Manfred Thierer: Das Württembergische Allgäu

. . . . . .

Manfred Thierer: Das Württembergische Allgäu

Landschaftliches Erbe eiszeitlicher Gletscherkraft

Der Schwäbische Heimatbund bemüht sich seit Langem um eine nachhaltige Entwicklung unserer Landschaften. Mit dem Projekt Kulturlandschaft des Jahres soll auf deren Schönheit und Vielfalt aufmerksam gemacht und um eine schonende künftige Gestaltung geworben werden. Dabei steht jeweils über einen Zeitraum von zwei Jahren ein Gebiet unseres Landes im Fokus. Stromberg, Heuchelberg und Zabergäu waren die ersten auf diese Weise hervorgehobenen Kulturlandschaften, Albuch, Härtsfeld und Lonetal folgten danach. Für die Jahre 2013 und 2014 wurde das Württembergische Allgäu ausgewählt. Diese Landschaft im äußersten Südosten Baden- Württembergs bietet durch ihre Nähe zu den Alpen, ihre grünen Moränenhügel und ihre unzähligen Gewässer nicht nur eine Augenweide für den Menschen, sondern nimmt auch durch ihre spezialisierte Landwirtschaft und ihre Streusiedlungen eine Sonderstellung im Lande ein.

Die Landschaft des Allgäu - einst ein buntes Mosaik aus geistlichen und weltlichen Territorien

Wo fängt das Allgäu an? Es ist dies keine leichte Frage, denn der Begriff Allgäu diente immer als eine Landschaftsbezeichnung - ein staatliches Gebilde Allgäu gab es nie. Bis ins beginnende 19. Jahrhundert hinein bestand das Gebiet aus dem hierzulande üblichen buntgesprenkelten Mosaik der verschiedensten geistlichen und weltlichen Territorien. Bei Napoleons politischer Flurbereinigung wurde es nach 1810 unter seinen Vasallen aufgeteilt - der größere Teil kam zum Königreich Bayern; der kleinere Landstrich im Westen fiel dem Königreich Württemberg zu. Seitdem gibt es dieses Württembergische Allgäu. Es deckt sich ungefähr mit dem ehemaligen Landkreis Wangen, der 1973 im vergrößerten Kreis Ravensburg aufgegangen ist. Das Bekenntnis zur Allgäuer Identität nimmt gegen Osten zu, dagegen fühlt man im Nordosten um Bad Wurzach bereits auch oberschwäbisch. Der Verfasser konnte sogar mehrfach oberschwäbische Allgäuer kennenlernen. Als Tore ins Allgäu gelten die zwischen Wangen und Ravensburg gelegene Gemeinde Amtzell und die Stadt Bad Wurzach. Der aus dem Unterland auf der Autobahn A96 in den Süden Reisende überschreitet die Allgäu-Grenze südlich von Memmingen. Eines der braunen Autobahnschilder - mit vielen weidenden Kühen auf einem Hügel - macht ihn darauf aufmerksam. Ja, jetzt ist er im Allgäu!

Einen ersten Eindruck von diesem Landstrich kann sich dieser Reisende bei der Weiterfahrt in Richtung Alpen verschaffen, wenn er am nächsten Rastplatz anhält und auf den von der Galluskapelle gekrönten Winterberg steigt. Vor ihm breitet sich eine sanft und weich schwingende Landschaft aus. Zahllose kleine, meist bewaldete Kuppen und Hügel wechseln mit Niederungen und Senken. Die Gipfel der Alpen bilden die Kulisse. Das bewegte Relief ist, geologisch gesehen, jung und frisch, es entstand in der Eiszeit, genauer ausgedrückt in den Eiszeiten. Die jüngste davon, die Würmeiszeit, hat dem westlichen Allgäu den letzten Schliff gegeben. Es war damals von der mächtigen Zunge des Rheingletschers bedeckt. Schürfend, schiebend, einebnend und ablagernd hat dieser ein kunterbuntes Gemenge alpiner Gesteine verschiedenster Körnung hinterlassen - von feinstem Sand bis zu gewaltigen Findlingen.

