Die Preisträger des Kulturlandschaftspreises 2002

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Die Preisträger des Kulturlandschaftspreises 2002

Kulturlandschaft braucht Bewirtschaftung, Kleindenkmale brauchen Freunde!

Traktor mit Esse auf einem feld

Schwäbische Alb: Wo die Landwirtschaft unrentabel wird, sind Bilder wie diese nicht mehr selbstverständlich

Die Bewerbungen seit 1990 zeigen es: Mehr und mehr setzt sich erfreulicherweise die Erkenntnis durch, dass man alte Weinberglandschaften, Wacholderheiden, idyllische Wiesen mit Stufenrainen und Hecken sowie andere heute nicht mehr wirtschaftlich nutzbare Landschaftsteile nicht "verkommen" lassen darf, sondern sich rechtzeitig um deren Pflege, noch besser aber um den Fortbestand einer Nutzung oder um eine neue Nutzungsmöglichkeit kümmern muss.

42 Bewerbungen gingen in diesem Jahr für den Kulturlandschaftspreis ein, dazu 29 Bewerbungen für den Sonderpreis Kleindenkmale, so dass der Jury die Bewertung und Auswahl nicht leicht gemacht wurde.

Wir stellen Ihnen die Preisträger des Kulturlandschaftspreises und des Sonderpreises Kleindenkmale - in der Reihenfolge von Norden nach Süden - kurz vor. Ausführlichere Beschreibungen finden sich in der 'Schwäbischen Heimat' 2002/4 sowie in einem Sonderdruck.

Naturschutzgruppe Taubergrund e.V. aus Weikersheim-Laudenbach (Main-Tauber-Kreis)

Für die Entbuschung und Pflege eines Standortes von ca. 3000 Küchenschellen auf einer ehemaligen Magerweide bzw. einem Schaftrieb.

Die Naturschutzgruppe Taubergrund, eine Vereinigung engagierter Naturschützer des Taubertales zwischen Creglingen und Bad Mergentheim, hat seit 1980 schon manches idyllische Fleckchen durch Pflegeeinsätze vor dem Untergang gerettet. 1998 hat sich die Gruppe einer 30 Ar großen Heidefläche angenommen. Nach der Säuberung mit Motorsäge, Freischneidegerät und Balkenmäher mussten konsequent Pappelschösslinge bekämpft werden, die das Werk in Frage zu stellen drohten. Neben Vereinsmitgliedern halfen auch Laudenbacher Bürger mit. Zwischenzeitlich kommen im Frühjahr wieder rund 3000 Küchenschellen zur Blüte, die einen violetten Blütenteppich zaubern. Die Naturschutzgruppe konnte - und dies ist ein wichtiger Baustein dieses Pflegevorhabens - nicht nur Mithelfer für weitere Einsätze, sondern auch einen Landwirt finden, der jährlich im Herbst die Fläche mäht und zu diesem Zweck einen Pflegevertrag mit der unteren Naturschutzbehörde abgeschlossen hat. Im jährlichen Wechsel sollen auf der wiedererstandenen Heide Altgrasstreifen stehen bleiben, in denen zum Beispiel Insekten überwintern können.

Karl Wunderlich aus Mulfingen-Ailringen (Hohenlohekreis)

Für die Beweidung mit Schafen und Mahd von 107 ha Steinriegelhängen im Jagst- und Kochertal.

Schäfer Wunderlich mit Herde an einem Wiesenhang

Schäfer Wunderlich an einem Hang im Jagsttal. Obstbaumwiesen können an vielen Stellen nur durch Beweidung offen gehalten werden.

Im Jagsttal bei Mulfingen (Hohenlohekreis) sehen die Hänge ganz ähnlich aus wie im oberen Taubertal (siehe oben): Da anderweitige Nutzung unrentabel geworden ist, wird nun entweder aufgeforstet oder die Flächen überziehen sich von alleine mit Gebüsch und schließlich mit Waldbäumen. Die Folge: Die schönen, idyllischen offenen Täler werden innerhalb einiger Jahrzehnte zu Waldtälern, die Landschaft ändert grundsätzlich ihr Aussehen.

