Das Pfrunger-Burgweiler Ried

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Das Pfrunger-Burgweiler Ried

Luftaufnahme des Pfrunger-Burgweiler Rieds

Pfrunger-Brugweiler Ried
Gemeinden Wilhelmsdorf, Riedhausen und Königseggwald, (Landkreis Ravensburg)

Großflächige, vielgestaltige Riedlandschaft im Ostrachtal. Torfstichseen und von früheren Meliorationsmaßnahmen geprägter Birkenwald mit Streuwiesen und umgebendem Grünland.

Naturschutz- und tlw. Landschaftsschutzgebiet, seit 1980/81. Wanderern ist das Verlassen der öffentlichen Wege untersagt. Besucher werden dringend gebeten, nicht in die Kernzonen des Riedes vorzudringen, sondern sich von den festen Wegen aus an der Landschaft zu erfreuen.
(Luftaufnahme 1990)

Etwa 2600 ha groß ist die vermoorte Talaue zwischen Ostrach und Burgweiler im Nordwesten sowie Wilhelmsdorf und Fleischwangen im Südosten. Früher auf Württemberg, Baden und Preußen verteilt, gehört heute die nördliche Hälfte zum Landkreis Sigmaringen, die südliche zum Landkreis Ravensburg. Das ca. 9 km lange und 3 km breite Pfrunger-Burgweiler Ried - nach umliegenden Dörfern benannt - gilt als das zweitgrößte Moor in Südwestdeutschland. Es wird flächenmäßig nur noch vom mehr als 3000 ha großen Federseeried übertroffen. Im Gegensatz zu diesem Moor, welches im Bereich der Altmoräne angesiedelt ist, hat sich das Pfrunger Ried auf Jungmoränengrund der Würmvereisung entwickelt.

Die mittlere Höhenlage beträgt 610m, die umgebenden Randhöhen steigen bis 718 m (Rinkenburg) bzw. 833 m über NN (Höchsten) an. Es sind tertiäre Molasse-Riedel, die ihre exponier- te Stellung in der Jungmoränenlandschaft den fest verbackenen alteiszeitlichen Nagelfluh-Decken verdanken. Während solche Höhenzüge die Flanken bilden, wurde das Tal bei Ostrach und Wilhelmsdorf von Moränenwällen der Würmeiszeit verriegelt.

Das durch Gletscherschub und Schmelzwasser- arbeit tief ausgeräumte Becken trägt heute über den tertiären Pfohsanden im Untergrund etwa 70 m eiszeitliche Sedimente. Die oberste Schicht aus See- oder Beckenton entstammt den Trübstoffen der Gletschermilch, die in diesem Moränenstausee zur Klärung kam. Sie dichtete das Becken zum
kiesigen Grund hin ab. Der See war gesichert.

Der See wird zum Moor

Vor etwa 12000 Jahren schmolz, infolge Klimaveränderung, auch der Rheingletscher dahin. Seine Ausläufer zogen sich in Richtung Bodensee zurück und verloren ihren Einfluss auf das weitere Geschehen zwischen der Äußeren und Inneren Jungendmoräne (Würm I und Würm II). Das Postglazial (Nacheiszeit) hatte begonnen. Den Pfrunger See speisten nun die Zuflüsse von den Randhöhen. Sie führten u.a. chemisch gelösten Kalk in das Becken, der in den eiszeitlichen Geschiebemergeln des Einzugsgebietes reichlich vorhanden war. Er wurde ausgefällt und lagerte sich als amorphe Seekreide oder Kalkmudde ab.

Leben erfüllte schließlich den verflachenden See. Es waren vornehmlich einzellige Algen, also niedere Pflanzen, die den Kreislauf eröffneten. Den Wasserschwebern aus dem Pflanzenreich folgte das Zooplankton, das den Nährstoffkreislauf in Schwung brachte. Armleuchter-Algen überzogen als "grüne Wiesen" den Seegrund. Das Gewässer wurde zusehends flacher und nährsalzreicher - der See alterte. Höhere Tiere wie Schnecken, Muscheln, Amphibien und Fische wanderten ein. Während Schwimm- und Tauchblattgewächse das offene Wasser eroberten, besetzte das Röhricht den Uferbereich und bildete dort einen Verlandungsgürtel. Sie alle, ob Seerosen, Laichkräuter, Wasserschlauch, Seggen, Simsen, Schilf oder Rohr, produzierten die Biomasse, die wir heute - im nunmehr fossilen See - als Torf vorfinden. (Mehr über die Flora und Fauna des Rieds weiter unten)

