Grußwort der Landesregierung

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Grußwort der Landesregierung

Wortlaut des Grußworts von Ministerialdirektor Dr. Albrecht Rittmann, Ministerium für Ernährung und Ländlichen Raum Baden-Württemberg
im Rahmen der Veranstaltung "Zwischenbilanz" Kulturlandschaft des Jahres 2009/2010
Stadthalle, Fruchtkasten Maulbronn, 14. November 2009

Sehr geehrte Damen und Herren,

in den Mauern des Klosters Maulbronn wird heute der Zwischenbilanztag des Projektes Kulturlandschaft des Jahres - Zabergäu, Strom- und Heuchelberg begangen. Ich freue mich, heute Abend als Vertreter der Landesregierung von Baden-Württemberg hier sein zu dürfen und den Abschluss dieser ersten Etappe mit Ihnen zu feiern.

Inmitten eines UNESCO Weltkulturerbes zu stehen, ist an sich schon etwas Besonderes. Doch heute steht dieses bedeutende Dokument der Zeitgeschichte in einem ganz speziellen Zusammenhang. Im Rahmen des Projekts des Schwäbischen Heimatbundes ist dieses Ensemble vor allem eines: Teil der facettenreichen Kulturlandschaft Stromberg - Heuchelberg - Zabergäu.

Der 100. Geburtstag des Schwäbischen Heimatbundes hat dieses Projekt entstehen lassen. Ein neues Kapitel in der hundertjährigen Auseinandersetzung mit den Kulturlandschaften unserer Heimat. Sucht und findet der Schwäbische Heimatbund damit einen Weg aus der immerwährenden Diskussion, wie die Pflege unserer Kulturlandschaft auszusehen hat? Heimat und Identität? Wie steht es um den Zusammenhang zwischen einer von unseren Vorfahren hinterlassenen Landschaft und der anthropogenen Betätigung der Gegenwart? Stromberg, Heuchelberg und Zabergäu - eine Raumschaft, die von einem besonders reizvollen Wechsel lebt: Landwirtschaft mit Weinbau, Wald und abwechslungsreicher Topographie bilden den Rahmen. Zusammen mit Dörfern, historischen Städten und zahlreichen Kulturdenkmälern ergeben sie eine Landschaft, die über Jahrhunderte durch den wirtschaftenden Mensch geprägt ist. Nicht umsonst hat sie auch die Eigenschaft eines Naturparkes bekommen.

Diese Raumschaft ist aber gefährdet. In mehrerlei Hinsicht. Von der Neckarseite her fressen sich die Gewerbegebiete und Siedlungsflächen in die Landschaft. Bei den entfernteren Dörfern sind die Gehsteige schon tagsüber hochgeklappt. Die Dörfer verlieren ihre agrarwirtschaftliche und merkantile Bedeutung und werden zu bloßen Schlafstätten. Die naturnahe Kulturlandschaft beginnt sich von der einen Seite zu verstädtern, von der anderen Seite von innen heraus auszubluten. Bricht da nicht manche Vorstellung, die sich gegen die utilitaristische Umnutzung des Herkömmlichen sperrt, einfach zusammen? Die Landwirtschaft wird aus den Dörfern verschwinden, wenn sie in immer größeren Einheiten wirtschaften muss - man mag dies bedauern. Die Bevölkerung wird tendenziell im ländlichen Raum zurückgehen. Das Dorf, das zentrale Element einer ländlich orientierten Kulturlandschaft, die historische Zelle des ländlichen Raumes, der formende Baustein einer Landschaft im ästhetischen Sinne, hört es auf zu existieren?

