Fast in Vergessenheit geraten - Das Glasmacherdorf Leutkirch-Schmidsfelden

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Fast in Vergessenheit geraten - Das Glasmacherdorf Leutkirch-Schmidsfelden

von Manfred Thierer, aus der "Schwäbischen Heimat", Heft 3, 2011

Kühe, Milch und Käse - das ist das Klischee des Allgäus. Kaum bekannt ist seine Bedeutung als Glasmacherland. Dabei produziert heute in Bad Wurzach mit der Glasfabrik Saint-Gobain einer der größten Hohlglashersteller Europas, und die Glasmacher einer Hütte in Kaufbeuren-Neugablonz färben nach geheim gehaltenen Rezepten erschmolzenes Glas und liefern es an Künstler und andere spezialisierte Kunden.

Voralpenlandschaft mit Bergen im Hintergrund

Landschaft der Adelegg Blick vom Schwarzen Grat nach Südosten.

Aber auch in der Vergangenheit war das Allgäu Glasmacherland [grundlegende Quelle für die Allgäuer Glasmacher ist Max Förderreuthers Studie (1931); wichtigste Quelle für Schmidsfelden ist die Arbeit von Manfred Felle (1977); siehe Literaturhinweise am Schluss des Beitrags]. Vom 17. bis zum Ende des 19. Jahrhunderts wurden Glashütten in der Adelegg, dem Bergland zwischen Leutkirch, Isny und Kempten, betrieben. Die letzte und bedeutendste stand in Schmidsfelden, das heute zur Großen Kreisstadt Leutkirch gehört. Hier haben sich nicht nur ein spezifisches bauliches Ambiente, sondern auch zahllose Gläser, Geräte, Produkte und eindrucksvolle archivalische Zeugnisse erhalten. Schmidsfelden ist eines der wenigen in Deutschland erhaltenen Glasmacherdörfer. Seit dem Jahre 2003 wird hier sogar wieder Glas hergestellt. Warum hat sich die Adelegg für die Ansiedlung von Glashütten angeboten, wo doch sonst im Alpenvorland Glashütten ganz selten sind?

Quarz in der Allgäuer Nagelfluh und reichlich billiges Holz zum Schmelzen

Bachlauf mit Felswand

Nagelfluhbank an der Eschach.

Glasmacher waren vor der Industrialisierung in Mitteleuropa meist da zu Gange, wo der Rohstoff Quarz und zugleich große Mengen an billigem Holz zum Schmelzen des Quarzes zur Verfügung standen. Das war in vielen Mittelgebirgen gegeben, etwa im Thüringer Wald oder im Bayerischen Wald. Vor allem deren unzugängliche Bereiche konnten so genutzt und in Wert gesetzt werden.

Quarz ist der wichtigste Baustein bei der Glasherstellung. Für modernes industrielles Glas nimmt man etwa 60% Quarz, 18% Soda, 5% Kalk und 6% Feldspat sowie einige Beigaben, um dem Glas besondere Eigenschaften zu verleihen. Dieses Rezept galt im Wesentlichen auch früher. Quarz ist ein Mineral mit der chemischen Formel SiO2. Viele Gesteine enthalten es, zum Beispiel Granite, Gneise und vulkanische Gesteine. Jedem Schüler bekannt ist der Merkvers für die Zusammensetzung von Granit: Feldspat, Quarz und Glimmer, euch vergess ich nimmer. Die Glasmacher benötigen aber absolut reinen Quarz ohne alle Beimengungen, denn diese machen das Glas farbig oder trübe. Solch reiner Quarz kommt allerdings relativ selten vor. Geeignete Sande gibt es in den Sandsteinschichten des Keupers im Neckarland, von denen zahlreiche Glashütten profitierten.

