Baukultur als Bildungsauftrag

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Baukultur als Bildungsauftrag

9. Tagung in der Reihe "Schwäbischer Städte-Tag: Forum für Städtebau und Denkmalpflege"

Nagold, Alte Seminarturnhalle
25. April 2013

Ist uns ausreichend bewusst, wie stark unser ganzes Leben mit der Baukultur verbunden ist? Wohl weniger, als die meisten annehmen. Wir schaffen mit dem Bauen ein unwirtliches Umfeld oder aber einen Raum, in dem wir uns wohlfühlen, in dem die Raum-Mensch-Beziehung nicht nur funktional ist und der Mensch dem Gebauten nicht untergeordnet ist. Wie wir bauen ist Ausdruck unserer Kultur. Ist der Bürger zu deren kritischer Rezeption fähig, erlebt er in einem gesteigerten Bewusstsein das bauliche Geschehen in seiner Umwelt. In der Folge entsteht eine kritische Reflexion und ein behutsamerer Umgang mit dem baulichen Erbe. Der 9. Schwäbische Städte-Tag am 25. April 2013 in der historischen Turnhalle in Nagold diente dem Austausch darüber, wie Baukultur als Bildungsauftrag verankert werden kann, damit die Menschen die gebaute Umwelt nicht als Konsumartikel, sondern als zu pflegenden Teil ihrer eigenen Identität verstehen lernen. Mit einer prominent besetzten Referentenliste aus Architektur, Pädagogik und Politik ging die vom Schwäbischen Heimatbund und der Architektenkammer Baden-Württemberg veranstaltete Konferenz der Frage nach: Was bedeutet Baukultur und wie kann baukulturelle Bildung in der Praxis aussehen?

Prof. Christian Baumgart, Präsident des Verbandes der deutschen Architektur-und Ingenieurvereine (DAI), forderte als erster Redner der Konferenz in seinem Beitrag "Baukultur? - Baukultur!" eine gesellschaftliche Verankerung von Qualitätsbewusstsein, das nur über Wissen und Interesse am Bauen erreicht werden könne. Nahezu jedermann wisse über Autotypen Bescheid. Im Bereich von Gebäuden fehle eine entsprechende Kompetenz. Baukünstlerische und baukulturelle Erfolge seien über Jahrhunderte vom erfolgreichen Zusammenspiel zwischen Bauherrn, Baumeistern und ausführendem Handwerk geprägt gewesen. Heute würden an die Stelle des Einzelnen oftmals anonyme Gremien und Gesellschaften treten, die nicht ausreichend genug in der Rolle des Bauherrn auftreten. In Zeiten einer mehr und mehr verschwommenen Bauherrenrolle wachse den planenden Architekten und Ingenieuren neue Bedeutung zu. Handwerkliche Qualität, individuelle Fertigung und nachhaltige Materialwahl seien für das Gelingen eines Baus ebenso wichtig wie eine kompetente, sensible und exakt auf den jeweiligen Ort abgestimmte Planung. Das gelte für das Bauen im ländlichen Raum ebenso wie in den Städten.

Prof. Dr. Max Fuchs, von 2001 bis 2013 Präsident des Deutschen Kulturrates, wies in seinem Vortrag zunächst auf das veränderte Verständnis von Bildung hin. Bildung sei nicht mehr allein mit einem Wissensfundus zu assoziieren. Sie sei die Herstellung eines bewussten Verhältnisses zu sich selbst und der eigenen Umgebung. Damit sei die Baukultur notwendiger Teil der Bildung. In der Erziehungswissenschaft entdecke man neu, dass der Mensch nicht bloß kognitiv mit dem Kopf, sondern mit dem gesamten Körper lerne.

Der Körper bewege sich wiederum in einer materiellen und gestalteten Umgebung, sodass die Wechselbeziehungen zwischen Mensch und Umwelt neues Interesse finden. 80 Prozent dessen, was wir wissen, entwickle sich in den sozialen Erfahrungen des tatsächlichen Umfelds. Beispielsweise sei die Raumatmosphäre von Schulen relevant für den Unterrichtserfolg. Fuchs fasste seinen Vortrag in fünf Thesen zusammen: (1) Eine Trennung von geistiger und materieller Kultur dürfe nicht mehr stattfinden. Sie sei nur historisch erklärbar. (2) Bildung entstehe im wesentlichen informell, ohne dass ein Pädagoge in der Nähe sei. (3) Geist entstehe auch durch Körperlichkeit. (4) Die Gestaltung des Raumes habe Wirkung auf die Bildungsqualität. (5) Baukultur komme nicht ohne Menschenbild aus. Fuchs sieht dementsprechend die Baukultur nicht als eigenständiges Schulfach, sondern als in den gesamten Bildungskanon zu integrierenden Teil.