Karl Wunderlich entstammt einer Schäfersfamilie. Sein Vater musste die Schäferei um 1960 aufgeben, doch Karl Wunderlich gründete um 1980 wieder einen neuen Betrieb. Er hat heute über 50 Hektar Weidefläche rings um Ailringen in Pflege. Doch die zahlreichen Steinriegel und Hecken erschweren den Weidebetrieb, und ohne mechanische Pflege wäre die Beweidung sowieso aussichtslos. Das herbstliche Nachmähen der Weiden - die Schafe fressen nachtreibende Schlehen, Hartriegel usw. nur unzureichend oder gar nicht ab - erfolgte jahrelang mit einem Balkenmäher, im Jahr 2001 hat sich Karl Wunderlich nun einen hangtauglichen Schlepper gekauft, um die erforderliche Nachpflege leichter bewerkstelligen zu können. Allen, die sich für die malerischen Steinriegelhänge rings um Ailringen mit ihren bunten Salbei-Glatthafer-Wiesen Verdienste erworben haben, allen voran Karl Wunderlich und seiner Familie, gebührt Dank und Anerkennung.

Gudrun, Rudolf und Gernot Mischel aus Erdmannhausen (Kreis Ludwigsburg)

Für die Bewirtschaftung von 45 a Steillagenweinbergen im Neckartal bei Benningen und den aufwändigen Wiederaufbau von 13 Mauern in einem 10 a großen Wengert.

Das Ausbessern von Trockenmauern und Weinbergstaffeln und auch deren Neubau, wo etwas eingefallen ist, gehört seit jeher zu den winterlichen Routinearbeiten der Wengerter. Das ist harte Arbeit, und jeder, der seinen Terrassenweinberg samt Mauern in Ordnung hält, macht sich um die Kulturlandschaft verdient. Familie Mischel hat nun allerdings im Herbst 2001 etwas ganz Besonderes angefangen: Sie kaufte ein brachliegendes Grundstück in der Nachbarschaft ihres eigenen, um den dortigen Weinberg wieder in Schuss zu bringen.

Dazu erwarben die Mischels über 150 Tonnen (!) Sandsteine aus dem Abbruch eines Bauernhofes und einer Ludwigsburger Kaserne - 30 bis 600 kg je Stein. Schließlich mussten die Steine in acht Terrassen übereinander zu 13 einzelnen Mauern aufgeschichtet werden. Mit einer selbstgebauten Lastenbahn aus Rohren, einem Transportwagen und einer Motorwinde ging es dann ans Werk: Stein für Stein wurde auf richtige Größe gebracht, mit der Bahn zur entsprechenden Terrasse gefahren und dort aufgeschichtet. Alte Steine und Reste alter Mauern dienten als Fundamentlage und für das der Wasserableitung dienende, unabdingbare Hintergemäuer. Die neuen Trockenmauern haben eine Breite von 13 Meter und eine durchschnittliche Höhe von 1,3 Meter. Über den Winter 2001/02 sind acht Mauern gebaut worden, die fünf restlichen sind im nächsten Winter dran. 92 Reben der Sorte Trollinger sind bereits gepflanzt.

Weidelandprojekt Mitteltal-Obertal in Baiersbronn (Kreis Freudenstadt)

Für die Beweidung des Murgtales mit dem Hinterwälder Rind (Mutterkuhhaltung) und die erfolgreiche Kooperation von Landwirtschaft, Gastronomie und Tourismus zur Erhaltung der offenen Schwarzwaldtäler

Schwarzwaldlandschaft mit Kuhherde

Nur durch dauernde Beweidung sind viele Täler im Nordschwarzwald in ihrem althergebrachten Charakter zu erhalten

Ein ähnliches Problem wie im Jagst- oder Taubertal: Die Landwirtschaft auf kleinen, hängigen Flurstücken, wenig fruchtbaren Böden, noch dazu in Waldrandlage, lohnt sich nicht mehr. Zu viel Waldbestand - obwohl für die Touristen ein wesentlicher Faktor - ist ebenfalls nicht von Vorteil, weil die offene Landschaft mit reizvollen Ausblicken verloren geht. Im Murgtal bei Baiersbronn kamen die richtigen Leute zusammen, um gegen ungenutzte Flächen, Verwaldung und Aufforstung anzugehen: Mit Hermann Barreis, Martin K. Glaser und Jochen Rothfuß haben ein Hotelier, ein Finanzexperte und ein Kommunalpolitiker brachten 1997 das "Weidelandprojekt Mitteltal-Obertal" auf den Weg. Weitere Personen und Institutionen schlossen sich an.

