Der Neckar. Württembergs «vaterländischer Fluss» – Vorträge 2012 in der L-Bank

. . . . . .

Der Neckar. Württembergs «vaterländischer Fluss» – Vorträge 2012 in der L-Bank

Was sich vaterländisch nennt, muss nicht immer rückwärtsgerichtet sein. Mit seinem Vorträge, Exkursionen und erstmals ein Konzert als Schlusspunkt der Vortragsreihe umfassenden Schwerpunktprogramm 2012 Der Neckar. Württembergs väterländischer Fluss hat der Heimatbund ein Thema gewählt, in dem sich auf glücklichste Weise Geschichte und Gegenwart, Natur- und Denkmalschutz, Kultur- und Landesgeschichte treffen.

Dr. Claus-Peter Hutter, Leiter der Umweltakademie Baden-Württemberg, eröffnete ganz in diesem Sinne die nun fünfzehnte Vortragsreihe in Folge im L-Bank-Foyer in Stuttgart, indem er teils aus eigener Anschauung und Erinnerung, teils aus historischen Berichten schöpfend beschrieb, wie der ungeregelte Fluss, der «wilde Kerl» der Kelten, vor allem im 19. und 20. Jahrhundert aus wirtschaftlichen und technischen Gründen zur nur noch aus aneinandergereihten Staustufen bestehenden Seenlandschaft geriet. Viel von seinem romantischen Reiz und biologischen Reichtum ging dabei verloren. Doch Claus-Peter Hutter zeigte auch, wie es in jüngster Zeit engagierten Menschen, darunter ihm selbst, gelang, einen Teil dieser Prozesse an ausgewählten Stellen wieder rückgängig zu machen – und wie dies auch in Zukunft weiter möglich ist.

Prof. Franz Quarthal widmete sich eine Woche später ganz dem historischen, dem «vaterländischen» Fluss der Württemberger, dessen erste urkundliche Erwähnung sich zufällig im ältesten im Württembergischen Urkundenbuch erfassten Dokument findet (8. Jh.). Danach freilich wird es wieder still um den Fluss, dessen Name sich erst Jahrhunderte später erneut in einer Urkunde findet. Der im weiteren auch aus Reiseberichten, Landesbeschreibungen und dichterischer Spiegelung schöpfende Vortrag folgte der politischen, wirtschaftlichen und literarischen Bedeutung des Neckars für das Herzogtum und spätere Königreich bis in die Tage des alten König Wilhelms I., der sich in seinen letzten Lebenstagen in das Schloss Rosenstein zurückgezogen hatte, und dort – vielleicht mit Blick auf den Neckar – gegenüber seinem Adjutanten bemerkte, es sei doch schwer, ein so schönes Land verlassen zu müssen.

Die weite Spanne seit den Zeiten des römischen Kaisers Tiberius, als der Neckar etwas später nachweislich mit Schiffen befahren wurde, bis zum drohenden Verlust der denkmalgeschützten Bonatz-Schleusen bei Heilbronn überbrückte im Folgenden der Heilbronner Denkmalschützer Dr. Joachim Hennze, als er der Geschichte der Neckarschifffahrt nachging. Dass Heilbronn hierbei eine ganz besondere Rolle spielte, ist historisch begründet: Die Stadt bildete bis ins 20. Jahrhundert hinein ein fast unüberwindbares Nadelöhr für die Schifffahrt, einerseits von der Topografie bedingt, andererseits von der Reichsstadt, die am nötigen Umladen und am Stapelrecht gut verdiente, gefördert, weidlich ausgenutzt und zäh verteidigt. Versuche, den Neckar bis Stuttgart schiffbar zu machen, gab es seit der Zeit der Reformation, doch erst mit dem Übergang Heilbronns an Württemberg konnte der die Stadt umgehende Wilhelmskanal gebaut werden. Es folgten königliche Neckarschifffahrtsordnungen, 1841 das erste, noch aus Frankreich importierte Dampfschiff, die Kettenschifffahrt bis 1935 und der Ausbau bis Cannstatt und Plochingen seit den 1920er-Jahren bis in unsere Tage für nun immer größere Schiffe.

Fast unvorstellbar lange schon leben Menschen am Neckar, wenn man für die Zeit des Homo Heidelbergensis vor 600.000 Jahren auch noch nicht von einer Besiedlung im eigentlichen Sinne sprechen kann. 250.000 Jahre alt sind die Spuren eines Jagdlagers bei Stuttgart-Münster, zwischen 35.000 und 40.000 Jahre die von Neandertalern in Cannstatt gestapelten Mammutstoßzähne. Die Tübinger Archäologin Barbara Scholkmann folgte der Geschichte des Menschen am Neckar seit diesen frühesten archäologischen Hinweisen über die Zeit der Kelten und die Epochen der Römer und Alamannen bis in das sich heute noch in Burganlagen und Stadtgründungen manifestierende Mittelalter; mit einem Ausblick bis ins 19. Jahrhundert endete dieser Streifzug durch die Geschichte.

Wo die historische Schilderung anhand der Betrachtung der materiellen Hinterlassenschaft des Menschen durch die Archäologin endete, setzten die geistesgeschichtlichen Betrachtungen des Historikers und Germanisten Prof. Wilfried Setzler ein: im 19. Jahrhundert, das zur Blütezeit des schwäbischen oder nun eigentlich besser württembergischen literarischen Schaffens geriet. Der Referent beschränkte seine Betrachtungen auf den Mittellauf des Flusses – Mannheim, Heilbronn, Hornberg nur kurz streifend – von Lauffen bis Tübingen. Und doch: welch reiches literarisches Füllhorn vermag hier ausgegossen zu werden! Hölderlin in Lauffen und Nürtingen, Justinus Kerner, Michaelsberg und Marbach, Esslingen, Alexander von Württemberg und Achim von Arnim, Köngen mit Eduard Mörike und Wilhelm Hauff – und natürlich Tübingen als Stadt des Geistes bis heute mit Reuchlin, Melanchthon, Frischlin, Gustav Schwab, Georg Herwegh, Hermann Kurz, Hermann Hesse, Johannes R. Becher, Hans Sahl, Hans Mayer, Peter Härtling, Walter Jens und insbesondere die ganz zu Unrecht in Vergessenheit geratene Schriftstellerin Ottilie Wildermuth, um nur eine Reihe jener zu nennen, die im Vortrag Erwähnung fanden.

Fritz-Eberhard Griesinger
Raimund Waibel