Die wiederentdeckte Stadt (4. Schwäbischer Städte-Tag in Heilbronn)

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Die wiederentdeckte Stadt (4. Schwäbischer Städte-Tag in Heilbronn)

Unter dem vielsagenden Motto Die wiederentdeckte Stadt befasste sich am 18. Oktober 2007 im Heilbronner Kongresszentrum Harmonie der 4. Schwäbische Städte-Tag mit der Rückwanderung der Menschen in die Stadt. Der Schwäbische Heimatbund, die Architektenkammer Baden-Württemberg und – quasi als Stimme der Städte – die Stadt Heilbronn, kamen aus verschiedener Sicht der Dinge zu der übereinstimmenden Feststellung: Seit der Jahrtausendwende gibt es eine Trendwende im raum- und siedlungsstrukturellen Geschehen Baden-Württembergs. Noch ist gegenwärtig, warum meist gut verdienende, ja wohlhabende Bürger aus der Stadt ins Umland gezogen sind, wo Ruhe und Natur lockten, vor allem aber günstige Baulandpreise, die dem Wunsch nach dem eigenen Häusle oder aber der raumgreifenden Realisierung eines Bauplans für eine richtige Villa entgegenkamen. In größeren Städten über 100.000 Einwohnern oder großen Mittelstädten wie Tübingen oder Konstanz war dies meist nicht mehr umzusetzen.

Jetzt aber kommen die Menschen wieder zurück in die Städte. In seinem Einführungsvortrag stellte Dr. Walter Kilian (Stuttgart), der stellvertretende Vorsitzende des Schwäbischen Heimatbunds, vorsichtig fest, die Statistiker hätten die Hinwendung zurück in die größeren Städte und deren Zentren seit dem Jahr 2000 zwar eindeutig erkannt, man könne aber noch nicht sagen, wie stabil diese Entwicklung in der Zukunft sein wird.

Die Städte hätten selbst dazu einen wesentlichen Beitrag erbracht, meint Kilian. Attraktive öffentliche Räume, verkehrsberuhigte Zonen, planmäßige Stadterneuerung und eine verbesserte Stadtstruktur wirkten sich aus. Ältere Menschen schätzten und suchten die breiten gesundheitlichen, sozialen und kulturellen Angebote, Studenten und Singles wiederum liebten die städtischen Zentren, weil da etwas los ist. Doch auch die wirtschaftlichen Vorteile des Wohnens auf dem Lande im engeren und weiteren Umkreis der Stadt verflüchtigen sich, rechne man die gestiegenen Mobilitätskosten wie horrende Benzinpreise und höhere Fahrtkosten auch im öffentlichen Personenverkehr dagegen: Sind etwa beide Partner berufstätig, werden die Wege zwischen Arbeit, Kindergarten und Wohnung, zumal im Berufsverkehr, richtig lästig, sagte Dr. Kilian. Man habe bereits errechnet, dass auf diese Weise vier Wochen Lebenszeit pro Jahr buchstäblich auf der Strecke blieben.

Angesichts insgesamt rückläufiger Bevölkerungszahlen landesweit, das Statistische Landesamt rechnet bis 2025 mit einer überdurchschnittlichen Abnahme von drei Prozent, ist aber vor überzogenen Hoffnungen der Städte zu warnen. Seit der Jahrtausendwende leben in Baden-Württemberg, erstmals in seiner Geschichte, mehr Menschen mit 60 und älter als junge Menschen unter 20 Jahren. Das Land altert rasch und flächendeckend.

Profitieren von der Renaissance der Stadt könnten deshalb, so übereinstimmend alle Referenten des Schwäbischen Städte-Tages, nur die Städte, die die Zeichen der Zeit erkennen und urbane Stadtqualität bieten, wie der Freiburger Regierungspräsident Dr. Sven von Ungern-Sternberg feststellte, der als Vorsitzender des Landesvereins Badische Heimat Gast und Redner der Tagung war.

Der Tagungsort Heilbronn, wo man schon vor einigen Jahren das Thema Kinderfreundlichkeit entdeckt hat, wo Kinder ab drei Jahren schon demnächst kostenfrei den Kindergarten besuchen können, heimst bereits erste Früchte dieser Strategie ein. So stellt zumindest Dr. Kilian vom Schwäbischen Heimatbund fest: In Heilbronn hebt sich die Geburtenrate vom Durchschnitt der Großstädte des Landes mit plus zwölf Prozent postiv ab, während sie in Freiburg den Durchschnitt um neun Prozent unterschreitet.

Tatsächlich bot der Veranstaltungsort Heilbronn den Teilnehmern reichlich Anschauungsmaterial. Wir hinken in der Stadtentwicklung zehn Jahre hinterher, räumt der Heilbronner Baubürgermeister Wilfried Hajek freimütig ein. Wo anders finden Sie heute noch mitten in der City in bester Geschäftslage Gebäude mit Notdächern aus den ersten Nachkriegsjahren? So flüchtete, weil die Zeichen der Zeit nicht erkannt worden waren, die Kaufkraft ins Umland, entstanden Einkaufszentren auf der grünen Wiese, verdrängten die großen Filialisten die kleinen Geschäfte des Fachhandels.

Doch die Trendwende scheint geschafft, nachdem der Handel die städtischen Zentren wieder als Standort für größere Projekte präferiert: In der Heilbronner City entstehen derzeit zwei große Einkaufszentren. Aber Attraktivität wird es ohne Qualität nicht geben, warnte Prof. Dr. Richard Reschl von der LBBW-Kommunalentwicklung Stuttgart. Nur Städte, die es schaffen, auch die Wohnqualität zu steigern, kreative Milieus anzusiedeln, werden es schaffen, von der Rückkehr in die Stadt zu profitieren. Aber wie gelingt das Einfügen großer Kaufstätten in historische Stadtgrundrisse und überkommene gebaute Umgebung? Vor hundert Jahren schon seien Kaufhäuser und Markthallen in den Innenstädten entstanden, die heute deren Erscheinungsbild bereichern.

Bereichern nun diese neuen Bauten auch das Bild unserer Städte? Der Sprecher des Schwäbischen Heimatbunds: Stadtqualität drückt sich in vielem aus, im städtebaulichen Erscheinungsbild, in vielfältigen Angeboten, in einer funktionierenden und bürgerfreundlichen Verwaltung, aber auch im Geist der Toleranz und im bürgerschaftlichen Engagement.

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Rudi Fritz