Margrit Öhm: Schillers Fluchtgefährte und Beethovens Freund: Der Musiker Andreas Streicher
Nachdem der Wagen mit zwei Koffern und einem kleinen Klavier bepackt war (...)[1], so lesen wir in Andreas Streichers bekanntem Buch Schillers Flucht. Diese scheinbar nebensächliche Bemerkung eines kleinen Klaviers weckte die Neugier der Autorin und wies den Weg zur Biografie eines äußerst begabten Musikers.

Johann Andreas Streicher, Ölportrait um 1820, gefertigt von dem Wiener Maler Johann Nepomuk Ender.
Als Sohn eines Maurer- und Steinhauermeisters wurde Andreas Streicher am 13. Dezember 1761 in Stuttgart im Schellberg innerhalb des herrschaftlichen Steinbruchs geboren. Seine Mutter war eine geborene Hohner aus Trossingen. Schon mit vier Jahren verlor er seinen Vater, seine Mutter gab ihn mit neun Jahren ins Stuttgarter Waisenhaus, in dem er wohl bis zu seiner Konfirmation im April 1776 verblieb. Bald zeigte sich jedoch bei Andreas Streicher eine große Neigung und Talent zur Musik.
Als die Hohe Karlsschule 1775 von der Solitude nach Stuttgart verlegt wurde, besuchte er häufig die dortigen Konzerte und traf sich mit Musikerfreunden. Bei einer öffentlichen Prüfung im Jahr 1780 war ihm auch Friedrich Schiller zum ersten Mal aufgefallen.
Wohl durch den Musiker Rudolf Zumsteeg wurde er später mit dem Verfasser der Räuber persönlich bekannt gemacht, und die baldige Freundschaft mit Schiller führte zur gemeinsamen Flucht nach Mannheim. Als Musiker weitgehend Autodidakt hat er mit großer Energie seine Fähigkeiten ausgebaut und in Mannheim weiter verbessert. Sein Plan war, in Hamburg bei Carl Philipp Emanuel Bach Unterricht zu nehmen. Leider konnte er diesen Plan nicht verwirklichen, denn das dafür Ersparte wurde von den Freunden bereits in Mannheim aufgebraucht. Er gab Klavierunterricht und wir hören von einem Konzert in Mannheim, bei dem er mitwirkte: Herr Streicher schlug ein Klavierkonzert von Haydn und vor dem Schluß eine Klaviersonate von Clementi. Sein Spiel voll Ausdruck und Geist, sein genauer und äußerst fertiger Vortrag erhielt die Bewunderung und den Beifall aller Kenner.[2]
In Mannheim verabschieden sich Schiller und Streicher - Als Lehrer und Komponist in München
Nach der Trennung der Freunde unter dem Versprechen, sich nicht eher zu schreiben, als bis der eine Minister und der andere Kapellmeister wäre, blieb Streicher noch einige Zeit in Mannheim und siedelte wohl um 1786 nach München über. In München war er bald ein gesuchter Klavierlehrer, komponierte Sonaten und Variationen und machte sich einen Namen als guter Arrangeur von Klavierauszügen mancher Oper. Im Jahr 1792, zum Namenstag des Kurfürsten Karl Theodor, erhielt er den Auftrag, die Musik zu einem Ballett von Peter Crux - Das Bouquet - zu komponieren. Aufgrund der großen Nachfrage seitens des Publikums wurde die Aufführung am 9. Dezember wiederholt. Heute ist leider nur noch der Klavierauszug Streichers erhalten, den er im Verlag Falter in München veröffentlichte.
In dieser Zeit lernte er Nannette, die Tochter des berühmten Klavierbauers Stein, kennen und lieben. Sie arbeitete in der Firma ihres Vaters und war zudem eine sehr gute Klavierspielerin. Aus dem erhaltenen Briefwechsel des Paares Nannette und Andreas erhalten wir viele Informationen, auch über Streichers Kompositionen. So schreibt Nannette von Wien am 9. Oktober 1793: (...) jedermann will nichts von mir hören als Deine Sonate, erst gestern wurde eine Privatakademie gegeben worin ich sie wieder spielen mußte; war ein Musikus da der als er den Titel davon ansah mir sagte, das ist ja ganz ein neuer meister, das ist eine schöne Arbeit, da ist geschmak darinn, Heiten (d. h. Haydn) und Kozeluch sagten das nehmliche.[3]
Heirat mit Nannette Stein, Umzug der Pianoforte-Fabrik nach Wien

Schiller und Streicher – am Instrument – in ihrer Wohnung in Oggersheim bei Mannheim.
Nach dem Tod ihres Vaters im Jahre 1792 hatte Nannette zusammen mit ihrem Bruder Matthäus Andreas den Betrieb ihres Vaters weitergeführt und geplant, den Klavierbau nach Wien umzusiedeln. Nachdem sie bei Kaiser Franz II. vorgesprochen hatten, bekamen sie die Zusage, in Wien beginnen zu dürfen. Am 7. Januar 1794 fand die kirchliche Trauung von Nannette Stein und Johann Andreas Streicher statt. Im Juli desselben Jahres siedelten sie, zusammen mit Matthäus Andreas Stein, vollständig nach Wien über; die Firma lief dort zunächst unter dem Namen Geschwister Stein.
