Zur Sache Kulturlandschaft in der Krise

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Zur Sache Kulturlandschaft in der Krise

von Reinhard Wolf

Bankenkrise, Wirtschaftskrise, Krankenversicherungen in der Krise, Krise bei der Altersversorgung, Krisen in Regierungen, Parteien und Verbänden, in Afghanistan, Nahost und Mittelamerika nichts als Krisen allüberall. Keine Zeitung ohne Krisenbericht. Die Krise wird geradezu zum Normalfall, und man gewöhnt sich dran, mit den verschiedenen Krisen zu leben. Vielleicht würde man sogar was vermissen, wären je einmal alle Krisen um uns herum gelöst ...

Was auch geschehen mag, eine Krise wird uns weiterhin und sogar zunehmend beschäftigen: die Krise unserer Kulturlandschaft. Ja, richtig gelesen: unsere Landschaft steckt auch in einer Krise. Obstbaumwiesen werden landauf, landab zunehmend weniger genutzt und gepflegt, bunte Blumenwiesen werden immer seltener, Mauer-Steillagenweinberge rentieren sich nicht mehr, Bilderbuch-Landschaftsbilder wie die Steinriegellandschaften Hohenlohes, die offenen Wiesentäler des Schwarzwaldes oder die Wacholderheiden der Schwäbischen Alb verkommen zusehends, lieb gewonnene Idyllen verschwinden vor unseren Augen. Kulturlandschaft in der Krise wie sonst sollte man all diese Vorgänge umschreiben?

Der Schwäbische Heimatbund der Natur und Kultur unseres Landes besonders verpflichtet steht mittendrin in dieser Krise: Mit dem Kulturlandschaftspreis werden seit zwei Jahrzehnten mustergültige Initiativen zur Bewirtschaftung und Pflege gefährdeter Kulturlandschaftsausschnitte ausgezeichnet. Großartig, was da lokal für unsere Kulturlandschaft geleistet wird, beruflich oder ehrenamtlich, keine Frage. Aber seien wir ehrlich: Das sind alles Tropfen auf den heißen Stein, was da auf bescheidener Fläche geleistet wird, die großflächigen Entwicklungen laufen in andere Richtungen!

Landschaft im Wandel, unter dieser Hauptüberschrift entstehen derzeit viele Bücher mit Bildvergleichen und zahllose Schriften in Fachzeitschriften. Und überall wird betont, dass Kulturlandschaft ein dynamischer Prozess sei, dass alles seit jeher im Wandel begriffen sei und dass man Neuem gegenüber aufgeschlossen sein müsse. Der Bau der Trockenmauer-Weinberge beispielsweise sei über Jahrzehnte eine Großbaustelle unvorstellbaren Ausmaßes und mit unglaublichen Eingriffen in die Landschaft verbunden gewesen, die uns Heutigen ganz bestimmt nicht gefallen würden. Also sollten wir heute die Veränderungen der Landnutzung, die mit dem Bau von Windkraftanlagen, Biogasanlagen, großflächigen Fotovoltaikanlagen, neuen Gewerbe- und Wohngebieten und neuen Straßen einhergehen, auch nüchterner sehen und nicht Altem hinterher heulen, sondern Neuerungen akzeptieren.

Ach ja, man liest so was, nimmt sich vor, fortan Neuem gegenüber aufgeschlossener zu sein und ärgert sich dann halt doch, wenn man Bagger irgendwo schaffen sieht, wo man seit Jahren eine Idylle ins Herz geschlossen hat. Natürlich weiß man, dass sich das Landschaftsbild seit jeher gewandelt hat und sich immer ändern wird. Seit jeher hat der Mensch die Landschaft nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten gestaltet, hat Wald gerodet und wieder wachsen lassen, hat Mauern gebaut und verfallen lassen, hat Weiden zu Ackerland gemacht und wieder aufgegeben, hat Weiher angelegt und die Dämme irgendwann wieder durchstoßen. Niemand bestreitet, dass das alles stets mit erheblichen Veränderungen des Landschaftsbildes verbunden war.

Einiges gibt einem allerdings doch zu denken: Die Roten Listen der gefährdeten und vom Aussterben bedrohten Tier- und Pflanzenarten werden trotz aller Gegenmaßnahmen immer länger, und die öffentliche Hand einschließlich EU gibt mehr Geld denn je aus für die Pflege unserer Landschaft, verstanden als Kompensation für nicht mehr wirtschaftliche Nutzung. Life+, MEKA (Marktentlastungs- und Kulturlandschaftsausgleich) und LPR (Landschaftspflegerichtlinie) heißen die Zauberworte, und selbstverständlich sind diese Förderinstrumente gut und unverzichtbar. Aber dennoch klafft die Schere zwischen Wirtschaftlichkeit und Nutzlosigkeit, zwischen Wirtschaftsland hier und Brachland dort immer mehr auf. Die Alternative für extensive Nutzungsformen heißt in der Regel Intensivierung oder Nutzungsaufgabe. Wo soll das alles hinführen?

Wenn wir nicht bald dazu übergehen, mit den erheblichen öffentlichen Mitteln, die Jahr für Jahr in die Bewirtschaftung unserer Kulturlandschaft fließen, die Mindestnutzung und Pflege der gesamten Kulturlandschaft sicherzustellen, dann wird sich die Krise unserer Landschaft von Jahr zu Jahr verschärfen. Oder wie der Dichter sagt: Die Poesie schwindet aus der Natur, und der Prosa gehört die künftige Welt! (Christian Wagner, 1884) Manches, was wir heute noch als selbstverständlich ansehen, steht an einer Schwelle: Entweder werden Obstbaumwiesen, Steillagenweinberge, Steinriegelhänge, Blumenwiesen weiter gepflegt und bewirtschaftet, oder sie gehen über die Schwelle: dahin, unweigerlich, ein für allemal! Die Menschheit braucht aber auch zukünftig Poesie, mit Prosa allein werden sich unsere Kinder und Enkel nicht zufrieden geben! Ins Freilandmuseum zu gehen, um neben alten Bauernhäusern eine Obstbaumwiese, einen Mauerweinberg und eine Blumenwiese zu bestaunen, das ist aber doch irgendwie unvorstellbar. Oder etwa nicht?