Weshalb engagiert sich der Heimatbund mit der «Kulturlandschaft des Jahres»?

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Weshalb engagiert sich der Heimatbund mit der «Kulturlandschaft des Jahres»?

Der Schwäbische Heimatbund besitzt einige Ausschüsse, um seine inhaltliche Arbeit zu vertiefen. So besteht auch ein Arbeitskreis Ländlicher Raum, den der Architekt und Stadtplaner Georg Zimmer aus Leutkirch leitet. In dem Arbeitskreis ist nach eingehender Diskussion ein Projekt entstanden, das eine Kulturlandschaft des Jahres in Württemberg propagiert. Was sind die Ziele dieses Vorhabens?

Das Württemberger Land zwischen Taubergrund und Bodensee, Schwarzwald und Ostalb ist ungemein reich an verschiedenartigen landschaftlichen Reizen, kulturellen Schätzen und charakteristischen Überlieferungen. Dieser vielgestaltige Landschaftsraum ist Lebensraum für Millionen Menschen: Schwaben, Franken und Zugewanderte. Wir wollen dazu beitragen, dass sie diesen Raum auch als ihre Heimat empfinden, die ihre Identität mitbestimmt und für deren Wertschätzung, Pflege und gute Zukunft es sich lohnt, sich mit Freude und Tatkraft einzusetzen.

Es gilt dabei, Vielfalt, Schönheit und Eigenart einer enger umrissenen Landschaft hervorzuheben, sie ins Blickfeld einer breiteren Allgemeinheit zu rücken und für ihre Bewahrung, Pflege und schonende künftige Entwicklung zu werben. Gerade angesichts der Globalisierung und Dynamisierung unserer Zeit ist es erstrebenswert, wenn man sein näheres Lebensumfeld nicht nur als austauschbaren Aufenthaltsort ansieht, sondern als vertrauten heimatlichen Bereich, mit dem man sich verbunden fühlt und bereit ist, sich für dessen Erhalt einzusetzen.

Das unmittelbare Lebensumfeld, die Kulturlandschaft, ist eine wesentliche Komponente von Heimat. Ihr gilt unsere Aufmerksamkeit. Mit dem Projekt sollen landschaftsbezogene und kommunale Projekte, die den Erhalt bzw. die Weiterentwicklung von Kulturlandschaft zum Ziel haben, befördert und neue Projekte initiiert werden, u.a. durch Vernetzung von Aktionen der Akteure vor Ort.

In den begleitenden Tagungen und Veranstaltungen überlegen wir, was diese Region kulturell und landschaftlich auszeichnet, welchen Wert die Landschaft für die Beteiligten hat und wie in Zukunft mit der Landschaft umgegangen werden soll.

Welchen Nutzen hat das Projekt für die in der Landschaft lebenden Menschen, für die Kommunen und die Wirtschaft?

In erster Linie geht es in diesem Projekt um die Möglichkeiten der Inwertsetzung von Landschaft. Wenn Kommunen und Planer einer schönen Landschaft einen messbaren Wert zuordnen können, können Bewusstseins- und Verhaltensänderungen bewirkt werden. Dies könnte sich z. B. auswirken auf den behutsameren Umgang mit Flächen (Flächenversieglung) oder den Erhalt von Kaufkraft im Ort durch attraktive Ortsbilder.

Dem Tourismus und der Gastronomie böten sich neue Marketingmöglichkeiten. Für viele Menschen könnte es reizvoll sein, den Urlaub in einer Landschaft des Jahres zu verbringen. Davon könnte auch die Gastronomie profitieren, weil das Weiderind aus der Landschaft des Jahres vom Gast als besonders schmackhaft angesehen wird und weil der Gast nach dem Gespräch mit dem Wirt verstanden hat, dass persönliches Konsumverhalten mit dem Erhalt der Landschaft zusammenhängt.

Letztendlich sollten auch regionale Wertschöpfungsketten von der Auszeichnung profitieren. Wer durch das Projekt seine Heimatliebe entdeckt hat und sich mit seinem Wohnumfeld identifiziert, ist eher geneigt, auch beim Einkauf auf regional produzierte Lebensmittel zu achten. Auf diese Weise ergeben sich zwischen Landwirtschaft - Handel - Gastronomie - Tourismus sicherlich interessante Möglichkeiten der Kooperation. Das Projekt ist also im besten Sinne ein regionales Infrastrukturprojekt, das zum Mitmachen anregt.