Andreas Streicher komponierte weiterhin und unterrichtete zahlreiche namhafte Schüler. Zu den Schülern gehörte dort der jüngste Sohn Mozarts, Franz Xaver, der zugleich im Hause Streicher wohnte, außerdem die später bedeutende Beethoven-Interpretin Elisabeth (Lisette) von Kissow, später verheiratete Bernhard. Sie war ihrem Lehrer Streicher von München nach Wien gefolgt. Nachdem Beethoven eine Schülerin von Streicher (wohl Lisette von Kissow) am Klavier hörte, schrieb er Streicher: Ihre kleine Schülerin lieber Streicher hat mich zudem, daß sie mir bej dem Spiele meines adagios ein paar Zähren aus den Augen gelockt, in Verwunderung gesetzt. Ich wünsche ihnen Glück, daß sie so glücklich sind, ihre Einsichten bej so einem Talent zeigen zu können, so wie ich mich freue, daß die kleine liebe bej ihrem Talent sie zum Meister bekommen hat.[4]
Im Jahrbuch der Tonkunst (Wien, 1796) lesen wir unter Streicher: Eine neue und gewiß gute Acquisizion hat Wien an diesem sehr geschickten Manne gemacht. Er ist erst kürzlich von München hierher gezogen. Seine Kompositionen sind reich, angenehm und sehr schmeichelhaft, im Auslande sehr beliebt, hier aber noch nicht bekannt. Für das Fortepiano sind selbige besonders auszeichnend, und werden unsern Dilettanten manches Vergnügen gewähren. Er selbst spielt ganz vortrefflich, und weis dieses Instrument allerliebst zu traktieren. Er spielt mit sehr großer Fertigkeit und Geschwindigkeit, dabei läßt er aber niemals die reinste Deutlichkeit und den genauesten Ausdruck außer Acht. Denjenigen Liebhabern, welchen es um wahre Musik für das Herz zu tun ist, wird er gewiß willkommen seyn, und er ist vielleicht der Einzige, der den Hrn. Kozeluch beim Scholarisieren mit Vortheil ersetzen kann.
In Wien fand sich das Ehepaar Streicher bald mitten im Zentrum des musikalischen Lebens. Andreas Streicher hörte unter anderem die erste Probe zu Haydns Vier Jahreszeiten: Gleich den andern Tag um 8 Uhr in der Frühe war ich bei ihm (d. h. Haydn), (...) um ihm meine gerechte Bewunderung zu zollen.[5] Auch erkannte er früh Beethovens große Bedeutung, dessen Kompositionen damals noch vielen als wenig elegant und schlecht spielbar erschienen: (...) und mein schon lange gefaßtes Urtheil bestäthigte, daß Beethoven sicher eben die Revolution in der Musik bewirken wird wie Mozart. Mit großen Schritten eilt er zum Ziele.[6]
Es entwickelte sich eine gute Freundschaft mit Beethoven. Nannette war hilfreich in Beethovens Haushaltsführung. Andreas Streicher setzte sich sehr für dessen Kompositionen ein und schlug ihm eine Gesamtausgabe seiner Werke vor. Beethoven selbst war ein häufiger Gast im Hause Streicher und im dortigen Musiksalon. Dort fanden vor geladenem Publikum regelmäßig Konzerte statt. Unter den Zuhörern befanden sich Persönlichkeiten des hohen Adels, unter anderem Erzherzog Rudolph. Johann Friedrich Reichardt berichtet darüber in seinen Vertrauten Briefen von 1809/1810, dass in den Konzerten häufig auch Beethovens neueste Klavier- und Kammermusikwerke aufgeführt wurden. Auch zur Zeit des Wiener Kongresses trafen sich am 23. Februar 1815 hohe Gäste - darunter mehrere Kongressteilnehmer - zum Konzert im Streicherschen Musiksalon.

Ein Instrument aus der Pianoforte-Fabrik von Streicher.
