Entscheidend ist die Qualität

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Entscheidend ist die Qualität

Saal mit Publikum

Rund 60 Teilnehmer beim 2. Schwäbischen Städte-Tag in Ulm

Ein hochkarätig besetztes Podium und ein für die Denkmalpflege seit jeher grundlegendes Thema mit ungebrochener Aktualität waren beste Voraussetzungen für ein Gelingen des 2. Schwäbischen Städte-Tags, der am 29. September 2005 in Ulm stattfand. Und wer mit hohen Erwartungen angereist war - so wie die gut 60 Teilnehmerinnen und Teilnehmer - wurde nicht enttäuscht: Auf hohem Niveau argumentierten und diskutierten die Referenten über die Neue Nutzung im alten Bestand, denn Überleben können Bauwerke nur, wenn sie genutzt werden, wie es der Einladungstext treffend formuliert. Und genau um dieses Überleben historischer Bausubstanz in schnellläufiger Zeit, geht es beim Schwäbischen Städte-Tag, den der Schwäbische Heimatbund zusammen mit der Architektenkammer Baden-Württemberg und jeweils einer Partnerstadt - in diesem Fall Ulm - ausrichtet.

Einführung

gotische Kirche und modernes Gebäude

Der Ulmer Münsterplatz vereint Alt und Neu

Nach der ersten Tagung in Schwäbisch Gmünd nun also in Ulm, der ehemaligen freien Reichsstadt, als solche selbstbewusst und mächtig, voller gebauter Zeugnisse wirtschaftlicher und militärischer Dominanz bis ins 20. Jahrhundert hinein. Doch Ulm war wie viele deutsche Städte im Zweiten Weltkrieg Schauplatz vernichtender Flächenbombardements, rund 80 Prozent der Gebäude wurden zerstört, so der Ulmer Baubürgermeister Alexander Wetzig in seiner Begrüßung. Was die Bomben übrig ließen, fiel nicht selten dem Wiederaufbau und dem Modernisierungsdiktat der 1950er bis 1970er Jahre zum Opfer. Dieser Gegensatz zwischen alten Gebäuden und mittlerweile selbst zur Historie gewordenem Ersatz ist für die Ulmer auch heute noch Anlass, sich mit ihren Bauten und ihrer Stadtstruktur in vielen, zum Teil hart geführten, Diskussionen kritisch auseinanderzusetzen, wie Bürgermeister Wetzig anmerkte. Das Selbstbewusstsein ist den Ulmern nicht vergangen, das zeigen schon die intensiven und kontroversen Diskussionen und Volksabstimmungen um die Glaspyramide der Stadtbibliothek von Prof. Dr. Gottfried Böhm und das Stadthaus auf dem Münsterplatz von Richard Meier.

Wie eine Umnutzung aussehen kann, zeigte auch der Tagungsort selbst. Die Dreifaltigkeitskirche aus dem späten Mittelalter mit einem Vorgängerbau von 1320/21 gehörte bis 1530/31 zum Dominikanerkloster der Stadt, wurde 1621 mit den Stilmitteln des Frühbarock instandgesetzt und im Kriegsjahr 1944 weitestgehend zerstört. Heute ist sie Teil des Hauses der Begegnung der evangelischen Kirchengemeinde und rege genutztes Tagungszentrum.

Doch der Blick der Denkmalpflege verengt sich nicht auf das einzelne Gebäude, so Dr. Walter Kilian, stellvertretender Vorsitzender des Schwäbischen Heimatbunds, sondern hat auch die Beziehung neuer Bauten zum historischen Bestand im Fokus. Und nicht nur die Allgemeinheit sondern auch der Nutzer stellt Ansprüche an ein Gebäude und dessen Umfeld. Das gilt im Besonderen für historische Bauten, die im Zweifelsfall für einen ganz anderen Zweck oder für völlig andere Ansprüche gebaut wurden, so Walter Kilian. Und auf diese Nutzung komme es letztlich an, denn urbanes Leben verlange Nutzung. Wie dieser Spagat zwischen Bewahren und Verändern und Anpassen zu schaffen ist, sei die entscheidende Frage.

