«Stuttgart 21» | Stellungnahmen des Schwäbischen Heimatbunds

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«Stuttgart 21» | Stellungnahmen des Schwäbischen Heimatbunds

(August 2010)

«Stuttgart 21» ist das derzeit umstrittenste Großprojekt der Deutschen Bahn: es erregt die Gemüter und polarisiert – nicht nur in Stuttgart und an der geplanten Neubaustrecke von Stuttgart nach Ulm. Der Umgang mit diesem Großprojekt wurde und wird seit den Anfängen auch im Schwäbischen Heimatbund, im Vorstand und in den Gremien, auf Veranstaltungen der Ortsgruppen und unter den Mitgliedern heftig diskutiert. Im Zentrum steht dabei die Unzufriedenheit darüber, dass es nicht gelungen ist, das vertraute Bild der gesamten Bahnhofsanlage mit den Seitenflügeln zu erhalten. Und unablässig wird auch die Frage aufgeworfen, welche Positionen der SHB einnehmen sollte, wie er sich einbringen und Stellung beziehen könnte und ob überhaupt noch Möglichkeiten der Einflussnahme offen stehen, nachdem die notwendigen demokratischen und verwaltungsrechtlichen Verfahren zu den wichtigsten der geplanten Maßnahmen abgeschlossen sind und das Projekt auf den Weg gebracht wurde.

Schon sehr früh hat der Schwäbische Heimatbund die Planungen zu «Stuttgart 21» verfolgt und sich in die verschiedenen Verfahren zur Meinungs- und Willensbildung eingebracht. Dabei hat er selbstverständlich vor allem versucht, für seine Kernthemen – den Schutz der Natur sowie Fragen der Denkmalpflege – bei Planern und Entscheidungsträgern Gehör zu finden und die jeweils anstehenden Gestaltungsfragen mit stichhaltigen Argumenten und Lösungsvorschlägen in seinem Sinne positiv zu beeinflussen. Diese Aktivitäten sollen im Folgenden kurz dargestellt werden.

Bereits bei den ersten Darstellungen Mitte der 1990er Jahre zeigte sich der Schwäbische Heimatbund, der schon viele Jahre zuvor immer wieder vehement auf die vielfältigen Gefährdungen des Stuttgarter Rosensteinparks hingewiesen hatte, sehr besorgt über mögliche Auswirkungen von «Stuttgart 21» auf diesen, 1823 entstandenen, einzigartigen Landschaftspark im englischen Stil. Der Heimatbund forderte daher alle Planungsverantwortlichen – die Deutsche Bahn, Bund, Land und Stadt – auf, das Großprojekt auch als Chance zum Erhalt des Parks zu nutzen, ihn damit aufzuwerten und ihm sogar zurückzugeben, was ihm in über 90 Jahren weggenommen wurde.

In den Jahren 1996 und 1997 hat der Verein, mit Unterstützung des Landschaftsarchitekten Prof. Hans Luz, mehrmals zum Raumordnungsverfahren für die Ausbau- und Neubaustrecke der Deutschen Bahn im Abschnitt Stuttgart – Ulm Stellung genommen und hier nachdrücklich auf den Erhalt des Landschaftsbildes der Garten- und Parklandschaft im Stuttgarter Stadtgebiet, des Schönbuchrandes sowie der Filderebene gedrängt und Lösungsvorschläge unterbreitet. Er hat auch die Gemeinden entlang der Trasse aufgefordert, landschaftsgestalterisch wertvolle Maßnahmen für ihren Bereich einzufordern.

Zur Unterstützung dieser Bemühungen hat die Mitgliederversammlung am 11. Mai 1996 in Ellwangen die Resolution Stuttgart 21 – Palmen im Rosensteinpark? verabschiedet. Der Heimatbund forderte darin ausgedehnte Maßnahmen zur Grünplanung im Zusammenhang mit den Maßnahmen zu «Stuttgart 21», die Erweiterung des Rosensteinparks, die Schaffung weiterer Grünverbindungen zu den Hängen Stuttgarts, die behutsame Annäherung der Neubebauung an den historisch denkmalgeschützten Rosensteinpark sowie die Berücksichtigung stadtklimatischer Belange. Außerdem setzte er sich für allerhöchste Qualitätsansprüche an Planung und Durchführung der Grünplanung entlang der neuen Bahntrasse Stuttgart – Ulm sowie die Orientierung der Trasse an der vorhandenen Topografie und Landschaftsstruktur ein. Diese Resolution fand große öffentliche Beachtung und führte zu konstruktiven Gesprächen u. a. mit dem damaligen Stuttgarter Baubürgermeister Prof. Hansmartin Bruckmann und Vertretern der Deutschen Bahn AG.

