Die Preisträger des Kulturlandschaftspreises 1995

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Die Preisträger des Kulturlandschaftspreises 1995

Sieben Bewerber erhielten den Kulturlandschaftspreis 1995 des Schwäbischen Heimatbundes und des SparkassenVerbandes Baden-Württemberg. Die Spanne reicht von der Sicherung und Nutzung historischer Steinriegelhänge bis zur Heide- und Waldpflege.

67 Bewerbungen sind eingegangen und haben der siebenköpfigen Jury die Auswahl schwer gemacht. Die Bewerbungsunterlagen zeugten von einer Vielfalt an Aktivitäten und von einem überaus erfreulichen Engagement vieler Gruppen und Einzelpersonen für die Erhaltung unserer Kulturlandschaft. Es fiel nicht leicht, eine um die andere Bewerbungsmappe auf die Seite legen zu müssen und sich auf sieben Preisträger festzulegen. Es wäre ohne weiteres zu rechtfertigen gewesen, auch 50 Auszeichnungen zu verteilen! Dies als Trost all denjenigen, die leer ausgegangen sind ...

Die Preisträger 1995

Handarbeit zum Erhalt der Steinriegellandschaft im Taubertal

Private Eigentümer in Weikersheim-Elpersheim (Main-Tauber-Kreis)

breiter Hang durch  bewachsene Steinriegel gegliedert

Charakteristisches Landschaftsbild im mittleren Taubertal bei Weikersheim: Bei Elpersheim gliedern bewachsene Steinriegel den Hang.

Der linke Hang des Taubertales in Richtung Elpersheim ist ein Mosaik aus streifenförmigen Wiesen und Hecken. Dieser amphitheaterförmige Tauberbogen ist gleichsam die Landschaftskulisse für den Schlosspark Weikersheim. Rund 40 Hektar groß ist der Steilhang, der in den Flurkarten Mutzenhorn heißt, den die Einheimischen aber Leitenbuckel nennen. Zwischen 25 und nahezu 50 Prozent beträgt die Hangneigung an diesem rund 100 Meter hohen Hang. Unter den von oben bis unten den Steilhang durchziehenden Heckenstreifen verbergen sich Steinriegel, ungeheure Massen lockerer Muschelkalkbrocken aller Größen, die im Verlauf von Jahrzehnten, ja Jahrhunderten in mühseliger, geradezu unendlicher Handarbeit entlang der Grundstücksgrenzen aufgehäuft wurden. Angelegt wurden diese Steinriegel, um den flachgründigen Muschelkalkhang für den Weinbau nutzbar zu machen. Die Steinriegel hatten auch eine ganz praktische Bedeutung, nämlich die des Wärmespeichers.

Zwar ist der Leitenbuckel nicht der einzige Hang im Taubertal, der als ehemaliger Weinberg von alten Steinriegeln durchzogen ist. Doch bewirtschaftet und gepflegt wird nirgends mehr ein Hang dieser Ausdehnung. Es ist das Werk von etwa einem Dutzend Idealisten, die in der Bewirtschaftung des Leitenbuckels eine von den Vorfahren übernommene Verpflichtung und nicht etwa ein unternehmerisch gewinnbringendes Handeln sehen. So versteht sich von selbst, dass die Parzellen nicht gedüngt werden. Ins Bild passt auch, dass die Möglichkeit, im Flurbereinigungsverfahren einen neuen Erschließungsweg zu bauen oder sonstige Erleichterungen bei der Bewirtschaftung vorzusehen, vor Jahren von den Eigentümern abgelehnt wurde. Vegetationsfreie Flächen auf den Steinriegeln, auf denen bestenfalls Moose und Flechten gedeihen, wechseln ab mit randlichen Stützmauern, trockenheitsverträglichem Gebüsch, regelrechten Heckenzügen und reich gegliederten Säumen gegen das Wirtschaftsland - bekanntlich die für zahlreiche Tier- und Pflanzenarten wichtigsten Lebensräume!

