Von Mühseligkeiten und Glücksgefühlen: Verleihung des Denkmalschutzpreises 2008 in Stuttgart

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Von Mühseligkeiten und Glücksgefühlen: Verleihung des Denkmalschutzpreises 2008 in Stuttgart

Personen auf der Bühne

Das Ehepaar Thomas und Regina Pauli für das Götzhaus in Gunningen (gemeinsam mit dem Vorsitzenden des Schwäbischen Heimatbundes Fritz Eberhard Griesinger, Dr. Wolfgang Bollacher, Vorsitzender des Vorstandes der Wüstenrot Stiftung, dem Wirtschaftsminister des Landes Baden-Württemberg Ernst Pfister, MdL, sowie dem Vorsitzenden des Landesvereins Badische Heimat, Dr. Sven von Ungern-Sternberg).

Es war alles andere als Liebe auf den ersten Blick. Ganz im Gegenteil, am Anfang war der Schock. Doch dann hat sich das junge Paar von der Baar ein Herz gefasst und sich dazu durchgerungen, dem ungeliebten Erbstück - einem stattlichen Bauernhaus aus dem Jahr 1750 - seine ganze Zuwendung angedeihen zu lassen. Und zwar vom Keller bis unter die Dachsparren. Vier Jahre lang haben die beiden das Gunninger Götzhaus in kräftezehrender Wochenendarbeit renoviert und restauriert. Und als das Werk vollbracht war, wurde geheiratet. So haben Regina und Thomas Pauli bewiesen, dass die Begeisterung für ein altehrwürdiges Bauwerk ungeahnte Energien freizusetzen vermag, dass die Mühseligkeiten seiner Bewahrung auch als Test für eine Paarbeziehung taugen und schließlich, dass der Einsatz für das Erbe der Vergangenheit auf das Vielversprechendste zukunftsstiftend sein kann.

drei Herren im Gespräch:

SHB-Vorsitzender Fritz Eberhard Griesinger (re.) im Gespräch mit Ernst Pfister, MdL, Wirtschaftsminister des Landes Baden-Württemberg und SHB-Vize Dr. Walter Kilian (li.)

Vom Glücksgefühl, mit der Rettung eines vom Verfall bedrohten Bauwerks Einzigartiges geleistet zu haben, konnten bei der Verleihung des Denkmalschutzpreises 2008 im Stuttgarter Hospitalhof auch die anderen Ausgezeichneten berichten. Wie Thomas und Regina Pauli durften sich Petra Rall aus Stuttgart, Ernst E. Gumrich aus Tübingen, Hermann Bareiss aus Baiersbronn und Anna Grässlin aus St. Georgen über ihre Leistung und den Beifall eines kundigen Publikums freuen. Baudenkmale zum Leben zu erwecken ist der Sinn und Zweck dieses Preises. Mit dieser Feststellung eröffnete Fritz-Eberhard Griesinger als Vorsitzender des SHB den Festakt.

Herr am Rednerpult:

Dr. Wolfgang Bollacher, Wüstenrot Stiftung, Vorsitzender des Vorstandes

Wie stets bei diesem Feiertag für den Denkmalschutz durfte er neben den Preisträgern eine stattliche Schar prominenter und sachverständiger Gäste willkommen heißen. Und er dankte auch im Namen des Ehrenamts-Kollegen vom badischen Partnerverein, Dr. Sven von Ungern-Sternberg, dem Repräsentanten der Wüstenrot-Stiftung, Dr. Wolfgang Bollacher, für die finanzielle Ausstattung des Landes-Denkmalschutzpreises. Als Geld gebender Juniorpartner der beiden auslobenden Vereine beteiligte sich die Wüstenrot-Stiftung im Jahr 2008 zum zweiten Mal an der Vergabe des Preises, und deren Vorstands-Vorsitzender versteht das Engagement seiner Stiftung auch als Harnisch gegen die Kürzungen der öffentlichen Fördermittel. Heimat erhalten ist das Bestreben des Preises, ergänzte Bollacher, und weil auch wir von Wüstenrot dieses Ziel verfolgen, haben wir den beiden Vereinen dazu gern die Hand gegeben.

der Minister am Rednerpult

Ernst Pfister, MdL, Wirtschaftsminister des Landes Baden-Württemberg

Sein Bekenntnis zur Erhaltung der Denkmalslandschaft im Land bekräftigte der baden-württembergische Wirtschaftsminister Ernst Pfister mit dem Hinweis auf eine erkleckliche Aufstockung der Landes-Finanzmittel für den Denkmalschutz um 7,5 Millionen in diesem und im kommenden Jahr, die dank des Konjunkturprogramms des Bundes möglich wurde. Ohnehin seien die Ausgaben für den Denkmalschutz gerade auch für die Wirtschaft sehr von Nutzen. Sie befördern spürbar die regionale Wertschöpfung, zeitigen Folge-Investitionen und sichern damit auch Arbeitsplätze.

viele Menschen auf der Bühne

Alle Preisträger gemeinsam auf die Bühne mit den Vertretern der beteiligten Institutionen sowie dem Minister.

