Monika Firla: Der Kameruner Artist Hermann Kessern. Ein schwarzer Crailsheimer.

(Historische Schriftenreihe der Stadt Crailsheim, Band 9). Baier Verlag Crailsheim 2010. 240 Seiten mit zahlreichen Abbildungen. Kartoniert € 14,90. ISBN 978-3-929233-67-4
1920 ließ sich der Kameruner Artist Hermann Kessern in der württembergischen Stadt Crailsheim nieder und lebte bis zu seinem Tod 1981 dort. Die Volksfest- und Zirkustradition (S. 220) Crailsheims mag ihn bewogen haben, diese württembergische Kleinstadt zu seiner Wahlheimat zu erklären. Die promovierte Philosophin Monika Firla, die sich umfassend mit dem Leben schwarzer Menschen im deutschsprachigen Raum beschäftigt, rekonstruierte den Lebensweg des schwarzen Crailsheimers.
1896 wurde Hermann Kessern in Duala/Kamerun geboren. Seine Familie bekannte sich unter dem Einfluss der Pallottiner-Missionare zum katholischen Glauben. Unterrichtet wurde er von württembergischen Lehrern an einer Regierungsschule. Als Hilfsbeamter arbeitete er anschließend an der Hauptpost von Duala. Gemeinsam mit einem Freund wagte er 1912 gegen den Willen seiner Familie die Reise nach Deutschland. Nach einer abgebrochenen Schneiderlehre in Breslau deuten erste Hinweise auf eine Tätigkeit im Zirkus hin. Zum Ende des Ersten Weltkrieges wird er aber als Kammerdiener des Herzogs Karl Rudolph von Croy in Dülmen erwähnt.
Er gehörte zu den Mitbegründern des Afrikanischen Hilfsvereins. Nach dem Ersten Weltkrieg fiel der Entschluss, sich zum Artisten ausbilden zu lassen, wobei er sich auf die Künste eines zizensischen Fakirs (S. 44) - Feuerschlucken, Tanzen auf Scherben, Gehen auf einer Doppelleiter aus Säbeln und das Liegen auf dem Nagelbrett - spezialisierte. Mit Freunden aus seiner Kameruner Heimat gründete er die Artistengruppe Bonambelas und war in den folgenden Jahren bei zahlreichen Zirkussen auch international engagiert. Zwischen seinen Tourneen und in längeren Zeiten ohne Engagement lebte er in Crailsheim.
1933 musste er, als ,Nichtarier' ins Visier nationalsozialistischer Verfolgung (S. 144) geraten, sein Mietverhältnis bei einer Crailsheimer Witwe kündigen. Er zog zu jüdischen Familien und bekam die Dramen um ihre Emigration und Deportation sicherlich hautnah mit. Auf Tourneen in den Kriegsjahren konnte sich Hermann Kessern als Artist in der Manege rassistischen Diskriminierungen entziehen, doch zwischen den Aufführungen wurde er wiederholt verhaftet.
1948 heiratete Hermann Kessern seine langjährige Freundin Anna Martin. Er trat weiterhin als Fakir auf. Später, als diese Arbeit zu anstrengend wurde, beteiligte er sich an einer Afrika-Schau in Schulen. Seinen Lebensabend verbrachte Hermann Kessern als angesehene Persönlichkeit in Crailsheim. Er starb 1981, zwei Jahre nach seiner Frau. Diese ergreifende Lebensgeschichte wurde von Monika Firla mit großer Sensibilität und kulturhistorischer Fachkenntnis rekonstruiert. Einleitend beschreibt die Autorin ihren Weg zu Hermann Kesserns Lebensgeschichte über Archive und persönliche Kontakte zu Zeitzeugen. In der Kombination der Darstellungen von Schrift- und Sachquellen, Erinnerungen seiner Zeitgenossen und Fotos mit Interpretationen und zeitgeschichtlichen Verweisen entstand ein dichter, spannend zu lesender Text.
Zu Beginn wird eine Porträtzeichnung des Crailsheimer Künstlers Cornelius Sternemann sen. beschrieben, die Hermann Kessern zeigt. Der Gesichtsausdruck verrät eine durchaus kritische Weltsicht, gepaart mit Reserviertheit, die andeutet, dass Kessern viel mitzuteilen hätte, aber an sich hält. (S. 9) Hermann Kessern wollte ein Durchschnittsbürger sein und wie die Mehrzahl seiner weißen Mitbürger nicht auffallen. Dafür passte er sich an die soziokulturellen Verhältnisse seiner ehemaligen Kolonialherren an. (S. 219)
Vorbereitend auf die Biografie des Kameruners erinnert Monika Firla an zahlreiche Afrikaner, die seit dem 16. Jahrhunderts in Württemberg nachweisbar sind. Der Leser erfährt zudem von der Kultur der Duala, denen Hermann Kessern entstammte, und deren Geschichte unter der deutschen Kolonialverwaltung.
Die Darstellung folgt dann den Lebensdaten, beleuchtet das weitere Umfeld Hermann Kesserns und versucht so die Erfahrungen zu rekonstruieren, die er mit seiner Zeit machte. Auch scheut die Biografin sich nicht, Parallelen zu unserem heutigen Umgang mit Schwarzen herzustellen, wenn sie zum Beispiel die nach wie vor beliebte Adoption schwarzer Kinder durch Prominente kritisiert, ohne dass man sich ernsthaft gegen die neokoloniale Wirtschaftspolitik (S. 13) wendet.