Auch heute und zukünftig erfordert der Leitenbuckel schweißtreibende Handarbeit; nur ganz beschränkt lassen sich in den kleinparzellierten Steillagen Mähmaschinen einsetzen. Man kann nur hoffen, dass dieses Dutzend Idealisten die Kraft behält, ihre Heimat weiterhin so zu bewirtschaften, und dass diese Landschaftspflege nicht auch eines Tages wirtschaftlichen Zwängen zum Opfer fällt.

Keine Mühe zu viel für Hohlweg und Heckenlandschaft

Schwäbischer Albverein, Ortsgruppe Öhringen (Hohenlohekreis)

Hohlweg wie ein Tunnel zugewachsen

Hohlweg - ein besonderes Wegstück im Süden von Öhringen beim Wasserturm.

Die Öhringer Ortsgruppe des Schwäbischen Albvereins hat sich vor einem Jahrzehnt eines heckengesäumten Hohlweges angenommen, diesen überhaupt erst wieder begehbar gemacht und seither gehegt und gepflegt. Mancher weiß, dass Hohlwege meistens uralte Wege sind: Das Wegstück im Süden von Öhringen beim dortigen Wasserturm ist Teil einer alten Verbindung zwischen Öhringen und Michelbach. Sicher haben nicht nur Fußgänger und Reiter den Weg benutzt, sondern auch zahlreiche Fuhrwerke. Wie der Hohlweg entstand, ist einfach zu erklären: Der alte Weg quert hier einen flachen Höhenrücken. Durch ständiges Befahren wurde das weiche Keupermaterial von den Hufen der Zugtiere und von den Eisenrädern der Fahrzeuge gelockert und beim nächsten Regenguss trotz des nur flachen Gefälles abgeschwemmt.

Hohlwege haben überall dasselbe Schicksal: Den heutigen Verkehrsverhältnissen längst nicht mehr angemessen und ersetzt durch zwar längere, aber wesentlich bequemere Straßen führen sie im wahrsten Sinne des Wortes ein Schattendasein, wenn sie nicht irgendwann als Müllplatz missbraucht wurden und heute längst dem Erdboden gleichgemacht sind. Viel Unrat landete in diesem Hohlweg abseits vielbefahrener Straßen und abseits des öffentlichen Interesses. Schließlich wurde der Weg sogar ganz unbenutzbar: Zu dichtes Gesträuch und Müllhaufen machten ein Begehen unmöglich.

Den unerfreulichen Zustand konnten die Mitglieder der Öhringer Albvereinsgruppe im Herbst 1986 nicht mehr mit ansehen: Der Unrat wurde von rund 30 Helfern aus den Hecken gezogen - eine nicht allzu schöne Arbeit! - und mit Hilfe von Fahrzeugen der Gemeinde Pfedelbach abtransportiert. Die völlig ineinander verschlungenen Sträucher mussten ausgesägt, zerkleinert und ebenfalls abtransportiert werden. Der rund 350 Meter lange und im Bewusstsein der Bevölkerung und der Gemeindeverwaltung in Vergessenheit geratene Hohlweg wurde an diesem Tag erstmals seit Jahren wieder begehbar gemacht, und mancher staunte, welche vergessene Idylle da wieder erstanden war.

Heute führt der 430 Kilometer lange Württembergische Weinwanderweg des Schwäbischen Albvereins von Aub über Heilbronn und weiter nach Esslingen durch diesen Hohlweg. Zu jeder Jahreszeit ist es ein Erlebnis, diesen Weg zu benutzen. Am angenehmsten ist es an einem heißen Julitag in dem von Sträuchern überwölbten, tunnelartigen Wegstück. Jahr für Jahr schaut man seither im Spätherbst nach dem Rechten, lichtet Sträucher aus, bevor sie überaltert zusammenbrechen oder den Weg wieder unbegehbar machen. Auch wird jeder Unrat - Müllsünder gibt es ja leider nach wie vor - sofort entfernt.

Offenhalten der Wacholderheide am Volkmarsberg

Landschaftspflegegemeinschaft Volkmarsberg, Oberkochen (Ostalbkreis)

Luftaufnahme des Bergs mit Aussichtsturm.