Zwischen Leutkirch und Wangen findet man die komplette Glaziale Serie geradezu lehrbuchhaft angeordnet. Im welligen Grundmoränenland breitet sich eine engräumig modellierte buckelige Welt aus: Rückzugsstaffeln in rhythmischen Folgen ebenso wie gesellig nebeneinander liegende, auf Lücke versetzte Drumlins. Das sind lang gestreckte Hügel mit elliptischem Grundriss, welche die Schubrichtung des Gletschers anzeigen. Dazwischen liegen vermoorte oder wassergefüllte Senken. Viele der Seen sind Toteisbildungen, entstanden wenn Eisblöcke beim Abschmelzen und Zerfallen des Gletschers zugeschottert wurden.

Schroffe Flanken, tiefe Tobel: Die Adelegg ist eine imposante Vorbotin des Alpengebirges

Ein anderes Bild bietet die Adelegg an der bayerisch-württembergischen Landesgrenze. Sie ist in Geologie, Flora und Fauna eine Vorbotin der Alpen und steigt an vielen Stellen weit über 1.000 Meter an. Der Schwarze Grat ist mit 1.118 Metern Höhe der höchste Berg in Württemberg, er war schon im Königreich ein beliebtes Ausflugsziel. Mit seinen schroffen Flanken, den zahllosen Tobeln, seinem Niederschlagsreichtum (bis zu 2.000 mm!) sowie seiner dichten Bewaldung wirkt das Bergland wie ein Fremdkörper im sonst sanft bewegten offenen Alpenvorland. Rhein- und Iller-Gletscher hatten die Adelegg zwar in die Zange genommen, ihre zentralen Höhenzüge aber nie bezwingen können.

Mächtige tertiäre Schichten der Oberen Süßwasser- und Meeresmolasse bauen es auf: Nagelfluhbänke wechseln mit Sandstein- und Mergelschichten. Die betonartige Nagelfluh, ein Konglomerat aus allen möglichen alpinen Geröllen, ist sehr widerständig und erzeugt Rippen, Grate und Steilwände im Gelände. In den Nagelfluhen sind auch Milchquarzgerölle eingeschlossen. Diese bildeten die Rohstoffbasis für die seit dem 17. Jahrhundert aufgekommene Glasmacherei, die inzwischen in Schmidsfelden bei Leutkirch zu neuem Leben erwacht ist.

Wasser wirkt im Allgäu als prägendes Element. Im Stau der Alpen fällt es reichlich vom Himmel, springt aus Quellen, füllt Seen, Weiher und Tümpel. Wasser fließt durch Gräben, Bäche und Flüsse - der Donau zu oder über den Bodensee in Richtung Rhein. Es sickert aber auch durch kiesige Schichten und speist gewaltige Grundwasserhorizonte in den nördlich des Endmoränenrandes liegenden Schotterfeldern (Sandern) bei Leutkirch, Arnach und Bad Wurzach. Wasser und Kies waren und sind stets begehrte Rohstoffe.

Das Wurzacher Ried - an der Pforte zum Allgäu liegt das größte intakte Hochmoor Mitteleuropas

Nirgendwo im Ländle gibt es so viele Seen, Weiher, Moore und Feuchtgebiete wie hier. Sie tun nicht nur dem Auge gut, um sie herum ist meist noch viel Natur. Wohl klingende Namen sind darunter: Stolzensee, Ursee, Blausee und Karsee, in Herlazhofen gibt es ein Pfaffenweiherle, in Wolfegg den Elfenweiher, in Isny den Sauweiher. Die größten sind der Rohrsee bei Eintürnen, bekannt durch seine reiche Vogelwelt, der Badsee bei Beuren und der fast 16 Meter tiefe Obersee bei Kißlegg.

Viele der Seen sind inzwischen zu Mooren und Feuchtgebieten geworden oder ganz verlandet. Eines der interessantesten dieser Feuchtgebiete ist das Wurzacher Ried, das größte intakte Hochmoor Mitteleuropas, geadelt sogar durch ein Europadiplom. Seine Hochmoorkerne sind von blumenreichen Flachmooren und Streuwiesen umgeben. Einzigartig sind die Artenfülle an Blütenpflanzen und die mannigfaltige Insekten- und Vogelwelt. Dem Neugierigen erschließt sich dieses Naturparadies auf den gekennzeichneten Pfaden durch das Ried, das theoretische Rüstzeug bekommt er im informativen Naturschutzzentrum, das mit der neuen Ausstellung Moor Extrem aufwarten kann. Sie besticht durch Emotionalität und ein schlüssiges grafisches Konzept - auch für die Kinder, die von der Moorhexe Calluna durch die Ausstellung begleitet werden.

