Kulturlandschaft - der moderne Heimatbegriff?

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Kulturlandschaft - der moderne Heimatbegriff?

Wortlaut des Vortrags von Dr. Herlind Gundelach, Senatorin für Wissenschaft der Freien und Hansestadt Hamburg / Präsidentin des Bundes Heimat und Umwelt in Deutschland (BHU)
im Rahmen der Veranstaltung "Zwischenbilanz" Ė Kulturlandschaft des Jahres 2009/2010, Stadthalle, Fruchtkasten Maulbronn, 14. November 2009

Herr Vorsitzender Griesinger, meine Damen und Herren,

ich freue mich über die Einladung zur heutigen Veranstaltung des Schwäbischen Heimatbundes. Hier, in der schönen Umgebung von Maulbronn, ist ein guter Ort, um auf das Kulturlandschaftsjahr zurückzublicken. Die 100 vergangenen Jahre des Heimatbundes haben zu neuen Perspektiven auf unsere Kulturlandschaft angespornt.

Landschaft entsteht im Zusammenspiel aus naturräumlichen Voraussetzungen und kultureller Prägung. Daher sprechen wir bei unseren, durch den Menschen geprägten Landschaften, von Kulturlandschaften. Durch die kulturhistorische Prägung werden ihnen Identitäten zugeordnet. Somit weisen Kulturlandschaften ihre jeweils charakteristischen Eigenarten auf.

Aus der Perspektive des Betrachters kommt auch eine emotionale Dimension zur Kulturlandschaft hinzu. Der Betrachter erfreut sich beispielsweise an der Kulturlandschaft, er liebt sie oder aber er findet sie womöglich langweilig oder hässlich. In jedem Fall entwickelt er ein Gefühl.

Nicht zuletzt beinhaltet der Begriff auch noch eine zeitliche Komponente. Kulturlandschaften haben eine Historie, sie haben sich über lange Zeiträume hinweg entwickelt und spiegeln diese Geschichte wider. Gleichzeitig unterliegen sie aber auch ständigen Veränderungen. Aus alledem folgt, dass wir uns Gedanken über die zukünftige Entwicklung der Kulturlandschaften machen müssen.

Heimat und Kulturlandschaft haben mehrere Dimensionen

Spätestens bei der genannten Dimension müssen wir uns fragen, ob wir nicht eigentlich die ganze Zeit von Heimat sprechen? Der Kulturlandschaftsexperte Thomas Gunzelmann (vom Bayrischen Landesamt für Denkmalpflege) hat Heimat so ausgedrückt: Heimat ist die positiv besetzte Beziehung des Menschen zum erlebten Ort oder Raum. Gunzelmann nennt auch die zeitliche Dimension: die erinnerte oder vergangene Heimat. Sie ist vergangen, weil sie als Raum in ihren Eigenarten bedroht oder verändert wurde, oder weil sich der Mensch selbst von ihr entfernt hat und sie nur noch als verklärte Kindheitserinnerung behält.

Beide Begriffe, Heimat und Kulturlandschaft, befassen sich also mit der Wahrnehmung, mit der Bewertung und mit der Entwicklung von Landschaft. Somit stellt sich die Frage, wie der Kulturlandschaftsbegriff vom Heimatbegriff zu trennen ist. Oder aber ist Kulturlandschaft nur ein modernes Synonym für das Wort Heimat und Heimat womöglich verstaubt und wir benötigen den Begriff nicht mehr?

Es können Bücher gefüllt werden mit den Versuchen, die Begriffe Heimat und Kulturlandschaft zu definieren. Eine letztgültige Definition zu finden ist demnach schwierig. Auch ich werde hier keine weitere Definition hinzufügen. Wesentlich erscheint mir jedoch, diese beiden Begriffe im internationalen Kontext zu betrachten, denn daraus erklärt sich, warum wir uns überhaupt mit dem Thema befassen. Es gibt mehrere Ebenen, auf denen der Blick auf unverwechselbare Kulturlandschaften und Kulturgüter gelenkt wird und die damit eine Wertschätzung erfahren.

