»Kirche – Stadt – Kultur« (6. Schwäbischer Städte-Tag)

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»Kirche – Stadt – Kultur« (6. Schwäbischer Städte-Tag)

Sechste Tagung in der Reihe "Schwäbischer Städte-Tag: Forum für Städtebau und Denkmalpflege"

in Reutlingen, Rathaus, Großer Sitzungssaal
am Mittwoch, 7. Oktober 2009.

Veranstalter

Stadt Reutlingen - Schwäbischer Heimatbund e.V. - Architektenkammer Baden-Württemberg - gefördert von der Kreissparkasse Reutlingen

Die Tagung fragte nach der Bedeutung kirchlicher Bauten als Dokumente der Kulturgeschichte für die Gesellschaft, nach ihrer prägenden Wirkung auf das städtebauliche Erscheinungsbild und nach ihrem Beitrag für das Empfinden von Heimat. Denkmalpflegerische Belange kamen dabei ebenso zur Sprache wie Möglichkeiten und Grenzen einer Umnutzung sakraler Kirchenräume.

Die Tagung fand statt im Rahmen der Heimattage Baden-Württemberg.

6. Schwäbischer Städte-Tag in Reutlingen

marienkirche reutlingen (c) wikipedia

Die Marienkirche in Reutlingen

Mit dem Thema Kirche – Stadt – Kultur und damit auch mit der Frage, was mit nicht mehr benötigten Kirchenbauten geschehen soll, befasste sich am 7. Oktober 2009 der 6. Schwäbische Städte-Tag in Reutlingen. Das jährliche Forum für Städtebau und Denkmalpflege, veranstaltet vom Schwäbischen Heimatbund, der Architektenkammer Baden-Württemberg und der gastgebenden Stadt, hat sich zu einem wichtigen Treff- und Diskussionspunkt entwickelt, der breite Kreise aus dem Fachpublikum und interessierte Kenner anzieht. Über hundert Teilnehmer trafen sich im vollbesetzten Reutlinger Ratssaal, um einen Tag lang den mit dem demografischen und gesellschaftlichen Wandel einhergehenden, gefühlten oder tatsächlichen Bedeutungswandel kirchlicher Gebäude und hier vor allem der Kirchenhäuser selbst auf den Grund zu gehen.

Gewachsene Rolle der Kirchen in städtischer Gemeinschaft

Schon in der Begrüßung durch die Reutlinger Oberbürgermeisterin Barbara Bosch zeigte sich die über Jahrhunderte gewachsene Rolle der Kirchen für das Selbstverständnis und Selbstbewusstsein einer städtischen Gemeinschaft: So ist die zwischen 1247 und 1343 gebaute Reutlinger Marienkirche Ausdruck der Dankbarkeit und des Stolzes der Bürger der ehemaligen Freien Reichsstadt über die glimpflich verlaufene Belagerung Reutlingens im Jahr 1247 durch das Heer des Landgrafs Heinrich Raspe. Während Zentralkirchen wie die Marienkirche zwar denkmalpflegerische Herausforderungen darstellen, aber in ihrer Funktion und Bedeutung nicht in der Diskussion stehen, sieht es bei vielen neueren Kirchen anders aus.

Von den etwa 45.000 Kirchen in Deutschland sei rund ein Viertel in ihrem Bestand bedroht, sagte Dr. Walter Kilian, stellvertretender Vorsitzender des Heimatbunds, in seiner Einführung. Wie wirkt sich der Verlust von Kirchen als Stein gewordene Glaubenszeugnisse, aber auch als Kulturgut der Allgemeinheit und als architektonische und städtebauliche Akzente auf den Menschen aus, fragte Kilian. Und weiter: Welche Kirchen sind angesichts sinkender Gemeindegliederzahlen und rückläufiger Kirchensteuern noch zu halten? Und welche Umnutzung kommt überhaupt in Frage? Kirchen zu einer Geisterbahn umzuwandeln, wie in Amsterdam geschehen, sei sicherlich keine Alternative, so Kilian.