Monika Firla ist als Autorin im Text präsent, ohne sich in den Vordergrund zu drängen. Ihr Anliegen gilt Hermann Kessern, den Zeitgenossen als stillen, sehr angenehmen Menschen, der nie aufgefallen ist (S. 206), als feine[n] Mann (S. 172), der half, wo er konnte (S. 162), zu beschreiben. Wenn ihre gründlichen Recherchen keine Ergebnisse brachten, entschloss sie sich bewusst zu Mutmaßungen: Damit wollte ich nicht nur Lücken schließen, sondern ebenso Crailsheimer Zeitzeugen anregen, beim Lesen Erinnerungen freizulegen, die im Moment noch verschüttet sind. (S. 11)
Doch der Leser erfährt nicht nur etwas über Hermann Kessern, sondern auch über das Leben schwarzer Menschen im deutschsprachigen Raum im Spannungsfeld zwischen Exotismus und Rassismus in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Hermann Kessern hätte vielleicht lieber einen klassischen bürgerlichen Beruf (S. 43) ausgeübt. Doch in der Welt des Zirkus, in einer bunte[n] Gemeinschaft der Ausnahmeerscheinungen, in der das Außergewöhnliche normal ist (S. 69-70), fand er eine Nische, in der er leben und überleben konnte.
Hermann Kessern und seine afrikanischen Kollegen passten sich in ihrer beruflichen Maskerade den weißen Vorstellungen vom exotischen Mohren mit Turban und während der NS-Zeit vom wilden Afrikaner an. Das Publikum bekam die Schwarzen geboten, die es sehen wollte. Privat legte Hermann Kessern großen Wert auf ein gediegenes und unauffälliges Auftreten.
Anhand gründlicher Fotobetrachtungen findet Monika Firla einen besonders ergiebigen Zugang zu Hermann Kessern. Auf den ersten Blick zeugen die privaten Fotos von einem einfachen bürgerlichen Leben im Kreise von Freunden und später auch Verwandten aus der Familie seiner Frau. Doch auf den zweiten Blick erkennt man unter der Anleitung der Autorin die Anstrengungen, die hinter diesem so scheinbar normalen Alltag stehen. Vermutlich reflektiert er sein bildtaugliches Verhalten genau, so wie er als sofort identifizierbarer Mann aus einen anderen Weltteil stets überlegt haben muss, wie er zum eigenen Schutz den besten Eindruck erweckt. (S. 142)
So erstaunt zum Beispiel die Entdeckung Hermann Kesserns auf einer Fotografie vom Aufmarsch der Soldaten in Crailsheim zum Kriegsbeginn 1939, auf der man den Afrikaner erkennt, der sich scheinbar unbehelligt die Nase putzt. (S. 164) Dennoch will die Autorin den relativ geglückte[n] Lebensweg Hermann Kesserns nicht als versöhnliches Paradebeispiel (S. 218) betrachtet wissen. Denn auch wenn von ihm keinerlei kritische Bemerkungen bezüglich der NS-Vergangenheit seiner Mitbürger überliefert sind, hatte auch er unter Diskriminierungen zu leiden. Davon zeugt nicht zuletzt die Tatsache, dass es ihm nie vergönnt war, mit seiner Frau, die er erst 1948 im fortgeschrittenen Alter heiraten konnte, Kinder zu haben.
Am Ende ist der Leser zum einen beeindruckt von Hermann Kesserns Leben, zum anderen von Monika Firlas vielschichtiger Recherche. Diese hätte eine attraktivere Gestaltung mit besserer Qualität der Abbildungen und ein gründlicheres Lektorat verdient. Die Wirkung der Lebensgeschichte auf den Leser wird dadurch aber nicht geschmälert und die Leistung des Crailsheimer Archivs, eine eigene Schriftenreihe herauszugeben, ist sehr hoch zu bewerten.
Ob es Hermann Kessern gefallen hätte, so viel Aufmerksamkeit zu erlangen? Diese Frage stellt sich die Verfasserin selbst. Er wollte immer als Durchschnittsbürger (S. 219) angesehen werden. Erkundigungen nach seinem Leben beantwortete er stets knapp. Denn Menschen, die aufgrund ihrer Hautfarbe immer wieder nach Details aus ihrer Biographie befragt werden, erkennen schmerzlich, dass man sie damit als ‚anders' wahrnimmt. (S. 219)
Aber Hermann Kessern hat es verdient, nicht vergessen zu werden, schon weil er keine Nachkommen hinterließ. Die Autorin setzt ihm mit ihrem Buch ein würdiges Denkmal. Sein Leben unter den schwierigsten Bedingungen und sein freundliches und hilfsbereites Auftreten verlangen Respekt. Monika Firla betont aber, dass sie das von Kessern geleistete Höchstmaß an Anpassung nicht zum Leitbild für Immigranten (S. 218) erklären möchte. Der Leser ist durch dieses Buch aufgefordert, sich mehr mit unseren offensichtlichen und versteckten Vorurteilen zu beschäftigen. Darüber hinaus kann das Buch Anregung zu weiteren Recherchen zum Leben Schwarzer in der Geschichte unserer Städte und Gemeinden geben. Monika Firla führt vor, wie man solch eine Aufgabe angehen sollte.
Juliane Stückrad
