Die Preisträger des Kulturlandschaftspreises 2005

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Die Preisträger des Kulturlandschaftspreises 2005

Der Heimat ein Gesicht geben!

Schafe auf der Weide

Es ist in diesem Jahr zum 15. Mal, dass der Schwäbische Heimatbund und der Sparkassenverband Baden-Württemberg den Kulturlandschaftspreis ausgeschrieben und aktive Heimat- und Naturschützer dazu aufgerufen hatten, sich mit ihrem Engagement und ihrem Projekt zu bewerben. Unter den 59 Bewerbern um den Kulturlandschaftspreis war es wieder einmal schwierig zu entscheiden, wem man nach sorgfältiger Auswahl einen Preis zuerkennen soll. (Zum Bericht über die Preisverleihung)

Zum Sonderpreis Kleindenkmale, der in diesem Jahr zum sechsten Mal ausgelobt war, gab es insgesamt 22 Wettbewerbsbeiträge. Vier von ihnen wurden von der Jury zum Preisträger erkoren.

Schwerpunkt Weinbau

Unter den Bewerbungen 2005 gab es einen eindeutigen Schwerpunkt: Kulturlandschaften, die vom Weinbau geprägt sind - historisch oder aktuell - stellen in diesem Jahr überproportional häufig die Objekte, für deren Erhaltung sich Einzelne, Gruppen oder Vereine engagiert und um einen Preis beworben haben. Und so sind auch unter den acht diesjährigen Preisträgern des Kulturlandschaftspreises vier Preise an Gruppen und Einzelpersonen gegangen, die sich um Weinbau-Steillagen bemühen. Aber auch andere, für unsere Heimat typische Kulturlandschaftsausschnitte sind unter den Landschaften, die von den diesjährigen Preisträgern vertreten werden: das reicht von den Streuobstwiesen des Albvorlandes über die Magerrasen und Wacholderheiden der Schwäbischen Alb bis zur charakteristischen Moor- und Feuchtgebietslandschaft des württembergischen Allgäus. Und schließlich gab es eine Bewerbung, die als landschaftsübergreifendes Netzwerk von Mühlen als wichtigen Elementen der Kulturlandschaft einen Sonderstatus einnahm - ihr wurde ein Extrapreis zuerkannt

Wir stellen Ihnen hier die Preisträger des Kulturlandschaftspreises und des Sonderpreises Kleindenkmale kurz vor. Ausführlichere Beschreibungen finden sich in der 'Schwäbischen Heimat' 2005/4 sowie in einem Sonderdruck.

Zwergzebus als Landschaftspfleger an den Trockenhängen des Jagsttales
Landwirtschaftsbetrieb Birkenhof von Friedrich und Martin Wunderlich in Dörzbach (Hohenlohekreis)

Rinder

Zeburinder bei der "Arbeit".

An den Muschelkalkhängen des Jagsttales wird auch heute noch ein ausgezeichneter Wein angebaut. Doch in den meisten und gerade auch schwer zu bearbeitenden, sehr trockenen Hanglagen wurde die Bewirtschaftung schon vor vielen Jahrzehnten aufgegeben. Anstelle des Weines haben sich hier bunte, trockene Magerwiesen angesiedelt, Salbei-Glatthaferwiesen mit botanischen Kostbarkeiten wie etwa dem Helmknabenkraut, aber auch echte Trockenrasen mit ihrer reichen Insektenwelt. Die weiten Hänge präsentieren sich als offene Wiesenlandschaft, immer wieder unterbrochen von mächtigen Steinriegeln und aufgesetzten Trockenmauern als verbliebenen Zeugnissen des einstigen Weinbaus. Doch auch diese Landschaft ist ohne regelmäßige Bewirtschaftung bedroht.

