Fritz-Eberhard Griesinger: Rückblick auf das Jubiläum und Ausblick ins zweite Jahrhundert
Nach dem Jubiläumsjahr 2009 liegt es nahe, Bilanz zu ziehen und zu überlegen, was denn nun der Schwäbische Heimatbund (SHB) im ersten Dezennium seines zweiten Jahrhunderts anstreben will.
Das Jubiläumsjahr war eine Kette erfreulicher Ereignisse; ich nenne den Festakt mit Bundespräsident a. D. Roman Herzog, den Empfang der Landesregierung zusammen mit dem Landesverein Badische Heimat und die festlich-fröhliche Vereinsfeier anlässlich der Mitgliederversammlung in Sindelfingen sowie die zentrale Baumpflanzung mit Ministerpräsident Günther Oettinger. Darüber hinaus konnten die neuen Aktivitäten, das Projekt Kulturlandschaft des Jahres, die Buchreihe Bibliothek Schwäbischer Geschichte und der erstmals verliehene Gustav Schwab-Preis mit vorzeigbaren Ergebnissen in Gang gebracht werden, alles erfreuliche Tatbestände.
Die im Februar in der Akademie Hohenheim durchgeführte wissenschaftliche Tagung vermittelte uns aber den Hinweis, dass nicht alles in der Vereinsgeschichte so unproblematisch abgelaufen ist, wie man sich das aus heutiger Sicht gerne gewünscht hätte. Es wurde deutlich, welch schwierige Wege zur Selbsterkenntnis bei der Aufarbeitung der NS-Zeit zu gehen sind. Der zeitliche Abstand ermöglicht uns heute eine sicher umfassendere Sicht. Zugleich wird sie uns dadurch erschwert, dass wir eben nicht mehr über das Wissen um die tägliche Lebenswirklichkeit dieser Zeit in allen Facetten verfügen. Der Verlust der gesamten Vereinsakten ist ein weiteres großes Hindernis. Es ist für einen geschichtsbewussten Verein wichtig, an der Aufarbeitung der Vereinsgeschichte als Teil der Zeitgeschichte weiter zu arbeiten, nicht um bloßzustellen, sondern um künftigen Generationen ein wahreres Bild zu hinterlassen.
Die Naturschutzarbeit bleibt für den SHB eine bedeutende Aufgabe. Er sieht im Naturschutzzentrum in Wilhelmsdorf einen Schwerpunkt dieser Bildungsarbeit. Aber wenn das Zentrum langfristig Bestand haben soll, ist zwingend eine Erneuerung nötig. Die Zuwendung von Konjunkturfördermitteln des Bundes eröffnet jetzt die nicht vorhergesehene Möglichkeit der Finanzierung eines Neubauabschnittes. Doch werden auch vom Verein erhebliche Eigenbeiträge nötig werden. Ausstattung und Unterhaltung des Naturschutzzentrums müssen sichergestellt sein.
Der Bereich Denkmalschutz erfordert stete Aufmerksamkeit. Für den SHB wird es auch künftig zentrales Thema sein, sich in grundsätzlichen Fragen und objektbezogen für die Aufgaben des Denkmalschutzes zu engagieren. Sicher war im zurückliegenden Jahr die Bereinigung der ursprünglich als Handschriftenstreit entstandenen Frage des badischen Kulturvermögens durch den Kauf von Kloster und Schloss Salem durch das Land positiv. Aber spektakuläre Maßnahmen wie der Kauf von Salem sind das eine. Andrerseits erfordert die Denkmalpflege insbesondere im Detail eine kontinuierliche Arbeit, und diese könnte in Zeiten der wirtschaftlichen Einbrüche herbe Rückschläge erleiden. So war die unterjährig in die Diskussion gekommene massive Kürzung der Sachmittel für die Arbeit des Denkmalamtes höchst unerfreulich. Es ist nicht nebensächlich, wie das Land mit seinen Kulturgütern umgeht, wie das Erbe der großen und kleineren Bau-, Kunst- und Kleindenkmale gepflegt wird, die doch auch den besonderen Reiz unseres Landes ausmachen.
Unklar bleibt bislang noch der Erfolg der Initiativen der Landesregierung, den Flächenverbrauch deutlich zu vermindern. Fast mehr noch als im Denkmalschutz ist hier unablässige Dauerarbeit erforderlich, weil ein heute vermiedener Flächenverbrauch bereits morgen wieder auf der Agenda der kommunalen Entscheidungsträger auftauchen kann. Es ist ein Umdenken vor Ort erforderlich, um in dieser Frage voran zu kommen. Der SHB muss über seine Ortsgruppen und im Kontakt mit partnerschaftlichen Verbänden und Vereinen in der Lage bleiben, dieses Umdenken zu befördern.
Unter den vereinsinternen Aufgaben steht vorne an die Frage der Mitgliedergewinnung. Trotz kontinuierlicher Bemühungen sinken die Mitgliederzahlen langsam, aber stetig. Das hängt damit zusammen, dass viele Mitglieder in die Jahre kommen und die Attraktivität eines Vereinsbeitritts für Jüngere offensichtlich weniger hoch ist als früher. Deshalb sind wir gefordert, Struktur, Ziele und Handlungsweisen des Vereins zu überdenken mit dem Ziel, den Grundgedanken des Schwäbischen Heimatbunds neue Anziehungskraft zu verleihen. Auch das Engagement der einzelnen Vereinsmitglieder bleibt unverzichtbar.
Die wohl wichtigste Frage aber für die Zukunft des Vereins wird sein, in welcher Weise seine Positionen in der sich ändernden Gesellschaft unseres Landes wahrgenommen werden. Nach der gegenwärtigen demografischen Situation liegt auf der Hand, dass in zwanzig, dreißig Jahren der Anteil der Mitbürger mit inländischer Familiengeschichte erheblich zurückgegangen sein wird. In den Großstädten ist dies heute schon spürbar. An die Familiengeschichte ist aber die konventionelle, die kulturelle und die historische Sozialisierung weithin gebunden. Wenngleich sich niemand den Einflüssen der Jetztzeit entziehen kann und die Bewertung des überkommenen Kulturgutes sich unentwegt ändert, so steht doch eine bisher kaum vorstellbare Verschiebung von Werten bevor, sollte sich der Inhalt des Themas Heimat zunehmend nur noch auf örtliche Bezugspunkte ohne die Einbindung in landes- oder kulturgeschichtlichen Hintergrund beziehen, wie das heute schon da und dort festzustellen ist.
Heimat ist kein physikalisches Element, das seine Eigenschaften immer behält. Heimat will vermittelt, erlebt, erarbeitet sein, braucht Wissen um Qualitäten und Zusammenhänge. Das zu leisten und zu bieten, sieht der SHB weiterhin als seine Kernkompetenz an.
Was immer wieder im Jubiläumsjahr angesprochen wurde: Der SHB muss den Kontakt zu den Neubürgern jeder Herkunft suchen und finden, um im Rahmen seiner Möglichkeiten einen Beitrag zur Integration zu leisten, will er langfristig in der Lage sein, aktiv an der Entwicklung und Gestaltung des Landes teilzuhaben.
So aufgestellt können wir zuversichtlich in das zweite Jahrhundert unserer Vereinsgeschichte gehen.
