Kulturlandschaft des Jahres – Zabergäu, Strom- und Heuchelberg.

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Kulturlandschaft des Jahres – Zabergäu, Strom- und Heuchelberg.

(von Reinhard Wolf)

Eine kleine Naturkunde

"Die Nähe ist von Ferne stets begleitet, und in die Enge reicht ihr großes Licht"

Luftbild einer Landschaft

Im Stromberg oberhalb von Pfaffenhofen geht der Blick vom «Weißen Steinbruch» weit über das Zabergäu zum Heuchelberg.

Diese Worte von Dr. h.c. Otto Linck (1892-1985), der sechs Jahrzehnte lang als Forstmann, Naturschützer, Heimatkundler, Wissenschaftler und Dichter in Güglingen gelebt und gewirkt hat, kommen unwillkürlich in den Sinn, schaut man von einem Ausblick des Strombergs oder des Heuchelbergs ins Zabergäu hinaus: Weinberge, Obstbaumwiesen, Felder und Wiesen in unmittelbarer Nähe, die Ortschaften entlang der Zaber im Mittelgrund, und jenseits in der Ferne ein langgestreckter Höhenrücken, der den Horizont begrenzt und dem Ganzen einen Rahmen gibt: Die Nähe ist von Ferne stets begleitet ... Und dann diese freundliche, offene Landschaft, die vor uns ausgebreitet liegt und an mediterrane Bilder erinnert, die Wesenszüge der Toskana trägt; eine Landschaft, die nicht abgeschlossen ist, sondern sich nach Osten öffnet ins weite Neckarland: ... und in die Enge reicht ihr großes Licht!

Es ist eine eigene kleine Welt, das Zabergäu, eine Landschaft, die dem ganzen Charakter nach zum württembergischen Unterland gehört und doch ihre eigenständigen Wesenszüge aufweist. Eine überaus liebliche Landschaft, begrenzt durch bewaldete Höhenzüge, aber nicht abgeschlossen gegen die weitere Umgebung, sondern Teil des Ganzen. Gäu- und Keuperlandschaft mit unterschiedlichen Charakterzügen sind hier kein landschaftlicher Gegensatz, sondern verbinden sich mit reizvollen Kontrasten und vielen harmonischen Übergängen zu einer Kulturlandschaft unverwechselbaren Aussehens.

Unter einer Gäulandschaft versteht man eine weitgehend waldlose, durch ausgedehnten, landschaftsprägenden Ackerbau gekennzeichnete klimabegünstigte Landschaft. Beim Korn- und beim Strohgäu erkennt man schon am Namen, wonach sie benannt sind; das Heckengäu wird von zahlreichen Hecken auf kargem Untergrund zwischen den Äckern gekennzeichnet, und der Kraichgau – die am weitesten ausladende Gäulandschaft unter den genannten südwestdeutschen Gäulandschaften – hat seinen Namen nach dem diese Landschaft entwässernden Flüsschen Kraich. Auch das Zabergäu trägt seinen Namen nach einem Bach, der seine Quelläste in den Wäldern bei Zaberfeld hat und sich schließlich als lebendiges kleines Flüsslein nach rund 22 Kilometern Lauf bei Lauffen in den Neckar ergießt.

Weiter Blick über uralte Kulturlandschaft: Das Zabergäu wird von Höhenzügen eingerahmt

Um einen näheren Einblick in das Zabergäu zu bekommen, sucht man am besten einen Aussichtspunkt auf. Unzweifelhaft einer der schönsten ist der "Balkon" beim "Weißen Steinbruch" im Stromberg oberhalb von Pfaffenhofen. Und schon das ist typisch für diese Gegend: Der empfohlene Ausguck ist kein Bergkegel, auf den man mit dem Auto hinauffährt, parkt, kurz Umschau hält und sich daraufhin ins nahe Restaurant begibt - nein, dieser Aussichtspunkt will ein klein wenig erwandert sein und er bietet kein Café: Vom höchsten Punkt der Straße Eibensbach-Ochsenbach und den dortigen Wanderparkplätzen muss man einen Kilometer auf schönem, vom Schwäbischen Albverein gut bezeichnetem Wanderweg nahezu eben durch lichten Laubwald in westlicher Richtung marschieren. überraschend öffnet sich an einer leicht zu findenden Stelle der Wald, und wer sich an Landschaftsbildern erfreuen und begeistern kann, der wird hier auf dem zur besseren Sicht gebauten hölzernen Balkon tatsächlich begeistert sein: Die Nähe ist von Ferne stets begleitet ...

