Zwischen Beständigkeit und Wandel. Die württembergische Pfarrerschaft in Geschichte und Gegenwart.

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Zwischen Beständigkeit und Wandel. Die württembergische Pfarrerschaft in Geschichte und Gegenwart.

Hartmut Zweigle (Hrsg.). Verein für württembergische Kirchengeschichte Stuttgart 2017. 317 Seiten mit einigen Abbildungen. Pappband 25,. ISBN 978-3-944051-12-3

Titelblatt

Mit dem Ziel, den Zusammenhalt der Pfarrer im Land zu fördern und die Anliegen des Pfarrstandes bei der Kirchenleitung zu vertreten, gründeten 1891 acht evangelische Geistliche im Bad Cannstatter Kursaal den Evangelischen Pfarrverein in Württemberg. Heute besitzt er die stattliche Zahl von rund 3700 Mitgliedern, darunter inzwischen natürlich auch viele Pfarrerinnen. Das 125-jährige Jubiläum im Jahr 2016 bot nun den Anlass zur Rückbesinnung und Bestandsaufnahme. Was schließlich zur vorliegenden Buchpublikation führte, in dem die besondere Bedeutung des Pfarrvereins für unsere Landeskirche und darüber hinaus ganz Württemberg gewürdigt wird, wie es im Vorwort des Landesbischofs Frank Otfried July heißt.

Im ersten Teil (Seite 13165) gehen zehn Autorinnen und Autoren der Geschichte des Pfarrvereins nach. Den Reigen eröffnet ein Aufsatz von Hermann Ehmer, der die Situation der württembergischen Landeskirche Bildungsgang der Pfarrer, Pfarrerhaushalt, Visitation und Zusammenschlüsse in der Zeit von der Reichsgründung 1870 bis zum Ersten Weltkrieg skizziert. Chronologisch reihen sich dann die weiteren Themen vom Ersten Weltkrieg über die Weimarer Republik, die NS-Zeit, dem Zweiten Weltkrieg, der Nachkriegszeit bis in die Gegenwart. Wie sehr sich der Pfarrberuf, das Amt und der Stand, die Aufgaben, die Strukturen, die Menschen, die Ansichten, die Pfarrerschaft und damit auch der Pfarrverein verändert und gewandelt haben, zeigt Susanne Edel, Direktorin des Pfarrseminars im Studienzentrum der württembergischen Landeskirche in Haus Birkach im letzten Beitrag dieses Kapitels. Deutlich wird beispielsweise, dass seit 1977, als die völlige Gleichstellung von Frauen und Männern im württembergischen Pfarramt erfolgte, der Frauenanteil, auch durch die Möglichkeit einer Teilzeittätigkeit, stetig zugenommen hat. Während 1968, gewissermaßen als Ausnahmefall, erstmals eine Frau ordiniert wurde, befanden sich Ende 2014 neben 1247 Männern 648 Frauen im württembergischen Pfarrdienst. Ein anderes Beispiel des Wandels bietet die pastorale Identität. Für die neue Pfarrer- und Pfarrerinnengeneration seien, so die Autorin, ihre beruflichen Bezüge nicht mehr automatisch Kristallisationspunkt ihrer Identitätsfindung; klar sei ihnen, welche globalpolitische und salutogenetische Relevanz in ihrem Leben und Arbeiten liegt.

Der zweite Teil des Buches (Seite 169306) besteht aus einem Kaleidoskop, einem bunten Strauß von neun Themen. Darin geht es um einzelne Pfarrpersönlichkeiten um den predigenden Dichter Albrecht Goes (Reiner Strunk) oder den Politiker Christoph Friedrich Blumhardt (Christian Buchholz) aber auch um die Pfarrer ganz allgemein: um Frömmigkeitsprofile im schwäbischen Pfarrhaus (Hans-Ulrich Gehring), um Charakterköpfe und Querdenker (Andreas Rössler) oder um den württembergischen Pfarrer als Prediger (Ruth Conrad) sowie um die Pfarrerinnen: Unter dem Stichwort Mittendrin stellt Carmen Rivuzumwami den Konvent evangelischer Theologinnen in Württemberg vor, ein Netzwerk für Theologinnen und Forum für aktuelle theologische Fragen. Andere Beiträge beschäftigen sich mit Einzelaspekten des Pfarrberufes: Hans-Dieter Wille spürt der Rolle von Ausbildung und Theologie nach, Jan Peter Grevel zeigt auf, wie sich der Pfarrdienst in den Visitationsberichten spiegelt.

Zum Abschluss bietet das Buch einen kurzen Ausblick (Seite 309317): In ihm fragt Ernst Michael Dörrfuss nach Zukunftsperspektiven. Im Mittelpunkt seiner Überlegungen steht die These: Wir brauchen nicht in erster Linie Debatten um Strukturveränderungen, Wirtschaftspläne oder Arbeitszeitrichtlinien so wichtig und unerlässlich solche Debatten zu ihrer Zeit auch sein mögen. Wir brauchen den theologischen Diskurs!

Die Beiträge zeigen die Vielfalt der württembergischen Pfarrer und Pfarrerinnen und Vielfältigkeiten ihres Denkens und Handelns. Sie berichten von Veränderungen und Kontinuitäten. So zeigen sie beispielsweise deutlich, wie sehr die Pfarrer von typisch württembergischen Traditionen, von den traditionellen Bildungseinrichtungen der Landeskirche, vom Evangelischen Stift und der Theologischen Fakultät in Tübingen geprägt wurden und wohl noch immer werden, auch wenn inzwischen nicht mehr alle Pfarrer und Pfarrerinnen als Landeskinder geboren sind.

Das empfehlenswerte Buch bietet dabei insgesamt weit mehr als eine Geschichte des württembergischen Pfarrvereins. Es gibt einen guten Überblick zur Entwicklung der württembergischen Landeskirche in den letzten 125 Jahren, der viele wichtige Aspekte berührt, die nicht nur für Theologen interessant sind. Schließlich waren die württembergische Landeskirche und ihre Angehörigen nicht nur seelsorgerisch tätig. In vielerlei Weise haben sie das gesamte gesellschaftliche, soziale und kulturelle Leben sowie das geistige Klima im Land mitbestimmt und geformt.

Wilfried Setzler