Internationales Engagement

Im Jahr 2000 hat der Europarat die Europäische Landschaftskonvention aufgelegt. Darin werden die Erhaltung und Entwicklung aller Kulturlandschaften mit ihren regional charakteristischen Eigenheiten gefordert. Die Unverwechselbarkeit von Landschaften sollte erkennbar bleiben. Die Konvention definiert Landschaft als ein vom Menschen als solches wahrgenommenes Gebiet, dessen Charakter das Ergebnis des Wirkens und Zusammenwirkens natürlicher und/oder anthropogener Faktoren ist.

Personen vor einer toskanischen Villa

Die Teilnehmer der Gründungsversammlung in der Villa Careggi in Florenz. In Florenz wurde die Landschaftskonvention aufgelegt.

Es werden bei der europäischen Landschaftskonvention ausdrücklich auch die alltäglichen Landschaften einbezogen. Es ist das erklärte Ziel der Konvention, dass Landschaften wahrgenommen und in ihrer Qualität verbessert werden. Wesentlicher Faktor dabei ist die Partizipation der Bürger. Deutschland gehört zu den letzten Ländern Europas, die diese Konvention noch nicht unterzeichnet haben. Dies liegt u.a. an der verwaltungsgemäßen Trennung von Naturschutz und Kultur.

Kulturlandschaft ist jedoch ein interdisziplinäres Thema, und damit tun sich Verwaltungen schwer. Der Bund Heimat und Umwelt engagiert sich daher seit langem auf bürgerschaftlicher Ebene für die Umsetzung der Konvention. Wir sind Gründungsmitglied im europäischen Netzwerk CIVILSCAPE. Hierin sind europaweit Verbände zusammengeschlossen, die sich für die Umsetzung der Landschaftskonvention einsetzen.

Ein weiteres Netzwerk haben wir auf Bundesebene gegründet. Es handelt sich um das Deutsche Forum Kulturlandschaft. Das Forum Kulturlandschaft vereinigt Organisationen in Deutschland, die sich mit Kulturlandschaft befassen. Dieses Netzwerk dient sowohl dem Informationsaustausch als auch der politischen Lobbyarbeit zur Stärkung der Kulturlandschaften.

Auf globaler Ebene hat die UNESCO herausragende Beispiele zum Welterbe geadelt. Das hier nächst liegende Beispiel ist das Kloster Maulbronn. Die UNESCO würdigt den außergewöhnlichen, universellen Wert des Klosters Maulbronn und stellt es auf die weltweit wahrgenommene Liste des Welterbes.


Blick auf die Altstadt

UNESCO-Welterbe Bamberg mit Schloss, Kirche und Altstadt.


Ein weiteres Beispiel für Welterbe in Deutschland ist Bamberg, wobei das baukulturelle Erbe der Altstadt gewürdigt wird. Die Begründung lautet: Die Altstadt von Bamberg wurde 1993 wegen ihrer Modellhaftigkeit in die Welterbeliste aufgenommen. [...] In dem historischen Stadtbild mit seinen zahlreichen Monumentalbauten aus dem 11. bis 18. Jh. bleiben architekturgeschichtliche Momente lebendig, die das gesamte Europa betrafen. Hier würdigt die UNESCO also die baukulturelle Bedeutung im internationalen Kontext.

Dünenlandschaft

UNESCO-Biosphärenreservat Südost-Rügen.

Eine andere Kategorie auf internationaler Ebene stellen die Biosphärenreservate dar. Im Bild sehen Sie das Biosphärenreservat Südost Rügen. Im Falle der Biosphärenreservate zeichnet die UNESCO Kulturlandschaften von besonderer Bedeutung aus. Hierbei steht das Miteinander von Mensch, Kultur und Natur im Vordergrund der Schutzkategorie.

Gemäß der UNESCO sind Biosphärenreservate international repräsentative Modellregionen. In ihnen wird nachhaltige Entwicklung verwirklicht. Damit werben die UNESCO-Biosphärenreservate für den Ausgleich der häufig konkurrierenden Interessen von Nutzung und Bewahrung, Umweltschutz und Wirtschaft, für ein Zusammenleben von Mensch und Natur.