Eigentlich gar kein Tal im eigentlichen Sinn, sondern eine weite Senke breitet sich vor uns aus. Der Bach, die Zaber, lässt sich nur erahnen am Baumbewuchs entlang der Tiefenlinie der Senke. Ein buntes Mosaik an Feldern und Wiesen, wohl geordnet und durchweg gut bewirtschaftet, leitet über zum Band der Gemeinden und Ortschaften, deren Namen man sich, dem Bachlauf von Westen (links) nach Osten (rechts) folgend, merken sollte: Zaberfeld, Weiler, Pfaffenhofen, Güglingen, Frauenzimmern, Brackenheim, Botenheim und Meimsheim. Überschaubare Orte, in den vergangen drei Jahrzehnten freilich über die alten Ortskerne weit hinausgewachsen und stellenweise ein breites Siedlungsband bildend.

Nun die Ferne: Über der Zaberaue und den Ortschaften erheben sich die Weinberge des Heuchelbergs - ein langgestreckter Streifen quer durch das ganze Panorama. Diese Weinberge an den Südhängen, seit langem alle neuzeitlich bewirtschaftet, tragen wesentlich bei zum lieblichen, offenen Charakter des Zabergäus. Sie betonen an den Südhängen die Charakterzüge der Landschaft, während der Wald am Nordabhang des Strombergs die Oberflächenformen verkleidet. Begrenzt wird der Horizont des Panoramas schließlich vom bewaldeten Höhenzug des Heuchelbergs, der im Westen vom Bergsporn der Heuchelberger Warte abgeschlossen wird. Der dortige uralte Turm - mit dem Fernglas sichtbar - steht schon wesentlich näher bei Heilbronn als beim Betrachter.

Der Ausblick und der "Weiße Steinbruch", bei dem wir uns befinden, sollen Anlass sein, sich etwas mit der Landschaftsgeschichte zu befassen. Und wieder ist Otto Linck zu zitieren: Die Erdgeschichte gibt das tiefere Verständnis für die Entstehung der Landschaft. Die beiden Höhenzüge und die Senke dazwischen sind ja keine "zufällige Laune der Natur", sondern Ergebnis Jahrmillionen alter Erdgeschichte. Wir werden bald auf den Aussichtspunkt zurückkehren und uns "Erdgeschichte life" anschauen, zunächst braucht es dazu aber etwas Theorie, Hintergrundwissen.

Der "Weiße Steinbruch" – Jahrzehnte in Betrieb und Fundstätte berühmter Fossilien

Felsbrocken

Im «Weißen Steinbruch» findet man im Stubensandstein auch Muster, die sich im Schlammboden gebildet haben.

Wir begeben uns also vom Aussichtspunkt ein paar Schritte ins Waldesinnere, wo große Tafeln die Bedeutung des ehemaligen Steinbruchs erläutern. Man kann es sich ja kaum vorstellen, dass das von vermoosten Abbruchwänden und Abraumhügeln geprägte Waldgebiet bis 1914 offenes Steinbruchgelände mit reger Betriebsamkeit gewesen sein soll. Doch es war so: Stubensandstein wurde hier abgebaut, einerseits als Mauersteine, sofern quarzitisches Bindemittel für feste, brauchbare Steine sorgte, aber auch als lockerer Sand. Diesen brauchte man für Maurerarbeiten, vor allem aber zum Fegen der einst hölzernen Stubenböden - daher die Gesteinsbezeichnung "Stubensand". Viele interessante versteinerte Reste von Amphibien, Reptilien und Pflanzen aus der Entstehungszeit der Gesteinsschichten vor 210 Millionen Jahren sind hier gefunden worden. Heute kann man an einigen großen Steinblöcken im hintersten Bereich des Bruchgeländes merkwürdige netzartige Wülste erkennen - Hinweise darauf, dass einst Sand in einen ausgetrockneten Meeres- oder Seeboden eingeschwemmt worden ist und das dortige Muster verkrusteten Schlamms ausgefüllt hat.

Der Stubensandstein bildet das Dach des Stromberghöhenzuges und schützt diesen vor zu schneller Abtragung, - die weicheren Mergelschichten darunter würden der Abtragung weit weniger Widerstand leisten. Das Keuperbergland, zu dem Strom- und Heuchelberg und auch der allergrößte Teil des Zabergäus gehören, wird aus einer Wechselfolge aus weichen Tonen und Mergeln sowie harten, widerstandsfähigen Sandsteinpaketen gebildet. Zur Bildungszeit, als Süddeutschland in der weitgespannten Senke des Germanischen Beckens lag, wurde teils durch riesige Flüsse, teils durch Wind unterschiedlichstes Material eingespült oder eingeweht. Millionen Jahre sind vergangen, jüngere, höhere Schichten wie der Jura, der auch hier einst abgelagert worden ist, sind längst wieder abgetragen und spurlos verschwunden.