Eine ernstzunehmende Lösung stellte Ulrike Hotz, Erste Bürgermeisterin von Reutlingen, vor. Die Umnutzung der Nikolaikirche zur Vesperkirche und ökumenischen Citykirche habe sich bewährt und gebe der kirchlichen Arbeit im Zentrum der Stadt ein Schaufenster und eine für alle offene Anlaufstelle. Damit erfüllt sie nach wie vor zentrale Funktionen einer Kirche als Ort, an dem sich die politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Kräfte einer Stadt niederschlagen, wie es Dr. Klaus Jan Phillip, Professor für Architekturgeschichte an der Universität Stuttgart, in seinem Vortrag zu Kirchen als Dokumente der Kulturgeschichte formulierte. Phillip stellte dabei auch die provokante These auf, dass je mehr ein Kirchenbau als architektonisches Kunstwerk sich außerhalb des Normalen und Alltäglichen stellt, er in der Gesellschaft weniger akzeptiert wird. Vor allem Kirchenbauten der Moderne seien in dieser Hinsicht mit Akzeptanzproblemen behaftet.

Rottenburg: Keine Profanierung, eher Umwidmungen

Dass die Probleme nicht für alle Kirchenbauten gleich sind, machte auch Weihbischof Dr. Johannes Kreidler von der Diözese Rottenburg-Stuttgart deutlich. Allein nach dem Zweiten Weltkrieg sind, bedingt durch den Zuzug zahlreicher katholischer Christen nach Württemberg, in der Diözese 556 Kirchen neu gebaut worden. Viele von ihnen in neuen Stadtteilen, denen sie als strukturierender Faktor räumliche Mitte und geistiges Zentrum wurden, die heute aber durch Überalterung und strukturellen Wandel geprägt seien. Weihbischof Kreidler betonte die Funktion des für Gott geschaffenen Raums als Freiraum für den Menschen, fern von Arbeit und Konsum. Der Hinweis, dass auch wenig benutzten oder gar leeren Kirchen als Flucht- und Ruhepunkt eine zentrale Bedeutung zukommt, wurde in der Tagung gleich mehrfach thematisiert. Trotz der hohen organisatorischen und finanziellen Belastung beantwortet die Diözese Rottenburg-Stuttgart die Frage nach einer Umnutzung oder gar Aufgabe von Kirchen sehr zurückhaltend. Profanierungen seien im kommenden Jahrzehnt nicht geplant, gleichwohl sei eine Umwidmung im innerkirchlichen Raum, etwa zu Jugendkirchen, in Einzelfällen denkbar.

Evangelische Kirche: multifunktional nutzbarer Bau

Blick in eine modernisierte Kirche

Die Reutlinger Kreuzkirche dient nach ihrem lichtspendenden Umbau durch das Büro Riehle + Partner als multifunktionaler Veranstaltungs- und Kirchenbau, ohne ihren sakralen Charakter zu verlieren.

Etwas anders wird das Thema in der evangelischen Kirche gehandhabt, wie der Reutlinger Prälat Professor Dr. Christian Rose ausführte. Neben der Nikolaikirche als Vesper- und Citykirche nannte Rose den Um- und Ausbau der Reutlinger Kreuzkirche zu einem multifunktional kirchlich nutzbaren Bau, dessen interessante architektonische Details der Präsident der Architektenkammer Baden-Württemberg Wolfgang Riehle erläuterte. Anhand konkreter Beispiele zeigte Riehle auch auf, dass die Rolle des Architekten bei einem Kirchenumbau weit über die Funktion des Planers hinausgeht und hohe moderierende Fähigkeiten gefragt sind. Dass für die umgebaute Kreuzkirche zwei Gemeindehäuser aufgegeben wurden, bezeichnete Prälat Dr. Rose als schmerzhaften Prozess für die Kirchengemeinde.

Welche Emotionen sowie organisatorische und denkmalpflegerische Diskussionen durch die geplante Aufgabe einer Kirche entstehen, wird im Fall der Reutlinger Leonhardskirche deutlich. Das vor 115 Jahren als Ausweichkirche während der Renovierung der Marienkirche gebaute Gotteshaus ist in seiner Bausubstanz nicht mehr zukunftsfähig, so Rose, und soll nach dem Beschluss des Gesamtkirchengemeinderats aufgegeben werden; nicht zuletzt vor dem Hintergrund, dass die Zahl der evangelischen Christen in Reutlingen von 46.000 im Jahr 1950 auf heute 23.000 Menschen gesunken ist. Das Landesdenkmalamt habe sich jedoch gegen einen Abriss ausgesprochen, die betroffenen Gemeindeglieder müssten neben längeren Wegen auch noch den Verlust eines liebgewonnenen Erinnerungsraumes hinnehmen, was schmerzhaft sei.

Hoher Symbolwert der Kirchen verhindert den Abriss

Der Befürchtung, dass massenweise Kirchen geschlossen würden, widersprach Prof. Dr. Thomas Erne, Direktor des Instituts für Kirchenbau und kirchliche Kunst der Gegenwart an der Philipps-Universität Marburg. Angesichts des hohen privaten und öffentlichen Symbolwerts sei es den großen Kirchen gar nicht möglich, in großem Stil Kirchenbauten zu verkaufen oder gar abzureißen, betonte er. Anders sähe es mit Gemeindehäusern und anderen Funktionsbauten aus. Doch Kirchen müssen nicht immer aus Stein gebaute Monumente sein, so Erne. Kirche lebt von der Liturgie, der Raum allein gibt keine Sakralität. Viel wichtiger als die bauliche oder architektonische Form seien attraktive Religionsangebote, die für die Menschen von heute von Belang seien. In Baden-Württemberg stünden die Kirchen vergleichsweise vor einem Luxusproblem, so Erne. So seien in Mecklenburg-Vorpommern flächenhaft Kirchen in ihrer Erhaltung und Funktion bedroht. Erne nannte aber auch Beispiele, wo Atheisten oder Nichtchristen Kirchen aus eigenem Antrieb erhalten. Dies sei auch als Herausforderung zu sehen, Kirchen als Räume der Begegnung zu schaffen, die ohne Mitgliedschaft und ohne Verpflichtung genutzt werden können.

Unterschiedliche Herangehensweise bei den großen Konfessionen

Weitere Möglichkeiten brachte Prof. Theresia Gürtler Berger von der Universität Stuttgart in die Diskussion ein. Die Denkmalpflege stehe vor dem Dilemma der schieren Masse, denn auch die im 20. Jahrhundert gebauten Kirchen bedürften mehr und mehr der baulichen Unterhaltung und stellten die Frage nach originalgetreuer Erhaltung oder einer modernisierten Umnutzung. Neu- und Zwischennutzungen seien durchaus machbar, wie Gürtler Berger an mehreren gelungenen Beispielen zeigte, Grenzüberschreitungen wie der Umbau einer Kirche zu einem Altenheim seien ihr aber ein Gräuel. Sei dem doch lieber der kontrollierte Verfall vorzuziehen. Vielleicht gehen spätere Generationen anders mit nicht mehr benötigten Kirchen um, nutzen diese neu oder wieder. Dies sei besser als ein endgültiger Abriss. Kann und will sich die Gesellschaft solch einen Luxus leisten, fragte Gürtler Berger.

Angesichts des emotionsbeladenen Themas und vor dem Hintergrund der vielen Informationen des Tages schärfte die abschließende Podiumsdiskussion unter der souveränen Moderation von Präsident Wolfgang Riehle durchaus den Blick für unterschiedliche Sicht- und Herangehensweisen – unter anderem zwischen katholischer Kommunionstheologie und evangelischer Kommunikationstheologie, wie es ein Teilnehmer nannte. So sahen mehrere Diskutanten zum Beispiel mobile Zeltkirchen nicht als Konkurrenz zu festen historischen Gebäuden. Diözesankonservator Wolfgang Urban will jedoch in eine solche Niedergangsverwaltung erst gar nicht einsteigen. Auch wandte sich Urban gegen Vorhersagen, dass man sich den Erhalt der Bausubstanz nicht mehr leisten könne. Unter wirtschaftlichen Aspekten wären viele prägende Kirchenbauten erst gar nicht begonnen worden.

Aus dem Publikum heraus wurde das Modell Reutlingen mit der Umwandlung und Schließung von Gebäuden äußerst kontrovers diskutiert. So blieb neben den zahlreichen interessanten Aspekten aus den Vorträgen die Erkenntnis, dass die beiden großen christlichen Kirchen vor dem gleichen Problem stehen, aber durchaus unterschiedlich damit umgehen.

Volker Lehmkuhl