Friedrich Wunderlich war von dieser Problematik persönlich betroffen. Nachdem er Mitte der 70er Jahre die Milchviehhaltung aufgegeben hatte, stellte sich ihm die Frage, wie er die hängigen Wiesen bewirtschaften konnte. Er konzentrierte sich auf eine damals ausgesprochen exotische asiatische Hausrinderrasse, die aufgrund einiger Eigenschaften für seine Problemflächen sehr geeignet erschienen. Zwergzebus, asiatische Zwergbuckelrinder können Wärme gut vertragen, verursachen mit ihrer geringen Größe kaum Erosionsprobleme in Hangflächen, verbeißen aufkommende Gehölze ähnlich wie Ziegen und können auch noch überständige, verholzte Gräser und Wiesenpflanzen verwerten.

1987 übernahm Friedrich Wunderlich 20 Hektar landeseigene Naturschutzfläche in die Beweidung - schon wenige Jahre später waren es 30 Hektar. Und sukzessive baute er seinen Hof zum Landschaftspflegebetrieb um. Inzwischen sind es über 70 Hektar Naturschutzfläche, die er bewirtschaftet. In dieser Zeit hat sich seine Herde von zwei auf über 200 Tiere vergrößert, hat er einen anerkannten Herdbuchzuchtbetrieb. Seine Leistung besteht also darin, Zwergzebus in der Landschaftspflege zu erproben und einzusetzen und mit dieser nachhaltigen und naturschutzverträglichen Landnutzung einen überaus wichtigen Beitrag bei der Erhaltung und Sicherung der Kulturlandschaft im mittleren Jagsttal zu leisten.

Pflege des Roigheimer Naturschutzgebietes Hörnle und seiner Kulturgeschichtszeugnisse
Hans Zweig aus Obersulm-Willsbach (Kreis Heilbronn)

Mauern am Hang

Wieder errichtete Trockenmauern.

Ebenfalls im verkarsteten Muschelkalkgebiet liegt Roigheim - geprägt von den sonnenexponierten Hängen der südwestlich des Ortskerns gelegenen Anhöhen des Hörnle. Heute wegen ihrer orchideenreichen Halbtrockenrasen als Naturschutzgebiet ausgewiesen, blickt diese alte Kulturlandschaft auf eine wechselvolle Nutzungsgeschichte zurück. Wohl Jahrhunderte lang als Weinberg bewirtschaftet, wurde diese Nutzung nach und nach aufgegeben. An ihre Stelle trat die großflächige Grünlandwirtschaft, immer wieder unterbrochen von Ackernutzung. Von der Nutzung des Muschelkalkes im Untergrund zeugt ein Kalkofen.

Dass wir heute die Magerrasen des Gebietes mit ihrem Artenreichtum aus Pflanzen- und Tierwelt, aber auch eindrucksvolle Zeugnisse der kulturgeschichtlichen Entwicklung des Gebietes erleben können, ist ohne Hans Zweig nicht vorstellbar. Als er sich dem Roigheimer Hörnle vor 12 Jahren zuwendet, sind die offenen Flächen größtenteils brachgefallen und wachsen zu.

Mit bewundernswertem Elan kaufte und rodete Hans Zweig insgesamt etwa 3 Hektar des Gebietes und öffnete die Flächen wieder für die Sonne. Flora und Fauna waren noch in Resten vorhanden und besiedelten rasch wieder ihren einstigen Lebensraum. Mit diesem Beispiel im Rücken überzeugte er auch andere Grundstückeigner.

Doch Hans Zweig will auch die Spuren, die vergangene Generationen bei der Bewirtschaftung des Hörnle hinterlassen hatten, wieder zugänglich machen. Die als Doppelmauern mit Hintermauerung ausgeführten, teilweise schon eingestürzten Trockenmauern am terassierten Steilhang baut er in mühevoller Arbeit als Doppelmauern wieder auf. Er gräbt die verschütteten Reste des historischen Kalkofens wieder aus und erreicht es, dass ein Förderverein gegründet und der Ofen restauriert, überdacht wurde und als große Attraktion im Gebiet von der Arbeit vergangener Generationen erzählt. Auf gleiche Weise lässt er einen fast verschütteten Wengertschützen-Unterstand neu entstehen.