Der Mensch verändert die Natur

Birkenwald an einem Weiher

Der Birkenbruchwald im Moor: Weite Bereiche des einstigen Torfabbaus sind heute wieder zu "Urwäldern" geworden

Dieses äußerst vitale Ökosystem Hochmoor hatte schließlich mehr als die Hälfte, möglicherweise sogar zwei Drittel der Gesamt-Riedfläche erobert. Dass wir heute nur mehr Fragmente dieser einstigen Herrlichkeit vorfinden, ist das Produkt menschlichen Bemühens, die Natur zu zähmen und zu nützen.
Von der ehemals 2.600 ha großen Moorwildnis wurden rund 2.000 ha in Grünland überführt, 360 ha sind mit Birkenbruchwald oder Forst bestockt, 100 ha verwandelten die Torfstecher in Wasserflächen. Auf 130 ha finden wir heute noch weitgehend ungestörte Hochmoor-Biotope.

Auf nur mehr knapp 10 ha sind die Nieder- und Zwischenmoorflächen zusammengeschrumpft - verursacht sowohl durch die natürliche Veränderung (Sukzession) wie auch durch menschliche Eingriffe bedingt (Entwässerung, Verfüllung, Düngung und Torfgewinnung). Das einzige heute noch natürliche Stillgewässer im Pfrunger Ried ist der 5,5 ha große Lengenweiler See. Dieses Toteisloch, bereits auf der Inneren Jungendmoräne (nahe Wilhelmsdorf) angesiedelt, war jedoch nie Teil des heute restlos vermoorten Pfrunger Ursees.

Das große Ried hat - wie wir nun wissen - eine wechselvolle, von Dynamik geprägte Geschichte. Naturkräfte schufen in Jahrtausenden das Relief, den See und schließlich das Moor. Nur ein paar Jahrhunderte genügten dem Menschen, um den größten Teil dieser Landschaft nach seinem Willen zu verändern. Dies war nicht immer nur zum Nachteil der Kreatur. Torfstecher z.B. zerstörten bei ihren Eingriffen zwar zuweilen wertvolle Moorbiotope, erzeugten gleichzeitig aber auch Paradiese aus Menschenhand. Denn Stillgewässer waren infolge der natürlichen Verlandung längst zur Rarität geworden.

Die Natur verschafft sich wieder Raum - wir helfen ihr dabei! Der SHB fördert die Renaturierung der Wiesen in wertvollere Moor-Biotope

Und noch eine Erkenntnis dieser langjährigen Untersuchungen sei hier angefügt: Die Natur ist stark, vitaler als wir ahnen. Zieht sich der Mensch irgendwo aus dem Moor wieder zurück, vernarben die Wunden rasch, besetzen Pflanzen und Tiere neuerlich die entstandenen Nischen. Das berechtigt zur Hoffnung für die Renaturierung der in den vergangenen Jahren vom Naturschutz erworbenen Flächen.

Die schon im Jahr 1938 eingeleiteten Schutzbemühungen haben zwischenzeitlich zu einer befriedigenden Lösung geführt. Gegenwärtig sind im Bereich des Pfrunger-Burgweiler Riedes mehrere Naturschutzgebiete ausgewiesen. Der größte Teil der restlichen Riedfläche wird von drei Landschaftsschutzgebieten abgedeckt. Mit der gesetzlichen Unterschutzstellung sind jedoch die eigentlichen Naturschutzprobleme keineswegs gelöst, haben doch die Meliorationsbemühungen in der Vergangenheit dem Moor große Wunden zugefügt.

Die Renaturierung, das heißt die Rückführung von Wirtschaftsgrünland in ökologisch wertvollere Moor-Biotope, wird bereits seit Jahren betrieben. Den ersten Schritt bildet meist der Grunderwerb. Das Land Baden-Württemberg und private Naturschutz-Organisationen wie Schwäbischer Heimatbund und Naturschutzbund Deutschland (DBV) treten als Käufer auf und übernehmen die von der Landwirtschaft aufgegebenen 'Grenzertragsflächen'. So hat der Schwäbische Heimatbund gegenwärtig mehr als 100 Hektar Grundbesitz im Herzen des Pfrunger Riedes. Dort erfolgt gezielt die Renaturierung, zum Beispiel die Wiedervernässung durch Verschluss von Gräben und Dränagen.

