Eszter Bánffy, Kerstin P. Hofmann, Philipp von Rummel (Hrsg.): Spuren des Menschen

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Eszter Bánffy, Kerstin P. Hofmann, Philipp von Rummel (Hrsg.): Spuren des Menschen

Titelblatt

800.000 Jahre Geschichte in Europa

WBG Theiss Darmstadt 2019. 552 S. mit über 500 Farbabb. Fest gebunden € 50,–. ISBN 978-3-8062-3991-1

Man wird es wohl nicht endgültig klären können, wann und wo die Wiege der Menschheit stand, in Georgien, Afrika, China, Nordspanien, Nordeuropa oder im Ostallgäu, wo kurz vor Drucklegung des Buches 11,6 Millionen Jahre alte Knochen eines aufrecht gehenden Wesens entdeckt worden sind. Die Autoren des Buches beteiligen sich Gottseidank nicht an einer Kür der Funde für das Guinness-Rekorde-Buch, auch nicht an der Frage, ob die Funde von Menschen oder doch eher von Vormenschen stammen, sondern stellen sachlich fest, dass es mehrere etwa 800.000 Jahre alte Funde gibt, die man als Ausgangspunkt der Menschheitsgeschichte bezeichnen kann. Da danach gleich mal 400.000 Jahre mit weitgehender Fundleere folgen, ist es sowieso müßig, über die Geburtsstunde unserer Art zu streiten.

Das stattliche Werk hält sich an die übliche Gliederung von Geschichtsbüchern und an die Perioden von der Steinzeit bis zur Neuzeit, und doch unterscheidet es sich vom Schulbuch: Es geht den Herausgebern und sachkundigen Autoren vor allem um die Klärung von Sachzusammenhängen und von Entwicklungslinien, also letztlich um die Frage, warum Europas Kultur und Gesellschaft heute so ist, wie wir sie erleben. Wer hat wann an welchem Schräubchen gedreht, wann wurde was erfunden und wie hat es sich ausgewirkt. Exzellent geschriebene Beiträge von absolut kompetenten Autoren ermöglichen es dem Leser, Zusammenhänge zu erkennen und einen einzelnen Fund einzuordnen in das Zeitgeschehen und die nähere und weitere Umgebung. Was besonders erfreulich ist: Die Beiträge sind wissenschaftlich topp, aber so geschrieben, dass es auch Laien verstehen und gerne lesen.

Dazu trägt natürlich auch die Vielzahl von Beschreibungen archäologischer Fundstätten bei, wodurch der Leser regionale Bezüge erhält. Und natürlich sind auch die vielen hervorragenden Fotos, Karten und Schaubilder dazu angetan, dass einem Geschichte, die vielen einst durchs Jahreszahlen-Einbläuen in der Schule verleidet worden ist, Spaß macht. Das soll an einem Beispiel, vom Rezensenten selbst erlebt, geschildert werden. Auf einer Reise durch Thüringen vor Jahren zufällig in Bilzingsleben einem Wegweiser Grabung gefolgt, steht man auf einem Acker und wird unter einem Grabungszelt mit einem Tümpel und einer Fundstelle von Knochen konfrontiert, die einen etwas ratlos machen und zu zügiger Weiterreise veranlassen. Nun, im Buch Seite 60 bis 62, finden sich zu dieser Örtlichkeit zwar nur wenige Sätze, aber dabei geht einem ein Licht auf: Man war an einer Stelle, wo schon vor 400.000 Jahren Menschen lebten und wirtschafteten und Spuren in der Landschaft hinterließen, die bis heute facettenreiche Nachwirkungen haben.

So geht es eigentlich durch das ganze Buch und alle Epochen: Grandiose und auch weniger spektakuläre archäologische Funde werden gut dargestellt und in ihren Bezug zur Menschheitsgeschichte gestellt. Das unterscheidet eben das Buch von anderen: Es geht nicht um Darstellung von Superlativen, nicht um Förderung des Tourismus, es geht nicht vordergründig um die Schönheit der Funde, es geht um die Aussagekraft der Funde für die Erklärung des Werdens europäischer Kulturlandschaften.

Sind schon die zeitlichen und räumlichen Verflechtungen innerhalb Europas komplex, so darf man natürlich nicht vergessen, dass die Menschheitsgeschichte Europas zu allen Zeiten auch außereuropäische Kulturen beeinflusste und umgekehrt, von außereuropäischen Kulturen beeinflusst wurde. Die Autoren öffnen deshalb den Blick über den Tellerrand durch eingeschobene Kapitel Fenster zur Welt, mit denen die europäische Sichtweise je nach dem ergänzt oder relativiert werden kann.

Erwähnenswert ist weiterhin, dass in einem Einleitungs- und einem Schlusskapitel, aber auch in Zwischenkapiteln sehr anschaulich aufgezeigt wird, welche Quantensprünge die Archäologie in den letzten Jahren auf methodischem und wissenschaftlichem Gebiet gemacht hat, und welche Rolle die Archäologie in unserer heutigen Gesellschaft spielt. Der Einsatz von Fotodrohnen, die LIDAR-Technik, Isotopenanalysen usw. werden vorgestellt, sodass dem Leser klar wird, wie die modernen Erkenntnisse zustandekommen. Natürlich werden aber auch Beispiele gezeigt, wo einst mit Spaten und Hacke gearbeitet und dabei manches unwiederbringlich zerstört worden ist. Dass dies alles nicht in einem schmalen Bändchen erfolgen kann, ist klar, und so liegt ein 2,5 Kilo schwerer Band vor einem. Für den Nachttisch ungeeignet, auch für den Liegestuhl, man muss sich schon an einen Tisch setzen. So verlockend es auch ist, mal hier, mal dort etwas zu lesen – empfehlenswert ist es schon, kapitelweise vorzugehen, denn nur so erschließen sich einem voll die Zusammenhänge.

Ein prachtvolles, wirklich empfehlenswertes Buch – übrigens als Geschenk gut geeignet –, an dem es fast nichts auszusetzen gibt. Eine unvollständige Bildunterschrift (S. 53) macht stutzig, und dass man die Bildlegenden zu den doppelseitigen, Freisteller genannten Kapitelbildern erst beim Bildnachweis findet, ist ungewöhnlich. Schade auch, dass die zahlreichen Autoren nicht vorgestellt werden; ein, zwei Sätze zu ihrer Herkunft und zu ihrem beruflichen Aufgabenfeld wären durchaus angebracht.

Reinhard Wolf