Für sein Engagement zugunsten des Roigheimer Hörnle hat Hans Zweig in den vergangenen Jahren etwa 10.000 Arbeitsstunden und ein kleines Vermögen aufgebracht. Ohne dieses Engagement aber gäbe es diese prachtvolle Landschaft wohl nicht mehr.

"Stein auf Stein": Erhaltung von 100 Kilometern Trockenmauer im Weinberg
Die Weingärtner der Weingärtnergenossenschaft Mundelsheim (Kreis Ludwigsburg)

Hochaufragend über den Neckar und die Ortslage ist der beeindruckende Steilhang Mundelsheims von Reben beherrscht. Und wer diese Landschaft einmal mit der brennend gelben und roten Farbenpracht des Weinlaubs im Herbst gesehen hat, wird bestätigen, das dies wohl die eindrucksvollste Schleife ist, die der Neckar in seinem Lauf durchfließt - Kulturlandschaft im echten Sinne, vollkommen von menschlicher Nutzung überprägt und umgestaltet. Bei der Frage nach der Natur - der Artenvielfalt, die doch ein Kennzeichen gerade der Kulturlandschaft ist - lohnt es sich, noch genauer hinzuschauen.

Über 100 Kilometer Trockenmauern machen den "Mundelsheimer Käsberg" zu einem ganz besonderen Beispiel im Land für die Lebensraumfunktion, die der Steillagenweinbau für die Pflanzen- und Tierwelt einnehmen kann. Trockenmauern sichern zum einen die Terrassen am Berg und den Boden. Zum anderen aber sind sie Biotope, in denen eine ganz eigene Lebensgemeinschaft existieren kann und den Weinberg zu einem Stück Kulturlandschaft im besten Sinne macht - bei der nämlich die ökonomisch begründete Nutzung ökologisch bedeutsame "Nebeneffekte" mitproduziert.

Polster- oder Hängepflanzen an den Mauern, verschiedene Eidechsen und Schlangen in den Spalten, höhlenbrütende Kleinvögel, am Fuß der Mauern wärmeliebende Pflanzen: Wegen ihrer ökologischen Bedeutung in der Kulturlandschaft gehören Trockenmauern zu den gesetzlich besonders geschützten Biotopen. Dennoch ist das leider keine Garantie dafür, dass sie erhalten bleiben. Darum können die Mundelsheimer stolz sein auf ihren Käsberg, dessen Terrassen von 100 Kilometern Trockenmauern gestützt werden.

Denn immer wieder muss nachgearbeitet werden. Mauerteile, die sich vorwölben müssen mitsamt dem Hintergemäuer erneuert werden, eine mühsame, harte und nie endende Arbeit für die Weingärtner im Winterhalbjahr. Rechnet man in einem konventionellen maschinell bearbeiteten Weinberg mit einem Arbeitsaufwand von 600 Stunden/Jahr und Hektar, sind es im Steillagenweinbau 1200 bis 1400 Stunden. Mit diesem Aufwand aber sichern und bewahren die Mundelsheimer Weingärtnerinnen und Weingärtner uns allen eine Kulturlandschaft, in der Kultur und Natur beispielhaft verzahnt sind.

"Stein auf Stein II": Wiederherstellung von Weinberg-Trockenmauern im Kleinen
Die Hobbywinzerfamilie Adolf Wälder aus Rottenburg-Wendelsheim (Kreis Tübingen)

Trockenmauern

Historische Mauerlandschaft bei Rottenburg.

Ein wenig Dorfgeschichte kann man ablesen, wenn man vor den imposanten Trockenmauern steht, die den Wengert von Adolf und Margaretha Wälder in Rottenburg-Wendelsheim auszeichnen. Weil der Steinbruch oben am Berg, der einst den Schilfsandstein für die Mauern lieferte, schon seit Jahrzehnten geschlossen ist, greift Adolf Wälder beim Trockenmauerbau immer mal wieder auf Steine zurück, die als Fenstersturz oder Türschwelle schon auf eine Vergangenheit im Dorf zurückblicken können.

