Denkmalpflege der Moderne. Konzepte für ein junges Architekturerbe.

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Denkmalpflege der Moderne. Konzepte für ein junges Architekturerbe.

Wüstenrot Stiftung (Hrsg.), Monika Markgraf, Simone Oelker, Andreas Schwarting und Norbert Huse. 304 S., zahlr. Abbn., 24 x 29 cm, Hardcover, Karl Krämer Verlag Stuttgart. 28,-. ISBN 978-3-7828-1534-5.

Titelblatt

In den vergangenen Jahrzehnten mussten Denkmalpfleger ihre Positionen hinsichtlich der Denkmalwürdigkeit von Objekten häufiger überprüfen, weil der architektonische Wandel im 20. Jahrhundert eine immer höhere Geschwindigkeit annahm. Dies betrifft die Stilentwicklung seit dem Historismus ebenso wie Fragen des Baumaterials. Individualität und gediegene Handwerksarbeit etwa waren bei der Frage, ob ein Bauwerk als Kulturdenkmal anzusehen ist, nicht mehr alleine ausschlaggebend, weil seit den Zeiten von Werkbund und Bauhaus auch industriell gefertigte Bauteile sowie standardisiertes Design zum Zeichen der "Kultur" einer Zeitphase, einer Region, eines Künstlers oder eines Bauherrn wurde.

Unter diesem Aspekt ist der Titel eines jüngst erschienenen Buches zu verstehen, das in mehreren Beiträgen sowie anhand vieler prägnanter Beispiele Aspekte eine Denkmalpflege der Moderne anspricht. Es geht den konstruktiven, gestalterischen und historischen Besonderheiten von Bauten der Moderne vor und nach dem Zweiten Weltkrieg nach, um Grundsätze für einen spezifischen konservatorischen Umgang darzustellen, der in wesentlichen Punkten anders aussehen muss als bei historischen Objekten aus vorindustriellen Epochen.

Trotz standardisierender Tendenzen in der Baukunst wird deutlich, dass denkmalpflegerische Fragestellungen nicht schematisch abgearbeitet werden können, sondern die jeweilige Funktion eines Gebäudes oder regionale Besonderheiten zu berücksichtigen sind. Es werden zwar viele individuelle Lösungen gezeigt, doch ist das Buch keine simple Anleitung für die Kunst der Denkmalpflege der Moderne. Es soll auch keine traditionellen Prinzipien in Abrede stellen. Es gehe vielmehr um die Wahrung eines gefährdeten kulturellen Erbes der jüngsten Vergangenheit, das vielfach noch nicht ausreichend erkannt und geschätzt wird. Es wird darauf hingewiesen, dass ein anderer Umgang mit diesem Erbe auch deshalb vonnöten ist, weil sich die betroffenen Bauwerke wegen ihrer Materialität, aber auch aufgrund ihrer Nutzung anders verhalten als frühere Denkmale, dass sie anders altern, dass ihre "Schönheit" oft eine andere ist und dass sie häufig schon nach kurzer Zeit Veränderungen und neuen Nutzungen ausgesetzt sind.

Deutlich wird, dass die Bedeutung der Klassischen Moderne in der Zwischenzeit zwar größtenteils außer Frage steht, die Nachkriegsmoderne jedoch nach wie vor stark bedroht ist. Das Buch dokumentiert deshalb, dass insbesondere bei Gebäuden seit den 1950-er Jahren ein genaues Hinsehen erforderlich ist, um deren besondere Bedeutung zu erkennen und daraus ihre denkmalgerechte Sanierung und Instandhaltung sowie eine angemessene Nutzung ableiten zu können.

Die 18 Objekte reichen von den allseits bekannten Bauten Kanzlerbungalow-Bonn, Bauhaus-Dessau, Einsteinturm-Potsdam und Le-Corbusier-Doppelhaus in Stuttgart, über einige Berliner Beispiele, wie die Siedlung Schillerpark, das DDR-Staatsratsgebäude und das Studentendorf Schlachtensee, bis hin zu bedeutenden Zeugnissen der Moderne, die unter dem Aspekt der Denkmalerhaltung in der breiteren Öffentlichkeit wohl etwas weniger Beachtung finden, wie die Bernauer Bundesschule des ADGB, das Einsteinhaus in Caputh, das Dessauer Arbeitsamt, die Fatimakirche in Kassel oder das Haus Schminke in Löbau.

Bei sämtlichen dieser Gebäude und Siedlungen werden die besonderen Schwierigkeiten bei Fragen der Sanierung, des Erhalts und der künftigen Nutzung angesprochen. Ausgezeichnete, nur selten etwas zu kleine Fotos vom Zustand vor, während und nach der Sanierungsphase illustrieren die verschiedenen Veränderungen. In Publikationen der Wüstenrot Stiftung sind zum Glück auch aussagefähige Grundrisse eine Selbstverständlichkeit.

Einer grundsätzlichen Einführung von Norbert Huse über die Entwicklung eines Denkmalbegriffs, der Bauten der Moderne überhaupt erst als Gegenstand der Denkmalpflege zuließ, über Begrifflichkeiten und Befindlichkeiten, Missverständnisse und Vorurteile sowie über vielerlei Schwierigkeiten wissenschaftlicher oder konservatorischer Art in den letzten Jahren, folgen acht unterschiedliche Beiträge, die sich den wichtigsten Fragen bei der Erfassung, Bewertung und Behandlung von Kulturdenkmalen des letzten Jahrhunderts widmen.

Huse bemängelt, noch fehle es weithin an Kenntnis und Einsicht, Abriss wie Erhaltung aber beginne in den Köpfen. Die drei Autorinnen und Autoren versuchen daher, diese Lücken aufzufüllen. Sie wenden sich den Themen "Material und Konstruktion", "Farbe und Oberfläche" sowie "Raum und Form" zu und stellen im Kapitel "Architektur und Landschaft" den veränderten Landschaftsbegriff im 20. Jahrhundert heraus, wenn sie nicht nur auf Garten und Park, sondern auch auf Stadt- und Wohnlandschaft eingehen. Stets bleibt dabei die denkmalpflegerische Praxis im Fokus, was in die drei Kapitel über "Nutzungskontinuität und Wandel", "Altersspuren und Zeitschichten" sowie "Erhaltung und Pflege" mündet. Die Fachbeiträge konzentrieren sich auf das Wesentliche und wollen angesichts der vielfältigen Fragestellungen, die in der Praxis tagtäglich auftreten, ebenfalls jeweils nur ein Überblick sein. Aber sie vermögen die Augen zu öffnen für vieles, das sicherlich selbst manch langgedientem Konservator noch nicht in seiner ganzen Breite und Tragweite geläufig sein dürfte.

Das Buch ist sehr fundiert verfasst und bietet ausgezeichnete Hinweise für alle, die sich mit Architektur, Städtebau und Design der Moderne beiderseits der früheren deutsch-deutschen Grenze zu beschäftigen. Ein "Internationaler Ausblick" und zahlreiche Literaturhinweise ergänzen die rundum beispielhafte Publikation.

Bernd Langner