2002 schließlich forderte der Schwäbische Heimatbund im Rahmen der Einwendungsmöglichkeiten zum Planfeststellungsverfahren für die Aus- und Neubaustrecke Stuttgart – Augsburg, Abschnitt 1.1 Talquerung mit Hauptbahnhof (Stuttgart 21) den Erhalt der Flügelbauten des Bonatzbaus, den Erhalt des Direktionsgebäudes der Eisenbahn und erhob denkmalgerechte Forderungen zu den geplanten inneren Umbauten des Bonatzbaus.

Die Stadtgruppe Stuttgart des Schwäbischen Heimatbunds setzte mit verschiedenen Aktionen weitere Akzente: Im November 1998 forderte sie in einer Stellungnahme den völligen Erhalt des Stuttgarter Hauptbahnhofes und veranstaltete in den Folgejahren einen Runden Tisch zum Thema Stuttgarter Parkanlagen. In den Räumen des Schwäbischen Heimatbunds fand im Frühjahr 1999 dazu eine erläuternde Ausstellung statt.

In all den Jahren der öffentlichen Diskussion, im Planungs- und Entwurfsstadium für das Projekt, hat sich der Schwäbische Heimatbund in seiner Vereinszeitschrift Schwäbische Heimat immer wieder mit Teilaspekten des Großprojekts auseinandergesetzt und hat die Mitglieder in sh-aktuell über den Sachstand auf dem Laufenden gehalten, ohne freilich auf eine sonderlich große öffentliche Resonanz zu stoßen.

Der Schwäbische Heimatbund schloss sich außerdem unterstützend den Aktivitäten des Landesnaturschutzverbandes Baden-Württemberg und des Verschönerungsvereins der Stadt Stuttgart an, um gemeinsam die Argumente zu stärken.

Die Einwände und Vorschläge des Heimatbunds wurden im Rahmen der Planfeststellungsverfahren und der Beschlüsse der beteiligten demokratischen Gremien (Stadtrat, Landtag, Bundestag) nicht berücksichtigt, mit Ausnahme des nicht mehr zum Abriss vorgesehenen Eisenbahndirektionsgebäudes.

Inzwischen liegt der erste Spatenstich für Stuttgart 21 hinter uns, Bahnreisende müssen Verspätungen und Zugausfälle durch die laufenden Bauarbeiten in Kauf nehmen und der Abriss der Seitenflügel des Bonatzbaus steht unmittelbar bevor.

Nach langer und eingehender Beratung und Auseinandersetzung mit dem aktuellen Verfahrensstand hat sich der Vorstand des Schwäbischen Heimatbunds schon 2009 dazu entschlossen, sich nicht in aktionistischer Form öffentlich an der Diskussion um bereits rechtlich entschiedene und vertraglich vereinbarte Planungen zu beteiligen, wohl wissend, wie schmerzlich für die allermeisten Vereinsmitglieder die gravierenden Einschnitte beim Stuttgarter Hauptbahnhof sind.

Hingegen ist für den Schwäbischen Heimatbund ein weiteres Engagement in den Bereichen angesagt, die planungsrechtlich noch nicht abgeschlossen sind. Dazu gehört zum Beispiel die Ausgestaltung und Nutzung des Bahnhofhauptgebäudes.

Der Heimatbund hat im Gespräch und in einem Brief an den Bahnbevollmächtigten eine Einbindung in diese Planungen gefordert, was zugesagt wurde. Und natürlich müssen die künftigen Bebauungspläne für das S 21-Gelände kritisch begleitet werden. Stuttgart 21 wird den Verein also auch in den kommenden Monaten und Jahren weiter beschäftigen.

Fritz-Eberhard Griesinger