`Ich geh’ zu Tante Emma nur ...´ Dörflicher Warenhandel in Oberschwaben im 19. und 20. Jahrhundert.

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`Ich geh’ zu Tante Emma nur ...´ Dörflicher Warenhandel in Oberschwaben im 19. und 20. Jahrhundert.

Im Auftrag des Landkreises Biberach herausgegeben von Jürgen Kniep (Schriften des Oberschwäbischen Museumsdorfs Kürnbach, Band 2). Biberacher Verlagsdruckerei 2017. 120 Seiten mit zahlreichen, auch farbigen Abbildungen. Kartoniert € 12,90. ISBN 978-3-943391-91-6

Titelblatt

Welche Monotonie zwischen der Ostsee- Insel Rügen und den südlichsten Winkeln Oberschwabens! In der Mitte der Dörfer haben Läden, Bankfilialen, Poststellen und oft auch Wirtshäuser längst dicht gemacht. Damit sind auch Treffpunkte und soziale Infrastrukturen abhandengekommen. Stattdessen findet sich in regelmäßigem Abstand alle paar Ortschaften am Rande der Dörfer und an den Ausfallstraßen der Städte in fader Eintönigkeit das allfällige Konglomerat aus austauschbaren und eigenschaftslosen Nicht-Orten. Es sind die Discounter-Filialen in der immer gleichen und zuverlässig öden Filialbau-Architektur. Das Ladensterben in der Stadt und auf dem Lande hat sich lange zunächst unbemerkt vollzogen. Zuerst stellten die Kommunen bereitwillig Bauplätze für die Discounterisierung der Orts- und Landschaftsbilder zur Verfügung und leisteten damit ihren Verödungsbeitrag. Schließlich läuteten die Alarmglocken und die Kommunen stimmten ein in die Wehklagen und bedauerten den Verlust lebendigen Dorflebens. Die verehrte Kundschaft stand dieser Doppelbödigkeit nicht nach. Zuerst wurde in geläufiger Geiz-ist-geil-Mentalität in den vermeintlich günstigeren Supermärkten gehamstert. Die Gewinnspannen der kleinen Läden waren in den 1970er-Jahren längst bis zur Selbstausbeutung geschrumpft. Als dann die Rollläden der Tante- Emma-Läden nach und nach für immer runter gingen, brach der Katzenjammer über die soziale Erosion und die Verschlechterung der Versorgung mit alltäglichen Gütern aus: Jammerschade, dass Sie zumachen - das war immer so praktisch, wenn man was vergessen hatte. In Erinnerung an diesen zweifelhaften Abschiedsgruß eines ebensolchen Kunden anlässlich der Schließung des elterlichen Milch- und Lebensmittelgeschäfts geht dem Rezensenten auch dreißig Jahre später noch das Messer in der Tasche auf ...

Eine Inventur der verlorenen Vielfalt des dörflichen Warenhandels hat das Oberschwäbische Museumsdorf Kürnbach vorgenommen. Dabei zeigt sich eindrücklich und anschaulich, wie im kleinen Schaufenster des Mikrokosmos Laden große historische Prozesse der Modernisierung beschrieben werden können. So bunt wie das Sortiment in einem Tante- Emma-Laden ist auch der vorgelegte Band geraten. Bei der Gestaltung waltete dieselbe Sorgfalt wie bei der Auslage eines Geschäfts, in dem auch Wert auf den sinnlichen Zauber der offerierten Waren gelegt wurde. Kompliment! Beim Arrangement von Bildern und Texten wurde auf nostalgische Goldfärbungen verzichtet. Stattdessen besticht das historische Fotomaterial genauso wie die faszinierende Nah-Sicht auf die schillernden Produkte und zahllosen Kleinigkeiten, die in summa den Kosmos eines Tante-Emma-Ladens ausmachten: Bizerba-Waagen, Bonbon-Gläser, die weißen Kittel stolzer Ladenbesitzer, Anschreibe- und Rabattmarkenhefte, unverwüstliche Rama-Schachteln, Salem-Zigaretten, Werbeplakate für Produkte ohnegleichen wie Erbswurst, Nylonstrümpfe, Kathreiner-Kaffee und echter Bohnenkaffee, Scheuerpulver, Damenbinden oder Kurzwaren.