Luftaufnahme des Volkmarsbergs bei Oberkochen auf der Ostalb samt Aussichtsturm. Der Wald bedrängt deutlich sichtbar die Wacholderheide.

Der Volkmarsberg ist ein beliebter und landschaftlich herausragender Punkt, den wohl jeder Albwanderer kennt. Mancher nimmt das dortige Landschaftsbild als selbstverständlich hin: niederes Gras, locker, geradezu malerisch verteilte säulenförmige Wacholderbüsche, prächtige, freistehende Buchen, ein vielfältig gestufter Waldsaum, nackte Felsen, ebenfalls malerisch in die Heide gestreut. Und vor zwei Jahrhunderten? Völlig kahle Heide überall mit weitem Ausblick auf die ebenso kahlen Höhenrücken des Braunenbergs und der anderen benachbarten Berge, hin und wieder mal eine schattenspendende Buche für die Schafe, selten oder überhaupt keinen Wacholder, vielleicht einmal ein paar verbissene Schlehenbüsche - Resultat jahrhundertelanger Überweidung und Waldverwüstung.

Von Überweidung und Waldverwüstung kann heute nicht mehr gesprochen werden, vielmehr hat sich durch die seit ungefähr 1800 ständig abnehmende Zahl an Schafen die Vegetation langsam wieder diese Anhöhen erobert. Was wir heute auf dem Volkmarsberg als Freifläche sehen, das ist - zusammen mit den anderen Wacholderheiden der Alb - der letzte Rest einer einst viel weitflächigeren offenen Weidelandschaft. Hätte man der natürlichen Entwicklung ungehindert freien Lauf gelassen, wäre der Volkmarsberg heute ein geschlossener Wald.

Nun hat sich die "Landschaftspflegegemeinschaft Volkmarsberg" zusammengefundent: Die Stadt Oberkochen als Grundeigentümer des rund 70 Hektar großen Geländes stellt jedes Jahr 20.000 DM (ca. 10.000 €) für Pflegemaßnahmen zur Verfügung. Das zuständige Forstamt übernimmt die größeren Pflegemaßnahmen. Der Schwäbische Albverein betreut das Gebiet, übernimmt Führung und Lenkung der Besucher und hilft ehrenamtlich bei den zahlreichen Handarbeiten. Schäfer Meidert schließlich beweidet die Fläche im Zug der Wanderschäferei und nimmt dabei wirtschaftliche Einbußen in Kauf, denn anderswo könnte er auf weniger kargem Boden mehr Futter für seine Tiere haben. Zudem unterhält er auf dem Volkmarsberg einen Pferchacker nach historischem Vorbild.

Miteinander halten sie eine traditionelle Wirtschaftsform aufrecht. Ein charakteristischer Ausschnitt der Kulturlandschaft der Schwäbischen Alb wird damit gesichert.

Naturnahe Waldwirtschaft im Privatwald "Hillerische Edelburg"

Freiherr Hiller von Gaertringen, Gärtringen (Kreis Böblingen)

herbstlicher Wald

Oktober 1994: Naturverjüngung und gestufter Waldaufbau im Besitz der Freiherren Hiller von Gaertringen.

Die Hillerische Edelburg ist ein Waldgebiet, das schon auf der Kieserschen Forstkarte von 1680 so bezeichnet wurde, und das wohl jahrhundertelang nicht grundsätzlich anders bewirtschaftet wurde als die Wälder der näheren und weiteren Umgebung. Das änderte sich 1930, als Berthold Freiherr Hiller von Gaertringen begann, seinen etwa 92 Hektar großen Wald in möglichst enger Anpassung an die natürlichen Gegebenheiten zu bewirtschaften und nur noch Einzelstammnutzung durchzuführen. Diese auf die natürlichen Gegebenheiten ausgerichtete Wirtschaftsweise war weder damals, noch bis in die jüngere Vergangenheit allgemein üblich, es zählte in erster Linie der großflächig in absehbarer Zeit zu erwirtschaftende Ertrag. Im Wirtschaftsplan heißt es dazu: Gewährleistung der Waldschönheit, Schutz vor schädlichen klimatischen Einflüssen, Schutz der Steilhänge durch eine Waldbestockung mit dauernd gleichmäßig hohem Holzvorrat über die ganze Betriebsfläche.