In Oberschwaben finden sich natürlich im kunterbunten Allerlei der von den Gletschern aus den Alpen hergeschleppten Gesteine natürlich auch Quarze und Quarzite, - Buben schlagen mit diesen knallharten "Feuersteinen" Funken! Für die Glasherstellung taugen diese isoliert vorkommenden Steine aber nicht. Anders in der kaum vergletscherten Adelegg (Rhein- und Illergletscher streiften sie nur am Rande): Hier tritt der tertiäre Untergrund zu Tage, deren jüngstes Schichtglied ist es, die Obere Süßwassermolasse. Sie enthält neben Sandsteinen und Mergeln die sogenannte Nagelfluh. Das sind verfestigte, aus allen möglichen alpinen Geröllen bestehende Gesteinspakete, die wie Beton aussehen. Sie entstanden als weitläufige Kiesschwemmfächer großer Flüsse, die während der Tertiärzeit aus den Alpen ins Alpenvorland flossen und hier ihre Geröllfracht absetzten. Die Sedimente wurden später zu Nagelfluh verfestigt. Diese bildet heute harte Bänke, Steilwände und Grate in der Landschaft, ähnlich wie das in der berühmten Allgäuer Nagelfluhkette um Hochgrat und Rindalphorn bekannt ist. In den Nagelfluhen der Adelegg sind glasmachertaugliche Quarzgerölle eingeschlossen.

Allerdings mussten die aus der Nagelfluh heraus witternden Kieselsteine mühsam aus den Bächen und Tobeln ausgelesen werden, eine Arbeit vor allem der Kinder und Frauen. Die meist faustgroßen Quarzgerölle wurden in wasserbetriebenen Stampfmühlen zerbrochen und fein zerstampft. Mit Quarz allein könnte man schon Glas erschmelzen, doch bräuchte man dazu eine Hitze von über 1700 Grad. Also gab man Flussmittel, Schmelzbeschleuniger, bei. Früher war es Pottasche (Calciumcarbonat), heute Soda. So drückte man die Schmelztemperatur auf rund 1100 bis 1400 Grad. Trotzdem waren zum Schüren der Hüttenöfen ungeheure Mengen an Holz vonnöten. Fast genau so viel Holz brauchte man zur Gewinnung von Pottasche, die durch Auslaugen von Holzasche gewonnen wurde. Drei Raummeter Fichtenholz lieferten nur etwa ein Kilogramm Pottasche. Die konnten so einer wirtschaftlichen Nutzung zugefügt werden.

Beginn der "Glas-Zeit" im Barock - Herrschaften siedeln Bauern und Glashütten an

Unternehmerische Initiativen zur Nutzung der entlegenen Bergwälder des Gebiets erfolgten erst nach dem 30-jährigen Krieg. Bis dahin war die Adelegg kaum besiedelt und erschlossen, - dem Landwirt hatte das unwirtliche Bergland mit seinem rauen Klima keine Grundlage geboten. Drei Herrschaften teilten sich das Gebiet: das Stift Kempten, das Benediktinerkloster Isny und die Grafschaft Waldburg- Trauchburg. Die ausgedehnten Wälder dienten gelegentlich der Jagd, ansonsten brachten sie wenig ein. Erst im merkantil denkenden 17. Jahrhundert nutzt man die Ressourcen besser und verkauft Holz nach Ulm und Memmingen - die Namen Ulmerthal und Memmingertobel erinnern noch daran.

Bald erkennen die Grundherren, dass Quarz und Holz das Gebiet auch für die Glasmacherei prädestinieren. Sie holen sich ansiedlungswillige Unternehmer von auswärts, aus traditionellen Glasmacherlandschaften wie dem Schwarzwald oder dem Bayerischen Wald. Zwischen 1680 und 1698 arbeiten dann auch schon vier Hütten in der Adelegg. Die Landesherren versprechen sich wirtschaftliche Vorteile durch Pachtzinsen und andere Abgaben der Glasmacher. Außerdem musste man die im baufreudigen Barock dringend notwendigen Glasscheiben und Haushaltsgläser nicht aus anderen Gebieten beziehen.

Letztendlich konnte man auch auf den gerodeten Flächen Bauern ansiedeln. Siedler erstellen kleine Höfe, die Landschaft verändert sich. So entsteht beispielsweise die Siedlung Kreuzthal, die sich im "Glasboom" rasch vergrößert, eine Dorfkirche sowie dörfliche Infrastruktur erhält. Unter den aufkommenden Glashütten bildete die in Schmidsfelden einen Dreh- und Angelpunkt.