Im frühen Mittelalter gingen unsere Vorfahren daran, die Energie des Wassers zu nutzen, um Getreidemühlen, Stampfen und Walken, aber auch Hammerschmieden anzutreiben und natürlich auch, um Fische zu mästen. Im bewegten Relief konnten leicht Bachläufe aufgestaut, Talmulden abgesperrt und sogar kleinere Seen überstaut und vergrößert werden. Die so entstandene Weiherwirtschaft blühte vor allem im späten Mittelalter. Damals warf eine Fläche mit Karpfenzucht mehr Rendite ab als ein gleich großes mit Getreide eingesätes Areal. Mit den Fischen konnten die vielen fleischlosen Fastentage umgangen werden. So verwundert es nicht, dass die Gewässer meist in der Hand der Klöster und des Adels lagen.

Aber auch die Stadt Wangen spielte in der Fischzucht mit. Vor dem Dreißigjährigen Krieg besaß sie 58 Weiher und Seen. Die kurz vor dem Dreißigjährigen Krieg gemalte Wangener Landtafel des Johann Andreas Rauch bildet sehr verlässlich die vielen Weiher ab, etwa den Wolfgangsweiher, der den heutigen Friedhofsberg mit der Wolfgangskapelle umgab. Nach einer Blütezeit der Weiherwirtschaft im Mittelalter und der beginnenden Neuzeit ging die Weiherwirtschaft zurück. Seit dem 18. Jahrhundert war es einträglicher, die Gewässer trocken zu legen und darauf Wiesen und Ackerland anzulegen. Meliorierungen im 19. und 20. Jahrhundert ließen die Zahl der Weiher dann noch weiter schrumpfen. Aufmerksame Wanderer erkennen die aufgegebenen Weiher gut an den immer noch vorhandenen Dämmen, die oft von uralten Dammeichen gesäumt sind.

Besiedlung, Christianisierung, erste Märkte - die Kulturlandschaft des Allgäu erhält ihr Gesicht

Das westliche Allgäu war für frühe Siedler nicht sonderlich einladend. So gut es ging mieden auch die ab dem 3. Jahrhundert eindringenden Alamannen das hoch gelegene, kalte, niederschlagsreiche und sumpfige Gebiet. Erst ab dem 7. und 8. Jahrhundert wurde etwas stärker gerodet und besiedelt. Ortsnamen enden mit -hofen und -weiler, auch Rodungsnamen wie -reut, -schnait und -schwende tauchen auf. Mönche, vor allem aus St. Gallen, christianisierten das Land - in Bronze gegossen stehen die drei Allgäuheiligen, St. Gallus, St. Kolumban und St. Magnus, neben der Galluskapelle auf dem Winterberg.

Im 12. und 13. Jahrhundert entstanden Märkte, aus denen sich die Städte Wangen, Leutkirch und Isny entwickelten. Die Herstellung und der Vertrieb von Leinen ließen sie wachsen. Von der Blüte dieses Gewerbes profitierte auch die Landbevölkerung - schließlich gedeiht der anspruchslose Flachs im Allgäu besonders gut. Umgeben von vorderösterreichischen und waldburgischen Gebieten wusste sich das Städte-Dreigestirn zu behaupten und erhielt Reichsstadt-Status. Bad Wurzach war dagegen Landstädtchen einer Waldburger Linie. Die Truchsessen von Waldburg nahmen in Oberschwaben und im Allgäu stets eine herausgehobene Stellung ein. Ihre gut erhaltenen, zum Teil heute noch von der Familie bewohnten Schlösser in Kißlegg, Wolfegg, Zeil, Rimpach und Neutrauchburg zeugen davon.

Politisch tonangebend war jedoch Österreich - der Doppeladler mit Schwert und Zepter in den Fängen ist heute überall noch präsent. Österreichs Einfluss sorgte auch dafür, dass das westliche Allgäu bis auf die Städte Isny und Leutkirch beim alten Glauben blieb. Das stark vom Katholizismus bestimmte Erbe ist bis heute überall spür- und sichtbar - etwa in den Prozessionen, Wallfahrten und vielfältigen Ausdrucksformen religiösen Brauchtums. Rein äußerlich dokumentiert es sich schon am Wegesrand: Viele Kapellen, Wegkreuze und Bildstöcke markieren das Land als katholisch. Im württembergischen Allgäu stehen 165 Kapellen und etwa 800 Feldkreuze. Oft in Weilern und Einzelhöfen weit weg von der Pfarrkirche lebend, schufen sich die Bauern vor der eigenen Haustüre mit Kapellen und Kreuzen Stätten der stillen Andacht. Einzigartig und besonders typisch für das Allgäu sind die stattlichen Arma-Christi Kreuze, die sich wie Scherenschnitte gegen den Himmel abzeichnen. Sie gibt es in dieser Dichte in Deutschland sonst nirgendwo.