Durch einmalige Herbstmahd auf jährlich etwa zwei bis vier Hektar Nasswiesen wird der Verbuschung vorgebeugt. Das Ziel sind hier nährstoffarme, von Niedermoor-Vegetation geprägte Streuwiesen. Wo die Wiederansiedlung von Birkenbruchwald angestrebt wird, genügt es, mit einem Grubber die Grasnarbe aufzureißen, um den alljährlich millionenfach reifenden Moorbirkensamen ein günstiges Keimbett zu schaffen. Die Pflegeflächen sollten eigentlich vergrößert werden, doch sind hier wie auch in anderen Gegenden des Landes die Abfuhr und Verwendung des Mähgutes ein Problem. Eine Pflegekonzeption ist bei der Bezirksstelle für Naturschutz Tübingen in Arbeit, und es ist zu hoffen, dass dabei Lösungen gefunden werden.

Dem "Großgrundbesitzer" Schwäbischer Heimatbund gelang im Pfrunger-Burgweiler Ried die Schaffung eines Eigenjagdbezirkes nach dem Landesjagdrecht und damit die jagdliche Befriedung, d.h. eine Oase der Ruhe für alle Tiere - auch für die jagdbaren. Was mit der Unterschutzstellung nicht erreicht wurde, konnte der Besitzer realisieren: Die Verwirklichung eines "Voll-Naturschutzgebietes" ohne Jäger und Angler! Andere "Fremdnutzungen", zum Beispiel das Baden oder Surfen und andere Sportausübung, konnten bereits mit der Verordnung ausgeschaltet werden.

Beachten Sie die Broschüre über den Bannwald im Ried (neues Fenster).

Verlandende Torfstiche als Kinderstube für Wasservögel

Zwei Reiherenten

Die Reiherente zählt erst seit Beginn der 1970er Jahre zu den Brutvögeln des Pfrunger Riedes

Etwa 60 Hektar des Heimatbund-Besitzes liegen im "Kleinen Trauben". Es handelt sich hierbei um ehemaliges Torfstichgelände, das nunmehr seit über 50 Jahren brachliegt. Die einstige Hochmoor-Vegetation wurde von den Torfstechern abgeräumt, das Gelände entwässert und in weiten Teilen ausgebeutet. In unregelmäßiger Folge wechseln Torfstiche und sogenannte Belegfelder zum Trocknen der Wasenstücke. Mittlerweile hat die Sukzession dort wahre Wunder vollbracht: Auf den Trockenfeldern hat sich ein Sekundär-UrwaId aus Birken, Kiefern, Espen und Fichten eingestellt. Die Torfstiche dazwischen zeigen alle Phasen der Verlandung: Röhrichte, Schwimm- und Tauchblattgewächse, Seggenrasen und Schneidgrasbestände. Hier sind heute die Kinderstuben von Stock-, Krick- und Reiherente, von Zwergtaucher, Bläß- und Teichhuhn, von Rohrammer und Wasserralle. In jüngster Zeit hat sich zu ihnen die Rohrweihe gesellt, die in den ausgedehnten Schilfwäldern ihr Nest baut. Wenn sie im Herbst gen Süden zieht, erscheinen als nordische Wintergäste die Kornweihen. In ihrem Gefolge sind oft Hunderte von Zugenten, gelegentlich auch Gänsesäger und Kormorane. Sowohl als Brutvogel wie auch als Zuggast können wir den buntschillernden Eisvogel hier erleben.

Fische, Reptilien, Frösche, Molche, Libellen und der Mittlere Weinschwärmer

In den Torfstichen wurden elf verschiedene Fischarten registriert, darunter das Moderlieschen, eine bei uns nahezu verschwundene Kleinfischart. Der Bitterling wiederum verdankt seine Existenz in den Riedgewässern der Teichmuschel. Nur wenn das Fischweibchen seine Eier der Mantelhöhle des Schalentieres anvertrauen kann, klappt die Fortpflanzung. Seit Anfang der siebziger Jahre hat auch der Bisam diese amphibische Landschaft erobert. Allenthalben trifft man auf die Spuren seiner Anwesenheit: Mahlzeitreste von Wasserpflanzen und Teichmuscheln, unterhöhlte Dämme und zuweilen auch die den Biberburgen nicht unähnlichen Winterbaue. Während Biber jedoch durch Dammbauten Wasser stauen, führt die Wühlarbeit des Bisams nicht selten zum Auslaufen der Teiche. So auch in unserem Ried, wo ausgesparte Torfriegel zwischen den Stichen durchbohrt werden.

