Luthertums zwischen Ries und Bodensee« aufgrund demographischen und konfessionellen Wandels einmal fallen wird, lässt der Historiker Moosdiele-Hitzler gegenwartsbewusst offen.

Wolfgang Alber

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