Der heutige Waldbesitzer, Hans Freiherr Hiller von Gaertringen, hat sich in den letzten Jahrzehnten ganz für die Ziele seines Vaters eingesetzt und dabei nicht nur in wirtschaftlicher Hinsicht, sondern auch bei der naturgerechten Gestaltung des Waldes Fortschritte erzielen können. Durch eine gezielte Veredelungsauslese ist ein Waldbestand von hohem Wert entstanden , der zudem ein enorm vielfältiges Waldbild aufweist. Da Kahlschläge durchweg unterbleiben, entstehen weder große Wiederaufforstungsflächen noch arbeitsintensive Jungbestände. Auch das sogenannte Schwachholzproblem wird dadurch vermieden.

Menschliche Eingriffe werden im Hillerschen Wald auf das Lenken in die gewünschte Richtung beschränkt, was sich vor allem im Hinblick auf die durchweg betriebene Naturverjüngung zum einen kostengünstig auswirkt, zum anderen sich aber in einem gestuften und vom herkömmlichen Altersklassenwald grundsätzlich verschiedenen Waldbild ausdrückt. Dass dieser Wald eine hervorragende ökologische Stabilität besitzt, eine wichtige ökologische Ausgleichsfunktion erfüllt und der Tier- und Pflanzenwelt besonders viele Lebensräume bietet, bedarf kaum der Erwähnung. Die Hillerische Edelburg hebt sich doch von anderen Waldungen deutlich ab und entspricht voll und ganz dem Leitbild, das sich die Landesforstverwaltung in ihren neuesten Broschüren selbst zum Ziel gesetzt hat.

Schutz durch Nutzung in einem Schwarzwald-Hochtal

5 Bauernhöfe in Lauterbach-Sulzbach (Landkreis Rottweil)

gelber Ginster auf einem grünen Weidehang

Eine Seltenheit ist mittlerweile auch die Besenginsterweide, die man im hochgelegenen Sulzbachtal noch findet.

Das Sulzbachtal ist eines der schönsten Hochtäler des Mittleren Schwarzwaldes. Es wird noch so bewirtschaftet, dass den Anliegen der Landschaftspflege und des Landschaftsschutzes, den ökologischen wie auch den biologischen Erfordernissen einer Kulturlandschaft von höchstem Wert Rechnung getragen wird. Es ist eine Landschaft, wie es kaum vergleichbare in dieser Gegend gibt (aus dem Bewerbungsschreiben der Gemeindeverwaltung Lauterbach). Es gehört nicht viel Phantasie dazu, sich vorzustellen, wie diese Gegend aussehen würde, wenn die Bewirtschaftung aufgegeben würde oder wenn versucht würde, hier nach den heute allgemein üblichen wirtschaftlichen EU-Kriterien zu arbeiten: Entweder wäre hier bald geschlossener Wald oder aber es würden Moore trockengelegt und aufgefüllt, Hudewälder niedergemacht und Besenginsterheiden mit viel Dünger und mit Großmaschinen in Ackerland umgewandelt.

So muss man sich bei den fünf Landwirten bedanken, die die Besenginster- und Waldweiden und die offene Landschaft nach traditioneller Art bewirtschaften. Unter den bis heute noch betriebenen Nutzungsformen seien vor allem die Hudewälder und die Ginsterheiden erwähnt, die in anderen Gegenden des Schwarzwaldes nur noch in letzten Resten vorhanden sind. Es kann also im Sulzbachtal vorkommen, dass dem Wanderer in den locker bestockten Kiefernwäldern, die nahtlos in Wacholder- und Ginsterheiden übergehen, plötzlich ein paar mit Glocken versehene weidende Rinder begegnen. Und genauso kann es sein, dass ein ganzer Trupp Rindvieh zwischen den blühenden Besenginsterbüschen weidet. Wo sonst gibt es das noch?

