Bevölkerungswandel stellt Städte im Südwesten vor große Herausforderungen

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Bevölkerungswandel stellt Städte im Südwesten vor große Herausforderungen

Mit seinem bewusst provokanten Motto Wachsen oder Weichen? Weniger Bevölkerung als zentrale Herausforderung für die Stadtentwicklung des 21. Jahrhunderts hat der 3. Schwäbische Städte-Tag in Heidenheim, veranstaltet vom Schwäbischen Heimatbund, der Stadt Heidenheim und der Architektenkammer Baden-Württemberg, den gesellschaftlichen Nerv der Zeit getroffen. Denn der demografische Wandel ist unumkehrbar und er vollzieht sich unaufhaltsam.

Walter Kilian am Rednerpult

Dr. Walter Kilian

Die Macht dieser Entwicklung wurde nach der herzlichen Begrüßung durch den Heidenheimer Oberbürgermeister Bernhard Ilg bereits in der Einführung von Dr. Walter Kilian deutlich. Der stellvertretende Vorsitzende des Schwäbischen Heimatbunds zitierte dazu den jüngsten Landesentwicklungsbericht. Dessen Autoren gehen in der für am wahrscheinlichsten gehaltenen, mittleren Variante von einem Anstieg der Bevölkerung in Baden-Württemberg noch bis in das Jahr 2025 aus. Allerdings nur, weil netto jährlich 38.000 Menschen ins Land ziehen.

Ohne diese Zuwanderung aus anderen Regionen und dem Ausland würde die Zahl der Menschen auch hierzulande stark zurückgehen, denn auch im Ländle werden zu wenige Kinder geboren. Schlusslicht in Baden-Württemberg ist nach der Prognose übrigens der Landkreis Heidenheim, der mit einem unterdurchschnittlichen Wanderungsgewinn und einem überdurchschnittlichen Geburtendefizit bis 2025 nur auf ein Wachstum von 0,7 Prozent kommt. Der vorhergesagte Landesdurchschnitt soll bei 5,3 Prozent liegen. Das Beispiel Heidenheim zeigt auch, dass die Entwicklung auch hierzulande nicht gleichmäßig sondern mit starken regionalen Unterschieden verlaufen wird. Gewinner sind aller Voraussicht nach die Städte und ihr Umland, Bevölkerung und damit Ressourcen verlieren wird der Prognose nach der ländliche Raum.

Noch gewichtiger, so Walter Kilian, ist der Wandel der Altersstruktur. Flächendeckend und schnell wird die Gesellschaft auch in Baden-Württemberg älter: Schon um das Jahr 2014 werden mehr Menschen mit 65 und mehr Jahren im Land leben als junge Menschen unter 20 Jahren. Zahlenmäßig besonders stark abnehmen wird die wirtschaftlich wichtige Gruppe der 20- bis 45-jährigen.

Wandel als Chance

Peter Conradi am Rednerpult

Peter Conradi

Vor diesem Hintergrund, zu dem auch der Rückgang der traditionellen Kleinfamilie und eine wachsende Zahl von Ein-Personen-Haushalten gehört, forderte der Architekt und Politiker Peter Conradi, dass die Städte die Vielfalt der Lebensformen in der Stadt bejahen und entsprechend reagieren sollten. Es gelte, Unterschiede nicht einzuebnen, sondern zu pflegen, zum Beispiel durch flexible Wohnungsangebote, die Förderung von Bauherrengemeinschaften und eine befristete Zwischennutzung leerstehender Gebäude. Es gelte, den Wohnungsbestand umzubauen, zu verbessern und zu ergänzen. Wir sollten keine neuen Grossiedlungen planen, sondern in kleinen Abschnitten bauen, vorhandene Bebauung ergänzen und Baulücken schließen, sagte Conradi. Nicht zuletzt dürften öffentlich geförderte Wohnungen nicht nur in Problemquartieren entstehen, sondern müssten auch in anderen Quartieren erhalten und neu geschaffen werden, um einer sozialen Segregation in der Stadt in Ghettos entgegenzuwirken.

Auch die räumliche Trennung der Funktionen Arbeiten, Wohnen, Versorgen und Freizeit sei im Zeitalter der Digitalisierung nicht mehr zeitgemäß sondern unstädtisch und falsch, wie der frühere SPD-Bundestagsabgeordnete ausführte. Conradi sieht im Bevölkerungsrückgang auch neue Möglichkeiten für die Kommunen: Nach über fünfzig Wachstumsjahren in Westdeutschland und fünfzehn Jahren Wachstum in Ostdeutschland müssen die Städte, die Politik und die Planer sich umstellen und neue Ziele und Strategien entwickeln. Es fällt uns schwer zu begreifen, dass Stagnation und Schrumpfung auch Chancen eröffnen, zum Beispiel für die Rückgewinnung von Landschaft, für lebenswerte Stadträume.