Die geschilderten Unterschiede der Gesteine, aber auch großräumige Schichtverbiegungen sind der Grund dafür, dass die Zaber aus einem einst geschlossenen Bergland im Lauf der Zeit ein überaus vielfältiges Landschaftsbild herauspräpariert hat. Nichts ist dabei Zufall; fließendes Wasser folgt allein der Schwerkraft und dem Gefälle. Viel Wasser und hohes Gefälle führen zu markanten Oberflächenformen, wenig Wasser in nahezu ebenem Gelände kann keine hohe Erosionsleistung erbringen. Das überaus vielfältige Landschaftsbild des Zabergäus mit Ebenen, Anhöhen, Kuppen, Bergnasen, konkaven und konvexen Hangprofilen, mit Spornen, hier deutlichen Hangkanten und dort mehr runden Formen ist entstanden im Kräftespiel zwischen fließendem Wasser, Widerstandsfähigkeit des Untergrunds und Gefälle.

Weinberge

Weinberge an der Flanke des Heuchelbergs. Die Gipskeuperhänge steigen aus dem nahezu ebenen Zabergäu auf. Das Schilfsandsteindach wird fast durchgehend von Wald eingenommen.

Das Dach des Heuchelbergs besteht aus ebenfalls widerstandsfähigem Sandstein, dem Schilfsandstein - benannt nach eingeschlossenen Pflanzenresten, die man einst für Schilf hielt, richtigerweise aber der Pflanzenfamilie der Schachtelhalme zuzurechnen sind. Der etwas andere, feinkörnigerer Stein mit stärker geschichtetem, lagigerem Gesteinsaufbau sorgt dafür, dass der Schilfsandstein eine Verebnung ausbildet, während der Stubensandstein zu kuppigen Oberflächenformen führt.

Der Schilfsandstein ist etwa 20 Millionen Jahre älter als Stubensandstein und liegt in etwa halber Höhe des Stromberghöhenzuges; an verschiedenen Stellen bildet er Bergsporne aus, wie besonders markant in Hohenhaslach.

Kehren wir zurück auf den Aussichtspunkt. Der Höhenzug des Heuchelbergs ist nahezu "topfeben", blickt man hingegen vom Heuchelberg herüber, zeigt der Stromberg sein Kuppenrelief. Auch den Cleebronner Michaelsberg schützt ein Dach aus Stubensandstein noch lange vor Abtragung. Überall erkennt man im Landschaftsbild charakteristische Bergnasen, Anzeichen besonders widerstandsfähiger Sandsteine im Untergrund. Und dann wieder weiche Hügel und Hänge, Hinweise, dass dort die jahrtausendelange Erosion durch die Zaber und deren Nebenbäche leichtes Spiel hatte, Material abzutragen und dem Neckar zuzuführen. Wer es nun schafft, beim Blick in die Landschaft im Zeitraffer Tausende von Jahren an sich vorüber ziehen zu lassen, der kann sich vorstellen, wie Berg und Tal geworden sind.

Wald, Wein, Obstwiesen, Ackerfläche

Typische Abfolge am Stromberg: Auf den Höhen und an West-und Nordhängen Wald, in Südlage Rebzeilen und im Tal Streuobstwiesen und Felder.

Hat man einmal "den Blick" für die wesentlichen Landschaftsmerkmale des Zabergäus und seiner begrenzenden Höhen, sieht man den Aufbau der Landschaft auch von anderen Aussichtsbergen, die einer um den anderen empfehlenswert sind: Allen voran natürlich der ringsum von Reben bestandene, fast vom Stromberg losgelöste Michaelsberg bei Cleebronn, dann das Dürrenzimmerner Hörnle, der Spitzenberg bei Zaberfeld und die bereits genannte Heuchelberger Warte. Von allen diesen Punkten sieht man auch das Grundmuster der Landnutzung, die sich im Zabergäu immer und immer wiederholt, ohne je genau gleich zu sein oder gar irgendwo monoton zu wirken: unten Wiesen und Felder, an den Südhängen Weinbau und oben auf den Höhen der Wald.