Den ersten Bezug zur Bildungspraxis stellte Frau Dr. Kristina Hasenpflug her, Ressortleiterin "Kunst und Kultur" sowie "Bildung und Erziehung" der Wüstenrot Stiftung. Aus der Überzeugung, dass es einer kontinuierlichen Beschäftigung mit der Baukultur bedarf, forderte sie eine Verankerung des Themas schon im Grundschulunterricht. Beispielhaft stellte sie das von der Wüstenrot Stiftung initiierte Projekt "Stadtspäher in Hagen" vor. Auf Exkursionen durch ihre Stadt lernen die Schüler Baustile und Fachwerkbauweisen kennen. Sie erfassen zeichnerisch die Bauten und Lagepläne und können auf diese Weise ein neues Verhältnis zu ihrer Umgebung aufbauen. Aus den Erfahrungen erster Unterrichtseinheiten entwickelte die Wüstenrot Stiftung unter dem Titel "Baukultur - gebaute Umwelt. Curriculare Bausteine für den Unterricht" ein Lehrangebot für Schulen. Das umfangreiche Werk umfasst 36 Module für 12 Schulfächer, die progressiv in kleinen Einheiten von zum Beispiel zwei bis drei Unterrichtsstunden angeboten werden. Einer der Mitautoren, Karlheinz Schaedler, unverkennbar Physiker und Mathematiker, der ebenfalls nach Nagold gekommen war, erschloss das Thema aus ungewohnten Perspektiven. Luftaufnahmen mit Wärmebildkameras, das Abbild eines vierdimensionalen Würfels in einem dreidimensionalen Raum, die Arche de la Défense in Paris und vieles mehr sind das didaktische Ausgangsmaterial für seine Unterrichtseinheiten.

Weitere Erfahrungen, wie baukulturelle Bildung in die Praxis eingeführt werden kann, vermittelte der Architekt Jan Weber-Ebnet. Das Vorstandsmitglied der Landesarbeitsgemeinschaft Architektur und Schule in Bayern - einem Zusammenschluss von Architekten und Lehrern - schuf zusammen mit Schülern vielfältige Zugangsmethoden, wie z.B. außerunterrichtliche Projekte, zu dem Thema Baukultur. Josephine Menge, Schülerin aus Rosenheim, sekundierte ihm mit einer anschaulichen Projektbeschreibung der "Stadtoase Rosenheim ". Bei dem erfolgreichen Projekt zur Belebung eines innerstädtischen Platzes in Rosenheim übernahmen Rosenheimer Schüler die Planung und den Betrieb eines Sommercafés. Die Schüler hatten dabei viel zu leisten - von der Anfertigung von Plänen und Modellen über die Finanzierung bis hin zur Bewältigung des "Antragswahnsinns", womit drastisch die Vielzahl von notwendigen Genehmigungen, die beim Betrieb einer solchen Gaststätte notwendig sind, umschrieben wurde.

Mit der Frage: Wo kommen wir her und wo gehen wir hin? leitete Prof. Arno Lederer, Leiter des Instituts für öffentliche Bauten und Entwerfen der Universität Stuttgart, seinen Vortrag unter dem Titel "Wandel oder Dokument - was ist eigentlich das Beständige?" ein. In der Baugeschichte gebe es immer nur das Weiterbauen. Dabei sei der Bruch (das Neue) und das Dokument (das Bestehende) zusammenzubringen und die Geschichte zu berücksichtigen. Bis in das 19. Jahrhundert sei dies den Baumeistern gut gelungen. Ein neuer Baustil habe sich organisch aus dem vorhergehenden entwickelt. Mit der Moderne habe sich ein Wandel vollzogen. Architektur werde mehr oder weniger von den technischen Möglichkeiten bestimmt. Unter dem Zwiespalt von baulicher Fuge statt Fortschreibung würden unsere Städte leiden.

Baukultur ist die tägliche Arbeit und Leidenschaft aller Beteiligten, charakterisierte Stephanie Utz ihre Funktion als Baubürgermeisterin von Ravensburg. Mit einem ganzen Bündel von Maßnahmen und Methoden wird die Baukultur in ihrer Stadt gepflegt. Von der Stadtbildsatzung und der Werbeanlagensatzung über die Stadtsanierung, der konsequenten Durchführung von Wettbewerben, der Etablierung eines Gestaltungsbeirats der Stadt bis hin zu einer institutionalisierten Beteiligung der Bürger an der Weiterentwicklung der Stadt reicht das Instrumentarium. Letzteres liegt aber noch im Argen. Zum Bürgerforum anläßlich des geplanten Ausbaus der Veitsburg kamen nur wenige Bürger.

Der 9. Schwäbische Städte-Tag schloss mit einer Podiumsdiskussion unter der routinierten Moderation von Carmen Mundorff von der badenwürttembergischen Architektenkammer und den Teilnehmern Prof. Dr. Rainer Prewo, Nagold, Prof. Dr. Bernd Reinhoffer, Weingarten, Regierungspräsident Hermann Strampfer, Tübingen, Jan Weber-Ehret, München, Bürgermeisterin Bettina Wilhelm, Schwäbisch Hall, und der Gymnasiastin Josephine Menge, Rosenheim. Die Gesprächsteilnehmer kamen dabei zur übereinstimmenden Auffassung, dass es an der Zeit sei, die Baukultur in die neuen Bildungspläne aufzunehmen. Der Schwäbische Heimatbund und die baden-württembergische Architektenkammer nahmen diesen Appell auf und verabschiedeten ein Memorandum für die politischen Entscheidungsträger.

Albrecht Rittmann