Der Erfolg dieser traditionellen Wirtschaftsweise ist, dass das charakteristische Landschaftsbild weitgehend erhalten werden konnte. Während an vielen anderen Orten geklagt wird, dass die einst offenen Wiesentäler mangels Pflege zu Waldtälern werden, dass die herrlichen Landschaftsbilder mit ihren zahlreichen Idyllen Zug um Zug verschwinden, hier im Sulzbachtal kann man das alles noch bewundern. Dies alles geschieht nicht etwa aus Trägheit oder "Hinterwäldlertum", sondern aus Überzeugung, dass heute nicht falsch sein kann, was sich jahrhundertelang bewährt hat.

Bewahrung eines bedeutenden Kulturlandschaftsausschnitts

Familie Rieckert, Albstadt-Ebingen (Zollernalbkreis)

zwei Schäfer mit Hunden und Herde

Schafweide "Bitzer Berg": Gottlieb und Hermann Rieckert, Vater und Sohn, bei der Wachablösung im Hüten der Schafherden.

Familie Rieckert steht mit beiden Beinen in der Wirklichkeit unserer Zeit, denkt aber vielleicht ein bisschen anders als viele Zeitgenossen, denen es nur ums Geld geht und denen die Landschaft, in der sie dieses Geld verdienen, völlig egal ist. Hier im Galthaus - nahe der Straße von Ebingen nach Bitz - und in seiner wunderschönen Umgebung ist jemand zuhause, dem die Kulturlandschaft der Alb ein Anliegen ist und der auch etwas anders zu denken und zu handeln bereit ist, als es die meisten derjenigen tun, die zwar sonntags genau diese herrlichen Landschaften für ihr Freizeitvergnügen aufsuchen, werktags aber nichts dafür tun, dass diese Landschaften erhalten bleiben. Hier kann man noch die über Jahrhunderte gewachsene Verzahnung von Naturlandschaft, Kultur und Heimat sehen.

Das als Eindachhaus errichtete Galthaus diente ursprünglich der Unterbringung des Gemeindehirten und der von ihm betreuten Jungviehherde. 1957 wurde das gemeindeeigene Haus an den Vater Gottlieb Rieckert verpachtet, der damals mit 180 Schafen eine Wanderschäferei betrieb und sein Auskommen hatte. 1993 errichtete die Stadt Albstadt ein neues Wirtschaftsgebäude beim Galthaus, um die Existenz der als Landschaftspflegebetrieb unverzichtbar gewordenen Schäferei zu sichern. Seit dem gelungenen Neubau kann mit einer Herde von 400 bis 450 Mutterschafen und einer wesentlichen Erleichterung der Arbeitsbedingungen eine wirtschaftliche Schafhaltung betrieben werden. Hermann Rieckert, der Sohn, hat nun den Betrieb übernommen und ausgebaut. 135 Hektar Schafweide werden von der Familie Rieckert gepflegt. Drei Hektar Ackerland stehen zur Verfügung, dazuhin fünfzehn Hektar Grünland für das Winterheu.

Von Mitte April bis Ende September wird die weitere Umgebung des Galthauses abgeweidet. Den Oktober verbringt Hermann Rieckert mit seinen Tieren in Albstadt-Margrethausen und die Monate November und Dezember im 50 Kilometer entfernten Remmingsheim. In den Monaten Januar bis April werden die Schafe im neuen Stall gehalten und mit Heu und Kraftfutter versorgt. Die kuppige, von Wäldern gegliederte Heidelandschaft im Dreieck zwischen Ebingen, Bitz und Tailfingen muss man durchwandern, um ihren eigenartigen Reiz erfassen zu können. Familie Rieckert, die dieser Kulturlandschaft verhaftet ist, diese "ach alter Väter Sitte" pflegt und trotz aller Neuerungen bescheiden auf dem Galthaus lebt, gebührt daher Anerkennung.