Wie die Finger einer großen Hand – Höhenzüge weisen alle nach Osten

Bevor wir uns dem Zabergäu näher widmen, werfen wir zunächst einen Blick über die engeren Grenzen des Gäus hinaus. Es klingt fast etwas abgedroschen, das Bild ist aber so anschaulich: Wie eine Hand mit nach Osten gespreizten Fingern liegt das Keuperbergland von Strom- und Heuchelberg im Neckarland. Die Handwurzel liegt in der Gegend Maulbronn-Sternenfels, der Zeigefinger ist der Heuchelberg, zwischen Zeige- und Ringfinger liegt das Zabergäu. Die drei weiteren Finger symbolisieren die Höhenrücken des Strombergs, getrennt von den Tälern des Kirbachs und der Metter. Der nördlichste Höhenzug ist der höchste, markanteste, der am Baiselsberg bis 477 Meter ansteigt. Wer das Bild von der Hand nachvollziehen möchte, schaue das Satelliten-Bild unter Google-Maps an: Die Wälder zeichnen die Höhenrücken nach, und selbst der Eppinger Hartwald tritt als Daumen deutlich in Erscheinung.

Im Süden wird der Stromberg durch das Enztal begrenzt, das die Grenze zum Nordschwarzwald bildet. Überwiegen im Stromberg die sanften, gerundeten Landschaftsformen des Keuperberglandes, zeigt sich das Enztal zwischen Pforzheim, Vaihingen und Bietigheim-Bissingen als eher schroffes, in die Muschelkalktafel eingesägtes Tal. Zwei Täler, Zabergäu und Enztal, beide durch fließendes Wasser geschaffen und doch so unterschiedlich, wie man sie sich kaum unterschiedlicher vorstellen könnte: Das Zabertal im Keuper eine weite Mulde, das mäandrierende Enztal im Muschelkalkland eine Furche, wie mit einem Riesenpflug ins Land gerissen. Einen besonders schönen Überblick über die Landschaft hat man am "Enzblick" zwischen Roßwag und Mühlhausen: nach Süden den Überblick über die markante, tief eingeschnittene Enzschlinge, und wenn man sich umwendet, hinüber zum Stromberg, steigt dieser unvermittelt aus der Verebnung über dem Enztal auf.

Felsvorsprung über dem Neckar

Von der Höhe der Hessigheimer Felsengärten geht der Blick hinunter zum Neckar.

Der Neckar, in den die Enz bei Besigheim mündet, bildet die östliche Begrenzung der Zabergäu-Landschaft. Auch hier markante Landschaftsformen und Talschlingen, Felsbildungen, wie man sie im Zabergäu, am Strom- und Heuchelberg nirgendwo findet. Die bekannten "Hessigheimer Felsengärten" mit ihren Felstürmen sind ein besonders prägnantes Beispiel für diesen Neckarabschnitt. Auch von den Hessigheimer und Besigheimer Randhöhen des Neckartals aus hat man übrigens einen schönen Blick auf den Stromberg, an klaren Tagen sogar bis zum Heuchelberg: Wie auf die Muschelkalk-Gäufläche aufgesetzt wirkt das Keuperbergland aus diesem Blickwinkel, und dieser Eindruck stammt nicht von ungefähr. Keuper und Muschelkalk sind zwei ganz unterschiedliche Gesteinsarten mit ganz unterschiedlicher Widerstandsfähigkeit gegenüber fließendem Wasser. So ist es kein Wunder, dass die - im Durchschnitt - weicheren, weniger widerstandsfähigen Schichten des Keupers bis auf das harte Fundament, die widerstandsfähige Muschelkalktafel, abgetragen sind. In diese Tafel haben sich die Flüsse in Windungen ("Mäanderbögen") eingegraben; die Talflanken blieben schroff und steil, während sie im Keuperbergland langsam der Erosion nachgegeben und sich verflacht haben.

Bäche, die aus dem Keuperbergland in die Enz oder direkt in den Neckar fließen, weisen ein ganz charakteristisches Gefälleprofil auf: Nach steilem Verlauf im Quellgebiet fließen sie mit schwachem Gefälle dahin und drohen im Übergangsbereich zwischen Keuper und Muschelkalk fast eben zu verlaufen, weshalb es dort in den Tälern gelegentlich zu Versumpfungen kommt. Unvermittelt aber nimmt das Gefälle beim Eintritt des Baches in den Muschelkalk wieder stark zu, aus einem gestreckten Muldental wird ein windungsreiches Kerbtal, und mit rauschenden Wassern fällt der Bach geradezu in Enz oder Neckar.

