Die Preisträger des Kulturlandschaftspreises 1991

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Die Preisträger des Kulturlandschaftspreises 1991

Erstmals vergab der Schwäbische Heimatbund in diesem jahr den Kulturlandschaftspreis. Bei der Preisverleihung in Rielingshausen hob der SHB-Vorsitzende Martin Blümcke besonders hervor, dass diese Aktivitäten in einer Zeit begonnen hatten, als es noch keinerlei Vorbilder für Bachrenaturierungen gab und gegen manche Widerstände in der Öffentlichkeit gearbeitet werden musste. Die Zeichen der Zeit erkannt und technische Maßnahmen der Vergangenheit, die man heute als falsch ansieht, rückgängig gemacht zu haben, das sei vorbildlich. Maßnahmen, die vom Menschen gestaltete Kulturlandschaft nach einer Phase der intensiven und überzogenen Nutzung wieder so zu gestalten, dass aus einer Nutzlandschaft ein idyllisches Stück Heimat wird, sei Intention des ausgeschriebenen Kulturlandschaftspreises!

Die Preisträger 1991

Ein Muster für die gezielte Rückführung der Natur in einer vom Nützlichkeitsdenken geprägten Landschaft

Gemeinde Rielingshausen und Schwäbischer Albverein, Ortsgruppe Marbach (Kreis Ludwigsburg)

Luftbild mit Bach, Äckern und Bäumen

Der renaturierte Abschnitt des Sulzbachs aus der Luft. Blick talabwärts gegen Westen (Oktober 1990). Im Bildmittelgrund das städtische Wiesengelände, der wenige Jahre alte Uferbewuchs ist deutlich zu erkennen. Oberhalb der Fichtengruppe, die ein Pumpwerk verdeckt - die Fichten werden in Bälde durch Laubbäume ersetzt werden! -, ist im Bildhintergrund der baum- und strauchlose Bachabschnitt zu sehen, der hoffentlich ebenfalls umgestaltet werden kann.

Bis 1986 teilte der Sulzbach - ein etwa zweieinhalb Kilometer langer Seitenbach der Murr - das Schicksal unzähliger Wiesenbäche: in Sohlschalen gelegt, teilweise sogar verdolt, hatte die Rinne die Aufgabe, das Wasser möglichst schnell der Murr, dem "Vorfluter", zuzuführen. Als die Stadt Marbach auf Initiative und Rechnung der Bezirksstelle für Naturschutz Stuttgart im Dezember 1986 den Bagger vorfahren ließ, um Gerades wieder krumm machen zu lassen, da waren Spötter schnell zur Stelle. Als sich der Bagger innerhalb weniger Tage über 200 Meter dem Bach entlang gearbeitet hatte, wussten über die Zeitungen alle, was da im Gange war. Die Diskussionen verstärkten sich aber eher. Die Vorbeikommenden - Amtspersonen wie Spaziergänger - wussten auf einmal alle wesentlich besser als der Bauleiter, wie ein naturnaher Bach auszusehen hat.

Um die Osterzeit 1987 lud ein Baumschulbesitzer Erlen, Eschen und Pfaffenhütchen vom Lieferwagen. Zwei Dutzend Mitglieder der Ortsgruppe Marbach des Schwäbischen Albvereins griffen zu den Spaten. In wenigen Stunden waren entlang der Ufer in lockerer Reihe Bäume und Sträucher gepflanzt. Von einem direkt benachbarten kleinen Sumpf wurden mit Körben etliche kräftige Wurzelstöcke von Seggen geholt und zur Befestigung der in den Bachlauf eingesetzten Steinschwellen ans Ufer gepflanzt. Als es Juni wurde, Büsche und Bäume austrieben, aus der Rinde der Kopfweidenstämme die Knospen hervorbrachen und innerhalb weniger Wochen meterlange Ruten trieben, Seggen, Mädesüß und Gelbe Schwertlilien die Ufer säumten, schlug die Stimmung um: Man könne das Bächle jetzt schon so lassen, war von einheimischen Spaziergängern zu hören. Einige fragten sogar: Warum nur 300 Meter, warum nicht der ganze Bach? Manches war noch zu tun: Bäume mussten besser angebunden und die jungen Sträucher ausgemäht werden. Die Marbacher Albvereinler, die eine Patenschaft für das Bächlein übernommen hatten, nahmen sich der Aufgaben mit viel Freude an.