1980 haben die Wälders die mütterliche Familientradition aufgegriffen und ihren ersten Weinberg oberhalb von Wendelsheim erworben. Er war verwildert, schon lange nicht mehr bewirtschaftet und Mauern und Wegstaffeln entweder überwuchert, eingefallen oder unter abrutschendem Boden verschüttet. Dass sie diese insgesamt 9 Mauern und die dazu gehörige Staffel im 15 ar großen Hanggrundstück fachgerecht mit Hinterfüllung wieder herrichten bzw. vom Fachmann wieder herrichten lassen würden, daran bestand bei Wälders von Anfang an kein Zweifel. Inzwischen bewirtschaftet die Familie Wälder insgesamt 25 ar Rebfläche am Pfaffenberg - und auch in den neu dazu gekommenen Flächen galt es, nach und nach die Trockenmauern neu zu setzen.

Adolf Wälder und seine Familie sind auf den ersten Weinberg aber, den sie vor 25 Jahren neu bestockt und von Grund auf restauriert haben, besonders stolz! Von weitem schon stechen die fachgerecht aufgesetzten Mauern aus der Umgebung heraus, in der während der vergangenen Jahrzehnte in anderen Rebflächen so manche Trockenmauer verschwunden ist. Mit ihrem Beispiel und dem Ergebnis ihrer Arbeit können sie vielleicht auch wieder Anreiz für Andere sein, die reizvolle, vom Weinbau geprägte Kulturlandschaft am Pfaffenberg so zu erhalten, wie sie sie von ihren Eltern übernommen haben.

Landschaftspflege braucht langen Atem!
Freiwillige Feuerwehr - Abteilung Bergfelden, Stadt Sulz am Neckar (Kreis Rottweil)

Blick auf die Stadt

Der Blick auf die schöne Wehrkirche ist wieder frei.

Es kommt nicht häufig vor, dass der Kulturlandschaftspreis zweimal dem selben Preisträger verliehen wird. Die Abteilung Bergfelden der Freiwilligen Feuerwehr der Stadt Sulz am Neckar bildet die Ausnahme von dieser Regel! Wieso das?

Im Jahr 1993 hat die Truppe den Kulturlandschaftspreis dafür erhalten, dass sie mit enormem Engagement und großem Erfolg Erstpflege auf etwa 14 Hektar ehemaliger, vollkommen zugewachsener Wacholderheide geleistet hat. Doch wie ging die Geschichte weiter? Zum Einen war der Preis damals sicherlich mit Ansporn dafür, dass die Männer von der Freiwilligen Feuerwehr mit ihrer Erstpflege weiter gemacht haben. 1994 und 1995 wurden in Arbeitseinsätzen weitere ca. 7 Hektar zugewachsener Kulturlandschaft freigepflegt, darunter eine landschaftsprägende Streuobstwiese mit etwa 30 alten Obstbäumen. Inzwischen betreuen die Feuerwehrleute über 21 Hektar Biotopfläche der Gemeinde, der sie selbst ihre alte Identität wiedergegeben haben.

Zum Anderen aber haben die Feuerwehrleute rasch erkannt, dass es mit der Erstpflege nicht getan ist. Schlehen und andere Gebüsche treiben in den Folgejahren immer wieder aus, Sämlinge von Buchen und Kiefern können freigepflegte Flächen rasch wieder besiedeln, solange die Grasdecke sich noch nicht wieder geschlossen hat. Die Feuerwehrmänner aus Bergfelden haben sich diesem Problem konsequent und nachhaltig gestellt! Noch 1993 haben sie einen Balkenmäher erworben, wobei das Preisgeld aus dem Kulturlandschaftspreis hoch willkommen war. Und seit dieser Zeit gehört die jährliche Mahd, die Folgepflege der wiedergeöffneten Flächen zum jährlichen Arbeitsprogramm der Feuerwehr. Es hat sich gelohnt! Über 21 Hektar Fläche sind heute wieder zu der Kulturlandschaft geworden, wie sie sich einst entwickelt hatte, hier blühen wieder Silberdistel, Enziane und Orchideen, hier lässt der Schäfer wieder seine Herde weiden und am Bild dieser Landschaft freuen sich wieder Spaziergänger und Wanderer.

Der Jugendlandschaftspflegetag - Bewusstsein für die Kulturlandschaft wecken
Arbeitskreis Natur der Schwäbischen Albvereinsjugend

Kinder verbrennen Gebüsch

Jeder macht mit beim Jugendlandschaftspflegetag.

Auf dem Weg zu größeren Bewirtschaftungseinheiten, Monokulturen, rationellerem Maschineneinsatz und einem schnellen Wandel von Jahr zu Jahr bleibt die Anpassungsfähigkeit der Natur, bleiben Artenvielfalt, landschaftliche Eigenart und Schönheit heute häufig auf der Strecke. Groß ist daher die Aufgabe und zu begrenzt sind die Kapazitäten derer, die Aufgaben in der Landschaftspflege ehrenamtlich in ihrer Freizeit übernehmen. Die Statistiken über die massiven Verluste an Heideflächen, offenen Magerrasen oder intakten Streuwiesen sprechen eine deutliche Sprache. Wir brauchen viel mehr Menschen, die sich für unsere Kulturlandschaft, für Landschaftspflege engagieren - und vor allem: Wir brauchen junge Menschen, die die Zusammenhänge von Entstehen, Wachsen und Vergehen in der Natur begreifen und sich einbringen! Doch nur wer die Schönheit der Natur kennt, wer Natur in ihrer Vielfalt und ihren ökologischen Zusammenhängen erlebt, kann sich dafür entscheiden, mitzumachen.

Der Arbeitskreis Natur der Schwäbischen Albvereinsjugend kümmert sich seit nunmehr 6 Jahren mit einem jährlichen Jugendlandschaftspflegetag darum, Kindern und Jugendlichen am Beispiel des Naturschutzgebietes Teck die Schönheit und Faszination der Natur näher zu bringen. Mit einem prall gefüllten Tagesprogramm mit Naturerlebnisspielen, Exkursionen und praktischer Naturschutzarbeit versuchen die Aktiven des Arbeitskreises um Nicole Reinold und Jörg Dessecker, bei den Kindern die Erkenntnis zu wecken zu verankern, dass es Kulturlandschaft nicht zum Nulltarif gibt, sondern dass deren Vielfalt Nutzung und Pflege braucht. Es sind jedes Jahr ca. 30 Kinder zwischen acht und fünfzehn Jahren, aus dem gesamten altwürttembergischen Vereinsgebiet des Albvereines, die jedes Jahr in Räuberzivil zur Heugabel greifen, um die Trockenrasen und Schafweiden am Hangfuß der Teckburg von aufwachsendem Gebüsch zu befreien.

Nachmittags geht es dann noch einmal auf die Fläche, nun aber mit Becherlupe und Bestimmungsbuch. Und dass die Schafe, die unterm Jahr diese Flächen beweiden, nicht nur zur Landschaftspflege da sind, das lernen die Lagerteilnehmer mittags mit der "Roten" vom Lamm ganz nebenbei. Mit diesem speziellen Jugendlandschaftspflegetag tragen sie den Gedanken, dass wir alle Verantwortung für die Natur in der Kulturlandschaft tragen, in die nächste Generation.

Landschaft geht durch den Magen
Projektgruppe "Apfelsaft von Reutlinger Streuobstwiesen" (Kreis Reutlingen)

Etikett mit zwei Äpfeln

Schon das Flaschenetikett macht durstig.

Rund um Reutlingen und seine Ortsteile prägt der Streuobstbau auch heute noch das Landschaftsbild. Trotz Verlusten gehören zwischen den Härten im Westen und dem Fuß der Schwäbischen Alb im Osten gehören die hochstämmigen Apfel- und Birnbäume immer noch zum gewohnten Bild des Albvorlandes, sind als Naherholungsgebiet überaus beliebt und leisten einen wichtigen Beitrag zu einem lebenswerten lokalen Klima. Doch beim zweiten, genaueren Blick in die Streuobstwiesen sieht man: die früher blütenreichen Wiesen unter den Bäumen sind vielfach eintönig geworden. Da kaum noch jemand Verwendung für den Grasschnitt oder Heu hat, werden die Wiesen häufig nur noch gemulcht. Und lückig sind die Bestände geworden, da abgehende Bäume seit langen Jahren kaum noch ersetzt werden. Was noch steht, ist alt, in der Altersstruktur des Baumbestandes wird immer einseitiger. Weil es einfach nicht mehr rentabel ist, Obst aus Streuobstwiesen zu verwerten, fehlt es insgesamt an der notwendigen Pflege der Streuobstbestände.

Seit 1999 wird daher etwas getan. Der Reutlinger Umweltbeauftragte Braxmeier hatte damals die Idee mitgebracht, mit der Aufpreisvermarktung eines qualitativ besonders hochwertigen, lokalen Obstsaftes für den lokalen Markt die Obstbäume wirtschaftlich wieder interessant, rentabel zu machen. Engagierte Ehrenamtliche einer Lokale-Agenda-Gruppe haben die Idee aufgegriffen. Heute vereint die Projektgruppe Naturschutzvereine, die zuständigen Verwaltungen, Landwirte, Getränkehändler und eine Fruchtkelterei. Und das Produkt, der Apfelsaft von Reutlinger Streuobstwiesen wie es auf dem Etikett heißt, ist so vorzüglich, das sich Projektfläche, Saftmenge und Absatz seit 1999 jedes Jahr gesteigert haben. Inzwischen sind 58 Obsterzeuger mit 60 ha Anbaufläche unter Vertrag, die nach strengen Qualitätsregeln des kontrolliert ökologischen Anbaus ca. 60.000 Liter eines hervorragenden Saftes liefern. Um die Reutlinger Streuobstlandschaft muss man sich derzeit wohl keine Sorgen machen.

Grünlandwirtschaft für den Naturschutz - eine Kulturlandschaft entsteht wieder
Landwirtschaftsbetrieb Gottfried Blattner in Wangen-Karsee (Kreis Ravensburg)

Gestrüpp

Vor der Entbuschung ...

Viel anfangen konnte Georg Blattner mit seinen Streuwiesen auf dem feuchten moorigen Boden eines ehemaligen Weihers nicht. In seiner Kindheit hatte er dort noch mit Heugabel und Rechen helfen müssen, Einstreu für den Stall zu gewinnen. Seit den 50er Jahren aber gab es Stroh aus dem Schussental zum Einstreuen und die Kleinseggenriede waren nicht mehr bewirtschaftet worden. Sturm "Lothar" gab Bauer Blattner die Möglichkeit, in enger Abstimmung mit der Naturschutzverwaltung die typische Streuwiesenlandschaft wieder zu restaurieren. Mit großer Behutsamkeit und Verständnis und ausgerüstet mit geeigneten Maschinen ist er seither ein ausgezeichneter Partner der Naturschutzverwaltung und pflegt die in 30 Teilflächen untergliederte Streuwiesenlandschaft so, wie es für die Entwicklung der dort vorkommenden Besonderheiten nötig ist.

Es ist eine mosaikartig gegliederte Feuchtwiesenlandschaft, in der neben dem Sonnentau beispielsweise verschiedene Orchideen, die Sumpfschrecke und ein europaweit bedeutsamer Schmetterling, der Enzian-Ameisenbläuling vorkommt. Herr Blattner ist regelrecht zum Spezialisten für diese Wiesen geworden, die zu bestimmen Zeiten vom 10. Juni bis 1. September gemäht werden müssen, will man die dort lebenden Arten fördern. Das Mähgut verwertet er im Betrieb wieder als Einstreu und bringt es letztendlich wieder als Festmist auf den Nutzwiesen des Betriebes aus.

