Nachruf auf Walter Kittel (1895 bis 1981)
Gedenkworte im Auftrag des Schwäbischen Heimatbundes bei der Trauerfeier für Walter Kittel auf dem Neuen Friedhof in Degerloch am 12. Juni 1981.
Das Bild des Dahingegangenen tritt vor uns, wenn wir in der Trauernachricht lesen: Es erfüllte sich ein aufrechte Leben, das dem Schönen in Architektur, Sprache und Heimat verpflichtet war.
Grußkarten, wie sie den Freunden von den Reisen zugingen, mit den eigenen Bleistiftskizzen sagten immer wieder davon, wie sehr Walter Kittel dem Schönen verpflichtet war.
Was aber heißt ein aufrechtes Leben? darf man es in diesem Sinne deuten: mit seinen Gaben wirken, arbeiten und der Sache dienen - auch gegen Engstirnigkeit, Verständnislosigkeit, Nützlichkeits- und Geldwahn - mit Sachverständnis, mit Verstand und mit feinem Sinn für das Schöne, das selig in ihm selbst scheint, für den goldenen Überfluss der Welt.
Nach seinem Eintritt in den Ruhestand folgte Walter Kittel ohne große Bedenken 1960 der Bitte des Schwäbischen Heimatbundes und übernah dessen Vorsitz bis in die letzten Tage; bis 1969 hat er ihn innegehabt. Frei von der Einengung, ohne die sich eine amtliche Stellung nicht denken lässt, konnte er sich nun großen Fragen ganz hingeben; bis in die letzten Tage seines Lebens scheinen sie mit ihm umgegangen zu sein. Um einige zu nennen, die in jenen Jahren - und darüber hinaus - den Heimatbund bewegten: Hochrhein-Bodensee, Ludwigsburger Alleen, innerstädtische Fragen, Großstadtlandschaft, Landesfreilichtmuseum. In allem und hinter allem Tun klingt dabei mit das Schöne in Architektur Sprache und Heimat - alles nicht bloß in der Enge der nächsten Umgebung sehen, sondern mit dem Auge gerichtet auf das Erdenrund, die Enge in die es hineingestellt. Das weite Gesichtsfeld war für Walter Kittel der Grund für sein Sachverständnis, und dieses besaß er nicht nur für Landesplanung und Naturschutz, sondern als die Voraussetzung schlechthin für alle Aufgaben, die er angriff. Es beruhte auf einer weiten Bildung und auf viel stiller Kraft: Der Kern allein im schmalen Raum verbirgt den Stolz des Waldes, den Baum (Schiller, Breite und Tiefe). Treffliches hat er geleistet; beschützt und erhalten hat er und so das schönste los gewonnen (Goethe).
An diesem Leben durfte auch der Schwäbische Heimatbund mit seiner Arbeit für sein großes Ziel teilhaben. Er ist dem Dahingegangenen zum Dank verpflichtet für die Wege, die er gewiesen hat, für alles, was er ihm gegeben und getan hat. Dem Schwäbischen Heimatbund kommt es zu, sich Walter Kittels anzunehmen und ihn mit seiner Neigung zu bedenken, wenn er nun die Erde verlassen hat, dass er nicht in die Nacht gefallen, ganz dahin und verloren sei (Emil Barth).
In der Erinnerung an manches Gespräch, das Walter Kittel als ein aufrichtiger Freund Englands mit mir, gleichermaßen England und den Engländern in vielen dankbar verbunden, geführt hat, möge es mir erlaubt sein, mit einem Satz Stanley Baldwins abzuschließen. Im Bericht, den er im Jahr 1937 von der Einweihung eines Denkmals für Sir Edward Grey geschrieben hat, heißt es: Sterben, das hieß für ihn heimgehen. In Shropshire gab es ein alten Tagen einen schönen Brauch manchenortes: sobald sich bei einem Begräbnis die Bahre dem Friedhof näherte hörten die Glocken mit ihrem feierlichen Trauergeläute auf und gingen in ein Spiel der Freude über der Seele zuliebe, die jetzt heimgetragen wurde. Auch wenn hierzulande die Bräuche anders sind - Walter Kittel ist heimgekommen. Möge er in der ewigen Heimat ruhen!
(Helmut Dölker)