In ausführlichen "Bestandskontrakten" zwischen den Hüttenbetreibern und den Grundherren wurden die gegenseitigen Verpflichtungen festgehalten. Die wichtigste Übereinkunft betraf stets das Ausmaß und die Art des Holzeinschlags. Der Vertrag [H. Fischer, 1968, S. 9 ff.; siehe Literatur am Schluss des Beitrags], den Abt Ildephons mit Balthasar Schmid, dem ersten Betreiber einer Glashütte auf Isnyer Klostergebiet, im Jahre 1678 geschlossen hat, erinnert geradezu an moderne Gewerbeförderung: Das Kloster belastet den aus dem Schwarzwald angeworbenen "Spezialisten " anfangs nur wenig, muss er doch beispielsweise für das ganze benötigte Holz jährlich nur 65 Gulden bezahlen. Das Bauholz erhält er sogar unentgeltlich. Beim zweiten Vertrag kommt Schmid nicht mehr so glimpflich davon, der Pachtpreis erhöht sich auf 250 Gulden.

Glashütten auf dem Gebiet des Klosters Isny - Glasmacher aus Tirol, Bayerischem Wald und Schwarzwald

altes Gemälde eines Dorfes

Die Glashütte Alt-Eisenbach, ein barockes Hüttendorf, das später aufgegeben wurde.

Eine kleine Kapelle mit der angeschriebenen Jahreszahl 1678 beim Weiler Krummen markiert Ort und Zeitpunkt der ersten Niederlassung des schon erwähnten Balthasar Schmid. Hier in der Glashütte am Herrenberg wirtschaftet er nicht lange. Schon 1711 verlagert er wegen Holzmangels die Einrichtungen auf die andere Eschachseite. Da standen ausgedehnte Wälder zur Verfügung, die das Kloster als stiftskemptisches Lehen besaß. Jedoch auch diese Hütte ist kurzlebig. In einem neuen Vertrag wird eine zweite Translozierung, diesmal an den Eisenbach, einem Nebenfluss der Eschach, beschlossen und 1726 vollzogen. Derartige Verlagerungen, gesteuert durch Holzangebot und Transportaufwand, sind auch bei anderen Hütten üblich. Sie zeigen die Problematik von Massentransporten in vorindustrieller Zeit.

Ein Ölgemälde gibt eine Vorstellung des barockzeitlichen Glasmacherdorfes am Eisenbach, von dem heute bestenfalls einige vom Frost und Maulwürfen zutage geförderte Scherben künden. Das Bild zeigt das mächtige Holzgebäude der Glashütte sowie andere Wirtschaftsgebäude und Arbeiterhäuser. Vor dem stattlichen Herrenhaus liegt ein kleiner barocker Garten. Auch eine Kapelle steht da, der Friesenhofener Bildhauer Konrad Hegenauer hat sie ausgestattet. Darüber thront ein Lusthäuschen, - die inzwischen geadelten Hüttenbesitzer, die Schmid von Schmidsfeld, wussten bald, was standesgemäß war, und schließlich warf die Glasmacherei gutes Geld ab. Um die Siedlung waren die Flächen gerodet. Heute regiert dort wieder der Wald.

Landkarte

Die Standorte der Glashütten in der Adelegg, aus: R. Holzberger/M. Thierer 2009, S. 90.

Die Idylle täuscht etwas darüber hinweg, dass die Arbeit in dieser frühgewerblichen Insel hart war. Glasmacher, Schürer, Schmelzer, Stampfer und Einbinder arbeiteten in großer Hitze, bei Staub, grellem Licht und auch giftigen Gasen. Für alte und kranke Glasmacher richteten die Hüttenbesitzer auf Drängen des Klosters Isny daher 1787 das "von Schmidsfeldische Armeninstitut" ein. In Not Gekommene, alt, arm und krippelhaft gewordene Glasmacher und Angehörige fanden hier bescheidene Bleibe und Unterstützung. Ihr Lebensunterhalt wurde durch eine Stiftung der Familie von Schmidsfeld bestritten. Das Armenhaus wurde 1880 abgerissen, nachdem die letzten Insassen gestorben waren.

Die Glasmacher - meist Zugewanderte aus dem Schwarzwald, Tirol und dem Bayerischen Wald - verdienten allerdings ein gutes Geld. Gelegentlich schlugen sie auch über die Stränge: Die Hitze am Glasofen machte Durst, der einsame Wald lockte zum Wildern, ebenso das klare Wasser der Eschach. Wie streng zum Beispiel die stiftskemptische Herrschaft gegen solche Übergriffe vorging, zeigen zwei Beispiele: 1696 wird ein vierzehnjähriges Mädchen, das in einem Bach Groppen und Forellen mit der Hand gefangen hat, zum Exempel in Anwesenheit ihres Vaters mit Ruten gezüchtet. Beim gleichen Gerichtsverfahren wird der Glaser Grössel, der mit seiner Angelrute einen Hirtenbuben fischen ließ, zu Gefängnis bei Wasser und Brot verurteilt. Seine ebenfalls angeordnete Entlassung konnte vom Hüttenmeister nur mit Mühe abgewendet werden.

