Nachruf auf Prof. Willi Karl Birn (1907 bis 2000)

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Nachruf auf Prof. Willi Karl Birn (1907 bis 2000)

Willi Birn

Prof. Willi Karl Birn

Willi Karl Birn war Verwaltungsfachmann und Jurist, er war aber auch und das ist hier fast wichtiger - eine Persönlichkeit, die andere unwillkürlich für sich einnahm, die mit ihrer Art und mit wenigen Worten Sympathie erzeugen und das Gegenüber gewinnen konnte. Dabei spürte man, dass er in sich ruhte, dass er von humanen Grundsätzen getragen war, die letztlich in seiner Religiosität als katholischer Gläubiger gründeten. Er konnte geduldig zuhören, um den anderen in seinen Anliegen zu verstehen, und er lächelte oft, um Zustimmung und Ermunterung zu signalisieren. Personen seiner Art und seines Formats werden leider immer seltener. Am 20. September ist Willi Karl Birn im Alter von 93 Jahren in Tübingen gestorben.

Hier ist nicht der Platz, um das Leben dieses ungewöhnlichen Mannes nachzuzeichnen, der 1907 in Stuttgart geboren wurde. Nacheiner Ausbildung in der Verwaltung studierte er in Tübingen Jura, um dann weiterhin, unterbrochen vom Kriegsdienst, bis zur höchsten Ebene der Landesverwaltung tätig zu sein. 1958 bestellte die Landesregierung Willi Karl Birn zum Regierungspräsidenten von Südwürttemberg-Hohenzollern mit Amtssitz in Tübingen. Eine Funktion, die er 14 Jahre lang mit großer Kompetenz und tiefer Menschlichkeit ausführte. Er ließ die Betroffenen nicht den Druck des Amts und die Amtsgewalt spüren, sondern setzte auf Überredung und Überzeugung, um zu einem Ergebnis zu kommen, das beide Seiten billigen konnten. Nach einem Streit, der bei ihm eher eine Diskussion war, hatte er stets die Hand zu einer versöhnlichen Geste bereit.

Noch als Regierungspräsident ließ sich Willi Karl Birn 1969 zum Vorsitzenden des Schwäbischen Heimatbundes wählen, dessen Vereinsziele wie Naturschutz, Landeskultur und Denkmalpflege auch ihm am Herzen lagen. 15 Jahre lang, bis 1984, führte er dieses Ehrenamt in seiner unnachahmlichen Art aus. Den krönenden Abschluss seiner Zeit als Vorsitzender bildete im Frühjahr 1984 die Feier zum 75jährigen Bestehen des Heimatbundes im Weißen Saal des Neuen Schlosses in Stuttgart, für die er als Festredner den Tübinger Professor Walter Jens gewonnen hatte. Danach verzichtete er auf eine Wiederwahl, und dankbar wurde Willi Karl Birn von den Mitgliedern zum Ehrenvorsitzenden gewählt, zum 1. des SHB überhaupt.

Als der noch amtierende Tübinger Regierungspräsident Willi Karl Birn für das Führungsamt im Heimatbund vorgeschlagen wurde, da erwarteten sich alle eine Galionsfigur an der Spitze des Vereinsschiffs. Doch man hatte die Rechnung ohne den Wirt gemacht: Statt einer Galionsfigur erhielt man - zum Glück! - einen Steuermann, der kräftig und weitsichtig das Ruder führte. Er war ein Vorsitzender, der nicht nur repräsentierte, sondern der sich mit Kritik und Aufmunterung einmischte, wo immer er dies für nötig hielt.

Noch der Regierungspräsident wandte sich gegen einen Flughafen, wie ihn die Regierung Filbinger einmal plante. Das brachte ihm einen gehörigen Rüffel des Ministerpräsidenten ein, der von ihm blinden Gehorsam in der Verwaltung erwartete. Als Willi Karl Birn später im Namen des Heimatbundes gegen das Projekt, im Unteren Argental Wasserkraftwerke zu bauen, vehement protestierte, war er schon von seinen Amtsgeschäften als Ruheständler entbunden. Sein Einsatz war erfolgreich, und das Untere Argental ist bis heute ein naturbelassener Alpenfluss, der dem Bodensee zustrebt. Ist nicht der, der die Entwicklung hemmt, gerade ihr Förderer? Dieser Satz von ihm, 1980 einer Bürgerinitiative zugerufen, könnte über dem Denken und Handeln von Willi Karl Birn stehen.

In der Wirkungszeit des Vorsitzenden Birn sind im oberschwäbischen Pfrunger Ried ständig Grundstückskäufe getätigt worden, die den Landbesitz dort in die Nähe von 100 Hektar brachten. Aber auch in anderen für den Naturschutz wichtigen Gegenden wurden Grundstücke erworben. Auf der Hochfläche der Schwäbischen Alb war es Willi Karl Birn ein stetes Anliegen, die Wacholderheiden zu erhalten, das Verbuschen und das Vordringen des Waldes zu verhindern. Dabei wusste er sich von HAP Grieshaber und Margarete Hansmann ebenso unterstützt wie diese von ihm.

In seiner Ägide wurde der Peter-Haag-Preis gestiftet, der Eigentümer auszeichnet, die denkmalgeschützte Häuser und Bauten vorbildlich erhalten. Diese Auszeichnung besteht weiter als Denkmalschutzpreis Baden-Württemberg und hat ein beachtliches Renommee im Land erreicht. Zugleich besaß Willi Karl Birn eine fundierte kritische Haltung in Sachen Landverbrauch und städtebauliche Torheiten. Bei seinen Warnungen wurde er getreulich unterstützt durch Gerhart Kilpper, der zu seiner Zeit den Städtebauausschuss leitete. Manchem Politiker, der meinte, die Denkmalpflege kritisieren zu müssen, las er gehörig die Leviten.

Damit es nicht nur bei Worten und Mahnungen blieb, erwarb der SHB die Hammerschmiede Gröningen und restaurierte sie. Die mit Wasserkraft angetriebenen Hämmer sind wieder funktionstüchtig. Mittlerweile ist die vollständig erhaltene Anlage samt Stausee eine Außenstelle des Hohenloher Freilandmuseums Wackershofen. Willi Karl Birn, der zusammen mit anderen einen Kommentar zur Landesverfassung geschrieben hat, hielt als Honorarprofessor Vorlesungen in der juristischen Fakultät der Universität Tübingen. Darüber hinaus war er der Musik und den Musen überhaupt zugetan, für das Schöne und Harmonische aufgeschlossen. In allem hat ihn seine Frau Rut gestützt und unterstützt und bis zuletzt den erblindeten Ehemann liebevoll umsorgt.

Alle Mitglieder des Schwäbischen Heimatbundes, die Willi Karl Birn kannten und schätzten, verneigen sich in Ehrfurcht und Dankbarkeit vor diesem grüßartigen Menschen. Wir wollen in seinem Sinne weiterhin tätig sein als die notwendigen Sachwalter der geistigen, geschichtlichen und volkstümlichen Überlieferungen unserer württembergischen Heimat.

(Martin Blümcke, im November 2000)