[zum Referat von Peter Conradi]

Soziologische und sozialplanerische Aussagen

Sylvia Greiffenhagen am Rednerpult

Prof. Sylvia Greiffenhagen

Dass diese enorme Vielzahl von unterschiedlichsten Bevölkerungsgruppen jeweils eigene, höchst unterschiedliche Bedürfnisse, Ansprüche und Erwartungen in die Gesellschaft und in die Städte einbringen, machte Prof. Dr. Sylvia Greiffenhagen deutlich. So würden in Zukunft immer mehr junge Alte vom (Um-)Land wieder zurück in die Städte streben, um vom attraktiven gesellschaftlichen, kulturellen und infrastrukturellen Angebot zu profitieren. Das führe zum Beispiel - angesichts der hohen Kaufkraft der Älteren - zu einer wachsenden Konkurrenz mit jüngeren Familien und Singles um attraktive Innenstadtwohnungen. Hier seien Kommunen und Wohnungswirtschaft gefordert, um für die in sich nochmals segmentierten Zielgruppen passgenaue Angebote bereit zu stellen. Dazu gehören, so Prof. Greiffenhagen, auch so genannte Alten-WGs, die in den nächsten Jahrzehnten eine steigende Nachfrage erleben würden.

Zur neuen, nicht selten unausgewogenen Altersstruktur, kommt eine zweite Entwicklung hinzu. Die des so genannten Migrationshintergrundes. Denn trotz der raschen Anpassung von zugewanderten Menschen an die Gebräuche und die Kinderzahl des neuen Heimatlandes stehen perspektivisch mehrheitlich deutschen älteren Menschen mehrheitlich nichtdeutsche Junge gegenüber. Schon heute klagen die Städtebauer und Grünflächenämter, dass man fast nirgends mehr einen Spielplatz einrichten kann, ohne dass es von Anwohnern der mittleren und älteren Altersgruppen massive Proteste und Wünsche nach Einschränkungen hagelt: Mit abnehmender Zahl der Kinder sinkt nämlich auch unsere Gewöhnung an Kinder und das für sie typische Verhalten. Das Verständnis für Kinder nimmt ab, die Reizbarkeit steigt, zeigte Prof. Greiffenhagen bestehende und zukünftige Konfliktlinien auf. Die generationell und kulturell verschiedenen Sozialisationserfahrungen von 70jährigen Deutschen, und 15jährigen türkischen Jungs könnten nicht unterschiedlicher sein. Konflikte seien programmiert und die Ordnungsämter und Polizeiposten vor Ort stetig gefragt.

Diese Entwicklungen, zu der noch der wachsende Gegensatz von armen und reichen Menschen kommt, schaffen in den Kommunen einen breiten Handlungsbedarf, konstatierte Prof. Greiffenhagen. So müssten die Kommunen in den genannten Feldern ein umfassendes Know How erwerben und dieses Wissen in Form von umfassenden Beratungsangeboten Institutionen und Initiativgruppen von Bürgern und Bürgerinnen zur Verfügung stellen. Dabei müssten die Städte und Gemeinden in dem Prozess des Wandels eine aktive, steuernde Rolle einnehmen: Der Markt wird's ganz sicher nicht richten.

[zum Referat von Prof. Greiffenhagen]

Damit Stadtluft wieder frei macht

Wolfgang Schwinge am Rednerpult

Prof. Wolfgang Schwinge

Diese aktive Rolle der Kommunen unterstützte auch Professor Wolfgang Schwinge in seinem Referat. Der Stuttgarter Architekt und Stadtplaner ergänzte diese Überlegungen durch ökologische und ökonomische Belange: Angesichts des hohen Flächenverbrauchs und dem damit verbundenem Verlust an fruchtbaren Böden und biologischer Vielfalt sei die so genannte Innenentwicklung, also die Umnutzung vorhandener Infrastruktur, ein Ausweg, auch um die Unterhaltskosten in den Griff zu bekommen. Dabei müssten die Kommunen aber auch Voraussetzungen schaffen, die für privates Kapital attraktiv sind. Auch könne nicht mehr jede Gemeinde alle Versorgungseinrichtungen anbieten, Absprachen seien nötig, nicht nur bei Gewerbegebieten. Die Städte müssten neue Strategien entwickeln, wie sie auf eine schrumpfende und ältere Bevölkerung reagieren. Damit Stadtluft wieder frei macht, muss die Stadt auch die Qualitäten des Umlandes bieten, nicht zuletzt auch beim Wohnumfeld, betonte Prof. Schwinge die Herausforderung, die dem Wiederaufbau der 1950er und 60 er Jahre und der Stadterneuerung der 1970er und 80er Jahre in nichts nachstehe. Quantitatives Wachstum sei keine Wert an sich, nur die Städte, die ihre Qualitäten steigern können, würden zu den Gewinnern zählen, und das auch im deutschen Südwesten. Dabei gelte es nicht nur die Innen- und Kernstädte neu zu entwickeln, sondern auch Strategien für die Vor- und Zwischenstädte zu entwickeln. Denn die in den vergangenen Jahrzehnten entstandenen Wohnsiedlungen und -gebiete liefen sonst Gefahr, massive Verluste bei den Immobilienwerten und bei der Infrastruktur zu erleiden.