Neugründung Schmidsfelden - Benannt nach den geadelten Schmid von Schmidsfeld

Portrait eines Mannes

Balthasar von Schmidsfeld (17101760), auf dem Bild ist sein Glasauge zu erkennen.

Die napoleonische Neuordnung hinterließ selbst im hintersten Winkel des Allgäus ihre Spuren: 1803 wurde das Kloster Isny säkularisiert, der Klosterbesitz ging an den Grafen Otto von Quadt-Wykradt über. Dieser verlängerte den Bestandskontrakt mit Johann Balthasar Schmid von Schmidsfeld nicht mehr. 1825 musste der Betrieb in (Alt-)Eisenbach daher eingestellt werden. Durch zwei Entscheidungen konnte Johann Balthasar den Verlust der rentierlichen Hütte am Eisenbach verschmerzen. Er verlagerte 1824 die Gebäude von dort auf seine Grundstücke bei der "Ratzensäge" am Zusammenfluss von Eschach und Kürnach. Die seit 1810 zuständige württembergische Regierung erteilte die Konzession zur Glasproduktion an dieser Stelle. So baute man entlang einer geradlinig gezogenen Dorfstraße die neue Siedlung mit der Namensneuschöpfung "Schmidsfelden".

Schon vorher, im Jahre 1819, hatte Johann Balthasar auch die im obersten Eschachtal gelegene, frühere stiftskemptische Glashütte Quellenried des Xaver Batsch gepachtet und schließlich 1822 gekauft. Das ermöglichte ihm, Produktionsausfälle während der Zeit des Umzugs nach Schmidsfelden zu vermeiden. Sicher übernahm er auch manchen Kunden des Xaver Batsch, und außerdem besaß er nun Werke auf bayerischem und württembergischem Boden, - Zollvorteile winkten! Als jedoch 1828 die Zollschranken zwischen Bayern und Württemberg fielen, verlor Quellenried seinen Wert und wurde aufgegeben. Nur das Gasthaus "Zum Batschen" erinnert an die Hütte.

Belegschaft, Produkte, Absatz im 19. Jahrhundert - Glasmacher ein eigenes, trinkfreudiges Völkchen

historische Fotografie eines Dorfs

Schmidsfelden mit seiner Glashütte. Da sie noch raucht, muss dieses Foto vor der Stillegung des Betriebs im Jahre 1898 entstanden sein.

Schmidsfelden arbeitete in den folgenden Jahrzehnten rentabel. Die Hütte floriert, die Familie von Schmidsfeld bringt es zu Ansehen und Wohlstand. Ein gewisses Maß für den Geschäftsgang eines Betriebs ist der Personalstand. Erstmals werden in den Büchern des Jahres 1833 die Herkunftsorte aller in Schmidsfelden beschäftigten Glasmacher aufgeführt. Nur fünf von fünfzehn Glasmachern waren aus der Adelegg, die anderen aus dem Schwarzwald, dem Schwäbischen Wald und dem Bayerischen Wald. Bis in die 1860er-Jahre blieb es in Schmidsfelden konstant bei etwa 50 Beschäftigten, wobei die Fluktuation zunächst sehr hoch war. Seit der Jahrhundertmitte ging der Personalstand allmählich zurück.

Bei Manfred Felle (S. 43f.) erfährt man, dass die Schmidsfelder Belegschaft aus drei Gruppen bestand: Glasmachern, Gehilfen und sonstigen Beschäftigten. Die Glasmacher wiederum waren unterteilt in Tafelglas-, Weißglas- und Grünglasmacher sowie Rauppenmacher - Rauppen sind kleine zylindrische Enghalsflaschen. Vermutlich wurde in zwei Schichten von früh 5 Uhr bis mittag, und von mittag bis 19 Uhr gearbeitet. Nachts wurde nur geschürt, - die Glasmasse durfte schließlich nicht erkalten. Auch an Sonn- und Feiertagen wurde gearbeitet, was zu Konflikten mit der Pfarrei Hinznang führte, die wenig Verständnis für die technischen Notwendigkeiten aufbrachte. Beispielsweise beklagte im Jahre 1830 der Kirchenkonvent, dass der Glasfabrikant Herr von Schmidsfeld am Feste Allerheiligen und der Empfängniß Mariens, in seiner dortigen Glashütte durch seine Arbeiter (...) zum allgemeinen und großen Ärgernisse und Anstoß nicht blos der hiesigen Pfarrgemeinde, sondern auch der ganzen umliegenden Nachbarsschaft erweislich wie an gemeinen Werktagen habe Glas machen lassen [M. Felle, 1977, S. 66 ff.; siehe Literatur am Schluss des Beitrags].