Die Zaber ist ein Musterbeispiel für diese Gewässercharakteristik: Die wenig spektakuläre Zaberquelle liegt in 330 Meter Meereshöhe im Wald an der Straße Zaberfeld-Häfnerhaslach. Bis zum Stausee Ehmetsklinge plätschert das Bächlein auf gut einem Kilometer Lauflänge schon 100 Höhenmeter bergab. Bis Meimsheim, also auf etwa 18 Kilometern ihres Laufs durchs gesamte Zabergäu, werden dann gerade mal 50 Meter Gefälle überwunden. Nachdem die Zaber bei Brackenheim geradezu zögert, sich in den Muschelkalk einzusägen, und müde durch feuchtes Wiesenland dahinströmt, erreicht sie unterhalb Meimsheim, bei der Schellenmühle, in 180 Meter Meereshöhe den Muschelkalk. Auf einer Strecke von gerade einmal 1.000 Meter tieft sie sich ab hier plötzlich um 15 Meter ein und erreicht den (alten) Neckarlauf. Alter Neckarlauf deshalb, weil es dem Neckar gefallen hat, vor etwa 6.000 Jahren seinen Lauf zu verkürzen, direkt in Lauffen - gleich "Stromschnelle" - einen Durchbruch zu schaffen und die alte Talschlinge wasserlos liegen zu lassen. Der Zaber bleibt also nichts anderes übrig, als von der alten Mündung noch über zwei Kilometer im alten Neckarbett mit geringstem Gefälle dahinzuziehen, bis sie unterhalb Lauffen schließlich dann wirklich den Neckar erreicht.

Begeben wir uns auf unserer Rundfahrt um Zabergäu, Strom- und Heuchelberg in den Norden des Heuchelbergs. Das Leintal, das schon dem südlichen Kraichgau zuzurechnen ist, ist auf weite Strecken kaum als Tal auszumachen und stellt sich im Raum Schwaigern eher als flachgewelltes Ackerland dar. Nur im Oberlauf, bei Kleingartach, besitzt das Tal markantere Züge; im Quellbereich trennt der Leinbach den Eppinger Hartwald vom Heuchelbergzug ab. Auch in der Gegend um Sulzfeld und Oberderdingen prägen Kraichgaubäche das flachgewellte, vorwiegend agrarisch geprägte Landschaftsbild. Zum Rhein haben es die Bäche im Westen des Strom- und Heuchelbergs einfach weiter als die Zaber zum Neckar, deshalb ist die Erosionsleistung geringer und die Oberfläche weniger von Tälern zerschnitten.

Dieses Bild ändert sich im Westen des Strombergs - also im Bereich der genannten "Handwurzel". Die Salzach und ihre Nebenbäche sorgen für mehr Gefälle und Erosionsleistung, und so ragen um Sternenfels, Diefenbach und Zaisersweiher die westlichsten Stromberghöhen als markante Bergvorsprünge in die niederere Keuperlandschaft um Maulbronn vor. Das Landschaftsbild ist dort überaus lebendig und vielfältig, das junge, enge Salzachtal bei Maulbronn war für die Gründung eines einst abgelegenen Zisterzienserklosters im Mittelalter geradezu ideal.

Eine eigene kleine Welt und doch weltoffen: Das Zabergäu und seine Umrahmung

Eidechse im Mauerwerk

Die Mauereidechse und der Schachbrettfalter (nächstes Bild) sind zwei Vertreter der Tierwelt trockenwarmer Weinberge und Waldränder im Zabergäu.

Wir haben nun den Stromberg und den Heuchelberg, die südliche und nördliche Umrahmung des Zabergäus, umrundet. Ganz unterschiedlich sind die Wesenszüge der durchstreiften Landschaften, und diese Unterschiede wirken sich auch - indirekt - auf das Zabergäu aus. Bezeichneten wir das Zabergäu eingangs als eigene Welt, aber nicht abgeschlossen, sondern mit vielfältigen Beziehungen zur Umgebung, so muss man sich vergegenwärtigen, dass es ja nur "Katzensprünge" sind von Zaberfeld nach Eppingen, von Brackenheim nach Heilbronn oder von Cleebronn nach Besigheim.

