größer höher dichter. Wohnen in Siedlungen der 1960er und 1970er Jahre in der Region Stuttgart.

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größer höher dichter. Wohnen in Siedlungen der 1960er und 1970er Jahre in der Region Stuttgart.

Titelblatt

Hrsg. v. Karin Hopfner, Christina Simon-Philipp und Claus Wolf. Mit zahlreichen Beiträgen und einem umfangreichen Apparat. 288 S., zahlr. meist farbige Abbildungen, Pläne u. Skizzen. Karl Krämer Verlag, Stuttgart + Zürich 2012, 29,80. ISBN 978-3-7828-1320-4

Schritt für Schritt erschließen sich Architekturgeschichte und Denkmalpflege eine Epoche, die bis vor einem guten Jahrzehnt noch kaum zu ihrem Arbeitsgebiet gehörte, zumindest nicht zu dem der Denkmalschützer oder allenfalls einige ihrer herausragenden Beispiele: den Wohnungsbau der 1960er und 1970er Jahre in Deutschland. Mancher mag den Versuch, diesen Zeitabschnitt jetzt schon ordnen zu wollen und insbesondere von einem konservatorischen Standpunkt aus zu bewerten, für verfrüht halten, klärt doch häufig erst ein gewisser Abstand den Blick auf die Entwicklungen und Leistungen. Andererseits: hat uns nicht das verspätete Erkennen der gestalterischen Qualitäten des Historismus oder zuletzt auch der 1950er Jahre gelehrt, dass allzu lange Nichtbeachtung oder Missachtung zu großen und bedauernswerten Verlusten führen kann?

So begrüßen wir die jüngst erschienene sehr umfangreiche Bestandsaufnahme der Wohnsiedlungen der 1960er und 1970er Jahre im Stuttgarter Raum - nicht nur als eine Dokumentation mit Überblicks-Charakter, sondern vor allem auch als klares Bekenntnis gegenüber jenen, die dieses Phänomen kaum für beachtens- und noch viel weniger für erhaltenswert ansehen.

Es mag schon richtig sein, wie eingangs festgestellt wird, dass sich viele Bauten jener Jahrzehnte einer Liebe auf den ersten Blick entziehen. So ist es auch richtig, deutlich darauf aufmerksam zu machen, dass die Zeit nach 1950 von raschen technischen und architektonischen Entwicklungen geprägt war, vom gesellschaftlichen Experimentieren und alternativen Lebensformen, die sich alle in qualitätsvollen oder auch weniger gelungenen Konzepten für Städtebau und Wohnen niederschlugen. Deshalb beklagt Elisabeth Merk stellvertretend für alle 16 Autorinnen und Autoren, dass die Debatte um die Architektur der 1950er bis 1970er Jahre zuweilen erschreckend oberflächlich war und von mangelndem Geschichtsverständnis zeugt. Darum will diese Publikation als das Ergebnis eines Projekts verstanden werden, das rechtzeitig die gestalterischen und technischen Lösungen der Nachkriegszeit mit den Zeitumständen in Beziehung setzt, in denen sie stattgefunden haben, um daraus ein vorurteilsfreies Verständnis zu entwickeln.

Ausgangspunkt des Buches war ein Auftrag des Landesamts für Denkmalpflege an den Fachbereich Städtebau und Stadtplanung der Hochschule für Technik Stuttgart, einen Überblick über den verdichteten Wohnungsbau jener Zeit im Regierungsbezirk Stuttgart zu erstellen und die Besonderheiten in städtebaulicher, architektonischer und bautechnischer Hinsicht zu dokumentieren. Die Bestandsaufnahme war überfällig, nachdem mehr als die Hälfte des bundesdeutschen Wohnungsbestandes überwiegend zwischen 1960 und 1980 entstand. Der Wunsch der Denkmalpflege ist eindeutig: möglichst viel Wissen um die Qualitäten wie die Schwächen des Nachkriegswohnungsbaus zu erwerben, um die bereits einsetzenden und künftigen Veränderungen mit konservatorischen Mitteln begleiten zu können - und dies obwohl, nein: gerade weil jene Epoche in der öffentlichen Wahrnehmung höchst umstritten ist und häufig mit Stereotypie, seriellen Bauformen, "Betonbrutalismus" und Unmaßstäblichkeit in Verbindung gesetzt wird.

