Träger des Denkmalschutzpreises 1999

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Träger des Denkmalschutzpreises 1999

Fünf Gebäude und ihre Besitzer erhielten den Denkmalschutzpreis 1999 der Württemberger Hypo. Die Spanne der Gebäude reicht von einer ehemaligen Mühle bis zum Badhaus.

Die Preisträger 1999

Alte Mühle, Stuttgarter Straße 43, Eberdingen (1580)

Außenansicht der Alten Mühle in Eberdingen

Die Straßenansicht der Alten Mühle in Eberdingen zeigt neben modernen Ergänzungen die typische Fachwerk-Putzfassade mit den Kreuzstockfenstern und Klappläden des 19. Jahrhunderts

In unmittelbarer Nachbarschaft zur ehem. Kelter, dem heutigen Rathaus von Eberdingen, stellt die renovierte Alte Mühle ein wichtiges ortsbildprägendes Gebäude dar, das einer Straßenbiegung am Ausgang des Ortes den städtebaulichen Halt gibt. Auf die Bauzeit um 1580 weisen gut versteckt noch Fachwerkzierelemente in Giebelfeldern im Dachgeschoss hin. Die giebelseitigen Erweiterungen im 18. und 19. Jahrhundert haben den alten Giebel im Dachgeschoss mit eingeschlossen und verdeckt. Dem Gebäude ist dies von außen nicht mehr anzusehen. Es ist von außen geprägt durch die typische Fachwerk-Putzfassade mit Kreuzstockfenstern des 19. Jahrhunderts.

Mit dem Rückbau des Strudelbaches wurde 1924 das alte Wasserrad der Getreidemühle durch Turbinen ersetzt, die erst 1963 stillgelegt wurden. Der ehemalige Sackboden ergibt heute einen großzügigen Galerie-Raum mit Emporen auf zwei Seiten und dem offenliegenden Transmissions-Antrieb der ehem. Mühle. Die rückwärtige Fassade mit dem fensterlosen Putzgiebel und dem fensterlosen Erdgeschoss und dem 1974 aufgefüllten Mühlkanal lässt die Lage des ehemaligen Mühlrades noch erahnen.

Die Mühle war Teil einer Hofanlage mit weiteren Gebäude. Erste schriftliche Hinweise auf einen Müller in Eberdingen geben Prozessakten aus der Mitte des 18. Jahrhunderts. Das große Mühlrad wurde 1924 durch 2 Francisturbinen ersetzt, die die Wasserkraft des Strudelbaches zur Betreibung der Getreidemühle nutzten.

Das heutige Erscheinungsbild der Fassaden mit ihren aufgereihten Kreuzstockfenstern in Verbundbauweise und den Klappläden sowie den vergitterten sandsteingerahmten Fenster im Erdgeschoss weist auf Umbauphasen im 18. und 19. Jahrhundert hin. Durch geschickte Zusammenlegung von teilweise gut ausgestatteten Räumen des 19. Jahrhunderts ist es gelungen, mehrere Wohnungen einzurichten, die alle erhaltenswerten Teile des historischen Bestandes weitertradieren. In liebevoller Detailarbeit wurden die überkommenen Strukturen mit ihren vielen Ausstattungseinzelheiten restauriert. Die einzelnen Wohnräume und ehemaligen Kammern zeigen wieder ihr ursprüngliches Erscheinungsbild, so dass sich die früheren Raumnutzungen wieder deutlich ablesen lassen.

Das Eingangsgeschoss mit den ehem. Maschinen der Mühle, deren verbliebene Teile an ihrer originalen Stelle gezeigt werden, und die Wohngeschosse zeigen heute eine beispielhafte Mischung von halböffentlicher und privater Nutzung durch den neuen Eigentümer.

Villa Bürk, Bürkstraße 35, Schwenningen (1909)

Außenansicht der Villa Bürk

Repräsentatives Erscheinungsbild einer herrschaftlichen Villa.