Und diese Außenbeziehungen sind für die Bewohner des Zabergäus so selbstverständlich wie die Bindungen und Verflechtungen zwischen den Orten des Gäus. Die leider nicht mehr existierende Zabergäubahn hat das Tal mit Heilbronn verbunden, heute sind mit dem Auto auch die Verbindungen über die Waldhöhen kein Thema. Und diese Beziehungen "nach draußen" prägen das Zabergäu seit jeher, - man denke nur an den Weinhandel in Gegenden wie den Schwarzwald, wo kein Wein gedeiht - und deshalb kann man das Zabergäu auch nicht ohne Strom- und Heuchelberg und diese Höhenzüge umgekehrt nicht ohne das Zabergäu schildern. Beide stehen in enger Wechselbeziehung zueinander: Ohne Strom- und Heuchelberg wäre das Zabergäu nicht das, was es ist.

Schmetterling

Vom Raum Maulbronn-Sternenfels aus, wo wir unsere Rundfahrt beendet haben, wollen wir nun das Zabergäu "von der Handwurzel bis zu den Fingerspitzen" etwas näher betrachten: Die Straße von Sternenfels nach Zaberfeld-Leonbronn quert etwa halbwegs die Wasserscheide zwischen den westwärts gerichteten Kraichgau-Bächen und den Zaber-Quellästen. Es ist eine Art "Pass", eine Grenze zwischen zwei Landschaften mit unterschiedlichem Charakter. Hier quert auch die alte badisch-württembergische Landesgrenze, hier findet man rechts und links auch noch die Wälle und Gräben der Eppinger Linien, einer Befestigungslinie aus der Zeit des Pfälzischen Erbfolgekriegs (1688-1697). Auch wenn die Grenze zwischen den Landkreisen Heilbronn und Karlsruhe keiner Befestigung mehr bedarf, so ist es doch kein Zufall, dass diese markante Stelle über alle Zeiten hinweg Grenzbedeutung hatte und nach wie vor hat. Der Vergleich mit dem Brenner in den Alpen mag hinken, und dennoch haben beide eines gemeinsam: Wer den Pass überquert, betritt eine andere Landschaft, rein geographisch, aber auch politisch gesehen.

Zaberfeld mit Leonbronn und Ochsenburg liegt an den Quellästen der Zaber. Ochsenburg duckt sich in einem Taleinschnitt, wird aber von weiten, ebenen Ackerfluren der in ihrem westlichsten Teil waldlosen Heuchelberg-Hochfläche umsäumt. Rings um Zaberfeld ist das Landschaftsbild "unruhig", mehrere Bäche treffen hier zusammen und haben die "Handwurzel" in einzelne Anhöhen zergliedert. Auffallend erhebt sich der Spitzenberg über dem Ort, fast kreisrund, obenauf ein Waldschopf, an der Südseite Reben. Die Berginsel ist samt Umgebung Naturschutzgebiet; vor allem in den aufgelassenen Weinberggrundstücken des Naturschutzvereins Zaberfeld finden sich Pflanzenarten wie Sand-Mohn, Pracht-Nelke oder Färberkamille, die nur im warmen, milden Weinbauklima gedeihen. Wer Glück hat, kann an den alten Stützmauern die Mauereidechse huschen sehen.

Seenlandschaft

Das Rückhaltebecken Ehmetsklinge passt sich gut in die vielfältige Landschaft des oberen Zabergäus ein.

Drei große Rückhaltebecken prägen die Umgebung von Zaberfeld; sie dienen in erster Linie dem Hochwasserschutz. Das größte, die Ehmetsklinge, hat ein Fassungsvermögen von 590.000 cbm und ist im Sommer ein beliebter, vielbesuchter Badesee. Im Frühsommer 2009 wird unweit des Dammes das Naturparkzentrum Stromberg-Heuchelberg eröffnet. Eine umfassende Ausstellung über die Region mit ihren vielfältigen Angeboten ist in dem Haus untergebracht, ebenso die Geschäftsstelle des Naturparks mit Informationsmöglichkeiten aller Art. Auch am Katzenbachsee wird gebadet, während es am Michelbachsee im Naturschutzgebiet still und ruhig zugeht und verschiedene Entenarten ihre Kreise ziehen.

"Wie lange haben Sie für diesen Brief gebraucht?" – "Zwei Viertele Trollinger" (Theodor Heuss zugeschrieben)

herbstliches Luftbild

Luftaufnahme des Michaelsbergs bei Cleebronn, des östlichen Ausläufers des Strombergs. Auf der Höhe das ehemalige Kapuzinerkloster samt Kirche. Dieser Berg ist als einziger in Württemberg auf allen Seiten von Weinstöcken umgeben. Im Hintergrund erkennt man den Kühlturm des Kraftwerks Heilbronn im Norden der Stadt.

