Mitgliederversammlung 2011 des Schwäbischen Heimatbunds in Ravensburg
Rund 80 Mitglieder waren Mitte Mai zu Gast in Ravensburg. Neben den üblichen und vorgeschriebenen Formalien hatte die Geschäftsstelle auch in diesem Jahr wieder ein attraktives Besuchsprogramm organisiert. Die Versammlung am 14. Mai im historischen Schwörsaal des Waaghauses wurde von Oberbürgermeister Dr. Daniel Rapp aufs herzlichste begrüßt. Das Stadtoberhaupt stellte dabei gleich mehrere Gemeinsamkeiten zwischen Stadt und Verein fest: Denkmalschutz, Naturschutz und die Geschichte von Stadt und Land seien Themen, die beide Seiten intensiv beschäftigen.
Die Mitgliederversammlung des Gesamtvereins war auch für Jürgen Kneer und Wolfgang Selbach eine Premiere: Die beiden Architekten (sie sind unter anderem mit dem Neubau des Naturschutzzentrums in Wilhelmsdorf beauftragt) haben im Frühjahr den Vorsitz der Regionalgruppe Ravensburg von Prof. Dr. Friedrich Weller übernommen, der die Gruppe mehr als 40 Jahre geführt hatte und nun – ganz entspannt – nach wie vor Vorträge und Tagesausflüge anbietet. Einer davon führte am zweiten Tag der Mitgliederversammlung zu den Naturschönheiten rund um die ehemals freie Reichsstadt.
Erfolgreiche Projekte
Der Bericht des Vorsitzenden Fritz-Eberhard Griesinger zählte neben den bewährten, aber nach wie vor arbeitsreichen Veranstaltungen und Aktionen des vergangenen Jahres – von der Vortragsreihe in der L-Bank bis hin zur Verleihung des Kulturlandschaftspreises und des Denkmalschutzpreises, die ohne die wertvolle und kontinuierliche Unterstützung durch den Sparkassenverband Baden-Württemberg, die Wüstenrot Stiftung und die L-Bank nicht möglich wären – auch die vielfältigen Projekte auf, die im vergangenen Jahr erfolgreich durchgeführt beziehungsweise begonnen wurden: die Buchreihe Bibliothek Schwäbischer Geschichte, das Projekt Kulturlandschaft des Jahres 2011/2012 Ostalb mit Albuch, Härtsfeld und Lonetal, das Projekt Bäume in die Landschaft, die sehr erfolgreiche Kleindenkmalkartierung in Baden-Württemberg und die Bemühungen um die Böblinger Pirschgänge, in deren Sanierung sich der Heimatbund tatkräftig eingeschaltet hat. Über diese Themen wird regelmäßig in der SH und auch unter www.schwaebischer-heimatbund.de ausführlich berichtet.
Einen wichtigen Erfolg konnte der Heimatbund im Zusammenhang mit der Heuneburg bei Hundersingen verbuchen. Gemeinsam mit weiteren Akteuren in der Region und darüber hinaus wurde beim Land erreicht, dass für die Erhaltung und Präsentation der einzigartigen keltischen Funde und Grabungsergebnisse erste Gelder zur Sicherung bereitgestellt werden und nach einer langfristigen Lösung gesucht wird.
Neu und klarer gestaltet wurde das Logo des Heimatbunds, das nach und nach auf allen Drucksachen und Medien verwendet wird. Der Arbeitskreis Ländlicher Raum des Vereins befasst sich unter anderem mit dem aktuellen Thema Landschaftsverbrauch. Hier ist ein Papier in Vorbereitung, das zehn Forderungen zur Eindämmung des Landschaftsverbrauches enthält. Diskutiert werden auch die Auswirkungen der verstärkten Nutzung erneuerbarer Energien auf das Bild von Städten und Landschaft. Ein Arbeitskreis Zukunft befasst sich mit der Weiterentwicklung des Vereins, z.B. dem Problem des Fehlens jüngerer Mitglieder und des Rückgangs der Mitgliederzahl. Daraus folge auch ein Rückgang der Vereinsfinanzen, eine geringere Wahrnehmung in der Öffentlichkeit und anderes mehr, so Griesinger. Der Arbeitskreis soll die Probleme analysieren und den Verein wieder in die Offensive bringen. Aktuell wird ein einschlägiges Positionspapier erarbeitet.