An Reptilien begegnen dem Wanderer in dieser von Bruchwald durchsetzten Wasserwildnis die Wald- und Zauneidechse, die Blindschleiche, die Kreuzotter und die Europäische Sumpfschildkröte. Letztere ist wohl nicht Teil der ursprünglichen Tierwelt, sondern von Menschenhand hierher verpflanzt worden. In Gräben und Tümpeln laichen Wasser-, Gras- und Moorfrosch, Erdkröte und Bergmolch, in den Randbereichen auch der Teichmolch. Das Rehwild findet im unterholzreichen Moorwald Deckung und Knospenäsung im Winter. Spuren im Schnee verraten dem Fachmann das Vorkommen von Fuchs, Marder, Iltis und Hermelin.

Baumpilz: Birkenporling

Der Birkenporling ist ein häufiger Begleiter der Moorbirke

Was diese Landschaft während der Sommermonate ganz besonders belebt, ist die Vielfalt an Libellen. Mehr als 40 verschiedene Arten wurden bei einer Bestandsaufnahme vor etlichen Jahren registriert. Was hier an warmen Sommertagen gaukelt, schwirrt und jagt, sich paart oder eierlegend über dem Wasser tanzt, sind Mosaik-, Azur- und Binsenjungfern, Granataugen, Feder-, Adonis-, Pech-, Königs-, Smaragd- und Heidelibellen, Vierfleck, Blaupfeil, Plattbauch und andere.

Bemerkenswert sind weitere Insektenfunde wie der Mittlere Weinschwärmer, Mondvogel, Hornissenschwärmer und der Moschusbock. Vom Specht entrindete Birkenstämme zeigen deutlich die Fraßspuren des Birken-Splintkäfers und seiner Brut. Der Birken-Porling, ein Holzpilz, vollendet die Zerstörung. Wo seine harten Konsolen an den Stämmen wachsen, ist das kurzlebige Birkenholz schon stark von Fäulnis durchsetzt.

Die Arbeit geht weiter ...

Während der "Kleine Trauben" dank seiner Vielfalt an ökologischen Nischen heute das größte Artenspektrum aller Riedbiotope aufzuweisen hat, hält sich das Tier- und Pflanzenleben an den jungen Torfstichen zunächst in Grenzen. Das nährstoffarme Moorwasser erlaubt nur eine begrenzte Stoffproduktion. Jedoch baut sich mit zunehmender Alterung des Sees eine Nahrungskette auf, die vielfältigen Lebensformen eine Existenz ermöglicht. Etwa 20 Hektar solcher Stillgewässer, die erst in den letzten 35 Jahren durch Torfabbau entstanden sind, besitzt der Schwäbische Heimatbund im Ried. Ihre Besiedlung wird aufmerksam verfolgt. Diese buchtenreichen, von Flach- und Steilufern gekennzeichneten und von Inseln durchsetzten Gewässer haben so manche Vogelart ins Moor gelockt, die früher hier fremd war. Ihnen verdanken wir zum Beispiel die Zuggäste Kormoran und Gänsesäger, ebenso die kleine Brutkolonie von Flussseeschwalben.

Der restliche Besitz des Schwäbischen Heimatbundes besteht aus ehemaligen Futterwiesen, bäuerlichen Torfstichen, Weiden- und Birkendickicht, meist in kleinen Parzellen über das ganze Ried verteilt. Die Angebote zum Grunderwerb häufen sich, denn immer mehr Bauern ziehen sich aus dem Moor zurück. Mit dem Kauf sind umfangreiche Management- und Pflegeaufgaben verbunden, sowohl für die neuen Besitzer als auch für die staatliche Naturschutzverwaltung. Es sollten daher die Bemühungen des Naturschutz-Zentrums unterstützt werden, die Lösung der anstehenden Probleme anzugehen.

Grundlage für den Text ist das wichtige und ausführliche Buch über das Pfrunger Ried von Lothar Zier, sowie das Sonderheft zu den SHB-Naturschutzgebieten. Beide Publikationen können Sie beim SHB bestellen