Markante Siedlungsstruktur draußen in der Einöde - Eigenbrödler und Verdruckte, Weiler und Einzelhöfe

In offener Landschaft liegen zwischen Wiesen und kleinen Wäldern keine großen Dörfer, sondern zahllose Weiler und Einzelhöfe, die teils schon in der Rodezeit entstanden sind, vor allem aber auf die überwiegend im 17. und 18. Jahrhundert durchgeführte Vereinödung zurückgehen. Weil damals der Besitz in den Gewannfluren heillos zersplittert war, begannen die Bauern in einer gewaltigen Tauschaktion, ihre Güter zu arrondieren und überdies Häuser aus den Dörfern in die Feldflur zu verlagern - wegweisende Vorwegnahmen moderner Flurbereinigung und Aussiedlung. Viele neue Siedlungen entstanden auf diese Weise, oft mit skurrilen Namen. In der Beschreibung des Oberamts Wangen aus 1841 wird ausgeführt, dass die Gemeinde Amtzell (damals noch Pfärrich) die parzellirteste des ganzen Königreichs sei. Heute zählt sie 124 Weiler und Einzelsiedlungen, manche von ihnen mit zauberhaften Namen, wie Lerchensang, Niemandsfreund oder Ratzenhaus. Durch die Vereinödung und das für große Höfe sorgende Anerbenrecht entstand insgesamt ein lebensfähiger, selbstbewusster Bauernstand. Böswillige sehen in den Streusiedlungen aber auch eine Quelle von Eigenbrödelei und Verdrucktsein. Wenn zehn Allgäuer aufanand lieget, was isch noch dr Unterschied zwischem Unterschte und Oberschte? - Gar koiner, dr Oberscht isch so verdruckt wia dr Unterscht! Ein Brunnen beim Rathaus in Wangen illustriert diese zugegebenermaßen etwas zweifelhaft-unflätige Redewendung.

Die Vereinödung förderte auch die seit etwa 1850 einsetzende Vergrünlandung des Allgäu. Die Bauern spezialisierten sich auf die Gras- und Milchviehwirtschaft und reduzierten den Anbau von Getreide, das ohnehin im feuchten Allgäu nicht sonderlich gedeihen will. Die Herstellung von Käse, vor allem des Emmentalers, nahm einen rasanten Aufschwung. Das Knowhow für die Milch- und Käsewirtschaft kam aus der Schweiz und aus Holland. Die Milchprodukte konnte man auf dem Schienenweg in die aufkommenden Industriestädte absetzen.

Allgäu und glückliche Kühe - das gehört gemeinhin zusammen. In der Tat, nirgendwo in Baden- Württemberg wird ein vergleichbarer Besatz an Milchkühen erbracht. Der größte Teil der Milch wird zu Käse verarbeitet. Allerdings kaum mehr in kleinen genossenschaftlichen Käsereien, die einst täglich zwei, drei Emmentalerlaibe produzierten, sondern in wenigen großen Milchwerken. Der König der Käsearten, der kirschgroß gelöcherte Emmentaler, hat inzwischen etwas von seiner Zugkraft eingebüßt. Das Sortiment wird daher beständig erweitert und veredelt; ein Käse mit dem Etikett Gepfeffertes Ärschle soll sich sogar in Berlin besonders gut verkaufen. Konzentrationsprozesse prägen auch die Landwirtschaft: Die Zahl der Betriebe sinkt rasant, die verbleibenden stocken auf und steigern Tierbestände und Erträge. Manchmal werden mehr als fünf Schnitte eingebracht, die artenarme, löwenzahnreiche Fettwiese dominiert die Flur. Jährliche Milchleistungen von über 8.000 Liter pro Kuh sind keine Ausnahme mehr, die Lebenserwartung dieser Rinder hingegen ist gering. Notabene: Nur noch in den kleinen Betrieben und meist nur noch im Herbst dürfen sie draußen auf den satten Wiesen weiden. Allgäuer Idylle, glückliche Kühe?