Die Villa wurde 1909 als Wohnhaus des Uhrenfabrikanten Richard Bürk, Inhaber der Württembergischen Uhrenfabrik, durch den Schwenninger Architekten Blasius Geiger errichtet. Im Straßenverlauf der nach dem Uhrenfabrikanten Bürk benannten Straße springt das ehemalige Wohnhaus des Industriellen ins Auge mit seinem auf Repräsentation angelegten Erscheinungsbild.

Das zweigeschossige Gebäude mit ausgebautem Mansard-Krüppelwalmdach besitzt noch eine fast komplett erhaltene, ortsfeste Innenausstattung mit Böden, Decken, Fenstern, Buntverglasungen, Türen, Wandtäfelungen, Einbaumöbeln, Prägetapeten. Für die damalige Zeit sehr innovativ sind auch die in Teilen gut erhaltenen Einrichtungen der Haustechnik.

Zur großbürgerlichen Villa gehört natürlich auch der weiträumige Garten mit kleinem Gartenpavillon, Remise und Gartenumfriedung. Erhält der kubisch und geschlossen wirkende Baukörper der Villa seine Gliederung auf der Straßenseite durch einen Risalit. So gliedert auf der Gartenseite die zweigeschossige Loggia die Fassade und prägt das Erscheinungsbild der Villa.

Ein halbrunder Standerker auf der Giebelseite zum Garten hin weist auf die dahinterliegenden Wohnräume. Ohne protzig zu wirken, werden als Gestaltungselemente an den Fassaden Schmuckelemente mit Jugendstildetails in abgesetzten Wandfeldern und in kassettierten Feldern in der Untersicht der Gesimse gezeigt. Die Putzfassaden werden von den original erhaltenen, reparierten und erneuerten Fenstern in starkem Maße gegliedert und prägen das Erscheinungsbild des Gebäudes.

Trotz jahrelanger Vernachlässigung der Bausubstanz blieb hinter Verschalungen und Verschlägen viel von der Innenausstattung erhalten. Der innere Raumeindruck wird geprägt durch stuckierte Decken, künstlerische Verglasungen, Türen, Wandtäfer, aufwendige Einbaumöbel und Prägetapeten, erschlossen durch eine konstruktiv und gestalterisch interessante Treppenanlage mit offener Vorhalle.

Den neuen Eigentümern ist es gelungen, den Bestand der historischen Raumensembles mit seinen Einbauten und Ausstattungen in die neue Nutzung des Erdgeschosses als Frisörgeschäft und Cafe und des Obergeschosses als Wohnung zu integrieren. Die neuen funktionellen und gestalterischen Ergänzungen stehen mit ihrem modernen Design in interessantem Kontrast zur Ausstattung und Formensprache der Jahrhundertwende.

Stelzenhaus in Stuttgart-Bad Cannstatt, Felgergasse 6 (16. Jh.)

Außenansicht

Das "schiefe" Haus mit Durchfahrt von der Traufseite.

Eines der bekanntesten Häuser in der spätmittelalterlichen Altstadt von Bad Cannstatt ist das wegen seiner besonderen Giebelschräglage und der Gassendurchfahrt häufig fotografierte und gezeichnete "Stelzenhaus". Überblattungen an den Kehlbalken des Dachstuhls und einer Holzstütze im Erdgeschoss weisen auf eine Bauzeit im frühen 16. Jahrhundert hin. Eine Besonderheit des Gebäudes ist das brückenartig überspannte Erdgeschoss, das mit seinem Giebel auf einer kräftigen Sandsteinmauer aufsitzt.

Die brüchige Holzkonstruktion der Durchfahrt im Erdgeschoss wurde additiv durch eine moderne Stahlträgerkonstruktion ergänzt und gesichert. Die historische Konstruktion bleibt dabei ablesbar. Darüber liegen die Wohnräume, die über eine hofseitige überdachte Außentreppe erschlossen werden mussten. Sie wurde unter Verwendung originaler Teile in zurückhaltender Stahlkonstruktion neu errichtet.