Dieser an sich interdisziplinäre und weitblickende Ansatz der Unesco-Schutzkategorie lässt sich jedoch offenbar in der Öffentlichkeit nur schwer vermitteln. (Im Empfinden der Bevölkerung scheinen Nationalparke mehr wert zu sein). Interessanterweise erfahren Welterbegebiete in Deutschland die größte Publikumswirksamkeit ohnehin erst dann, wenn sie gefährdet sind - so der Fall beim Bau der Elbschlösschenbrücke in Dresden. Spätestens nach der Aberkennung des Titels wusste jeder, dass Dresden Weltkulturerbe war.

Was haben nun die Heimatbünde mit Welterbegebieten zu tun?

Schloss am Fluss

UNESCO-Welterbe Mittelrheintal.

Der Bund Heimat und Umwelt bringt sich als Bundesverband der Heimat- und Bürgervereine in die aktuelle Diskussion ein und betreibt Öffentlichkeitsarbeit auf Bundesebene. Vor Ort sind unsere Landesverbände aktiv und fungieren als Frühwarnsysteme. Beispielhaft möchte ich den Rheinischen Verein, unseren Landesverband in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz, nennen. Er engagiert sich im Welterbe Mittelrheintal und bringt sich mit Veranstaltungen, Resolutionen und Publikationen in die Diskussion um die dortige Kulturlandschaft ein. Auch im Mittelrheintal ist ein neue Brücke zur Rheinquerung geplant (zwischen St. Goar und St. Goarshausen). Hier wird nach verträglichen Lösungen gesucht.

Dom und Bahnhofshallen bei Nacht

UNESCO-Welterbe Kölner Dom.

Der Rheinische Verein hat sich auch dafür engagiert, dass der Kölner Dom wieder von der Liste der gefährdeten Welterbe herunter genommen wurde. Hierzu wurden Vorschläge für eine geeignete Stadtentwicklung erarbeitet.


Heimatbünde können sich also dort einbringen, wo es gilt, Kulturlandschaften wahrzunehmen, ihren Wert zu erkennen und vorbeugend zu handeln.

Welterbe-Auszeichnungen sind sehr ehrenvoll. Naturgemäß können aber nur einige wenige Kulturlandschaften mit diesem Titel gewürdigt werden. Der Europarat hat im Rahmen der Landschaftskonvention ebenfalls eine Auszeichnung entwickelt. Er hat in diesem Jahr erstmals den Europäischen Landschaftspreis vergeben. Im Oktober wurde der sogenannte Council of Europe 2009 Landscape Award an eine Region in Nordfrankreich verliehen, dem Parc de la DeŻle, bei Lille.

Der SHB hat die Nase vorn

So gesehen hatte der Schwäbische Heimatbund auf europäischer Ebene die Nase vorn, als er bereits Anfang 2009 die Auszeichnung Kulturlandschaft des Jahres verliehen hat. Damit hat der Schwäbische Heimatbund eine vorbildliche und auch für andere Bundesländer wegweisende Initiative gestartet. Mit der Würdigung der Region Stromberg-Heuchelberg-Zabergäu wurde zudem vor Ort ein interessanter Bogen gespannt zwischen der Auszeichnung einer Region auf Landesebene und der internationalen Auszeichnung des Klosters Maulbronn als Welterbe. Beide Auszeichnungen zeigen, dass der Kulturlandschaft ein besonderer Wert zugemessen wird. Dies ist ein wichtiger Schritt der Wahrnehmung und der daraus (hoffentlich) folgenden Erhaltung des kulturellen Erbes. Dennoch unterscheiden sich die Blickwinkel, aus denen heraus die beiden Auszeichnungen vergeben wurden.

Mit der Auszeichnung des Schwäbischen Heimatbundes wird ein ganz wichtiger Aspekt betont. Gewürdigt wird das Engagement der Menschen in dieser Region, die sich für ihre Landschaft einsetzen. Für die Menschen vor Ort ist es wichtig, dass sie selbst ihre Kulturlandschaft schätzen lernen, dass sie aktiv werden und sich ihre Heimat nicht nehmen lassen.