Damit derartige Effekte zustande kommen, müssen die Projektziele im Kopf der Bürger ankommen. Das ist nur dann der Fall, wenn der Einzelne emotional davon berührt wird. Auf die Wirkung von Emotionen ist dieses Projekt angelegt.

Für die Kulturlandschaft des Jahres 2009/2010 wurde der Raum Stromberg-Heuchelberg-Zabergäu ausgewählt. Warum gerade diese Landschaft, die nicht im Zentrum des Landes liegt und nur wenigen Kennern geläufig ist?

Baden-Württemberg ist überaus reich an schönen und anregenden Landschaften. Jede hat ihr unverwechselbares Gesicht. Mit der Globalisierung verändern sie sich aber geradezu dramatisch. Besonders im Nahbereich großer Wirtschaftszentren wie der Region Stuttgart laufen bisher noch eher ländlich geprägte Räume Gefahr, zur Beliebigkeit zu verkommen und ihre regionale Eigenart zu verlieren.

Die Kulturlandschaft Stromberg-Heuchelberg-Zabergäu ist eine geologisch und historisch besonders wertvolle Landschaft, die schon in der Römerzeit kultiviert wurde und bis heute ihr unverwechselbares Gesicht bewahrt hat. Sie steht stellvertretend für viele Gegenden des Neckarraumes, die jedoch in den letzten Jahrzehnten oft recht schnellen Veränderungen unterworfen waren, nicht immer zu ihrem Vorteil.

Was ist das Besondere an dem breit ausgeräumten Zabertal und seiner südlichen und westlichen Begrenzung, dem Stromberg und dem Heuchelberg? Was sind die offensichtlichen Elemente?

Geologisch gehört die Raumschaft zum Keuperbergland und ist damit Teil des südwestdeutschen Schichtstufenlandes, einer tektonischen Senke, die durch Reliefumkehr gekennzeichnet ist. Sie wird charakterisiert durch die drei Worte Wein, Wald, Wasser, Weinberge in den Tallagen und auf südexponierten Hängen, Wald auf den Höhen. Vorherrschend ist der Eindruck einer geographisch und historisch bedingten kleingefächerten Mannigfaltigkeit von besonderer Anziehungskraft und eines regen gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und kulturellen Lebens. Geschlossene Dorfbilder mit den typischen Kirchtürmen in Form von Wehrtürmen, alte Städte und Burgen prägen diese Landschaft ebenso wie Kulturdenkmale von besonderer Qualität wie römische Ausgrabungen oder die Klosteranlage von Maulbronn, ein ehemaliges Zisterzienserkloster, das mit dem Prädikat Weltkulturerbe in das Verzeichnis der UNESCO aufgenommen wurde. Hier überschneiden sich auch badische und württembergische Einflüsse, und man begegnet anschaulicher Geschichte auf Schritt und Tritt.

Was verspricht sich der Heimatbund von dieser Aktion?

Der Schwäbische Heimatbund ist Initiator und Katalysator des Projekts. Mit der Auszeichnung Kulturlandschaft des Jahres sollen Akteure vor Ort animiert werden, selbst Ideen zum Erhalt und zur Weiterentwicklung von Kulturlandschaften zu entwickeln und umzusetzen.

Kulturlandschaft bezieht sich in unserem Sprachgebrauch immer sowohl auf die bebaute Dorf- und Stadtlandschaft wie auch auf die offene Flur. Die Wanderausstellung und die Veranstaltungen wollen zwischen Mensch und Landschaft vermitteln, sodass jeder für die Gegend, in der er lebt, Wertschätzung empfinden kann und erkennt, dass schöne Landschaft ein Stück Lebensqualität bedeutet und dass die Landschaft schön gehalten werden kann, wenn regionale Wertschöpfungsketten funktionieren, z. B. durch Einkauf in der Region.