Georg Zimmer über den Umgang mit "Gebaute Geschichter" als lebendiger Heimat

Welch wichtige Rolle historische Gebäude und die Stadtstruktur für die Menschen haben, machte Georg Zimmer, Bau- und Kulturbürgermeister von Leutkirch deutlich: Im Gegensatz zur "Einheitssoße" weltweiter Großstadtarchitektur tragen unsere historischen Altstädte zur Unverwechselbarkeit und langfristigen Wertschätzung bei und sind damit ein wichtiger Bestandteil der Heimat. Dabei gehe es nicht nur um herausragende Baudenkmale sondern eben auch um die Stadtstruktur mit den vielen Wohn- und Geschäftshäusern, die einen unverzichtbaren Anteil an der Stadtgestalt haben. Neubauten müssten sich deshalb am Maßstab des Menschen orientieren. Der Nachbau historischer Gebäude sei allerdings der falsche Weg um die Ansprüche an eine lebenswerte Stadt zu erreichen. Im Gegenzug müssten Neubauten Respekt vor der tradierten Architektur zeigen, ohne sie zu kopieren, so Georg Zimmer. Fachliche Kenntnisse, Fingerspitzengefühl und Kooperationsbereitschaft aller am Bau Beteiligten, sei dazu eine entscheidende Voraussetzung. Auch so lässt sich die Forderung nach Qualität umschreiben.

Michael Goer spricht sich für qualitätsvolles Weiterbauen aus

Referent am Pult

Landeskonservator Prof. Dr. Michael Goer

In die gleiche Richtung argumentierte Prof. Dr. Michael Goer, Landeskonservator beim Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg: Neben der Umnutzung historischer Bauten sei die Erneuerung des Bestands wesentlicher Faktor für eine nachhaltige Stadtentwicklung. Dabei ist die Gestaltqualität des einzelnen Baus für sich gesehen noch kein Kriterium des guten Ersatzes, sagte Prof. Goer, auch mit Blick auf die Glaspyramide der Ulmer Stadtbibliothek von Gottfried Böhm. Entscheidend sei die Auseinandersetzung mit dem Altbestand. Maßstab und Proportion, die Parzellenstruktur des städtebaulichen Zusammenhangs, die Dachlandschaft, das Baumaterial, die Oberflächenbehandlung und die Detailausbildung - das alles sind Faktoren für eine adäquate Einbettung des Neubaus in das Ensemble. Dass diese Qualitätsanforderungen gerade in Ulm an vielen Orten erfüllt sind, zeigte Goer an mehreren Objekten, zum Beispiel am Wohnhaus Henkersgraben 11 (siehe Bild). Mehr Offenheit mahnte Prof. Goer aber auch bei seinem eigenen Berufsstand an: Denkmalpfleger haben viele Erfahrungen mit dem unterschiedlichen Können von Architekten und deren Bauten. Deshalb würden sie sich im Zweifelsfall eher für eine Architektur in Kontinuität zum Altbaubestand entscheiden: Der Denkmalpfleger zieht deshalb häufig genug eine angepasste, harmlose und damit auch risikoarme Architekturform modernen Lösungen vor. Mit der oft biederen Architekturgestalt des Traditionellen wähne sich der Denkmalpfleger sozusagen auf der sicheren Seite. Eine verständliche aber einseitige Vorgehensweise, so Goer. Wir brauchen auch das Weiterbauen, insbesondere das qualitätsvolle Weiterbauen.

Andreas Wetzig über Neues Bauen in Ulm

Der Referent am Pult.

Der Ulmer Baubürgermeister Andreas Wetzig.

Wie der Umgang mit historischen, wieder aufgebauten und mehr oder weniger qualitätsvoll ersetzten Bauten in Ulm vor sich geht, zeigte Bürgermeister Alexander Wetzig. Das sind zum einen die öffentlichen Bauten und Patrizierhäuser der mittelalterlichen Stadt, die meist klassisch saniert, heute öffentlich genutzt werden - als Museen, Musikschule oder Konzertsaal. Noch offen ist die Weiternutzung des Ehinger Hofs in zentraler Lage. Nach dem Auszug der staatlichen Finanzverwaltung steht das Haus leer und wartet auf einen oder mehrere neue Nutzer. In diesem Zusammenhang plädierte Alexander Wetzig dafür, den Bauten und damit auch den Entscheidungsträgern Zeit zu lassen. Nicht immer müsse eine Neunutzung direkt an die bisherige Nutzung anschließen. Wenn es der Bauzustand erlaube, könne man sich auch einige Jahre Zeit lassen. Das gilt im Besonderen für das größte Bauensemble Ulms, die Bundesfestung. Während einzelne der Militärbauten, etwa mit dem sehenswerten Donauschwäbischen Zentralmuseum, eine neue Bestimmung erfahren haben, wartet die Wilhelmsburg als zentrale Zitadelle nach einem aufwändigen Ersatz des historischen Grasdaches durch eines aus Titanzinkblech auf neue Bewohner beziehungsweise neue Macher. Dass angesichts von 400 Räumen und 20.000 Quadratmeter Nutzfläche die Dimensionen einer einfachen Lösung bisher im Wege standen, zeigten die Bilder eindrucksvoll.

Wie spannend die Beschäftigung mit Industriebauten sein kann, wurde anhand der Hinterlassenschaften der Firma Magirus deutlich, einem der wichtigsten Industriebetriebe in der Donaustadt. Wurde ein Stahlbetonbau des Magiruswerks aus der Zeit der vorletzten Jahrhundertwende mit viel Aufwand und guten Ideen mehr oder weniger klassisch in Wohnungen umgebaut, wartet mit dem Zentralbau des Magiruswerks II eine besondere Aufgabe auf Architekten, Städteplaner und Vermarkter. Mit dem Stadtregal (www.stadtregal.de) haben die Verantwortlichen und Kreativen eine faszinierende Idee entwickelt, wie der 300 Meter lange, viergeschossige Stahlbetonbau aus den 1950er Jahren mit seinen bis zu sieben Meter hohen Räumen zu neuem Leben erweckt werden kann. Wie in ein Regal würden Nutzungen der unterschiedlichsten Art in die regelmäßige Stahlbetonstruktur eingeschoben. Vom Wohnen mit Loftambiente über Dienstleistungen und Gewerbe in jeder Form. Der Bau verträgt alles, so Wetzig, was angesichts einer möglichen Deckenbelastung von zwei Tonnen pro Quadratmeter durchaus glaubhaft ist. So könnten Fahrzeuge per Aufzug oder Rampe innerhalb des Gebäudes bis vor die neuen Wohnungen, Büros oder Werkstätten fahren. Trotz dieser wichtigen Einzelbeispiele, ist das Bewusstsein für die Welt alter Industriebauten noch nicht überall vorhanden, bedauerte Andreas Wetzig.

Arno Lederer: "Wozu brauchen wir eigentlich noch Architekten?"

Der Referent spricht zum Publikum.

Der Architzekt Prof. Dipl.-Ing. Arno Lederer hält eine Grundsatzrede über die Rolle seines Berufsstandes.

So lautete die ketzerische, aber durchaus ernst gemeinte, Eingangsfrage von Prof. Dipl.-Ing. Arno Lederer, Mitinhaber eines renommierten Architekturbüros und seit neuestem Hochschullehrer am Institut für Öffentlichen Bauten und Entwerfen der Universität Stuttgart. Nach dem Rückgang der Neubautätigkeit könne man die verbliebenen Renovierungsarbeiten ja auch den Fachingenieuren und Handwerkern überlassen, berichtete Lederer über seine Erfahrungen mit Entscheidungsträgern und politischen Gremien. Dass das gerade beim Bauen im Bestand nicht so ist, zeigte Prof. Lederer am Beispiel von drei aktuellen Projekten seines Büros, einem Schulumbau in Friedrichshafen, den Schülerwohnungen des Landesgymnasiums für Hochbegabte in Schwäbisch Gmünd und dem Umbau und der Sanierung des Hessischen Staatstheaters in Darmstadt. Gerade beim Umbau des Theaters in Darmstadt wurde deutlich, dass ein Denken aus der Funktion heraus durch den Architekten zu mehr führt als vorher da war. Dieses Ziel müssten sich die Architekten immer bewusst machen - mehr zu schaffen als der Bestand darstellt. Dabei dürften sich die Architekten nicht am Mittelmaß orientieren, sondern am langfristigen Nutzen ihrer Planungen. So komme man - auch in öffentlichen Diskussionen - von der Brandschutzklappe zur Architektur.

Wilhelm Huber zeigt Beispiele aus Bayern

schmales modernes Wohnhaus.

Architektonische Qualität in historischer Umgebung: Das Haus Henkersgraben 11 in Ulm von Stemshorn Architekten, Ulm. Auf einem nur vier Meter breiten Geländestreifen wurde ein 22 Meter langes Wohnhaus konzipiert, dessen schlanker Kubus sich in seiner Höhe an einem angrenzenden historischen Torbogen orientiert. Foto: Oleg Kuchar.

Wilhelm Huber, Architekt aus Betzigau, zeigte dann drei Beispiele aus Bayern, die das Spannungsverhältnis zwischen alt und neu innerhalb der Stadtstruktur zum Thema hatten. Eine Seniorenwohnanlage in Eichstädt, Studentenwohnanlagen an der Ingolstädter Stadtmauer und der Umbau einer Dachwohnung in Kempten machten deutlich, dass es nötig ist, Konzepte zu entwickeln, die mit besonderer Sensibilität und Kreativität auf den historischen Ort reagieren, so Wilhelm Huber. Nur derjenige, der das Heute erkennt und die Gegenwart festhält, wird in der Geschichte bestehen.