Von Schmidsfeld wehrt sich, überzeugt das Königliche Oberamt, erläutert die Arbeitsverhältnisse, weist auf seine Kirchentreue hin, - und die Bauern geben nach. Anzumerken ist, dass jede Schicht in der Glashütte mit einem gemeinsamen Gebet vor einem kunstvollen Kruzifix begonnen wurde. Es hängt heute noch da.

Glasmacher, Schürer, Schmelzer, Einträger, Verpacker, ja sogar Kinder arbeiten in der Hütte - an den Glasöfen jeweils in einem Dreiergespann: Ein Gehilfe, der "Kölbelmacher", entnahm mit der Pfeife dem Schmelzofen einen Glasposten und blies diesen zu einem Kolben auf. Der Glasmacher vollendete das Werkstück, der "Einträger", ein Lehrling oder ein "Hüttenlöhner", schob es zum langsamen Abkühlen in den Kühlofen. Die Entlohnung der Arbeitsgruppe lief nicht über den Hütteneigner, sondern über den Glasmacher. Seine Position, in der man gut verdiente, war besonders begehrt. Der Glasmacher hielt die Stelle deshalb meist so lange, bis ein Sohn die Nachfolge antreten konnte.

Die Kinder der Glasmacherleute lernten den Hüttenbetrieb früh kennen. Sie hatten Scherben zu sortieren, Steine zu sammeln und zu verlesen sowie allerlei Handlangerdienste zu verrichten. Die eigentliche Lehrzeit wurde nach "Öfen" gerechnet, d. h. der Zeit vom Beginn bis zum Ende einer Schmelz - periode (20 bis 25 Wochen). Sechs Öfen lang dauerte die Ausbildung, wobei der Lehrling schon ab dem zweiten Ofen relativ gut verdiente.

Regal mit Gläsern

Viele der einst in Schmidsfelden produzierten Gläser stehen noch in den Regalen.

Die Glasmacher bildeten ein eigenes Völkchen. Sie hatten wenig Kontakt mit der bäuerlichen Nachbarschaft und den auf Disziplin und Ordnung bedachten Geistlichen. Allein schon, dass die (ledigen) Glasmacher gut verdienten, war Anlass für Neid und Missgunst. Ärgernis war auch, dass die Glasmacher in Schmidsfelden, wie in anderen Hütten auch, häufig über den Durst tranken, viel feierten, sogar "Spielleute" hielten. Hin und wieder gingen auch Alimentenforderungen bei den Hüttenbesitzern ein. Die Gefahr war groß, dass sich die Erzeuger ihrer Verantwortung entziehen. Das Trinken scheint in allen Glashütten verbreitet gewesen zu sein, - die Arbeit bei Temperaturen von 50 bis 60 Grad machte Durst. Auch die gute Entlohnung, die abgeschiedene Lage vieler Hütten sowie die meist späte Heirat haben dazu beigetragen. Verlockend war sicherlich auch, dass viele Hütten alkoholische Getränke ausschenkten. So besaß Schmidsfelden eine eigene Brauerei und Schnapsbrennerei und auch die zum Ausschank nötigen Konzessionen. In den Abrechnungsbüchern ist festgehalten, dass man in Schmidsfelden seine liebe Not mit den durstigen Glasmachern hatte. Einträge wie War schon vormittags betrunken, - hat randaliert und das ganze Glas zerschmissen, - hat Freitagmittag die Arbeit liegen lassen und ist erst am Montag völlig betrunken zurückgekommen belegen das [M. Felle, 1977, S. 73; siehe Literatur am Schluss des Beitrags].

Hergestellt wurde in erster Linie einfaches Gebrauchsglas: Flaschen, Trinkgläser, Medizinfläschchen, Vorratsgefäße und viele andere Hohlgläser wie Zylinder für Petroleumlampen und Barometerröhren. Und natürlich auch das wertvolle Scheibenglas. Nur gelegentlich schuf man auch kostbare Stücke und veredelte sie durch Schleifen, Gravieren oder Bemalen.