Pfister rühmte die beispielhafte Kooperation des Schwäbischen Heimatbunds, des Landesvereins Badische Heimat und der Wüstenrot-Stiftung bei der alljährlichen Vergabe des Preises. Dieser Einsatz für eine differenzierte Baukultur zeige, dass zeitgemäßes Leben und Arbeiten im Denkmal möglich ist und dass die Herausforderung, Altes und Neues mit Respekt zu verbinden, gemeistert werden kann. Im locker-launigen Dialog mit den Preisträgerinnen und Preisträgern stellte Heike Lüttich als eloquente Moderatorin des Festakts nach der Rede des Ministers die von einer siebenköpfigen Fach-Jury aus 80 Bewerbungen ausgewählten und preisgekrönten Objekte vor.

Personen auf der Bühne

Frau Rall und Architekt Sandro Graf von Einsiedel für die Villa Kahn in Stuttgart (gemeinsam mit den oben genannten Herren).

Im Jahr 1922 baute der Architekt Paul Schmitthenner für den Bankier Richard Kahn eine repräsentative Villa auf dem Stuttgarter Killesberg, die als ein Musterbeispiel für die Stuttgarter Architektenschule gelten darf. Durchaus in bewohnbarem Zustand war die Villa Kahn, als Petra und Wilhelm Rall das Objekt kauften, doch war es für das Ehepaar keine Frage, das Gebäude originalgetreu restaurieren und seinen verwilderten Garten rekultivieren zu lassen. Mit dem Architekten Sandro Graf von Einsiedel fand der Stuttgarter Wirtschaftsprofessor den idealen Partner für die sensible Aufgabe. Gleichwohl war der Architekt couragiert und stilsicher genug, das Kaminzimmer der Villa von seiner Stuckdecke samt Gipsengelchen zu befreien. Ein Raumschmuck, den der Bauherr sicher gegen den Willen von Schmitthenner durchgesetzt hatte. Von Schmitthenner zweifellos gewollte Details dagegen wurden unter Putzschichten wiederentdeckt und freigelegt. Andere Charakteristika, wie die Begrenzungsmauer des Vorhofs dieser Villa im Herrenhaus-Stil, zeigen sich heute originalgetreu rekonstruiert.

Personen auf der Bühne

Das Ehepaar Christa und Ernst H. Gumrich für das Nonnenhaus in Tübingen (gemeinsam mit den oben genannten Herren).

Ein vergammeltes Verkaufsschild an einem vergammelten Haus - das war der erste Eindruck, der sich Ernst Eggert Gumrich aufdrängte, als er das Tübinger Nonnenhaus zum ersten Mal genauer in Augenschein nahm. Und auch im Inneren präsentierte sich das markante Fachwerkgebäude nicht unbedingt vertrauenserweckend. Die Spuren zahlreicher Rigips-Orgien waren dort zu entdecken, Zimmerwände waren völlig zugekleistert. Gleichwohl ließ sich das Ehepaaar Gumrich vom desolaten Zustand des Hauses nicht nachhaltig schrecken. Es entschloss sich zum Kauf und zur Rettung des einstigen Dominikanerinnenklosters aus dem Jahr 1488. Und nach und nach machte der Bauherr nun zum einen weitere besorgniserregende, zum anderen jedoch auch erfreuliche Entdeckungen. Das Gebälk des Hauses war so gründlich in Mitleidenschaft gezogen, dass das Gebäude jederzeit einzustürzen drohte. Doch ließ sich diese Gefahr mit der Hilfe wunderbarer Zimmerleute bannen. Beim Innenausbau offenbarte das Haus am Ammerkanal dann bald seine verborgenen Schätze. Wandmalereien kamen zum Vorschein, die einstigen Klosterzellen waren bald wieder zu erahnen. Auch die Tatsache aber, dass dieses Haus nach der Reformation einen berühmten Bewohner beherbergte, mehrte den Besitzerstolz der Gumrichs. Der Mediziner und Botaniker Leonhart Fuchs kam im Jahr 1535 als Universitätslehrer nach Tübingen und wohnte bis zu seinem Tod im Nonnenhaus. Als Verfasser eines Kräuterbuchs wurde der Wissenschaftler bekannt, und für seine Studien legte er bei seinem Haus einen Kräutergarten an. Es war der erste botanische Garten der Stadt Tübingen. Bekannt ist Fuchs auch den wissenschaftlich weniger interessierten Hobbygärtnern als Namenspatron der bis heute so beliebten Fuchsie. Weit komfortabler als einst der Tübinger Wissenschafts-Pionier, leben die heutigen Besitzer gemeinsam mit ihren Mietern im Nonnenhaus . Im Erdgeschoss des historischen Hauses fanden ein Buch-Café, ein Kunstatelier und eine Geigenbauerwerkstatt Raum.

Personen auf der Bühne

Hermann Bareiss mit Gattin und die Architektin Sabine Rothfuß (vo.) für den Morlokhof in Baiersbronn-Mitteltal (gemeinsam mit den oben genannten Herren).