Gleich unterhalb von Zaberfeld wird das sich schnell weitende Zabertal an den Südhängen von Weinbergen begleitet, deren Band sich gegen Osten immer mehr verbreitert und die immer größere Flächen einnehmen. Güglingen, Stockheim, Haberschlacht, Neipperg, Dürrenzimmern, Brackenheim, Nordhausen sind Ortsnamen, die jedem Weinkenner bestens bekannt sind. Brackenheim mit seinen Stadtteilen rühmt sich mit 825 Hektar Weinanbaufläche, die größte Weinbaugemeinde Württembergs und die größte Rotweingemeinde Deutschlands zu sein! Theodor Heuss (1884-1963), Politiker und Staatsmann, erster Bundespräsident der Nachkriegszeit, Journalist und Literat, ist in Brackenheim geboren, und es ist sicher kein Zufall, dass er sein Promotionsthema dem Weinbau gewidmet hat.

Der Wein war und ist wichtiger Wirtschaftsfaktor im Zabergäu, am Heuchelberg und Stromberg. Weinberge prägen weite Teile dieser Landschaft, und bekannte Weinnamen tragen den Namen dieser Landschaft weit hinaus. Weinbau ist mehr als Ackerbau und erst recht mehr als Handel und Gewerbe auf günstige Standortfaktoren in der Landschaft angewiesen: mildes Klima, Hanglagen mit Südexposition und entsprechend geeignete Böden. Weinbau und Weinwirtschaft sind daher prägende Faktoren dieser Kulturlandschaft.

Unzählige Weinbergwege laden zum Spazierengehen ein; wer es etwas ruhiger möchte, wählt die Höhenwege, die teils im Wald, teils an der aussichtsreichen Hangkante entlang verlaufen. Das Dürrenzimmerner Hörnle ist ein vom Heuchelberg etwas abgelöster Höhenrücken, an dessen Bergkrone ein Aussichtspunkt einen herrlichen Blick über das Zabergäupanorama bietet. Wie eine "Spielzeuglandschaft" liegt die Talung unten und man sieht Wengerter bei der Arbeit, Traktoren - je nach Jahreszeit - pflügen, säen, mähen, ernten - alles fast aus der Vogelschau.

Ganz im Nordosten krönt schließlich die 1483 unter dem württembergischen Grafen Eberhard im Bart erbaute Heuchelberger Warte die Weinberglandschaft. Hier endete der württembergische Landgraben, der als befestigte Grenzlinie den Heuchelberg mit den Löwensteiner Bergen verband. Die Rundumsicht von diesem Wartturm - am schönsten an einem klaren Spätsommertag - ist bestechend: Heilbronn und Umgebung liegen ausgebreitet vor uns, jenseits des Neckars die Löwensteiner Berge, als Pendant zum Heuchelberg, mit dem Funkturm auf dem Stocksberg, das Neckartal bei Besigheim und schließlich das Zabergäu an seiner breitesten Stelle, von dessen gegenüberliegender Seite der Michaelsberg und die Stromberghöhen herübergrüßen.

Machen wir einen Sprung über die Zaber nach Cleebronn. Rechts und links der Zaber weiten sich Ackerfluren, jedoch keineswegs nur quadratisch, praktisch, sondern den Bodenwellen angepasst, unterbrochen von Wiesen und Gehölzstreifen entlang Gräben. Eiszeitlicher Löss verkleidet fast im gesamten Zabergäu den Unterkeuper-Untergrund; Lösslehmböden konnten in den Eiszeiten entstehen und gelten als die fruchtbarsten weit und breit. Im Zusammenhang mit dem milden, noch ozeanisch geprägten Klima sind die Bedingungen für die Landwirtschaft samt dem Weinbau geradezu optimal. Zwischen Botenheim und Meimsheim liegt das Naturschutzgebiet "Zaberauen". Wie schon geschildert, ist die Zaber auf dieser Laufstrecke abflussträge, und so befinden sich hier feuchte Wiesen, an deren Nutzung heute kein Mensch mehr Interesse hat. Ein Teil davon wird im Auftrag der Naturschutzverwaltung gepflegt, um seltenen und gefährdeten Vogelarten Brut- und Rückzugsraum zu bieten, weite Teile der Aue sind jedoch Röhrichte, Seggenried und Hochstaudenflur, unterbrochen durch Weidengebüsch.

Zwischen Wohn- und Gewerbegebieten und doch abgeschieden davon hat sich hier ein Fleckchen Natur halten und entwickeln können, das in seiner Bedeutung als Pflanzenstandort und auch als Rastgebiet für Zugvogelarten nicht unterschätzt werden darf.