Im Ergebnis gelingt dem Buch anhand vieler prägnanter Beispiele zu den unterschiedlichsten bautypologischen Ausprägungen (Reihenhaus, Punkthochhaus, Scheibenhochhaus, Zeilen- und Blockbauweise, Mischformen etc.) ein detailreicher Überblick in Text, Karte und Bild. Auch wenn sich die vorgestellten Siedlungsprojekte nur im Großraum Stuttgart befinden, muss die Publikation als beispielhaft für die Betrachtung des Wohnungsbaus im Land und sogar im Gebiet der Bundesrepublik vor 1990 gelten.

Die rund 25 Textbeiträge spiegeln die Ansätze der baugeschichtlichen Forschung wie der konservatorischen Praxis wider und betrachten das Phänomen aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Zunächst wenden sich einige Aufsätze dem Kapitel Städtebau, Architektur und Kulturgeschichte zu. Sie beleuchten den Widerstreit zwischen Standardisierung und Differenzierung, das Bemühen, Urbanisierungskonzepte auch über Freiflächen und öffentlichen Raum zu verstehen und betrachten die Siedlungen in ihrer heutigen Situation aus dem Blickwinkel der Immobilienwirtschaft. Die Autoren gehen auf die Herausforderungen ein, die sich vor dem Hintergrund energetischer Aufwertung auftun (Zitat: erst denken, dann dämmen!) und blenden auch die Probleme des demografischen Wandels nicht aus. Nicht nur Stadtraum und Baugestalt, sondern auch Grundrisse und Ausstattungen kommen zur Sprache.

In einem zweiten Abschnitt wird nach der Denkmalwertigkeit der Siedlungen gefragt. Zweifellos gibt es Wohnanlagen, die von Monotonie und Belanglosigkeit geprägt sind. Andere hingegen sind aus enormen kreativen Anstrengungen heraus entstanden. Einige Siedlungen sind deshalb zu Recht als Kulturdenkmale anzusehen. Hierfür führt das Buch auch einige sehr schlüssige Bewertungskriterien auf. Sodann werden die Möglichkeiten und Grenzen der Siedlungsdenkmalpflege ausgelotet. Zugleich wird auf die finanziellen Hilfen hingewiesen und ein Kleiner Ratgeber für Denkmaleigentümer angeboten.

Aus ganz anderer Perspektive wird die Siedlungsarchitektur des Stuttgarter Raums im 3. Teil betrachtet, wenn der damalige Baubürgermeister Stuttgarts Christian Farenholtz, der beteiligte Architekt Peter Faller sowie zwei Bewohnerinnen solcher Bauten in Interviews zu Wort kommen.

Mehr als die Hälfte des Buches nehmen die Siedlungsprojekte selbst ein, zunächst in 60 Steckbriefen, sodann in zwölf sehr ausführlichen Darstellungen von besonderen Planungsideen und Gebäudetypen. Zu ihnen zählen bekannte Stuttgarter Siedlungen, wie der Asemwald und Freiberg, aber auch bislang weniger bekannte, wie die Atriumhäuser in Kernen-Stetten, die Waiblinger Terrassenhäuser im "Schneider" oder das Haus "Schnitz" in Stuttgart-Neugereut. Bei sieben dieser zwölf Objekte wurde bereits Kulturdenkmaleigenschaft festgestellt. Hierzu sind die ausführlichen Begründungstexte angeschlossen.

Im abschließenden Resümee wird die erstaunliche Vielfalt an Besonderheiten und Qualitäten unterstrichen, die das Forschungsprojekt ans Licht gebracht hat. Gleichzeitig wird bedauert, dass viele dieser Wertigkeiten bereits wieder zerstört oder überformt wurden, obwohl seit der Erbauung weniger als 50 Jahre vergangen sind. Dennoch: gerade weil es solche interdisziplinären Projekte nur selten gibt, werden sie von der Denkmalpflege als Leuchtturmprojekt der Inventarisation angesehen, für deren Vertreterin Ulrike Plate die Attribute größer, höher, dichter nicht zwangsläufig negativ belegt sind, sondern durchaus einen Denkmalwert darstellen können. Man möchte sich nach dieser in jeder Hinsicht eindrucksvollen und nicht nur für ein begrenztes Fachpublikum geschriebenen Publikation nur den Herausgebern anschließen: Ein zweiter Blick lohnt!

Bernd Langner