Trügerische Idylle: Konzentrationsprozesse in der Landwirtschaft gefährden die Vielfalt der Landschaft

Die alten Höfe waren lang gezogene Eindachhöfe - alles unter einem Dach, die Außenhaut oft geschindelt. In den meisten davon wird mittlerweile nur noch gewohnt, einige stehen leer, oder es entwickelten sich daraus landschaftsfremde, funktionale Gebäudekomplexe mit Photovoltaik-Elementen, Fahrsilos und Biogasanlagen. Der Maisanbau ist in den letzten Jahren gestiegen, nimmt (gottlob!) zumeist aber erst 5 bis 10 Prozent der Nutzfläche ein.

Es ist nicht alles Käse, was aus dem Allgäu kommt. Sicherlich, die Landwirtschaft hat ihren Stellenwert. Dennoch wird sie von den anderen Wirtschaftszweigen weit übertroffen. In Stadt und Land gibt es solide Handwerksbetriebe und vielseitige mittelständische Industrie, leistungsstark und ihre Fühler in die ganze Welt ausstreckend. Maschinen, Wohnmobile, Glasverpackungen, elektronische und feinmechanische Hightech-Produkte sowie viele andere Waren entstehen hier. Vor allem Leutkirch hat sich zu einem Vorreiter im ökologischen Bereich gemausert.

In den Städten ist das reiche geschichtliche Erbe spürbar. Sie sind die kulturellen und wirtschaftlichen Mittelpunkte. Man sieht das an den farbenfrohen Wochenmärkten, auf denen sich die Bauern und Händler aus der Umgebung mit den Städtern treffen und vor allem danach noch einkehren. In den Altstadtkernen bewahrte sich viel alte Bausubstanz. Bewundernswert allein schon die Rathäuser der ehemaligen Reichsstädte: das Wangener besitzt einen romanischen Kern, das Leutkircher ist purer Barock, das Isnyer eine Synthese dreier Bürgerhäuser. Das turmreiche Isny besitzt noch nahezu die ursprüngliche Ummauerung, drei prächtige Tore führen in Wangens Altstadt; Leutkirch wird überragt vom wuchtigen Bockturm, in dem oben der Stadtwächter ins Horn blies, unten die Gefangenen bei Wasser und Brot saßen. Auch Wurzach war ummauert, prägend ist hier aber das 18. Jahrhundert, als das Schloss seine heutige Gestalt erhielt. Auf Schritt und Tritt lässt sich hier das Flair eines kleinen barocken Adelssitzes verspüren - in der Architektur, in Kunstwerken, an Straßennamen und in den Festlichkeiten.

Die schmucken Ausleger der Wirtshäuser beweisen, dass die Gastlichkeit überall großgeschrieben wird. Dank seiner Schönheiten und der Nähe zu Bodensee und Alpen ist das Gebiet auch zu einer bedeutenden Kur- und Ferienregion geworden. Man genießt die anmutige hügelige Landschaft, die gute Luft und den langen Sonnenschein - das westliche Allgäu zählt schließlich zu den Spitzenreitern in der ganzen Republik bezüglich der Zahl der Sonnenstunden. Gäste und Einheimische freuen sich auch an der großen Vielfalt von Veranstaltungen, Festen und Bräuchen, von der zuweilen ausgelassenen Fasnet, über den frommen Blutritt in Bad Wurzach bis zum modern inszenierten Stück beim Isnyer Theaterfestival. Wangen, Leutkirch und Isny punkten mit Altstädten wie aus dem Schächtele, Bad Wurzach nutzt die heilende Kraft des Moores, am stärksten durch den Kur- und Klinikbetrieb geprägt ist jedoch die kleine ehemals waldburgische Residenz Isny- Neutrauchburg.

Literatur

Holzberger, Rudi u. Manfred Thierer: Die Adelegg. Das dunkle Herz des Allgäus, Biberach 2009.

Jahn, Walter: Strukturwandel und Abgrenzung der voralpinen Allgäuer Kulturlandschaft. Mitteilungen der Geographischen Gesellschaft München 19 (1954).

Scholz, Herbert u. Udo Scholz: Das Werden der Allgäuer Landschaft, Kempten 1981.

Thierer, Manfred: Glasmacher im Allgäu. In und um Leutkirch. Leutkirch 1993, S. 369-380.