Denkmalpflegerisches Ziel war die Erhaltung des barocken Putzfachwerks mit der originalen Farbgebung und der Kreuzstockfenster mit den dazugehörenden Klappläden.

An der straßenseitigen Ecke im Obergeschoss befindet sich die gute Stube, eine erhaltene und restaurierte Bohlenstube mit Bohlen-Balken-Decke die an der südlichen Außenwand einen alemannischen Fenstererker aufweist. Das Fachwerk der übrigen Wände wurde weitgehend um 1800 ausgetauscht. Ohne Veränderung des historischen Grundrisses sollte die neue Wohnnutzung realisiert werden. Deshalb mussten die Raumzuschnitte und die konstruktiven Merkmale der Ausstattung des 18. und 19. Jahrhunderts mit allen Unebenheiten und Schieflagen in die neue Wohnnutzung integriert werden.

Modernes wurde mit Historischem verbunden. In beispielhafter Weise ist es gelungen, wertvolle historische Holzsubstanz zu erhalten und, wo konstruktiv erforderlich, mit leichter Stahlkonstruktion zu ergänzen.

Schloss Heutingsheim, Schlossstraße 12, Freiberg (1695-1720)

Außensansicht

Überraschend zurückhaltend ist das äußere Erscheinungsbild des Herrenhauses.

Das Schlossgut Heutingsheim wurde in den Jahren 1695-1720 durch den württembergischen Hofstallmeister Levin von Kniestedt nach vorangegangenen Zerstörungen neu errichtet. Kniestedt wurde berühmt durch die Zucht des "württembergischem Landpferdes". Das noble Herrenhaus ist in äußerlich bescheidenen Formen gehalten und besitzt im Inneren repräsentative Raumfluchten mit gut erhaltenen Böden, Treppen, Türen, Lamberien und Stuckierungen aus der Barockzeit. Auch der Eingang mit den einfach profilierten Sandsteingewänden und die halbrund vorgelagerte Sandsteintreppe geben dem Gebäude ein solides und ländlich geprägtes Erscheinungsbild.

Die heutige Verwendung des Schlossgebäudes für Büro- und Geschäftsräume nutzt in idealer Weise die Funktion und Form der repräsentativen barocken Ausstattung und trägt zur Erhaltung der Schlossanlage bei. Überraschend zurückhaltend ist das äußere Erscheinungsbild des Herrenhauses innerhalb der Schlossanlage. Die einzelnen Gestaltungselemente wie Fenster, Türen und Fassadendekorationen unterscheiden sich kaum von den sonstigen Wirtschaftsgebäuden im Hof.

Im Inneren zeigen die steinernen Bodenbeläge und die massive repräsentative Holztreppe mit ihren figürlichen Geländerpfosten die noble Zurückhaltung des ländlichen Gutshauses.

Besonderen Wert legten der Eigentümer auf die materialgerechte und historisch stimmige Konstruktion der zu reparierenden und zu erneuernden Bauteile. Von der historischen Innenausstattung wurden die erhalten gebliebenen Teile wie Türen, Fenster, Böden, Lamberien und Stuckierungen sorgsam gesichert, restauriert und soweit notwendig repariert und erneuert. Wichtig war dem Eigentümer die originalgetreue Reparatur und Wiederherstellung der vorgefundenen Ausstattungsteile. Mit viel handwerklichem Geschick hat er sich mit den historischen Techniken und Materialien vertraut gemacht und die alten Oberflächen wiederhergestellt.

Die großzügigen Raumfluchten im Erdgeschoss und Obergeschoss zeugen von dem einstmals regen geistigen und gesellschaftlichen Leben im Kniedstedt'schen Schloss. Die Raumzuschnitte der früheren Repräsentationsräume mit ihrer Enfilade und der Zuordnung der Räume zum zentralen Treppenhaus wurden belassen und in die neue Büronutzung integriert.