Hunderte von Gläser stehen heute noch im Magazin. Produziert wurden auch Scherzgläser aller Art, darunter wohl an die 10 000 Stück der kuriosen Schnapshunde, - heute sind es wertvolle Sammlerstücke. Schankgefäße bildeten in Schmidsfelden einen großen Teil der Weißglasproduktion. Die Gläser waren meist einfacher gestaltet, mit stärkeren Wandungen und vor allem mit Eichstrich und Eichzeichen versehen. Es gab allein zehn verschiedene Sorten von Bierbechern sowie drei Sorten von Bierkrügen - biertrinkendes Oberschwaben?

Abgesetzt wurden die Waren im schwäbischen Alpenvorland, in der Schweiz und in Vorarlberg. In der Blüte der Produktion zwischen 1830 und 1870 lieferte Schmidsfelden gemeinsam mit der nahen Quadt'schen Hütte den Großteil des Scheibenglases für den berühmten Glaspalast in München.

Stilllegung der Glashütte Schmidsfelden - Verarmung und Abwanderung

historische Fotografie mit Personen vor einem Holzhaus

Ein Arbeiterhaus in Schmidsfelden, aufgenommen um 1900.

1898 wird die Hütte stillgelegt, einige Jahre zuvor hatte auch die Quadt'sche Hütte den Betrieb eingestellt. Die Unternehmen verlieren - wie so viele andere im süddeutschen Raum - den Wettlauf mit besser gelegenen Hütten, etwa in Sachsen und im Rheinland. Mit zunehmender Industrialisierung hatte vor allem die Verkehrsanbindung durch die Eisenbahn erhöhte Bedeutung gewonnen. Die Glashütten in der Nähe der Kohlereviere und an den ersten Eisenbahnstrecken konnten mit Kohle feuern. Sie war billiger und lieferte höhere Heizwerte als Holz. Mit ihren dadurch kostengünstigeren Produkten dehnten die standortbegünstigten Hütten ihre Marktanteile immer weiter aus - dank der Eisenbahn auch in den traditionellen Absatzgebieten der süddeutschen Hütten.

Das neuwürttembergische Allgäu wurde trotz vieler Bemühungen - gerade auch der Glashüttenbesitzer - zunächst nicht an das Eisenbahnnetz angeschlossen. An eine Umstellung auf Kohlefeuerung war somit nicht zu denken. Man blieb beim Holz. Und dieses wurde immer teurer. Erst 1874 kam eine Eisenbahnverbindung Leutkirch-Isny zustande; das abgeschiedene obere Eschachtal konnte sie natürlich nicht anbinden. Eine Episode bei den Eröffnungsfeierlichkeiten veranschaulicht das: Als die Strecke eingeweiht wurde, wollten die Schmidsfelder der Stuttgarter Delegation einen gläsernen Pokal - graviert mit den württembergischen Hirschstangen und anderen Symbolen - am Bahnhof in Friesenhofen überreichen. Das Wetter war jedoch schlecht, der Zug hielt nicht einmal an, die Delegation stand im Regen. Ein Trost: Der Pokal blieb im Allgäu und ist ein Schaustück im Museum in Leutkirch.

In der Adelegg führte das Ende der Glas-Zeit zu Verarmung, Abwanderung und wirtschaftlicher Not. Viele Bewohner hatten im Glasgewerbe ein wichtiges Zubrot verdient: Frauen und Kinder durch Sammeln von Quarzgeröllen an den Bachläufen, Männer beim Brennen der Asche sowie beim Einschlag und Transport von Holz. Als aber am Ende des 19. Jahrhunderts die Glasöfen erkalten, trifft das den Nerv der Landschaft. Angesichts der Ungunst von Klima und Boden sowie steilen kleinen Parzellen hört ein Bauer nach dem anderen mit der Schinderei am Berg auf. Ihre Kinder ziehen dahin, wo das Leben leichter fällt. Ihre Höfe werden abgerissen, vergessen, vom Wald geschluckt - heute sind mehr als 80% der Adelegg von Wald überzogen - oder an Fremde verkauft. Die Bevölkerung verarmt. In den 1960er- und 1970er-Jahren macht Kreuzthal als "sterbendes Dorf" von sich reden. Nur noch 300 Bewohner sind im Dorf, von früher 800.