Dörte Eggers und Manfred Bornemann über das Kunstzentrum Karlskaserne

Über eine besondere Art der Umnutzung, quasi von unten nach oben oder vom Inhalt zur äußeren Form, berichteten Dörthe Eggers, Leiterin des Kunstzentrums Karlskaserne, zusammen mit dem Autor und Journalisten Manfred Bornemann. In Ludwigsburg, dem schwäbischen Potsdam, wurde durch den Abzug der amerikanischen und deutschen Streitkräfte in den 1990er Jahren viel Raum in den Kasernen des 19. Jahrhunderts frei. Einen Teil davon, eben die Karlskaserne, nahm das Kunstzentrum in Beschlag, das aus zahlreichen einzelnen Initiativen besteht und durch Aktivitäten vieler künstlerischer Sparten und deren Kooperation miteinander in den vergangenen Jahren von sich reden machte. Trotz der vor allem im Winter teilweise sehr unkomfortablen Bedingungen ist hier ein freier Kunstbetrieb entstanden, der als Ideenschmiede mit Werkstätten für Bildende Kunst, Neue Medien, Tanz, Theater und einer bunten Mischung aus Klassik und Avantgarde erfolgreich die fürs Militär geschaffenen Räume erobert hat. Erst als sich der Erfolg der Idee herausstellte, wurde nach und nach saniert. Die alte Bausubstanz fordert aber auch heute noch durch ihren provisorischen und eben nicht-perfekten Charakter die Kreativität und den Ideenreichtum der Nutzer heraus.

Podiumsdiskussion stellt größeren Zusammenhang her

fünf Herren am Tisch

Die Podiumsdiskussion mit (von links) Moderator Martin Geier, Prof. Lederer, Prof. Goer, Dipl.-Ing. Zimmer und Bürgermeister Wetzig.

In der von Martin Geier, im Bereich Denkmalschutz bewanderter Redakteur der Stuttgarter Zeitung, geleiteten Abschlussdiskussion stellten die Teilnehmer ihre Tagungsbeiträge noch einmal in einen größeren Rahmen. So betonte Prof. Goer, dass die Zeit der großen städtebaulichen Planungen vorbei ist. Baubürgermeister Alexander Wetzig bekräftigte diese Erfahrung: Die Halbwertszeit der langfristig angelegten Pläne wird immer kürzer. Sowohl aus praktischen als auch aus personellen und finanziellen Erwägungen heraus, würden die Kommungen heute eher weniger detaillierte Rahmenplanungen machen, auch um flexibler auf die Zeitläufe und die Veränderungen in den Nutzungswünschen reagieren zu können. Arno Lederer lokalisierte die Ursachen schlechter architektonischer und städtebaulicher Ergebnisse noch einmal eine Ebene höher: Ein Problem ist durchaus das Thema der Demokratie als Bauherr, berichtete er von negativen Erfahrungen als Architekt und Preisrichter mit Einflussnahmen aus dem kommunalpolitischen Bereich auf die fachliche Willensbildung. Eine Ansicht, der Alexander Wetzig mit seinen anstrengenden aber letztlich positiven Erfahrungen in Ulm in Teilen widersprach: Natürlich hat die Demokratie als Bauherr Höhen und Tiefen, aber wenn der Gemeinderat wie in Ulm sein Mandat ernst nimmt, entsteht durchaus architektonische und städtebauliche Qualität. Gemeinsamer Nenner bei diesem Aspekt: Verwaltung und Fachleute sollen den Bürgern und ihren politischen Vertretern Alternativen vorstellen, zwischen denen diese entscheiden können. Eine Forderung die unter anderem für mehr Architektenwettbewerbe spricht.

Eine Aufgabe, die auch den Blick der Architekten weiten sollte, wie Georg Zimmer meinte. Er beklagte das Verschwinden der Baumeister, die in allen fachlichen Disziplinen Hervorragendes leisten, zu Gunsten von hervorragend qualifizierten Vertretern von Einzeldisziplinen. Es gelte den Bürgern Szenarien nahe zu bringen, wie Stadt und Landschaft in Zukunft aussehen könnten, je nachdem welche Entscheidungen getroffen werden. Eine Aufgabe, die angesichts von immer weniger zur Verfügung gestelltem Geld von den Fachleuten mit immer weniger Zeit, sprich Sorgfalt, erledigt werden kann, wie Denkmalpfleger Michael Goer betonte und dem die anderen Teilnehmer zustimmten. Wenig tröstliches Fazit der Diskutanten: Vielleicht muss die Verlusterfahrung mit fehlender Qualität in Architektur und Städtebau erst noch größer werden, bevor sich die Entscheidungsträger wieder mehr Mittel und mehr Aufmerksamkeit in die Planungskapazitäten und das Ansehen der Planer investieren.

Insgesamt also eine sehr fruchtbare und anregende Veranstaltung, bei der fast ausschließlich öffentliche Nutzungen in historischen Mauern thematisiert wurden. Die Bedürfnisse privater Investoren und Nutzer kamen da etwas kurz, was wohl einem weiteren Schwäbischen Städte-Tag vorbehalten bleibt.
(Volker Lehmkuhl)