Stadt – Bau – Kultur. Erbe und Chance

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Stadt – Bau – Kultur. Erbe und Chance

Achte Tagung in der Reihe "Schwäbischer Städte-Tag: Forum für Städtebau und Denkmalpflege"

im Rathaus der Stadt Fellbach
am Donnerstag, 26. April 2012.

Veranstalter

Stadt Fellbach – Schwäbischer Heimatbund e.V. – Architektenkammer Baden-Württemberg – gefördert von der Volksbank Stuttgart und der Fellbacher Bank.

Städtebau und Architektur prägen unsere Umwelt. Sie stiften Identität und lassen Heimat wachsen. Sie beeinflussen Lebensgefühl und Lebensqualität ebenso wie eine intakte Natur und die Schönheit von Landschaften. Gebaute und naturnahe Umwelt sind gleichermaßen wichtig, damit Menschen sich wohl fühlen. Unser baukulturelles Erbe zu wahren und fortzuentwickeln ist daher Herausforderung und Verpflichtung.

Wir leben in einer Zeit vielfacher Veränderung. Die Bevölkerung nimmt in den kommenden Jahren an Zahl ab. Leerstände sind die Folge; kirchliche und andere ortsbildprägende Gebäude suchen neue Nutzungen. Der Anteil der Menschen aus anderen Kulturkreisen wächst. Ihnen unser Verständnis für den Wert überkommener Bauwerke zu vermitteln, ist nicht immer einfach. Technischer Fortschritt und die Verpflichtung zur Ressourcenschonung wirken sich aus. Sie stehen häufig in Konkurrenz zu den Belangen der Stadtbildpflege und des Denkmalschutzes. Länder und Gemeinden spüren die Grenzen ihrer finanziellen Möglichkeiten. Leiden wir unter zu vielen Denkmalen?

Eine lebendige Stadt kennt keinen Stillstand. Sie muss sich neuen Gegebenheiten und Bedürfnissen stellen. Quartiere und Plätze werden umgestaltet, moderne Bauwerke treten zum alten Bestand. Baukultur und Stadtidentität sind nichts Statisches. Sie können ebenso wachsen wie schwinden.

Bauherr und Architekten, Verwaltung und bürgerschaftliches Interesse wirken mit am Gesicht unserer Städte. Den sich daraus ergebenden Fragen versuchte die Tagung aus kulturphilosophischer, politischer und architektonischer Sicht nachzugehen.

Bereits zum achten Mal fand der Schwäbische Städte-Tag im April 2012 - diesmal in Fellbach - statt. Eingeladen hatten der Schwäbische Heimatbund, die Architektenkammer Baden-Württemberg und die Stadt Fellbach. Unter dem Motto Stadt-Bau-Kultur. Erbe und Chance kamen rund 80 Teilnehmer ins Fellbacher Rathaus. In ihrer Begrüßung stellte die Fellbacher Baubürgermeisterin Beatrice Soltys die Frage, die den Tag bestimmte: Wie beteiligen die Planenden die Bürger angemessen an der baulichen Entwicklung der Stadt und wie lässt sich Qualität erreichen? Im großen Rahmen mangelt es nicht an Konzepten, das wurde auch im Grußwort von Dr. Gisela Splett (MdL), Staatssekretärin im Ministerium für Verkehr und Infrastruktur als Vertreterin der Landesregierung deutlich: Bewahren und Neugestalten stelle große Herausforderungen an die Verantwortlichen.