Als Kind hat die Architektin Sabine Rothfuß immer wieder in der Nähe des Baiersbronner Morlokhofs gespielt und dabei einen für ein Schwaben-Mädchen nicht ganz ungewöhnlichen Traum geträumt: Da möcht' ich 'mal aufräumen! Nicht ganz so, wie es die Baiersbronnerin sich's in Kinderjahren ausmalte, ist die Vision Jahre später Wirklichkeit geworden. Die Nachricht, die dafür die Initialzündung war, klang zunächst allerdings alarmierend. Gerüchte im Ort signalisierten, dass der Morlokhof verkauft würde. Auch Sabine Rothfuß hörte davon und erschrak. Das Ende des Morlokhofs. so fürchtete sie, sei nun gekommen. Doch sie wusste auch Rat, die drohende Gefahr abzuwenden. Sie legte Hermann Bareiss, dem Doyen der Baiersbronner Beherbergungskultur, einen Rettungsplan vor, und 14 Tage später hatte der Hof einen neuen, traditionsbewussten Besitzer.

Kompromisslos wurde das Anwesen nun restauriert - einschließlich des alten Holzschindeldachs, das unter dem Ziegeldach verborgen und damit geborgen war. Heute ist der Morlokhof samt seinen Nebengebäuden eine Dependance des Hotels Bareiss. Der einstige Heuboden ist Veranstaltungsraum, und die für diese Nutzung notwendigen Einbauten wurden sensibel und dezent in die historische Situation integriert. Offenbart aber hat der Morlokhof während der Restaurierung nicht nur seine architektonischen, sondern auch seine kulturhistorischen Geheimnisse. Am 17. Januar 2005 entdeckten die Handwerker den Schatz vom Morlokhof. Eine Schachtel mit den Notizen der einstigen Besitzer, die als Wunderheiler vom Murgtal berühmt waren, und die ihr Wissen über okkulte Heilverfahren und magische Praktiken aufschrieben. Womit sie zweifellos unbewusst einen Beitrag zur wunderbaren Rettung ihres Anwesens geleistet haben. Es war nicht zuletzt die Aura des Aberglaubens, die jahrzehntelang über dem Hof lag und ihn vor dem Zugriff ausschließlich gewinnorientierer Immobilien-Verwerter bewahrte.

Personen auf der Bühne

Frau Grässlin und ihr Architekt Fernando Vaccaro (2. v. li.) für den Kornkasten in St. Georgen (gemeinsam mit den oben genannten Herren).

Die Begeisterung der Gemeinderäte des Schwarzwaldstädtchens St. Georgen hielt sich sehr in Grenzen, als sie im Jahr 2006 über einen Bauantrag der einheimischen Unternehmerfamilie Grässlin zu befinden hatten. Der junge Karlsruher Architekt Fernando Vaccaro hatte es gewagt, dem schmucken Ferienhäuschen der Grässlins im Mühlendobel einen plattenverkleideten Neubaucontainer zur Seite zu stellen auf seinen Plänen und das Gremium damit schlichtweg verblüfft. Die Bauherrin Anna Grässlin immerhin konnte einiges Verständnis aufbringen für die reservierte Reaktion der Bürgervertreter. Auch sie hatte auf die kühne Idee des Architekten zunächst mit gemischten Gefühlen reagiert. Die Kinder dagegen waren auf Anhieb begeistert von der gewagten Verschwisterung von Tradition und Moderne. Und die amtlichen Denkmalpfleger hatten gegen die sich so couragiert manifestierende Experimentierfreude ohnehin nichts einzuwenden. Der einstige Kornspeicher hatte seinen ursprünglichen Charakter und damit auch seine Schutzwürdigkeit längst eingebüßt, nachdem das im Jahr 1834 in Oberharmersbach errichtete Bauwerk 1967 an seinen jetzigen Standort verpflanzt und mit einem Mühlenrad romantisierend aufgerüstet worden war.

Herr am Rednerpult:

Dr. Sven von Ungern-Sternberg, Vorsitzender des Landesvereins Badische Heimat

Der Jury des Denkmalschutz-Preises nun war gerade dieses Wagnis, Alt und Neu kontrastreich zu einem außergewöhnlichen Ensemble zu vereinen, Lob und Anerkennung wert, wie deren Vorsitzender Dr. Gerhard Kabierske erläuterte, als er die feierliche Übergabe der Preisurkunden an die stolzen Bauherrn, Architekten und Restauratoren mit einer differenzierten Würdigung der ausgezeichneten Objekte begleitete.

Und bevor sich Preisträger, Gäste und Gastgeber schließlich beim Stehempfang im Foyer des Hospitalhofs zum angeregten Gedankenaustausch zusammenfanden, appellierte der Vorsitzende des Landesvereins Badische Heimat, Dr. Sven von Ungern-Sternberg, in seinem Schlusswort eindringlich an die Politiker, dem Denkmalschutz auch in Zukunft den ihm zukommenden Stellenwert einzuräumen und ermutigte die privaten Bauherrschaften im Land, dem Ansporn der guten Beispiele nachzueifern.

(Helmut Engisch
Fotos: Volker Lehmkuhl, Herrenberg)