Industriegelände

Landschaftspark Duisburg-Meiderich.


Dafür muss eine Landschaft nicht im Sinne der UNESCO herausragend sein. Es muss nicht einmal eine Landschaft sein, die landläufig als besonders schön angesehen wird. Ein gutes Beispiel hierfür stellen dabei die Bergbaufolgelandschaften dar. Hier ein Beispiel aus Sachsen Anhalt, wo sogar einige der Bergbauhalden aufgrund der charakteristischen Landschaftsprägung unter Denkmalschutz stehen. Sie sind in der Tat identitätsstiftend. Im Ruhrgebiet hat man mit der Industriekultur ebenfalls einen Schritt nach vorne gemacht. Wer hätte beispielsweise vor 20 Jahren gedacht, dass Essen einmal Kulturhauptstadt werden würde?

Die Region "Stromberg-Heuchelberg-Zabergäu"

Wenden wir uns wieder dieser Region zu: Der Schwäbische Heimatbund stellt auf seiner Internetseite die Kulturlandschaft des Jahres vor. Hervorgehoben werden die landschaftliche Vielfalt, die unverwechselbaren Kennzeichen und das unverkennbare Profil. Damit beschreibt er die charakteristische Eigenart von Landschaft. An anderer Stelle heißt es, der Betrachter könne sich an Landschaftsbildern erfreuen. Damit beschreibt er die emotionale Komponente.

Auch die zeitlichen und integrativen Aspekte greift der Schwäbisch Heimatbund auf seiner Internetseite zur Kulturlandschaft des Jahres auf und betont deren Bedeutung als Heimat. Es heißt dort Wir wollen dazu beitragen, dass Einheimische und Zugewanderte diesen Raum auch als ihre Heimat empfinden, der ihre Identität mitbestimmt und für dessen Wertschätzung, Pflege und gute Zukunft es sich lohnt, sich mit Freude und Tatkraft einzusetzen.

Der Schwäbische Heimatbund verwendet also beide Begriffe Heimat und Kulturlandschaft im gleichen Zusammenhang. Inhaltlich meinen beide Begriffe auch ähnliches. Beim Heimatbegriff treten die regionalen und emotionalen Komponenten stärker in den Vordergrund. Daher eignet sich der Begriff - gemeinsam mit dem Kulturlandschaftsbegriff - insbesondere für das Gespräch mit den Menschen vor Ort.

Erfahrungsgemäß stellt man gerade in der Fremde fest, was Heimat ist. Dennoch lässt sich sich auf europäischer und internationaler Ebene mit dem Kulturlandschaftsbegriff leichter umgehen, zumal der Heimatbegriff ein deutsches Wort ist, das man kaum übersetzen kann. Auf dieser Ebene ist es wesentlich, dass wir uns für die Erhaltung der Vielfalt von unverwechselbaren Kulturlandschaften einsetzen.

Es ist jedoch eine wichtige Aufgabe - und dies gilt sowohl für den Bund Heimat und Umwelt als Bundesverband als auch für die Heimatbünde in den einzelnen Bundesländern - dafür zu sorgen, dass der Heimatbegriff wieder modern wird. Er muss mit zeitgemäßen Ansätzen endgültig das ihm immer noch anhaftende Verstaubte, manchmal auch das Rechtslastige verlieren, damit er seinem Wert entsprechend eingesetzt werden kann.

Die Arbeit des BHU kann nur in Zusammenarbeit mit seinen Landesverbänden gelingen. Wir sind daher froh über den guten Kontakt mit dem Schwäbischen Heimatbund und freuen uns auf die weitere gute Zusammenarbeit. In diesem Sinne danke ich dem Schwäbischen Heimatbund für sein tatkräftiges Engagement für Heimat und Kulturlandschaft und wünsche ihm bei seinen Aktivitäten weiterhin viel Erfolg!