90 Tiere der Schwarzwälder Traditionsrasse Hinterwälder Rind stehen nun auf über 50 Hektar Fläche rings um die Orte Mittel- und Obertal auf den Weiden. 230 Flurstücke werden derzeit beweidet. Grundstein für die Sicherung der gewohnten bäuerlichen Kulturlandschaft war die Wiederbeweidung von 35 Hektar Brachflächen sowie die Nachfolgeregelung für einen Hof mit 15 Hektar Grünland. Es versteht sich, dass darüber hinaus auch die Küche im Hotel des Mitbegründers durch Spezialitäten des Schwarzwälder Weiderinds bereichert wird. Das geradezu Revolutionäre des Projekts ist es also, dass Landwirtschaft und Gastronomie gemeinsam die Kulturlandschaft erhalten, dass Erzeugung und Verbrauch vor Ort stattfinden können.

Christian und Annerose Boxriker aus Göppingen-Maitis (Kreis Göppingen)

Für die Wanderschäferei mit Merinoschafen auf Weiden und Baumweiden und die Wiederherstellung der historischen Triebwege.

Christian Boxriker scheint ein typischer Wanderschäfer zu sein, wie man ihn von Kalenderblättern her kennt. Doch typisch ist die Wanderschäferei zwischen Schafweiden auf der Alb im Sommer und dem Vorland im Winter schon lange nicht mehr. Um so wichtiger, wieder einmal einen dieser selten gewordenen Wanderschäfer für seine Mühe und Arbeit auszuzeichnen!

In Maitis betreibt die Schäfersfamilie Boxriker einen Hof mit 80 Stück Rindvieh, denn die rund 300 Mutterschafe würden nicht zum Leben reichen, und Winterfutter muss ja "so nebenbei" auch erzeugt werden. Im Winterhalbjahr ist die Herde im Remstal unterwegs, die Remstalhänge in der Umgebung von Lorch bis in die Gegend von Waiblingen und Korb sind die Winterweidegebiete. Zahlreiche Eigentümer von Obstbaumwiesen sind froh, wenn die Schafherde durchzieht, werden sie doch dadurch bei der Pflege ihrer Grundstücke unterstützt. In Trochtelfingen auf der Alb hat Schäfer Boxriker die Sommerweide gepachtet, wo seine Schafe unter anderem dafür sorgen, dass Kiefer und Fichte nicht überhand nehmen. Die verschiedenen Weideplätze werden über das früher übliche Triebwegnetz erreicht.

Der spätherbstliche Rückweg von der Alb ins Stauferland wird zu Fuß zurückgelegt: 210 Kilometer über altgewohnte Wege. Im Gegensatz zum Frühjahr ist der Schäfer im Herbst unterwegs willkommen: restliches Gras abweiden gegen Schafdung, da sagt niemand nein. Es sei denn, dem Schäfer wird in alter Tradition durch Strohbüschel auf Stäben angezeigt, dass er auf dieser oder jener Wiese nicht erwünscht ist.

Projekt Heuberg Aromaheu in den Gemeinden Obernheim, Nusplingen (Zollernalbkreis), BärenthaI, Buchheim, Irndorf (Kreis TuttIingen), Beuron, Schwenningen (Kreis Sigmaringen)

Für den landwirtschaftlichen Zusammenschluss zur Erzeugung und Vermarktung von Qualitätsheu auf 3.200 ha Wiesen.

Vielseitige Flora auf einer Wiese am HEuberg

Bunte Blumenwiesen auf dem Heuberg sind nur durch regelmäßige Wiesenmahd auf Dauer sicherzustellen

Die blumenbunten Wiesen auf dem Heuberg auf der Südwestalb sind nicht nur Naturkundlern bekannt. Viele Wanderer und Ausflügler genießen die herrliche Landschaft. Doch die Bauern, die diese Wiesen bewirtschaften, können nicht von der Schönheit der Wiesenblumen allein leben. In sieben Gemeinden aus drei Landkreisen - Obernheim und Nusplingen (BL), Bärenthal, Irndorf und Buchheim (TUT) sowie Schwenningen und Beuron (SIG) läuft deshalb das Projekt "Heuberg-AromaHeu", eine seit 1999 eingerichtete "Heu-Börse", die den Landwirten die Abnahme nicht selbst verwertbaren Heus organisiert.