Einige Jahre sind seitdem vergangen. Niemand spottet mehr; wer es nicht weiß, ahnt schon gar nicht mehr, dass der Bach jemals anders ausgesehen haben könnte. Das Ergebnis lässt sich sehen und wurde in den letzten Jahren oft begutachtet. Das bis vor einigen Jahren völlig kahle Tal ist auf einmal zu einem beliebten Gebiet für Spaziergänger geworden. Kinder dürfen Dämme bauen, Schmetterlinge und Libellen beobachten oder Schiffchen schwimmen lassen. Eine Sitzbank lädt zum Verweilen ein, Eltern und Großeltern können Kinder bzw. Enkel beaufsichtigen. Auch in der Fachwelt hat der Sulzbach - nach anfänglicher Skepsis - Anerkennung geerntet: Auf großformatigen Tafeln wurde der Bach in seinem alten Zustand und in seinem jetzigen Erscheinungsbild in Ausstellungen auf den Landesgartenschauen in Sindelfingen und Hockenheim vorgestellt. Sogar in einer Broschüre der Wasserwirtschaftsverwaltung ist er als Musterbeispiel erwähnt - der Sulzbach hat gute Chancen, als erstes Fließgewässer im Land auf gesamter Länge wieder ein naturnahes Bächlein zu werden!

Pflege historischer Mauerweinberge zwischen Bietigheim und Besigheim

Ehepaar Vollmer, Bietigheim-Bissingen (Kreis Ludwigsburg)

Ehepaar Vollmer bewirtschaftet in den Gewannen "Dürren Berg" und "Brachberg" auf 2,4 Hektar Fläche historische, von den Vorfahren ererbte Mauerweinberge. In der Urkunde heißt es:

Die im Lauf mehrerer Jahrhunderte entstandene Weinberglandschaft des Neckar- und Enztales ist in ernster Gefahr. In flacheren und meist rebflurbereinigten Lagen kann heute leichter und wirtschaftlicher Wein erzeugt werden; die mit unzähligen Mauern und Staffeln kunstvoll gegliederten Weinberge, die aus der Landschaft des Unterlandes kaum wegzudenken sind, werden bereits an vielen Stellen aufgegeben und drohen zu Freizeitgrundstücken umgestaltet zu werden oder aber längerfristig der Wiederbewaldung anheimzufallen. Eine der großartigsten Kulturlandschaften - in anderen Gegenden des Landes durch Rebflurbereinigungen grundlegend verändert, in ihrem Aussehen entstellt und in ihrem ökologischen Wert der Bedeutungslosigkeit nahe - bedarf dringend neuer Bewirtschafter.

Die Erschwernisse der Bewirtschaftung auf schmalen Terrassen und steilen Treppen auf sich zu nehmen sowie Mauern und Staffeln in gutem Zustand zu erhalten und durch naturnahe Bewirtschaftung Pflanzen und Tieren ihren Lebensraum zu sichern, verdient heute, wo es in der Umgebung Möglichkeiten gibt, leichter zu arbeiten, mehr Anerkennung denn je. Neben den vielen Nebenerwerbswengertern des Neckar- und Enztales, denen die Auszeichnung genauso gelten soll, ist es einem Weingutbesitzer besonders hoch anzurechnen, dass er sich dieser Aufgabe der Erhaltung einer traditionellen Kulturlandschaft stellt, die ihm gegenüber der Konkurrenz wirtschaftlich Nachteile einbringt.

(Text und Bilder: Reinhard Wolf sowie Urkunde)

Hinweise

In der Schwäbischen Heimat berichten wir jedes Jahr ausführlich über die aktuelle Preisverleihung und die Preisträger. Sonderdrucke können Sie kostenlos bei der Geschäftsstelle bestellen.

Die Preisträger werden im Spätsommer eines jeden Jahres bekanntgegeben. Die Preisverleihung findet üblicherweise im Herbst in der Stadt oder Gemeinde eines der Preisträger statt.

Hier finden Sie Informationen über die Ausschreibung und Bewerbungskriterien sowie Hinweise zu den am Preis beteiligten Partnern