Breitgefächerter Einsatz für den Erhalt von Kulturlandschaft

Heimatverein Kohlraisle, Meßstetten-Tieringen (Zollernalbkreis)

Menschen rechen Heu an einem Hang zusammen

Freiwillige Naturfreunde rechen im SHB-Naturschutzgebiet Irrenberg das Mähgut zusammen und ziehen es auf Planen den Hang hinunter. Diese Aktion ermöglicht seit vielen Jahren der Heimatverein "Kohlraisle" in Meßstetten-Tieringen.

Der Verein Kohlraisle wird seiner Bezeichnung "Heimatverein" im wahrsten Sinne des Wortes gerecht: Hier kümmern sich engagierte Leute um ihre Heimat, hier wird nicht nur geschwätzt, Papier beschrieben und an die öffentliche Hand Forderungen gestellt, sondern hier wird zugepackt und was geschafft. Kohlraisle, vom Wort Rose abstammend, sind Traubenhyazinthen, jene blaublühenden Frühlingsblüher, die auf Albheiden, aber auch anderswo im frühen Frühjahr aus dem braunen Gras lugen.

Stellvertretend für die zahlreichen Aktivitäten des Vereins soll die Wacholderheidelandschaft in unmittelbarer Nähe von Tieringen und dem Feriendorf Bittenhalde stehen. Alte Fotos zeigen in der direkten Umgebung des Ortes mehr oder weniger kahle Hänge, durchweg Schafweide, vor Jahrzehnten so stark beweidet, dass die lückige Vegetationsdecke die geringe Erdauflage nicht mehr halten konnte. Mit dem Nachlassen der Beweidung kam allmählich wieder etwas Bewuchs auf, auch wurde an geeigneten Stellen aufgeforstet, und im Lauf der letzten Jahrzehnte entstand an den Steilhängen ein lockerer Gehölzbestand. An offenen Stellen gibt es Wacholder, Silberdisteln und Enziane - ein Mosaik ganz unterschiedlicher Pflanzengemeinschaften bedeckt heute die einstigen Schafweiden, und für zahlreiche seltene Tiere und Pflanzen sind die Hänge Lebens- und Rückzugsraum.

Vom Standpunkt der Vielfalt der Tier- und Pflanzenarten aus betrachtet, sind die derzeitigen mosaikartigen Übergangsstadien zwischen offener Heide und Wald geradezu ideal. Diese Stadien lassen sich allein durch mechanische Pflegemaßnahmenaber nicht erhalten. Gezielte Pflegemaßnahmen, mal kleinflächig, mal größer, fördern den genannten Mosaikcharakter dieser Landschaft. Und genau solche Mosaikbausteine schafft der Heimatverein Kohlraisle, tut damit einiges für das charakteristische Landschaftsbild und sichert der freilebenden Tier- und Pflanzenwelt gleichzeitig den Lebensraum.

Wo gibt es einen zweiten Verein, der nach seiner Satzung nur aktive Mitglieder hat, weil man davon ausgeht, dass jeder etwas für die Ziele des Heimatvereins tun kann? In Tieringen nehmen die Einwohner das Schicksal ihrer Kulturlandschaft, ihrer Umgebung, ihrer Heimat selbst in die Hand. Öffentliche Aufgabenerledigung und Vereinsarbeit gehen hier Hand in Hand; hier zeigt man nicht mit dem Finger auf andere, sondern packt mit an; hier heißt es nicht: Man sollte mal, sondern hier macht man's! Tieringen soll beispielgebend für andere Ortschaften sein!

(Texte: Reinhard Wolf; Bilder: Walther Feld, Reinhard Wolf, Hartmut Schwarzbach, Heimatverein Kohlraisle)

Hinweise

In der Schwäbischen Heimat berichten wir jedes Jahr ausführlich über die aktuelle Preisverleihung und die Preisträger. Sonderdrucke können Sie kostenlos bei der Geschäftsstelle bestellen.

Die Preisträger werden im Spätsommer eines jeden Jahres bekanntgegeben. Die Preisverleihung findet üblicherweise im Herbst in der Stadt oder Gemeinde eines der Preisträger statt.

Hier finden Sie Informationen über die Ausschreibung und Bewerbungskriterien sowie Hinweise zu den am Preis beteiligten Partnern