So ist die Streuwiesenlandschaft des Mollenweihers, die schon verbuscht und verloren war, dank der Bereitschaft von Herrn Blattner, bei diesem Projekt mitzumachen, wieder neu entstanden, als Kulturlandschaftselement wieder in den Wirtschaftskreislauf eingefügt und als Lebensraum für eine ganz besondere Pflanzen- und Tierwelt erhalten.

Extrapreis

Preisträger außer der Reihe: "Die Mühlenstraße Oberschwaben"
Dr. Lutz-Dietrich Herbst und Gerd Graf aus Ummendorf und Tannheim (Kreis Biberach)

Kartenausschnitt

Ausschnitt aus der Karte.

Die Bewerbung von Dr. Lutz-Dietrich Herbst und Gerd Graf passte auf den ersten Blick so gar nicht zu den Kriterien, mit denen die Jury an die Bewerbungen um den Kulturlandschaftspreis herangeht. Handelte es sich bei dieser Bewerbung doch nur um eine Planung. Auf den zweiten Blick aber hat die Bewerbung alle davon überzeugt, dass mit diesem Projekt eine ganze Menge für das eigentliche Ziel des Preises, die gewachsene Kulturlandschaft zu fördern, erreicht werden kann. Das Projekt Mühlenstraße Oberschwaben ist die Darstellung einer geplanten touristischen Präsentation. Bis zu 150 historische oder noch betriebene Mühlen, Mühlbäche oder auch Museen zu diesen für die Kulturlandschaft so bedeutsamen Elementen in Oberschwaben sind in Form einer thematischen Tourismusstraße mit begleitenden Infomaterialien, Ausstellungen und Veröffentlichungen ausgearbeitet und dargestellt.

Mühlen, in denen Bestandteile des Naturhaushaltes umgewandelt werden für den wirtschaftlichen Gebrauch durch den Menschen - sei es Getreide zu Mehl, Früchte zu Öl oder Wasserkraft in eine andere nutzbare Energieform - sind in ganz herausragender Weise typische Elemente der Kulturlandschaft. Die Mühlen selbst und die für sie notwendige landschaftliche Infrastruktur vom Mühlbach oder Mühlweiher bis hin zu den Baulichkeiten gestalten seit vielen Jahrhunderten die Landschaft mit. Und über die mit der Mühlennutzung verbundenen Auswirkungen in der Fläche von Ackerbau und Holzeinschlag bis zur Teichwirtschaft und Fischerei lassen sie sich begreifen als Fixpunkte im Netzwerk funktionierender Kulturlandschaften Oberschwabens.

In beeindruckender Weise haben die beiden Autoren sowohl eine gründliche Recherche zum Bestand historischer und aktueller Mühlen als auch zu deren Zweckbestimmung und Bedeutung im Verlauf ihrer Geschichte vorgelegt. Sie haben die Bezüge oberschwäbischer Mühlen zu unterschiedlichen kulturellen Bereichen herausgearbeitet, von der Wirtschaftsgeschichte über die Baugeschichte bis zur Landschaftsästhetik und sie haben ganz konkret eine touristische Mühlenstraße, die dazugehörige Landkarte, ein Faltblatt und weitere Materialien erstellt. Schließlich haben sie Hinweise und Vorschläge für die weitere wirtschaftliche Verwertung ihrer Mühlenstraße im Zuge touristischer Wertschöpfung ausgearbeitet, zur Förderung der regionalen Wirtschaft und der Lebensqualität - insgesamt ein Konzept, das überzeugt.

(verkürzte Fassung eines Textes von Volker Kracht, Fotos: privat)

Hinweise

Sonderpreis Kleindenkmale

In Heft 4 eines jeden Jahrgangs berichten wir in der Schwäbischen Heimat ausführlich über die aktuelle Preisverleihung und die Preisträger. Sonderdrucke können Sie kostenlos bei der Geschäftsstelle bestellen.

Hier finden Sie Informationen über die Ausschreibung und Bewerbungskriterien sowie Hinweise zu den am Preis beteiligten Partnern