Es ist uns sehr wichtig zu vermitteln, dass die Diskussion um die Notwendigkeit des Erhalts einer schönen Landschaft nicht mehr nur rational - z.B. aus Umwelt- und Naturschutzsicht - geführt wird. Landschaft hat mit Ästhetik zu tun und dient dem persönlichen Wohlergehen.

Der Schwäbische Heimatbund ist Ideengeber und Organisator. Ist er auch alleiniger Finanzier?

Die Vorarbeiten am Projekt haben dank der ehrenamtlichen Arbeit des Arbeitskreises ländlicher Raum und Vertretern aus der Region bisher nur geringe Kosten verursacht. Die Finanzierung der Veranstaltungen in diesem Jahr mit Organisation und Werbung tragen der Schwäbische Heimatbund, die beteiligten Kreise, Städte, Gemeinden und örtliche Verbände. Sie werden dabei vor allem von der Kreissparkasse Heilbronn finanziell unterstützt. Wir werden weiterhin unsere Mitglieder um Spenden für dieses innovative Projekt bitten.

Welche Personen und Organisationen sollen mit dem Projekt Kulturlandschaft des Jahres angesprochen werden? Wer in der Region trägt das Vorhaben mit?

Das Projekt ist hinsichtlich der Anzahl an Projektpartnern sehr offen. Da wir alle Menschen in der Region erreichen wollen, sind weitere Partner sehr erwünscht. Die Akzeptanz in der Region für das Projekt steigt auf diese Weise, die Chancen, die Projektziele zu realisieren, werden größer. Jede gesellschaftliche Gruppe kann auf ihre Weise Pläne, Aktivitäten gemäß den Projektzielen entwickeln und einbringen, z.B. vom Heimatverein, der ein denkmalgeschütztes Gebäude erhält, bis zur Schulklasse, die im Umfeld der Schule Kleindenkmale kartiert und dokumentiert.

Verschiedene Organisationen wie der Naturpark Stromberg-Heuchelberg e.V. oder der Zabergäuverein waren von Anfang an beteiligt und leisten wertvolle Arbeit. Sie sollen durch die Aktion auch Anerkennung und Impulse für ihre Arbeit bekommen.

Wie sieht das Programm für 2009 aus und wen will man mit den Aktivitäten erreichen?

Die Auftaktveranstaltung, bei der das Gesamtprogramm mit seinen Motivationen und Zielsetzungen vorgestellt wird, findet am 20. März in Brackenheim statt. Ihr folgen Veranstaltungen mit unterschiedlichen Themen an verschiedenen Orten.

Sie reichen von allgemeinen Vorträgen und Seminaren über Kulturlandschaft bis zu speziellen Workshops und Exkursionen mit unterschiedlichen Inhalten wie Landschaftscharaktere, Dorfentwicklung, Geschichte, Weinbau und Waldwirtschaft. Angesprochen sind Fachleute ebenso wie aufgeschlossene Bürger, die Interesse an ihrer Heimat und deren Entwicklung in kultureller und sozialer wie auch in ökonomischer und ökologischer Hinsicht haben. Mit einer Wanderausstellung, die in verschiedenen Rathäusern gezeigt wird, sollen die Menschen tagtäglich und ortsnah über die Ziele der Aktion informiert werden.

Ist das Projekt Kulturlandschaft des Jahres eine einmalige Aktion oder sind Fortsetzungen geplant? Welche Landschaft hat der Schwäbische Heimatbund als nächste im Visier?

Der Schwäbische Heimatbund möchte mit der Kulturlandschaft des Jahres 2009/2010 im Jubiläumsjahr seines hundertjährigen Bestehens den Startschuss geben für eine Projektreihe, die sich im zweijährigen Rhythmus verschiedenen Landschaften Württembergs widmet. Für die Jahre 2011/2012 könnten Oberschwaben oder Teile der Schwäbischen Alb, z. B. die Zollernalb, folgen. Aber auch weniger bekannte Gegenden wie die Baar, eine reizvolle Landschaft zwischen Schwäbischer Alb und Schwarzwald, kommen in Betracht.

Die Fragen an Georg Zimmer stellte Martin Blümcke, Redakteur Schwäbische Heimat.