Die Zukunft der Altstadt liegt im Dialog

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Die Zukunft der Altstadt liegt im Dialog

Eine Modegeschäft in historischem Gebäude

Neue Nutzung in historischer Umgebung

Zum 1. Schwäbischen Städte-Tag hatten die Stadt Schwäbisch Gmünd, der Schwäbische Heimatbund und die Architektenkammer Baden-Württemberg in die Stauferstadt eingeladen. "Zukunft der Altstadt - Altstadt mit Zukunft" lautete das Motto, das gleichzeitig auch eine Frage darstellte. Denn nicht nur in Schwäbisch Gmünd, sondern in vielen historischen Altstädten stellt sich angesichts der wirtschaftlichen Auszehrung durch große Einkaufszentren, eine sich verändernde Bevölkerungsstruktur und eine zunehmende touristische Nutzung die Frage nach der Überlebensfähigkeit der historischen Innenstädte. Mit dem Schwäbischen Städte-Tag will der Heimatbund in Zusammenarbeit mit seinen Partnern in Zukunft ein Forum für Städtebau und Denkmalpflege bieten, das sich den Herausforderungen für Verwaltungen, Planer und Bürger widmet, die sich aus dem Zusammenspiel von gebauter Kultur und modernem Leben ergeben.

Einführung

Der Oberbürgermeister von Schwäbisch Gmünd, Wolfgang Leidig, begrüßte die mehr als 80 Teilnehmer der Auftaktveranstaltung mit einer Kurzanalyse der Situation in Schwäbisch Gmünd, die so auf viele andere Städte zutrifft: Der Stadtkern als Träger vielfältiger Funktionen sei angesichts der zahlreichen leer stehenden Verkaufsflächen, dem hohen Anteil an Bewohnern mit geringem Einkommen, dem mangelnden Interesse vieler Eigentümer an der Instandhaltung ihrer Häuser und den vielen unter Denkmalschutz stehenden Bauten in seiner gesunden Struktur gefährdet. In diesem Kontext sei die Altstadtentwicklung eine Herausforderung, bei der auch Kompromisse möglich sein müssten. Bevor die Tagung so richtig begonnen hatte, deutete sich damit schon die entscheidende Diskussionslinie an - wirtschaftliche Entwicklung contra Denkmalschutz.

Dr. Walter Kilian, Stellvertretender Vorsitzender des Schwäbischen Heimatbunds und Moderator der Veranstaltung, verwies in seiner Einleitung auf die Erwartungen, die Bürger und Besucher an die Altstadt hätten. Auf nur fünf Prozent der Stadtfläche konzentriert sich eine Vielzahl von Nutzungen und Ansprüchen. Gleichzeitig erinnerte Walter Kilian auch an die identitätsstiftende Wirkung der Innenstadt: Die Altstadt gibt der Heimat eine Zukunft. Deshalb gelte es, das Erbe der Altstadt zu ergreifen und mit neuem Leben zu erfüllen. Kilian dankte der Stadt Schwäbisch Gmünd für die gemeinsame Organisation und die finanzielle Unterstützung der Tagung. Dieser Dank ging auch an die Sponsoren, die Kreissparkasse Ostalb und die Vereinigte Baugenossenschaft Schwäbisch Gmünd.

Carl Fingerhuth über den Umgang mit der Altstadt

Das Ende der großen Wahrheiten rund um Stadt verkündete anschließend der erste Referent des Tages, der Zürcher Professor Carl Fingerhuth. Der renommierte Stadtplaner berichtete vor allem aus seiner Heimatstadt Basel, wo er von 1979 bis 1992 Kantonsbaumeister war. Fingerhuth bezog sich mit seiner Aussage auf die Architekten der Moderne, die mit ihrem absoluten Bild von der Stadt etliches an Tradition und Zwischentönen ausgeblendet hätten und damit auch zur Entfremdung der Architektur von ihren Bewohnern beigetragen haben. Heute gehe es darum, die Gefühle, Emotionen und Spiritualität der Menschen wieder in die Stadtplanung einzubeziehen und gezielt den Umgang mit der Komplexität und der Widersprüchlichkeit der Stadt zu suchen, sagte der Honorarprofessor an der TU Darmstadt. Die Stadt und vor allem ihre historischen Kerne seien immer Kristallisationspunkt von Veränderungsprozessen gewesen und spiegelten das Bewusstsein ihrer Bürger wider.

