In memoriam Prof. Dr. Helmut Dölker (1904 bis 1992)
Am 25. August 1992 ist Professor Dr. Helmut Dölker im Alter von 88 Jahren in Esslingen gestorben. Der gebürtige Stuttgarter war als Schüler des Karls-Gymnasiums bereits 1919 dem damaligen "Bund für Heimatschutz in Württemberg und Hohenzollern" beigetreten. Mithin war er mehr als siebzig Jahre lang Mitglied dieses Vereins, der nach dem Zweiten Weltkrieg als "Schwäbischer Heimatbund" wiedergegründet wurde. Ihm diente Helmut Dölker fast vier Jahrzehnte lang in führender Funktion: von 1949 bis 1986 als Mitglied des Vorstands. Dankbar hat ihn die Mitgliederversammlung des Jahres 1984 in Ulm zum Ehrenmitglied ernannt.

Prof. Dr. Helmut Dölker im Alter von 88 Jahren.
Helmut Dölker hat unendlich viel für den Schwäbischen Heimatbund getan. Dem fundierten Rat irn Vorstand, der auf einer umfassenden Landeskenntnis und einer erstaunlichen Vertrautheit mit vielen Persönlichkeiten aus allen Schichten der Bevölkerung beruhte, hat er immer die Tat an die Seite gestellt. Helmut Dölker war - wie sein Vetter Hansmartin Decker-Hauff - in erster Linie ein Mann des Worts, der mündlichen Vermittlung. In seinen Vorträgen und noch stärker bei seinen Führungen hat er gefesselt und begeistert, hat er den Teilnehmern unserer Studienfahrten Land und Leute aus der Geschichte heraus erklärt und Verständnis für Eigenarten und landschaftstypische Besonderheiten geweckt. Dabei war er stets um eine ganzheitliche Schau bemüht, die sowohl die geologischen Grundlagen wie die territoriale Zugehörigkeit, die volkskundliche Charakteristik wie die mundartliche Ausformung einbezog. Zahlreiche Mitglieder haben seine Fahrten in bester Erinnerung; wie kaum ein anderer Gelehrter erreichte er in direktem Kontakt breiteste Bevölkerungsschichten, wobei ihm seine schlichte Art den Zugang öffnete.
Helmut Dölker war ein typischer Württemberger, genauer gesagt ein Altwürttemberger: evangelisch geprägt, durch Schule und Studium dem Wort verhaftet und in seinen Neigungen der Literatur und der Musik zugetan. Nicht zuletzt durch sein Honoratiorenschwäbisch hat er sich immer als württembergischer "Patriot" zu erkennen gegeben.
In seiner Tübinger Studienzeit war Helmut Dölker dem Volkskundler, Mundart- und Namenforscher Karl Bohnenberger begegnet. Unter seinem Einfluß wandte er sich bewußt der Heimatforschung zu, insbesondere der Beschäftigung mit der schwäbisch-alemannischen Mundart und dem Namengut dieses Sprachraums. Seine Dissertation über "Die Flurnamen der Stadt Stuttgart in ihrer sprachlichen und siedlungsgeschichtlichen Bedeutung" -1933 veröffentlicht und 1982 neu aufgelegt - begründete nicht nur seinen Ruf als einer der führenden deutschen Namenforscher, sondern blieb auch bis heute das Musterbeispiel einer großartigen Flurnamensammlung. Nach Wehrdienst und Gefangenschaft war der politisch
unbelastete Heimkehrer Helmut Dölker ein gefragter Mann: Am 1. Juni 1946 wurde der Gymnasiallehrer mit der Leitung der "Württembergischen Landesstelle für Volkskunde" , früher "Abteilung Volkstum" irn Landesamt für Denkmalpflege, beauftragt; eine Position, die er bis zu seiner Pensionierung im Jahre 1969 innehatte. Die hohe Wertschätzung seiner Person und die fundierte Breite seiner landeskundlichen Kenntnisse veranlaßten 1955 die Verantwortlichen, Helmut Dölker zugleich zum Vorstand des "Staatlichen Amts für Denkmalpflege Stuttgart" zu berufen. In den vierzehn Jahren dieser beruflichen Doppelbelastung hat er für den Denkmalschutz, der damals nur eine schmale rechtliche Basis hatte und auf das Wohlwollen der Beteiligten und den Druck der Öffentlichkeit angewiesen war, Beachtliches geleistet. In diese Zeit fielen so große Projekte wie die Wiederherstellung des Alten und des Neuen Schlosses in Stuttgart. Daß letzteres nicht abgerissen oder zum Landtagsgebäude umgestaltet wurde, ist ihm, aber auch den Protesten und Initiativen des Schwäbischen Heimatbundes zu verdanken. Daß das Kaufhaus Schocken von Mendelsohn und das Kronprinzenpalais abgetragen wurden, konnte er zu seinem Leidwesen nicht verhindern; dafür gelang es ihm, die Esslinger Pliensaubrücke, die durch den Bau des Neckarkanals und den Ausbau der B 10 gefährdet war, als historisches Dokument zu erhalten. Als Folge der Ausgrabungen in Unterregenbach bei Langenburg und unter der Esslinger Stadtkirche St. Dionys richtete er im Denkmalamt eine eigene Abteilung "Archäologie des Mittelalters" ein.
Zu den Hörern und Schülern des Honorarprofessors Helmut Dölker gehörten nicht zuletzt die Studenten des Ludwig-Uhland-Instituts für Volkskunde an der Universität Tübingen. Dort war er seit 1949 tätig, später als kommissarischer Leiter, und half mit, diesem Wissenschaftszweig wieder eine philologisch-historische Grundlage zu geben. Der Lehrbeauftragte für Volkskunde hat den Verbindungsbogen von Hermann Schneider und Hugo Moser zu Hermann Bausinger gebildet, eine Brücke, die man 1970 gesprengt hat. Helmut Dölkers Verständnis von Volkskunde und die neue Einbindung des Fachs in die Sozialwissenschaften ließen offensichtlich keine Verbindung mehr zu.
Helmut Dölker war ein kenntnisreicher Gelehrter, der auf Befragen sein lexikonreiches Wissen an Fachleute ebenso wie an Laien gerne weitergab; zugleich war er gegenüber allen ein freundlicher und hilfsbereiter Mensch. Die treue Pflichterfüllung war bis zu seinem Tod eines der obersten Gebote, unter denen sein ganzes Leben stand; sie ließ noch den Greis Termine wahrnehmen, wenn es nur um den Württembergischen Geschichts- und Altertumsverein oder den Schwäbischen Heimatbund ging, die ihm beide bis zuletzt am Herzen lagen. Wir werden sein Andenken dankbar bewahren.
(Martin Blümcke)