In einigen Räumen wird ein ursprüngliches Sichtfachwerk gezeigt, das in späteren Ausstattungsphasen verdeckt worden war. Dem Eigentümer ist es gelungen, mit hohem persönlichen Aufwand die zeitlich sehr intensiven Restaurierungsarbeiten an den originalen Ausstattungsdetails durchzuführen und dem Gebäude wieder sein ursprüngliches Erscheinungsbild im Inneren und Äußeren zurückzugeben.

Ehemaliges Bad- und Gemeinschaftshaus, Neckartal 187, Rottweil (1915/16)

Das Badhaus von außen

Klassizistische Formen in einem Fabrik-Ensemble.

Das 1915-1916 errichtete sogenannte Badhaus für die damalige Pulverfabrik ist repräsentativer Teil eines Ensembles verschiedener Gebäude aus unterschiedlichen Zeiten. Der damalige Bau eines Bad- und Gemeinschaftshauses für einen Industriebetrieb mit modernsten sanitären Einrichtungen wurde in der Öffentlichkeit viel beachtet und als beispielhaft gelobt.

Nicht zuletzt durch seine noble Architektursprache in klassizistischen Formen hebt sich der Bau aus den umgebenden Fabrikgebäuden heraus und dokumentiert den Anspruch und das soziale Engagement des Bauherrn. Man sieht es dem restaurierten Gebäude heute nicht mehr an, warum es so schwierig war, einen neuen Nutzer zu finden. Zu lange stand es leer und Fenster und Türen wie auch innere Ausstattungsteile waren zerbrochen und zerstört worden.

Das äußere Erscheinungsbild ist nach der Renovierung und Wiederherstellung geprägt durch ein Nebeneinander von reparierten, erneuerten und modernen Bauteilen. So gibt es eine Reihe von Türen und Fenstern in originaler Konstruktion und Gestaltung. Beispielhaft ist die zweiflügelige Eingangstüre zum großen Theatersaal im Erdgeschoss, die mit neu gestalteten Eingangselementen auf der Rückseite kontrastiert.

Der große Saal im Erdgeschoss war als Wasch- und Umkleideraum ursprünglich für die Arbeiterschaft eingerichtet und ist heute der zentrale Theatersaal. Die alten Badeanlagen im Untergeschoss wurden belassen und dokumentieren hier auf anschauliche Weise Funktion und Einrichtung des ehemaligen Bade- und Gemeinschaftshauses.

Über eine große zweiläufige Treppenanlage ging es vom Wasch- und Umkleideraum der Arbeiter zum großen Schlafsaal der im Werk untergebrachten Arbeiter. Die repräsentative Erschließung des Gebäudes mit ihrer hallenartigen über zwei Geschosse reichenden Treppenanlage ist der schönste Raum im Gebäude und wird heute als zentrale Halle für das Theater und die Gastronomie im Obergeschoss genutzt.

Die Vielzahl von großen und kleineren Räumen war ideal auf die heutige, neue Nutzung als Gesang- und Theaterschule zugeschnitten. So wurde der ehemalige Umkleideraum für die Taglöhner zum Cafe und Restaurant umgebaut. Das mit hohem Aufwand und großem persönlichen Einsatz restaurierte Gebäude ist mit seinen neuen Nutzungen als Zentrum für kulturelle Veranstaltungen beispielhaft für die Stadt und ihr Umland.

(Texte: Ulrich Gräf, Bilder: Frank Busch, Stuttgart, Ulrich Gräf)

Hinweise

In Heft 1 eines jeden Jahrgangs berichten wir in der Schwäbischen Heimat ausführlich über die aktuelle Preisverleihung und die Preisträger. Sonderdrucke können Sie kostenlos bei der Geschäftsstelle bestellen.

Die Preisträger werden im Spätsommer eines jeden Jahres bekanntgegeben. Die Preisverleihung findet üblicherweise im Herbst in der Stadt oder Gemeinde eines der Preisträger statt.

Hier finden Sie Informationen über die Ausschreibung und Bewerbungskriterien sowie Hinweise zu den am Preis beteiligten Partnern