Professor Carl Fingerhuth am Rednerpult

Prof. Carl Fingerhuth

Für die Planer und Politiker bedeute dies, sich nicht mit einer vorgefassten Meinung an die Arbeit zu machen, sondern sich im Dialog mit den Interessensgruppen und den Bewohnern einem Diskussionsprozess zu stellen, dessen Ergebnis nicht immer absehbar sei. Anstatt mit einem finalen Plan an die Arbeit zu gehen, müssten die Fachleute die vorhandenen Strukturen interpretieren und in neue Architektur umsetzen. Denn eine historisierende Rekonstruktion des Alten könne nicht im Sinne einer lebendigen Stadtentwicklung sein, so Fingerhut. Nur eine an den Maßstäben der Stadt und den Vorstellungen ihrer Bewohner orientierte Stadtplanung könne die Probleme lösen. Um die architektonische Qualität der Planungen zu heben und diese auch in die Praxis umzusetzen, plädierte Carl Fingerhuth für die Auslobung exemplarischer Bauvorhaben im Rahmen von Architekturwettbewerben. Gleichzeitig sei ein städtebauliches Konzept vonnöten, das durch Workshops und einen Gestaltungsbeirat sowohl Fachleute als auch interessierte Bürger mit einbezieht. Neben den eigentlichen Bauten seien auch die Freiraumplanung und die Lichtgestaltung Bereiche, denen die Planer in Zukunft mehr Aufmerksamkeit widmen sollten.
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Franz Pesch: Stadtkultur ist kein Selbstläufer mehr!

Als Überbringer schlechter Nachrichten bekannte sich Prof. Franz Pesch, Professor für Stadtplanung und Entwerfen an der Universität Stuttgart. Zwar seien in Baden-Württemberg in den letzten Jahrzehnten staatliche und private Mittel in Milliardenhöhe in die Innenstädte investiert worden. Trotzdem herrsche in vielen Städten Unbehagen und Leerstand. Für viele Menschen sei heute ein Leben ohne Stadtkern Realität, wenn sie zwischen dem Einkaufszentrum auf der grünen Wiese und dem Einfamilienhaus am Stadtrand pendeln. Stadtkultur sei eben kein Selbstläufer mehr, angesichts des rasanten Strukturwandels im Einzelhandel hin zu immer größeren Verkaufsflächen und dem Konzentrationsprozess im Dienstleistungsbereich, der längst auch vor angeblichen Stabilitätsfaktoren wie Banken nicht mehr Halt macht. Dazu kommt nach Franz Pesch die verzögerte Anpassung der Wohnungs- und Gewerbemieten in der Altstadt. Viele Vermieter gingen immer noch von den Preisen vergangener Jahrzehnte aus und ließen ihre Objekte lieber leer stehen als niedrigere Preise zu akzeptieren. Dazu komme die Zurückhaltung vieler Banken, die Modernisierung von Bauten in der Altstadt zu finanzieren.

Professor Franz Pesch während seines Vortrags

Prof. Franz Pesch

Angesichts der großen Mobilität wichtiger Bevölkerungsschichten stellte Professor Pesch eine steigende soziale Entmischung in den Altstädten fest. Zurück bleiben alte und weniger vermögende Menschen, die bürgerliche Mitte, die sich für ihre Stadt politisch und finanziell engagiert, fehle zusehends. Als weitere Risiken für die Zentren nannte Pesch die Krise des Einzelhandels, die ihren Ausdruck in immer banaleren Stadtbildern und dem Angebot von Ramschwaren an klassischen Einzelhandelsstandorten findet. Die Altstadt sei nur noch ein Zentrum unter vielen. Die Gefahr, dass die Altstadt zum einem Freilichtmuseum verkommt, in dem kaum noch wirkliches Leben stattfindet, sei angesichts der um sich greifenden Eventkultur durchaus gegeben.