Anstelle von Aufforstung hat man sich auf dem Heuberg zwischenzeitlich wieder auf das Wirtschaftsgut "Gesundes Heu" besonnen, das es im Unterschied zu anderen Gegenden hier zuhauf gibt. Es bedurfte nur der gemeinsamen Vermarktung. Zwischenzeitlich können die Landwirte der sieben Gemeinden alles Heu, das sie per Prospekt und vor allem per Internet bundesweit anbieten, verkaufen. Das kräuter- und mineralstoffreiche Heu wird als Rund-, Quader- oder Kleinballen auch in weit entfernte Gegenden transportiert. Die Arbeit der Heuerzeugung haben sie weiterhin, aber nun einen Absatz, der das Bewirtschaften der 3.200 Hektar umfassenden Wiesen wieder lukrativ macht. An Aufforsten denkt derzeit nie-mand. Das Landschaftsbild und natürlich auch die Tier- und Pflanzenwelt bleiben erhalten.

Dr. Hubertus Both und Hanne Pföst aus Singen am Hohentwiel (Kreis Konstanz)

Für die Pflege von 100 ha Grünland und 900 Streuobstbäumen sowie der Führung eines landwirtschaftlicher Betriebs mit 650 Mutterschafen und 60 Mutterziegen.

Dr. Hubertus Both und seine Geschäftspartnerin Hanne Pföst haben 1998 die Domäne Hohentwiel auf altwürttembergischem Gebiet übernommen. Der Berg ist als Naturschutzgebiet ausgewiesen, und deshalb verlangt die Bewirtschaftung und Pflege der Heiden, Wiesen und Obstbaumwiesen ein besonderes Verhältnis des Schäfers zu diesem Berg. 650 Mutterschafe und - in getrennter Herde - 60 Mutterziegen weiden auf rund 100 Hektar Fläche. Die Ziegen werden insbesondere für das Kurzhalten der massenhaft aufkommenden Robinien und die Pflege der Waldsäume eingesetzt. Stallgebäude stehen für Zeiten zur Verfügung, in denen draußen Nahrungsmangel besteht; gefüttert wird jedoch kein Fertigfutter, sondern Heu von 20 Hektar Mähwiesen am Berg und weiteren Wiesen im Aachried.

Die Schafhaltung allein würde für Einkommen und Pachtzins jedoch nicht ausreichen. Und so findet sich auf der Domäne ein eigenes Schlachthaus zur Vermarktung von Lämmern, ein Hofladen, eine Besenwirtschaft, eine Brennerei und eine angeschlossene Töpferei. Der Kauf von "Hohentwieler Lammfleisch" ist ein direkter Beitrag zur Sicherung der Kulturlandschaft.

Das Beispiel des Schäfereibetriebes auf der Domäne Hohentwiel zeigt, dass die Wirtschaftsgrundlage nicht nur als "Weidefläche" angesehen wird, sondern als Teil einer wertvollen Kulturlandschaft. Sich dieser einmaligen Kulturlandschaft anzupassen, sie mit Gewinn zu bewirtschaften und auf ihre Besonderheiten nicht nur Rücksicht zu nehmen, sondern sie zu fördern, erfordert ein besonderes Engagement, das auszeichnungswürdig ist.

(Verkürzte Fassung eines Textes von Reinhard Wolf; Bilder: Mühleck, Buß, Mischel, Freese, Kaufmann, Boxriker, Briemle, Tesche, Kropp, Marstaller)

Hinweise

Sonderpreis Kleindenkmale 2002

In Heft 4 eines jeden Jahrgangs berichten wir in der Schwäbischen Heimat ausführlich über die aktuelle Preisverleihung und die Preisträger. Sonderdrucke können Sie kostenlos bei der Geschäftsstelle bestellen.

Hier finden Sie Informationen über die Ausschreibung und Bewerbungskriterien sowie Hinweise zu den am Preis beteiligten Partnern