Wohnen und Arbeiten im ländlichen Raum findet auf neuerschlossenen Flächen statt, in Neubausiedlungen und Gewerbegebieten. Das Dorf leert sich deshalb von innen heraus. Aber wenn ein Baum von innen hohl wird, sterben früher oder später auch die Äste ab. Gibt es ob dieser Trostlosigkeiten noch eine bewahrende Heimatpflege? Machen wir etwas falsch, wenn wir den Schutz des Taubenschwänzchens, der letzten Blumenwiesen, der Trockenmauern in den Steillagen, der Streuobstbestände, der Dorfkelter und des Backhauses in den Fokus unserer Bemühungen stellen?

Darf es angesichts des rasanten Zusammenbruchs tradierter dörflicher Betätigung, welche die Kulturlandschaft schuf, die wir in liebender Heimatverbundenheit bewahren wollen, aber sie unweigerlich auch in der gleichen Gesetzmäßigkeit wieder verschwinden läßt, nicht viel mehr eines anderen Ansatzes? Eines Ansatzes, der zuvorderst den Stromberg, den Heuchelberg, das Zabergäu von innen heraus neu vitalisiert? Nicht konserviert, sondern neu belebt. Müssen wir nicht den ländlichen Raum in seiner eigenen Besonderheit pflegen, fördern und weiterentwickeln?

Müssen wir nicht der Landschaft, die wir nicht dem Einheitsbrei industrialisierter Normen aussetzen wollen, neuen Atem einflößen? Standortangepaßt, nachhaltig, verbunden mit der vorhandenen Natur. Ihr die Kraft verleihen, aus sich selbst heraus zu leben? Nicht nur der Appendix von Stuttgart, Heilbronn, Pforzheim und Karlsruhe zu sein?

Die Landesregierung von Baden-Württemberg hat erkannt, dass der reine konservierende Schutz auf Dauer nicht ausreichen wird. Dem ländlichen Raum muss eine neue Funktion gegeben werden, wenn er seine alte unweigerlich verliert, damit er in einer Form erhalten werden kann, die seine Eigentümlichkeit bewahrt.

Auch für die Politik ist das ein Prozess, der noch verstärkt werden muss, aber die Weichen sind gestellt. Seit 2006 besteht ein Kabinettsausschuss Ländlicher Raum, im gleichen Jahr wurde die Nachhaltigkeitsstrategie des Landes Baden-Württemberg etabliert, die sich ebenfalls mit einzelnen Projekten um den ländlichen Raum kümmert. Im Ministerium für Ernährung und Ländlichen Raum gibt es inzwischen eine ganze Reihe von Instrumenten, um die Potenziale des ländlichen Raumes zu stärken.

Meine Damen und Herren,
meine Botschaft heißt damit aber nicht, der Staat wird es schon richten. Ganz im Gegenteil. Die Erhaltung einer Kulturlandschaft ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Wir brauchen eine Kraftanstrengung aller gesellschaftlichen Kräfte. Ich bin optimistisch, dass sich der durchaus schon vorhandene Bodensatz an bürgerlichen Aktivitäten noch deutlich steigert. Gerade in Zeiten des Umbruchs und der Globalisierung ist die Auseinandersetzung mit der Heimat ein Thema, das vielen am Herzen liegt. Die Menschen besinnen sich - oftmals auch unbewusst - in unserer immer schneller und für den Einzelnen manchmal auch zunehmend schwerer überschaubareren Welt zurück auf ihre Wurzeln. Und sie suchen trotz oder gerade wegen ihrer wachsenden räumlichen Flexibilität nach der Identifikation mit ihrem Lebensraum.

Diese Identifikation wiederum verstärkt die regionale und die eigene Identität. Und ein gesundes Selbstverständnis ist eine wichtige Grundlage dafür, der Welt mit offenen Augen und Herzen zu begegnen.

Und damit schließt sich der Kreis zum Projekt des Schwäbischen Heimatbundes, zu dem heute Zwischenbilanz gezogen wird. Wir zählen auch auf den Schwäbischen Heimatbund als einer gesellschaftlichen Kraft, die in der Lage ist, wichtige Prozesse anzustoßen.

Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend.