Barbara Scholkmann: Das Mittelalter im Fokus der Archäologie

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Barbara Scholkmann: Das Mittelalter im Fokus der Archäologie

Titelblatt

(Archäologie in Deutschland, Sonderheft Plus. 2009) 128 Seiten mit 140 meist farbigen Abbildungen. Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 2009, 24,90 €. ISBN 978-3-8062-1152-8

Die Mittelalterarchäologie ist in Deutschland eine noch junge Wissenschaft. Gerade einmal zwei Lehrstühle gibt es an Universitäten, in Bamberg und in Tübingen. In Tübingen lehrte die 2008 emeritierte, weit über die Landesgrenzen hinaus renommierte Professorin Barbara Scholkmann. Ihr ist zu danken, dass sie es unternommen hat, in einem Buch ihre Disziplin fachkundig und auch für Laien verständlich vorzustellen. Was kann die Archäologie zur Erforschung des Mittelalters beitragen? Welche Methoden setzt sie ein, welche Erfolge erzielt sie und wo liegen ihre Grenzen?

Begonnen hat die Mittelalterarchäologie mehr mit heimatkundlichen und bauhistorischen Fragestellungen bei Ausgrabungen in Burgen und in Kirchen. Mittlerweile steht die Siedlungsarchäologie, namentlich in Städten, wo sie reichen Ertrag bringt, im Mittelpunkt. Noch vor 20 Jahren diskutierten Wissenschaftler ernsthaft, welchen Beitrag zur Geschichtswissenschaft die Archäologen leisten können, wo doch durch die Mittelalterhistoriker schon alles Wesentliche bekannt sei. Die Wahl der Begriffe war bezeichnend: die Historiker schöpften aus «Quellen» (schriftlichen und bildlichen Darstellungen, Urkunden etc.), die Archäologen zögen ihre Erkenntnisse aus «Überresten» (den materiellen Hinterlassenschaften, zum Beispiel dem Abfall in Latrinen).

Mühsam ist aller Anfang. Doch die Zeiten haben sich geändert. Inzwischen ist klar, dass historia und archaeologia zwei Töchter der Klio sind, die sich beide, wenn auch mit unterschiedlichen Methoden und gelegentlich auch unterschiedlichen Zielen, der Erforschung der mittelalterlichen Wirklichkeit widmen. Am erfolgreichsten sind beide, wenn sie eng zusammenarbeiten, sich gegenseitig stützen, auch mal korrigieren, das Gesamtbild vervollkommnen und einer verbalen Erklärung der Ereignisse die Sichtbarmachung des Handelns durch seinen materiellen Niederschlag hinzufügen.

Bekanntlich gibt es Phasen im Mittelalter, wo keine Schriftquellen fließen oder zumindest nicht sprudeln. Bekannt ist längst auch, dass Quellen vorwiegend über Adel und Klerus berichten, über das einfache Volk kaum, und dass ganze Lebensbereiche des Menschen darin keinen Niederschlag finden. Oft fehlt auch der Bezug zu einem konkreten Ort und die engmaschige Verfolgung von Veränderungen. Hier kann die Mittelalterarchäologie helfen, wenn sie mit anderen Natur- und Geisteswissenschaften zusammenarbeitet und ihre Ergebnisse dann mit den historischen Quellen kombiniert.

An Beispielen aus ganz Deutschland und der Nordschweiz führt Scholkmann vor Augen, wie Mittelalterarchäologen im Bereich des Siedlungswesens viel Neues über die Entstehung früher Städte («aus wilder Wurzel» oder auf besiedeltem Gelände), von Pfalzen und Bischofssitzen, über verschiedene Siedlungsformen und Haustypen, über Wüstungen und Siedlungsverlagerungen ermittelt haben. Über die Arbeitswelt, Landwirtschaft, Gewerbe, Handel und Handwerk, Bergbau und Verhüttung weiß man nun mehr durch Funde und Befunde der Archäologen. Wohnen, Heizen und Hausrat, Mode und Spielzeug, Speisepläne auf dem Land und in der Stadt, die Lebensbedingungen des Alltags, Krankheiten und Seuchen, Gesundheitswesen und Lebenserwartung, Tod und Bestattung, Aberglaube und Frömmigkeit, Kirchenbau und Klöster, aber auch Juden und Slawen nimmt die Autorin in den Fokus. Weitere Zeugnisse für Bevölkerungswachstum, den Klimawandel und die so genannte Kleine Eiszeit, Umweltverschmutzung und Wandel der Kulturlandschaft ergibt der Blick in den Boden. Man könnte noch die Aspekte Recht und Justiz, Verkehr mit Brückenbau, Soldatengräber und Schlachtfelder hinzufügen, und manches mehr, was Scholkmann nicht erwähnt, wohl wissend, dass sie nicht alles abgedeckt hat.

Der zeitliche Rahmen des Arbeitsfelds der Mittelalterarchäologie (4. Jahrhundert bis um 1500) ist weniger präzise abgesteckt. Zum einen, weil das Frühmittelalter zumeist noch von den Kollegen der Vor- und Frühgeschichte bearbeitet wird. Und zum anderen, weil auch die Neuzeit, teilweise bis in die jüngere Vergangenheit hinein, gelegentlich von den Mittelalterarchäologen mitbetreut wird – mangels Neuzeitarchäologen.

Die Autorin bietet in ihrem gut illustrierten Buch einen faszinierenden und detailreichen Überblick über das breit gefächerte Erkenntnisspektrum der Mittelalterarchäologen auf einem modernen Forschungsstand. Das Buch ist nicht nur dem geschichtlich interessierten Publikum zu empfehlen. Es ist auch wichtig für die Forschung der Historiker. Ihnen kann es die Augen öffnen für neue Möglichkeiten. Ein Verzeichnis einschlägiger Museen in Deutschland und ein dreiseitiges Ortsregister am Ende des Buches sind hilfreich. Zuletzt soll lobend hervorgehoben werden, dass dieses Buch nahezu fehlerfrei ist, was heutzutage leider eine Ausnahme darstellt.

Dieter Kapff