Die Anforderungen an Architekten und Stadtplaner betonte auch Dr. Walter Kilian, Vorsitzender des Ausschusses für Denkmalpflege und Städtebau im Schwäbischen Heimatbund, der die Tagung inhaltlich vorbereitet hatte und moderierte. Ohne Baukultur ist Stadtqualität nicht vorstellbar. Und ohne Frage verfügt die Architektur über ein großes Identität stiftendes Potential, betonte Kilian. Er wies auch auf die Rolle der Migranten und ihren Einfluss auf die Stadtentwicklung hin. Sein Fazit: Zur Integration gehören nicht nur Wohnung und Arbeitsplatz, persönliche Rechte und Kontakte. Es gilt auch, die Menschen aus anderen Ländern, unter Berücksichtigung ihrer eigenen Kultur, an unsere, ihre neue Heimat heranzuführen. Kilian beklagte, dass immer mehr Fachwerk- und Schindelwände hinter Dämmungen verschwinden und stellte die Frage: Wird Deutschland zum Land der Dichter und Dämmer?

Die frühere Augsburger Kulturbürgermeisterin Eva Leipprand gab zu Bedenken, ob sich die Gesellschaft künftig nicht auf ein qualitatives anstatt des vorherrschenden quantitativen Wachstum einstellen muss.

Prof. Jörg Haspel, Leiter des Landesdenkmalamtes Berlin, beantwortete die provokante Frage von Walter Kilian nach dem Nutzen oder der Last von Denkmalen für die Entwicklung der Stadt erwartungsgemäß positiv: Baudenkmale seien geschichtliches Erbe und deshalb wichtiger Baustein für eine europäische Zukunft. Nicht zuletzt seien Denkmale der Sozialkitt und die städtebauliche Denkmallandschaft mehr als die Summe ihrer Gebäude. Auch Plätze und der Leerraum dazwischen gehörten dazu, so Prof. Haspel.

Den Klimaschutz und seine Konsequenzen brachte Prof. Günter Pfeifer, Darmstadt, in die Tagung ein. Mit einem Konzept der Solarheizung durch Luftkollektoren gab er eine Antwort auf den Dämmwahnsinn, der, begünstigt durch die Energieeinsparverordnung, der McDonaldisierung der Architektur Vorschub leiste, so Pfeifer. Seine Vorschläge sind denkmalverträglich. Zum Beispiel werden einfach verglaste Fenster durch Vorsatzflügel zu energiesparenden Kastenfenstern, die das Erscheinungsbild der Gebäude wahren.

Am Nachmittag folgten praktische Beispiele. Der Ulmer Baubürgermeister Alexander Wetzig stellte die Entwicklung in der ehemaligen freien Reichsstadt dar. Mit dem modernen Stadthaus stellte der New Yorker Stararchitekt Richard Meier nicht nur ein signifikantes Wahrzeichen neben das historische Münster, sondern löste auch eine fruchtbare und kontroverse Diskussion aus. Demokratie als Bauherr funktioniert, zeigte sich Wetzig überzeugt. Mit der Neuen Mitte konnte Ulm einige Sünden der autogläubigen Nachkriegszeit beseitigen und dort eine Menschen zugewandte Entwicklung einleiten. Jüngstes Beispiel ist der Bau einer Synagoge am Weinhof, unweit des Orts der alten Synagoge. Damit kehrt eine neue jüdische Kultur und Geisteshaltung wieder in den Stadtraum zurück, so Wetzig.

Fellbacher Verhältnisse stellte die Leiterin des Stadtplanungsamtes, Barbara Neumann-Landwehr dar. Aus drei Dörfern eine Stadt zu bilden, sei auch mehr als 40 Jahre nach dem Zusammenschluss der Gemeinden Oeffingen, Schmiden und Fellbach eine große Herausforderung. Dazu käme der Zuwanderungsdruck aus der benachbarten Landeshauptstadt, der dörfliche Strukturen zu urbanen Quartieren verändere. Tradition zu wahren und neue, Identität stiftende Bebauung gemeinsam mit einer engagierten Bürgerschaft zu schaffen, sei eine der wichtigsten Aufgaben der Bauverwaltung.

Die abschließende Podiumsdiskussion, moderierte Prof. Wolfgang Schwinge, Stuttgart.

Volker Lehmkuhl