Historische Innenstadt - Chancen und Risiken

. . . . . .

Historische Innenstadt - Chancen und Risiken

Der Vortrag von Prof. Franz Pesch, Stuttgart, folgte im wesentlichen der Leitlinie, die in der folgenden Kurzform dargestellt ist. Dieses Papier war Bestandteil der Tagungsmappe.

Kurzform des Vortrags von Prof. Franz Pesch
im Rahmen der Tagung "Zukunft der Altstadt - Altstadt mit Zukunft"
1. Schwäbischer Städte-Tag, 23. Juni 2004, in Schwäbisch Gmünd

Zur Lage

Professor Pesch bei seinem Vortrag

Prof. Franz Pesch

Mehr als andere Orte verkörpern die historischen Stadtkerne die Werte der europäischen Stadtkultur. Mit ihrer Eigenart, Faszination und Vitalität sind sie Inbegriff der Urbanität. Diese Qualitäten waren es den Landesregierungen wert, beträchtliche öffentliche Mittel in die Erneuerung der historischen Bausubstanz und die Gestaltung der öffentlichen Räume zu investieren. Wenn man die Multiplikatoreffekte im privatwirtschaftlichen Bereich hinzudenkt, kommt man auf ein Investitionsvolumen in Milliardenhöhe. Der Gesamterfolg dieser großen Anstrengungen steht außer Frage. Und dennoch mehrt sich in letzter Zeit ein Unbehagen. Sind leer stehende Ladenlokale, brach fallende Gewerbeflächen und vernachlässigte Altbauten Zeichen eines Strukturwandels, der diesen Erfolg wieder gefährden könnte?

Veränderte urbane Lebensweise

Die meisten Menschen leben noch immer mit der Vorstellung einer traditionellen Stadt mit einer belebten Mitte, wo man einkauft, sich trifft, sich vergnügt, seinen Geschäften nachgeht. In Wirklichkeit ist die kompakte Stadt, wie sie von den historischen Stadtkernen verkörpert wird, längst in einem Archipel von Siedlungsflächen aufgegangen, in dem sich Baugebiete und Freiräume zu einem Flickenteppich verbinden. Das hat Konsequenzen: Inzwischen befinden sich fast 50 Prozent der Einzelhandelsflächen auf der grünen Wiese. In einer mobilen Gesellschaft haben die Menschen gelernt, regional zu leben. Man kann seinen Alltag heute zwischen Einfamilienhaus und Shopping Center gestalten, ganz ohne Stadtzentrum. Urbane Stadtkultur ist kein Selbstläufer mehr. Die Innenstadt als Lebensraum und symbolische Mitte der Stadt scheint zunehmend gefährdet.

Herausforderungen

Innenstädte haben viele ihrer traditionellen Funktionen eingebüßt und sind heute für die Menschen nur noch ein Anlaufpunkt unter vielen. Als Freilichtmuseum für europäische Stadtgeschichte können sie nicht überleben. Um sich in der Konkurrenz der Standorte und Ziele zu behaupten, müssen in der "Daueraufgabe Stadterneuerung" in den historischen Stadtkernen neue Akzente gesetzt werden. Stadtmarketing greift dabei häufig zu kurz - vor allem wenn es als Ersatzhandlung für fehlende Eigeninitiative missverstanden wird. Das Potential liegt vor allem in der erhalten gebliebenen Nutzungsvielfalt, die es zu stabilisieren und weiterzuentwickeln gilt.

Neue Konzepte

Wenn die Errungenschaften europäischer Stadtkultur in den Innenstädten weiterleben sollen, müssen die Städte auf unterschiedlichen Ebenen agieren:

Regionale Kooperation

Der Kampf um die Zentren kann nicht in ihnen allein gewonnen werden. In einer verflochtenen Siedlungsstruktur kann eine Politik zur Stabilisierung der Innenstädte und Nebenzentren nur erfolgreich sein, wenn sie in regionale Konzepte eingebettet ist. Ein Stadtrat, der eine Ansiedlung am Stadtrand zum Schutz der Innenstadt ablehnt, muss sich darauf verlassen können, dass diese Einrichtung nicht auf der Nachbargemarkung entstehen wird. Regionalplanung und Kooperation über Gemeindegrenzen hinweg, etwa im Rahmen interkommunaler Einzelhandelskonzepte, bilden eine unverzichtbare Voraussetzung für die Stabilisierung der Innenstädte.

Nutzungskonzepte

Es müssen zukunftssichere Funktionen angesiedelt werden, die auch in Zeiten nachlassender Besucherfrequenz zur Belebung der öffentlichen Räume beitragen. Geschäftsleerstände und Brachen in den Zentren können als Chance genutzt werden, um Handelsflächen zu konzentrieren, effizienter zu organisieren. Vor allem müssen ergänzende Nutzungen ausgebaut werden; insbesondere

Öffentlicher Raum

Die Bedeutung des öffentlichen Raums für die Innenstadtentwicklung ist lange Zeit unterschätzt worden. Der Verkehrsfunktion wurde zu Lasten der Aufenthaltsfunktion klare Priorität eingeräumt. Attraktiv gestaltete Straßen und Plätze blieben eine Seltenheit. Zu dieser Geringschätzung des öffentlichen Raums hat sicher auch die kulturkritische Debatte um den scheinbar unabwendbaren Verfall des öffentlichen Lebens in der modernen Gesellschaft beigetragen. Dabei belegen viele Beispiele das Gegenteil, nämlich eine zunehmende Bedeutung des öffentlichen Raums für die städtische Kultur. Es spricht daher viel dafür, den öffentlichen Raum auch in Zeiten knapper Kassen als wichtige öffentliche Aufgabe zu sehen. Im Rahmen partnerschaftlicher Initiativen besteht außerdem eine gute Chance, auch private Mittel zu aktivieren.

Die Strategie

Wer ein nachhaltiges Entwicklungskonzept für die Innenstädte sucht, muss sich die Innenentwicklung auf die Fahne schreiben. Nur wenn die Städte und Gemeinden verstärkt innerörtliche Baulandpotenziale aktivieren, die Einkaufsbereiche besser organisieren, städtebaulich eingebundene Standort auch für Wohnungen und Arbeitsplätze nutzen, werden lebendige und urbar Stadtkerne zu halten sein.
Keine Frage: Flächenrecycling erfordert eine Bündelung der Kräfte und vorausschauende Planung. Erforderlich sind:

Auch "Business Improvement Districts" oder "Immobilien- und Standortgemeinschaften" können ein wirksames Instrument sein. Eingedenk aller offenen rechtlichen Fragen bieten sie eine unschätzbare Qualität: Sie fördern die zukünftig unumgängliche Zusammenarbeit und die Eigeninitiativ aller Beteiligten. Denn Stadt muss verpflichten.