[zum Referat von Prof. Schwinge]

Immobilienmarkt

Solche Wertverluste konnte Karlheinz Riegger aktuell nicht erkennen. Der Bereichsleiter Private Immobilien der Stuttgarter Privatbank Ellwanger & Geiger sieht auch für die nächsten Jahre keine sinkenden Preise für Einfamilienhäuser und Wohnungen. Vielmehr müsse sich die Region anstrengen, um mit der wachsenden Nachfrage nach Wohnfläche (Durchschnitt: 1985 35 qm, 2006 41,2 qm) und der steigenden Zahl von Singlehaushalten Schritt zu halten. Auch die aktuelle Erhöhung der Mehrwertsteuer werde lediglich eine kleine Delle in der Nachfrageentwicklung hinterlassen.

[zum Referat von Karlheinz Riegger]

Kommunalplanung

Rainer Domberg am Rednerpult

Bürgermeister Rainer Domberg

Dass die regionale Entwicklung vor Ort auch weniger Gelassenheit hervorrufen kann, machte der Heidenheimer Bürgermeister Rainer Domberg deutlich. Heidenheim kämpft um seine 50.000 Einwohner, betonte Domberg und führte die Abwanderung aus Stadt und Kreis auf den Verlust von 5.000 Arbeitsplätzen im Landkreis Heidenheim und die Konkurrenz zum (bayerischen) Umland zurück, wo Baugrundstücke zum Teil deutlich günstiger angeboten werden als in der Stadt an der Brenz. Der zentrale Ansatz um die Attraktivität der Stadt zu steigern war und ist die Landesgartenschau 2006, die Anfang Oktober mit über einer Million Besuchern zu Ende gegangen ist. Nach mehr als zehn Jahren der Planung, der Diskussion und der Umsetzung ist aus einer 24 Hektar großen Brachfläche im Brenztal am Rand der Kernstadt eine attraktive Erlebnis- und Naherholungsfläche entstanden, die über die Landesgartenschau hinaus für die Bürger zur Verfügung steht und die die Attraktivität der Kernstadt deutlich erhöht hat. Flankiert wurde der Weg Heidenheims von der Stadt der Hände zur Stadt der Köpfe, so Domberg, durch eine deutlich sichtbare bauliche Aufwertung der Innenstadt und ein neues Verkehrskonzept.

[zum Referat von Bürgermeister Rainer Domberg]

Die Stadt als Heimat

Rainer Prewo am Rednerpult

Bürgermeister Dr. Rainer Prewo

Dass bauliche Veränderungen ein wichtiger aber nicht der einzige Aspekt der Kommunalpolitik sein können und dürfen wurde in dem Beitrag von Dr. Rainer Prewo deutlich. In Zeiten einer zunehmend globalisierten und digitalisierten Welt sei der Bedarf an Heimat und einem intensiven Heimatgefühl stark gestiegen, so der Nagolder Oberbürgermeister. Allerdings ist der Begriff Heimat einem starken Wandel unterworfen. Heimat sei nicht mehr automatisch der Ort der Herkunft sondern der Ort, den die Menschen aktuell als Mittelpunkt ihres Lebens ansehen. Das bedeute umgekehrt aber auch, dass Heimat enttäuschungsfähig geworden ist und sich die Menschen unter den Bedingungen einer totalen Mobilität rasch wieder abwenden, wenn ihre Suche nach Heimat nicht auf ein entsprechendes Angebot stößt. Schließlich seien die Städte heute das Einzige was nicht mobil ist. Für ein starkes Heimatgefühl spiele der Stolz auf die eigene Heimat ein große Rolle aber auch die Möglichkeit zur Mitsprache und Mitwirkung, die nachbarschaftliche Akzeptanz und die Gelegenheiten, Freunde zu finden. Nach Ansicht von Dr. Prewo sind die Städte gut beraten, wenn Sie den Begriff Heimat als Orientierung verwenden: Auf Heimat können wir nicht verzichten, und was sie bedeutet, können wir mit keinem anderen Wort ausdrücken. Heimat weise den Verantwortlichen den Weg über das Verständnis der Stadt als reines Unternehmen hinaus und beziehe die Bedürfnisse aller Bewohner und Nutzer einer Kommune mit ein. Dabei sei Heimat kein exklusiver Besitz, etwa derer, die in der Stadt geboren und alt eingesessen sind. Die Stadt ist Heimat für alle, oder sie ist es für niemanden, so Prewo.

[zum Referat von Dr. Prewo]

Abschlussdiskussion

In der abschließenden Podiumsdiskussion warfen die Referenten einen überwiegend positiv geprägten Ausblick in die Zukunft. Trotz aller Herausforderungen und Beschränkungen durch Land und Bund stünden den Städten in Baden-Württemberg genügend Ressourcen zur Verfügung um den Bevölkerungswandel zu meistern. Allerdings spiele das Bauen dabei nicht mehr die Rolle, die es in den vergangenen sechs Jahrzehnten innehatte. Vielmehr gelte es, soziale Netze zu schaffen und zu stärken um die alternde und schrumpfende Gesellschaft funktionsfähig zu halten.

(Text: Volker Lehmkuhl)