Nur Positives konnten Fritz-Eberhard Griesinger und Geschäftsführer Dr. Siegfried Roth vom Neubau des Naturschutzzentrums in Wilhelmsdorf berichten. Dank der überragenden Spendenbereitschaft der Mitglieder (41.000 Euro) konnte auch die letzte Lücke zur Finanzierung der Ausstellung geschlossen werden. Der Bau selbst geht gut voran und bewegte sich zum Zeitpunkt der Mitgliederversammlung vollständig innerhalb der geplanten Kosten. Mit der Gemeinde Wilhelmsdorf und ihrem Bürgermeister Dr. Hans Gerstlauer hat der Schwäbische Heimatbund einen aktiven und verlässlichen Partner, der das Naturschutzzentrum sowohl finanziell wie politisch enorm unterstützt.
Beim umstrittenen Bahnprojekt Stuttgart 21 sieht sich der Vorstand auch durch die Reaktion von Mitgliedern in seiner Position bestätigt, den Verein als solchen nicht einseitig zu positionieren und dies stattdessen den einzelnen Mitgliedern zu überlassen (siehe Heft 2010/4 der SH sowie auf diesen Seiten).
Finanzen: Rückstellungen erforderlich
Kein Projekt des Heimatbunds, aber dennoch ein arbeitsreicher Schwerpunkt der Arbeit in Vorstand und Geschäftsstelle war und ist die finanzielle Ausstattung des Vereins. Auslöser ist eine Betriebsprüfung des Finanzamts für die Jahre 2005 bis 2007. In einem ersten Bericht kommt die Behörde zu dem Schluss, dass ein großer Teil des Reiseprogramms umsatzsteuerlich anders zu bewerten sei, als das bisher der Fall war. Hier geht es vor allem um die Frage, ob Reisen dem Vereinszweck oder einem wirtschaftlichen Zweck dienen. Ausführlich gingen Fritz-Eberhard Griesinger und Schatzmeister Gerhard Fink auf die Hintergründe und Auswirkungen ein. Nach dem aktuellen Stand haben die Neubewertungen in Sachen Umsatzsteuer und damit zusammenhängende Punkte Konsequenzen, vor allem in Form von Rückstellungen für eine eventuelle Steuernachzahlung für die Jahre 2005 bis 2007. Dazu kommen Forderungen der Künstlersozialversicherung. Sowohl mit dem Finanzamt wie mit der Künstlersozialversicherung ist die Vereinsführung noch in Verhandlungen. Sicher ist aber, dass erhebliche Nachzahlungen bestehen bleiben werden, die die notwendigen Rücklagen des Vereins nachdrücklich reduzieren, machte Fritz-Eberhard Griesinger deutlich. Im Zusammenhang mit den dadurch entstandenen Diskussionen hat der Verein im Februar einen Wechsel in der Steuerberatung vorgenommen.
Notwendig wurde in Folge der Betriebsprüfung auch die Umstellung des Jahresabschlusses auf eine kaufmännische Form. Diese bietet mehr Transparenz und besteht aus einer Bilanz und einer Gewinn- und Verlustrechnung unter Berücksichtigung der Besonderheiten für Vereine. Der Jahresabschluss 2010 weist ein Minus von 115.000 Euro aus. Verantwortlich dafür sind vor allem die genannten Rückstellungen für den Fall einer Steuernachzahlung. Schatzmeister Gerhard Fink appellierte an die Mitglieder, sich nicht von den großen Zahlen in der Bilanz blenden zu lassen. Viele der hier aufgeführten Gelder seien langfristig oder für regionale Zwecke gebunden.
Der Rückgang der Mitgliederzahl macht sich ebenfalls finanziell bemerkbar, so Fink. Hier gelte es, wieder eine bessere Balance zwischen laufenden Einnahmen und laufenden Ausgaben zu finden und dabei auch Aufgabenbereiche auf den Prüfstand zu stellen. Nicht zuletzt sind auch die Mittel aus den ansehnlichen Vermächtnissen, die der Verein um die Jahrtausendwende machen durfte, weitgehend aufgebraucht oder aufgabenbezogen beziehungsweise regional gebunden. Mit diesen Geldern konnte der Verein in den vergangenen Jahren viel bewirken auch über die klassischen Aufgaben hinaus.
Die Mitglieder entlasteten auf Antrag von Friedrich Weller den Vorstand einstimmig. Im Namen des Vorstands bedankte sich Fritz-Eberhard Griesinger für das Vertrauen. In diesen Dank bezog er auch die rund 200 Ehrenamtlichen ein, ohne die der Verein nicht handlungsfähig wäre, seine Vorstandskollegin und -kollegen sowie die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Geschäftsstelle, die in den letzten Monaten etliche zusätzliche Aufgaben übernehmen mussten.
Volker Lehmkuhl
