Charlotte Mayenberger: Juden in Buchau.

(Landkreis Biberach, Geschichte und Kultur, Band 8). Federsee-Verlag Bad Buchau 2008. 320 Seiten mit zahlreichen Abbildungen und einer Karte. Broschur 19,– Euro. ISBN 978-3-925171-76-5
Bereits 1382 werden die ersten Juden in Buchau genannt, 1401 erhielten sie mit «nit mehr denn 1 Roß, 1 Kuh und 1 Gaise» das dortige Wohnrecht. Die arme Reichsstadt erhoffte sich über eine Aufnahmegebühr und laufende Steuern, «Schutz- und Sitzgeld», eine Aufbesserung der städtischen Finanzen. Die jüdische Gemeinde wuchs, erwarb das Gelände für einen Friedhof und baute eine Synagoge. Der erhaltene Friedhof, den auch die im benachbarten Dorf Kappel lebenden Juden benutzten, zeugt heute noch eindrucksvoll von der einst blühenden Gemeinde. 1838 wohnten in Buchau 736 Juden, ein Drittel der damaligen Gesamtbevölkerung. Die große Zahl veranlasste, unterstützt vom König Wilhelm von Württemberg, den Neubau einer Synagoge, die einen Turm und ein Glockenspiel sowie eine Orgel erhielt – Ausdruck des Selbstbewusstseins und der finanziellen Stärke der liberalen Gemeinde. In der NS-Zeit wurde die Gemeinde ausgelöscht, ihre Mitglieder wurden ausgegrenzt, nach und nach entrechtet und ruiniert, in die Emigration gezwungen oder in den KZ’s ermordet. Dis Synagoge wurde im November 1938 von den Nazis geplündert, zerstört und schließlich niedergebrannt.
Zu den berühmten Söhnen der Gemeinde zählen der Physiker Albert Einstein, der Nobelpreisträger Joseph Erlanger, der Musikwissenschaftler Paul Moos, der Lederhändler Rudolf Moos, «Erfinder» der Salamander- Schuhe, sowie die Hoffaktorin Karoline Kaulla.
Seit gut zwanzig Jahren beschäftigt sich die Autorin Charlotte Mayenberger, Jahrgang 1956, mit der Geschichte der Buchauer Juden. Sie erfasste und dokumentierte alle 827 Grabsteine des Friedhofes ebenso wie die einstigen Wohnplätze, die sie in eine Karte eintrug. Besonders bemerkenswert sind ihre biografischen Notizen zu den «Jüdischen Mitbürgern, die im Dritten Reich in Buchau wohnten», die sie zu einem Großteil aus der Korrespondenz mit Emigrierten und deren Nachkommen in aller Welt anlegte. Alle ihre Ergebnisse sind im vorliegenden Buch, angereichert durch Dokumente, die auch das Verhalten der örtlichen Parteifunktionäre belegen, anschaulich publiziert. Deutlich wird, dass es der Autorin, 2008 ausgezeichnet mit dem «German Jewish History Award», in ihrem mit einer erstaunlichen Fülle historischer Fotos gut bebilderten Buch weniger darauf ankommt, die NS-Zeit anzuklagen, als vielmehr das einstige «Zusammenleben» in der Stadt aufzuzeigen: empfehlenswert nicht nur für Buchauer.
Wilfried Setzler