Trotz dieser ungeschönten Analyse sieht Professor Pesch keinen Grund für Pessimismus. Eine Chance für die Altstadt sei die Renaissance des städtischen Wohnens, durchaus auch im Reihenhaus oder in der Eigentumswohnung. Diese Wohnformen altstadtverträglich in die Realität umzusetzen, sei eine wichtige Herausforderung für die Architekten. Ein wichtiges Handlungsfeld ist für Franz Pesch der Einzelhandel. Eine innenstadtverträgliche Entwicklung sei nur durch regionale Kooperationen möglich. Solange eine Kommune den Supermarkt auf der grünen Wiese ablehnt, um ihn dann jenseits der Gemarkungsgrenze in der Nachbarstadt vor der Nase zu haben, sei dieses Ziel jedoch noch weiter Ferne. Mit dem großen Flächenbedarf der Einzelhandelsketten könnten die Städte nur gemeinsam umgehen. Gleichwohl brauche jede Stadt aber ein Flächenmanagement, das sowohl Grundstücke wie auch Ladenflächen einbeziehen sollte. Dabei müsse man sich von der Vorstellung verabschieden, jeden Einzelhandelsstandort halten zu können. Für Rand- und Splitterlagen seien deshalb Ideen für eine Umnutzung gefragt. Dass die Eigentümer in diesen Zusammenhang ihre Ertragserwartung revidieren müssten, sei unverzichtbar. Mit einem Blick auf die Statistik machte Professor Pesch den Zuhörern Mut: Großstädte gewinnen in letzter Zeit wieder Einwohner hinzu, und auch in Mittelstädten ist die Abwanderungsbewegung gestoppt. Diese Signale gelte es, in eine konkrete Politik um- beziehungsweise fortzusetzen.
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Hans Frieser zu den Problemen in Schwäbisch Gmünd

Unschöne Parkplätze und Betonbauten zwischen historischen Gebäuden.

Eine für Schwäbisch Gmünd tyische Problem-Situation: Ein drängendes Problem im direkten Wortsinn - der ruhende Verkehr in der Altstadt.

Die Ausführungen seiner Vorredner konkretisierte der Gmünder Baubürgermeister Hans Frieser. Problematisch sei in Schwäbisch Gmünd unter anderem neben der schlechten Situation des Einzelhandels der hohe Anteil von Bürgern nicht-deutscher Herkunft, die andere Ansprüche an das Wohnen in der Stadt stellen, verbunden mit der mangelnden Bereitschaft der deutschen Vermieter, in ihre Bauten in der Altstadt zu investieren. Die einseitige Mischung aus vorwiegend jungen Menschen nicht-deutscher Herkunft und älteren Bürgern in der Altstadt führt laut Frieser immer wieder zu Konflikten durch Lärmbelästigung und Verschmutzung. Zahlreiche Bewohner wollten aus der Altstadt wegziehen, die in vielen sanierten Innenstädten feststellbare Zunahme der Wohnbevölkerung sei in Schwäbisch Gmünd nicht vorhanden.

Ein leerstehendes Gasthaus mit Tradition.

Die traditionsreiche Gaststätte "Josefle" am Gmünder Marktplatz wartet noch auf eine neue Nutzung.

Das mag auch daran liegen, dass in Gmünd erst spät mit der Sanierung der Altstadt begonnen wurde. So liegen attraktive Standorte neben Gebieten, die noch neu geordnet werden müssen. Entsprechende Bestrebungen laufen in der Stadt, wie Hans Frieser bei der anschließenden Exkursion zeigte. So sollen auf einem Areal Stadthäuser in Reihenbauweise entstehen. In anderen Arealen ist ein Rückbau geplant, um dem Freiraum eine neue Qualität zu geben. Schwierig stellen sich allerdings die Kaufverhandlungen für die Grundstücke dar. Daneben läuft ein Versuch, durch ein ansprechend gestaltetes, kleinteiliges Gebäude mit automatischen Dreifachparkern die Parkierungsprobleme innerhalb der alten Stadtmauern in den Griff zu bekommen. Die Planung entspricht in ihrer Gestaltung einer mittelalterlichen Scheune, die Nutzung als Garage ist deutlich ablesbar, trotzdem passt die Kubatur in die historische Altstadt.

Den Konflikt zwischen der wirtschaftlichen Nutzung und dem Schutz der Denkmalsubstanz thematisierte Frieser an mehreren Beispielen. Das bekannteste ist sicherlich die Alte Post, deren Gewölbekeller zugunsten eines - vom Investor geforderten - ebenerdigen Zugangs gegen den Widerstand des Landesdenkmalamtes abgebrochen wurden. Aus Sicht der Stadtverwaltung stand dabei das Interesse, einen attraktiven Nutzer für die Innenstadt zu gewinnen, über dem Erhalt der Denkmalsubstanz. Der Konflikt um die Alte Post wurde bis in die Spitze des Landesdenkmalamtes getragen und letztlich im Dissens entschieden. Bürgermeister Frieser sah die Ursache in unterschiedlichen Ansätzen zwischen Stadtplanung und Denkmalpflege: Während aus Sicht der Stadtplanung das historische Stadtbild, der Bedeutungsgehalt des Ortes, das sich Wohlfühlen, die Identifikation mit dem Ort im Vordergrund steht, sieht die Denkmalpflege den wissenschaftlichen, geschichtlichen Wert des historischen Bestandes und stellt (...) die Substanzerhaltung in den Vordergrund.