Zur Eröffnung des 1812 neu erbauten großen Konzertsaals Streichers fand im April des Jahres ein Benefizkonzert statt, auch unter Anwesenheit von Erzherzog Rudolph und vielen anderen hochrangigen Zuhörern. Durch dieses Konzert kam die Anregung, die Gesellschaft der Musikfreunde zu gründen. Ende November und im Dezember wurden unter Streichers Mitwirkung Wohltätigkeitskonzerte in der k.k. Winterreitschule veranstaltet, mit über 700 Mitwirkenden. Der Erlös dieser Aufführungen von Händels Oratorium Timotheus oder die Gewalt der Musik war für die Opfer des großen Brandes in Baden bei Wien bestimmt. Auch eine Sammlung für die in großer Armut lebende letzte Tochter Johann Sebastian Bachs, Regina Susanna, wurde durch Andreas Streicher veranstaltet: Ich schätze mich glücklich, doch eine Gelegenheit zu haben, um mich eines kleinen Theils von dem Danke zu entledigen, welchen ich, seit ich Noten lese und Clavier spiele, den Bachen schuldig bin.[7]
Im Jahr 1818 gründete Streicher eine Singschule, um den Gemeindegesang in der Kirche zu verbessern. Sechs Jahre später gab er ein Melodienbuch zum Gebrauche bey dem öffentlichen Gottesdienste der Evangelischen Gemeinden heraus; dieses Gesangbuch war in Wien noch bis mindestens 1893 in Benützung. In seinem ausführlichen Vorwort dazu erfahren wir viel über die damalige Gesangskultur im Gottesdienst. Streicher bemängelte unter anderem: Eben so und noch mehr fehlerhaft ist es, wenn der Singende, da wo die Töne um drey, vier oder fünf Stufen steigen, oder um ebenso viele fallen, die Zwischenräume derselben mit schnelleren Tönen ausfüllt, und gar noch Verzierungen anbringt.[8]
Die Pianoforte-Fabrik floriert - 1833 stirbt der Schwabe Streicher in Wien

Das letzte Firmengebäude von Andreas und Nanette Streicher in Wien, 1959 abgerissen.
Im Laufe der Jahre fand Streicher weniger Zeit zum Unterrichten und Komponieren und verlagerte seine Arbeit mehr und mehr in den Bereich der Pianoforte- Fabrik seiner Frau. Ihr Bruder war schon im Jahr 1802 aus der Firma ausgeschieden. Wegen Beethovens Schwerhörigkeit machte Streicher Vorschläge für die klangliche Verstärkung der Instrumente. Die stets verbesserten und weiterentwickelten Instrumente der Firma Streicher (später auch unter Baptist Streicher) fanden Eingang in zahllose Häuser; neben Beethoven und anderen bekannten Musikern besaß auch Johann Wolfgang von Goethe ein Streichersches Pianoforte.
Im Jahr 1827 geleitete Andreas Streicher als einer der Fackelträger - darunter auch Schubert und Grillparzer - Ludwig van Beethoven zu seiner letzten Ruhestätte. Nach einem reichhaltigen Leben verstarb Andreas Streicher am 25. Mai 1833, vier Monate nach seiner am 16. Januar des Jahres verstorbenen Frau Nannette.
Die angenehme Persönlichkeit und das Erscheinungsbild Andreas Streichers - der später wohl nie mehr nach Stuttgart zurückkehrte - wird von Hermann Rollett in seinen Begegnungen sehr anschaulich geschildert: Er ragte wie ein schöner Überrest des vorigen Jahrhunderts in das unsere hinein. [...] meist in heiterer Miene ausblickend, stets sorgfältig rasiert und am Scheitel dichtes, ziemlich kurz geschnittenes Haar, lebendige Weise des Begegnens und Gesprächs, welches er oft laut und lachend und zwar in immer noch schwäbelndem Dialekt führte.[9]
Anmerkungen
1 Johann Andreas Streicher: Schillers Flucht von Stuttgart und Aufenthalt in Mannheim von 1782 bis 1785. Stuttgart/Augsburg 1836. Kommentierter Neudruck (einschl. ursprünglich unveröff. Ms.): Kraft, H. (Hrsg.): Andreas Streichers Schiller-Biographie [kommentierte und vollständigste Ausgabe von Streichers Werk Schillers Flucht], in der Reihe Forschungen zur Geschichte Mannheims und der Pfalz, Band 5, Mannheim / Wien / Zürich 1974.
2 Kritik in der Mannheimer Zeitung vom 5. Dezember 1785.
3 Brief von Anna Maria (Nannette) Streicher an Johann Andreas Streicher vom 9. Oktober 1793 (Streicher-Archiv, Sign. Na 89), publiziert in: Michael Ladenburger, Uta Goebl-Streicher und Jutta Streicher: Beethoven und die Wiener Klavierbauer Nannette und Andreas Streicher. Bonn 1999, S. 72f.
4 Brief Ludwig van Beethovens an Johann Andreas Streicher, wohl August / September 1796 (Beethoven-Haus, Sign. NE 95 [BG 22]), publiziert in: Ladenburger (wie Anmerkung 3), S. 186f.
5 Brief von Johann Andreas Streicher an Hoffmeister und Kühnel vom 13. Mai 1801.
6 Brief von Johann Andreas Streicher an Härtel vom 6. April 1803, vgl. Wolfgang Kircher: Andreas Streicher – Fluchtgefährte Schillers, Fabrikant, Mäzen, in: Lebensbilder aus Baden-Württemberg, Band 18, hrsg. v. Gerhard Taddey und Joachim Fischer, Stuttgart 1994, S. 174.
7 Brief Johann Andreas Streichers vom 6. Juni 1801 an Breitkopf und Härtel, vgl. auch Kircher, S. 173.
8 Johann Andreas Streicher: Melodienbuch zum Gebrauche bey dem öffentlichen Gottesdienste der Evangelischen Gemeinden. Wien 1824, S. 9 (Standort: Österreichische Nationalbibliothek Wien, Signatur Sa 77 E 7).
9 Hermann Rollett: Begegnungen. Wien 1903.