Schmidsfelden heute, eine touristische Erfolgsgeschichte - Hüttengebäude, Glasmagazin und Museum

zwei Männer graben mit Schaufeln

Ehrenamtliche bei "Ausgrabungen" in der Glashütte von Schmidsfelden.

Abwanderung und Ausbluten auch im Glasmacherdorf Schmidsfelden: Um 1990 ist es nahezu menschenleer. Zum Glück blieben das bauliche Ensemble des alten Glasmacherdorfes und auch große Glasvorräte erhalten. Aber dem Hüttengebäude drohte der Verfall, ebenso dem Glasmagazin und den Arbeiterhäusern. Nur noch eine Handvoll Leute wohnten in ihnen. Seit 1988 beginnt dort dank der Initiative eines Vereins, der Heimatpflege Leutkirch, ein erstaunliches Comeback. Mit viel Eigenarbeit, Spenden, aber auch Zuschüssen bei Kosten von rund 800.000 DM konnte das 1988 von Schneelasten eingedrückte Hüttengebäude gerettet werden. Ein Museum, das die Glasmacherei thematisiert, wurde angefügt. Das Gebäude wurde vom Verein in Erbpacht für 99 Jahre übernommen. Saniert wurde auch das separat liegende Glasmagazin, in dem immer noch in den Regalen die Ladenhüter aus dem 19. Jahrhundert lagern.

Auch die anderen Häuser im Dorf werden mit viel Liebe und Sorgfalt renoviert. Das tut dem alten Dorf gut. Doch soll es nicht nur von der Vergangenheit zehren, vielmehr gilt es, die alte Glasmacherkunst neu zu beleben. Es gelingt, einen Glasmacher für Schmidfelden zu gewinnen. Seit 2003 lebt er mit Frau und Kindern im Dorf, hat sich an die kalten Allgäuwinter gewöhnt, wird sogar in den Gemeinderat der Stadt Leutkirch gewählt.

Nun kann wieder in dem alten, aufgewerteten Dorf gewohnt werden: Derzeit leben hier etwa 40 Bewohner, auch junge Leute. Der Schulbus muss wieder halten. Ein örtlicher Verein versucht das Zusammenleben der Bewohner durch Veranstaltungen, gemeinsame Arbeit an den Bauvorhaben und gemeinsames Festen zu beleben. Nicht ganz leicht ist das, denn den früheren Patriarchen, den Glashüttenbesitzer, gibt es nicht mehr, dafür Zugezogene (auch aus anderen Nationen), Individualisten, Typen, drei Künstler und Kunsthandwerker, aber auch Personen, denen eher soziale Projekte am Herzen liegen.

Glasbläser mit vielen Zuschauern

Der Glasmacher Stefan Michaelis bei der Arbeit, die von vielen Besuchern interessiert verfolgt wird.

Schon jetzt verzeichnet Schmidsfelden touristisch eine Erfolgsgeschichte. Die Zahl der Besucher - fast immer Tagesgäste - steigt von Jahr zu Jahr. Letztes Jahr waren es 15.000, und das obwohl in der kalten Jahreszeit der Betrieb eingestellt ist. Einen Höhepunkt bilden natürlich die geschickt kommentierten Vorführungen des Glasmachers, - die Besucher staunen über das Feuer der Öfen, die glühende Glasmasse und das schnelle Entstehen eines Produkts. Kinder dürfen in der Glashütte auch Herzchen oder einen "Glasius" selber gießen.

Schüler und Klassen suchen auch die seit zehn Jahren eingerichtete Naturschutzstation auf, die über die einzigartige Flora und Fauna der geradezu alpinen Umgebung unterrichtet. Beliebt sind auch Führungen auf dem 2008 eingerichteten Glasmacherweg, einem 22 km langen Themenweg. Er zieht zwischen Bayern und Württemberg quer durch die Adelegg und folgt den Spuren der Glasmacher. Der Themenweg soll den Tourismus ins Innere des Waldlandes tragen.

Um die wirtschaftlich-touristische Entwicklung muss es den Beteiligten nicht bange sein, denn in einigen Jahren soll etwa vier Kilometer entfernt ein riesiger Centerpark entstehen, in dem jährlich 1 Million Gäste übernachten werden. Für das kleine Dorf weitere Chancen, aber auch Herausforderung. Derzeit ist schon der Hauch einer Goldgräberstimmung zu verspüren.

Literatur