360 Grad-Panorama bis hin zur Schwäbischen Alb – der Michaelsberg "Wächter des Zabergäus"

Cleebronn wird überragt vom Michaelsberg. Wer einmal dort oben war, das dem heiligen Georg geweihte Kirchlein besucht hat oder sogar bei einer Veranstaltung im angrenzenden Jugend- und Tagungshaus war, wer einmal auf der Mauer unter den Lindenbäumen gesessen ist und über Trippsdrill, Bietigheim, Asperg und Stuttgart hinweg seinen Blick zur "blauen Mauer" der Schwäbischen Alb hat schweifen lassen, der wird das nie vergessen und immer wieder kommen. Auch wenn die alte, ungemein vielfältige Weinberglandschaft rund um den Michaelsberg in stark umstrittener Rebflurbereinigung in den 1960er-Jahren einer rationell zu bewirtschaftenden neuen Weinbaulandschaft gewichen ist: Der Michaelsberg als der "Wächter des Zabergäus", von weither sichtbar mit unverkennbarem Profil, ist unbestritten einer der landschaftlichen und kulturellen Glanz- und Höhepunkte unseres Landes.

Sumpf

Im Naturschutzgebiet «Lauffener Neckarschlinge» erstreckt sich ein Sumpfwald mit Schilfröhricht, Erlenbruchwald und Weidendickicht. Viele Amphibien finden hier ideale Lebensraumbedingungen.

Beschließen wir unsere Zabergäu-Tour mit einem Besuch des Naturschutzgebietes "Lauffener Neckarschlinge", eben jenes vom Neckar zwischen 500 und 300 v. Chr. verlassenen Mäanderbogens: Ein Sumpfwald mit Schilfröhricht, Erlenbruchwald und Weidendickicht breitet sich hier aus. Unter Graf Ulrich von Württemberg wurde hier 1454 ein See aufgestaut, der aber längst verlandet ist. Unweit des alten Dammes strömt die Zaber vorbei. Sie hat 20 Kilometer Lauf hinter und noch zwei Kilometer vor sich. Eine seit Jahrtausenden vielfältigst genutzte Kulturlandschaft durchfließt dieses Flüsslein, uraltes Bauern- und Wengerterland, das heute im Randgebiet des Wirtschaftsraumes Heilbronn-Stuttgart eine wichtige Rolle spielt: nach wie vor als Ackerbaufläche, als Weinberglandschaft, mit wichtigen und bekannten Industrie- und Gewerbebetrieben, zunehmend aber auch als Ausgleichs- und Erholungsraum.

Libelle

Die Vierfleck-Libelle benötigt während ihrer verschiedenen Lebenszyklen größere Röhrichte und Wasserflächen. Im Naturschutzgebiet «Zaberauen» zwischen Meimsheim und Botenheim kommt sie recht häufig vor.

Haben wir diesen Beitrag begonnen mit Worten von Otto Linck, der im oberen Zabergäu, in Güglingen, lebte, so wollen wir ihn beschließen mit ein paar Zeilen des in Lauffen geborenen Dichters Friedrich Hölderlin (1770-1843) aus dem Gedicht Der Wanderer, die ebenfalls auf das Zabergäu passen:

Seliges Land!
Kein Hügel in dir
wächst ohne den Weinstock,
Nieder ins schwellende Gras
regnet im Herbste das Obst.
Fröhlich baden im Strome
den Fuß die glühenden Berge,
Kränze von Zweigen und Moos
kühlen ihr sonniges Haupt.

Literaturhinweise

Informationszentrum Naturpark Stromberg - Heuchelberg
Stausee Ehmetsklinge, Zaberfeld
Geschäftsstelle, Ausstellung, Informationen, Veranstaltungen
Telefon 07045/3105 (vorläufig)
info@naturpark-stromberg-heuchelberg.de

Kraichgau-Stromberg Tourismus e.V.
Melanchthonstraße 32
75015 Bretten
Telefon: +49 (0)7252/96330
Telefax: +49 (0)7252/963312
info@kraichgau-stromberg.com
www.kraichgau-stromberg.com (neues Fenster)

Neckar-Zaber-Tourismus e.V.
Im Rondell
Heilbronner Str. 36
74336 Brackenheim
Tel.: 07135 / 933 525
Fax: 07135 / 933 526
info@neckar-zaber-tourismus.de
www.neckar-zaber-tourismus.de (neues Fenster)