Museumsleiter Jürgen Kniep systematisiert in seinem Beitrag Vom Wochenmarkt zum Supermarkt. Warenhandel im ländlichen Oberschwaben im 19. und 20. Jahrhundert die sozial- und wirtschaftshistorischen Hintergründe des dörflichen Warenhandels in der Neuzeit. Dort wird nicht nur der regionale Stellenwert der Märkte, sondern vor allem auch jener des Hausierhandels für Oberschwaben mit den verstreuten Weilern und entlegenen Einödhöfen für die lange Übergangszeit in die Moderne deutlich. In den Städten etablierten sich spätestens in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit der Gewerbefreiheit (1862) und dem Ausbau des Verkehrswesens kleinere Kaufhäuser und Ladengeschäfte. Für Biberach im Jahre 1903 listet Kniep 41 Kolonialwaren- und zwei Delikatessenhandlungen auf, 40 Metzgereien, 32 Bäckereien, 15 Konditoreien, drei Kaffeeröstereien, eine Fischhandlung, 14 Käserei- und Butterhandlungen, 14 Obstgeschäfte, zwölf Mehlhandlungen, 21 Wein- und Branntweingeschäfte - dazu noch je zwei Apotheken und Drogerien!

Auf dem Lande waren es der Strukturwandel des Ländlichen Raumes, also die nachgeholte Modernisierung auf dem Lande und damit der Übergang von der bäuerlichen Subsistenzwirtschaft zur modernen Versorgung, welcher die Ladengeschäfte auch außerhalb der Städte hervorbrachte. Aus Waren wurden Marken, die nun auch auf dem Lande zu haben waren, wo ein wachsender Teil der Bevölkerung von Produzenten von Lebensmitteln zu deren Konsumenten wurde. Neben der Schüttware standen alsbald Maggi- Fläschchen, Ata, Mildessa-Sauerkraut von Hengstenberg oder Eiwol in den Regalen.

Wer war Tante Emma? Dieser Frage geht in dem vorgelegten Bändchen Jeanette Metz nach. Sie hat die andere Seite der Ladentheken erkundet und Interviews mit Ladenbesitzern und ihren Kindern geführt, um Einblicke in deren Lebenswelt zu ermöglichen. Tante Emma war eben nicht nur jene sympathische weibliche Symbolfigur, der 1976 durch Udo Jürgens ein Schlager-Denkmal gesetzt wurde. Das waren vor allem Familien, in denen Groß und Klein mit ran musste. Für Kinder bedeutete dies: Regale auffüllen, Waren zu älterer Kundschaft bringen, Laden putzen - und vor allem: immer nett und freundlich die Kundschaft grüßen.

Schließlich vergegenwärtigt ein Waren-ABC die kunterbunte Bilderwelt der Läden. Die Lektüre des schmalen und sorgsam gestalteten Bändchens fällt gleichermaßen lehrreich wie unterhaltend aus. Und natürlich schwingen da auch reichlich Nostalgie und Wehmut mit, wenn dieser ausgestorbene Ort in Bildern und Texten vergegenwärtigt wird. Immerhin: Die Tante-Emma-Läden haben nicht nur verklärende Erinnerungen hinterlassen. Sondern durchaus auch Modelle für ein nachhaltiges Hauswirtschaften und für soziales Miteinander. Auch darauf wird in dem Buch verwiesen: Läden mit unverpackten Waren gehören in Großstädten mittlerweile zum Öko- Lifestyle. Und vielerorts tun Leute sich zusammen, um gemeinsam einen Dorfladen zu stemmen. So ganz hat Tante Emma also doch noch nicht ausgedient.

Friedemann Schmoll