Eine engagierte Podiumsdiskussion

Die Teilnehmer der Podiumsdiskussion am Tisch

Podiumsdiskussion mit Baubürgermeister Hans Frieser, den Professoren Franz Pesch, Peter Schenk und Carl Fingerhuth sowie Oberkonservator Volkmar Eidloth.

Ein Vorwurf, dem in der abschließenden Podiumsdiskussion Volkmar Eidloth, zuständiger Konservator beim Landesdenkmalam, entschieden widersprach. Denkmalpflege sei kein Hindernis für eine erfolgreiche Stadtentwicklung, vielmehr sei es Aufgabe der Planer, sich früher und intensiver mit der historischen Bausubstanz auseinanderzusetzen. Alte Städte seien in ihrer komplexen Struktur durchaus anpassungsfähig; Aufgabe der Denkmalpflege sei es, dem wirtschaftlichen Streben nach Gewinn den Schutz des kulturellen Erbes entgegenzusetzen. Dass die Diskussion darüber manchmal unbequem ist, sei eben nicht zu vermeiden. Gerade deshalb sollten die Planer die Denkmalpflege früher einbinden.

Der Moderator der Diskussion, Professor Peter Schenk, Freier Architekt und früherer Präsident der Architektenkammer Baden-Württemberg, fragte daraufhin nach der Dialogfähigkeit der Beteiligten angesichts des von vielen Faktoren beeinflussten, teilweise sehr bürokratisierten, Planungsprozesses. Für den Bereich der Denkmalpflege sah Volkmar Eidloth im Fall Schwäbisch Gmünd kein Defizit in der Dialogfähigkeit, sondern lediglich ein mangelhaftes Ausschöpfen des vorhandenen Dialogpotenzials. Oder anders gesagt: Man könne schon miteinander reden, wenn man nur wolle. Auch Hans Frieser räumte ein, dass Stadtplaner und Denkmalpfleger durchaus zu einem gemeinsamen und guten Ergebnis kommen können. So sei es bei dem Garagengebäude gelungen, von unterschiedlichen Positionen aus zu einem erfolgreichen Abschluss zu kommen. Frieser wünschte sich eine stärkere Beratungsfunktion der Denkmalpflege.

Ein Ansinnen, das bei Volkmar Eidloth durchaus Unterstützung fand, wenn auch in übergeordneter Weise. So sehe er es durchaus als Aufgabe, gemeinsam mit der Stadt die Eigentümer denkmalgeschützter Bauten in Schwäbisch Gmünd über den Wert ihrer Gebäude zu informieren. Denn schließlich sei die Altstadt von Schwäbisch Gmünd einer der wertvollsten Stadtkerne in Baden-Württemberg. Voraussetzung sei allerdings, dass die Politik die Denkmalpflege nicht isolieren dürfe, sondern in die Entscheidungen mit einbinden müsse. Auch beim Neubau von Häusern in der Altstadt dürfe sich die Architektur nicht allein an den Anforderungen des Nutzers orientieren, sondern müsse von den Architekten auch im Kontext der Alten Stadt gesehen werden.

Dass eine solche Zusammenarbeit möglich ist, bestätigte Professor Franz Pesch, der zahlreiche Stadtsanierungen begleitet hat. Die Denkmalpflege habe die Aufgabe, die Erkennbarkeit neuen Bauens zu fordern. Gleichzeitig müsse sie ihre beratende Funktion deutlich ausbauen. Eine Forderung, die angesichts der Mittelkürzungen nicht ohne weiteres umzusetzen sei, so Volkmar Eidloth.

Insgesamt, so waren sich zum Schluss alle Diskutanten einig, habe die Altstadt sowohl allgemein als auch in Schwäbisch Gmünd eine gute Chance für die Zukunft. Voraussetzung sei allerdings der intensive und unvoreingenommene Dialog aller Beteiligten. Angesichts der erkenntnisreichen Beiträge und der fruchtbaren Diskussion konnte der 1. Schwäbische Städte-Tag zu diesem Miteinander ein wichtiges Kapitel beitragen.
(Volker Lehmkuhl)