Gustav-Schwab-Preis 2017 zum vierten Mal verliehen

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Gustav-Schwab-Preis 2017 zum vierten Mal verliehen

Stefanie Neidhardt aus Stuttgart und Matthias Slunitschek aus Schwäbisch Hall sind die Preisträger des vierten Gustav-Schwab-Preises. Mit der 2009 gestifteten Auszeichnung prämiert der Schwäbische Heimatbund Nachwuchsforscher für herausragende wissenschaftliche Arbeiten auf dem Gebiet der Geschichte, der Literatur und der Landeskunde des schwäbischen Raumes.

fünf Personen auf einer Bühne

Von links: Josef Kreuzberger, Matthias Slunitschek, Stefanie Neidhardt, Prof. Dr. Gerhard Fritz, Gunter Narr.

Die Jury unter Vorsitz von Prof. Dr. Franz Quarthal, Emeritus am Historischen Institut, Abteilung Landesgeschichte der Universität Stuttgart, prämierte 2017 die Arbeit von Stefanie Neidhardt Autonomie im Gehorsam - die dominikanische Observanz in Selbstzeugnissen geistlicher Frauen des Spätmittelalters sowie von Matthias Slunitschek Poesie der Wirklichkeit. Studien zum Frühwerk von Hermann Kurz (1813-1873), die als Dissertationen an den Universitäten in Tübingen bzw. Heidelberg angenommen wurden.

Unser besonderer Dank gilt dem Narr Francke Attempto Verlag aus Tübingen, der in diesem Jahr das (geteilte) Preisgeld in Höhe von 3.000 Euro für den Gustav-Schwab-Preis zur Verfügung gestellt hat.

In seiner Laudatio hob Jury-Mitglied Prof. Dr. Gerhard Fritz in Vertretung von Prof. Dr. Quarthal im Rahmen der Mitgliederversammlung des Schwäbischen Heimatbundes am 24. Juni 2017 in Tübingen die besonderen Leistungen der Dissertationen hervor:

Laudatio zur Verleihung des Gustav-Schwab-Preises 2017

Stefanie Neidhardt

Frau Stefanie Neidhardt, geb. Handschuh, wurde 1985 in Biberach an der Riß geboren. Nach dem Abitur studierte sie in Tübingen von 2005-2012 katholische Theologie, Geschichte und Anglistik, unterbrochen von einem Auslandsjahr am King's College in London. Nach Tätigkeiten in den Instituten für geschichtliche Landeskunde in Tübingen und in Marburg, am Hauptstaatsarchiv in Stuttgart und bei der Akademie der Diözese Rottenburg steht sie seit Anfang 2017 im Referendariat für Gymnasien. Jeder, der das einmal gemacht hat, weiß, dass das nicht immer ein Zuckerschlecken ist.

junge Dame an einem Rednerpult

Stefanie Neidhardt dankt dem Heimatbund und der Jury für den Preis.

Schon vor ihrer Dissertation, um die es hier gehen soll, sammelte Frau Neidhardt Preise. Bereits in ihrer Schulzeit wurde sie Landessiegerin im Wettbewerb Christentum und Kultur mit einer Arbeit über Matthias Erzberger. Ihre Studienabschlussarbeit über die Reform des Klosters Kirchheim wurde ebenfalls preisgekrönt, und das gilt nun auch für ihre bei dem katholischen Theologen Professor Holzem eingereichte Dissertation. Diese Arbeit trägt den Titel "Autonomie im Gehorsam - die dominikanische Observanz in Selbstzeugnissen geistlicher Frauen des Spätmittelalters".

Wer sich, wie ich, mit benediktinischer Geschichte und ihren für Südwestdeutschland oft kargen Quellen beschäftigt hat, wird umgehend neidisch, wenn er in die dominikanische Dissertation Frau Neidhardts hineinschaut. Dabei hat es die Quellenlage der Doktorandin nicht einfach gemacht. Es gab eben nicht das eine Quellenkonvolut, das durchgearbeitet werden musste und dann griffige Ergebnisse lieferte. Das Quellenverzeichnis weist Archive und Bibliotheken vom Elsass über Baden-Württemberg bis nach Wolfenbüttel, München, Wien, Berlin und Breslau aus. Was Frau Neidhardt vorgefunden hat, waren fast durchweg Handschriften - also das Material, um das die meisten heutigen Doktoranden einen großen Bogen machen. Und was da zusammengetragen und mit vorbildlichem quellenkritischem Sachverstand ausgewertet wurde, hat es in sich.

Ich kann hier kein Referat über alle von Frau Neidhardt erwähnten Aspekte der Reform im Rahmen der dominikanischen Observanzbewegung halten. Es geht da zunächst um die höchst komplexe Einbettung in soziale und politische Rahmenbedingungen, die übrigens von Kloster zu Kloster sehr unterschiedlich sein konnten. Im Luther-Jahr 2017 ist besonders bemerkenswert, dass die observanten Dominikanerinnen wenig Neigung zeigten, sich den Gedanken des Wittenberger Reformators zu öffnen, weil sie der Ansicht waren, sie hätten mit ihren Reformen das Optimale bereits erreicht, während umgekehrt die Reformatoren das widerständige Verhalten der Nonnen gar nicht goutierten und die Klöster durch das Verbot der Aufnahme von Novizinnen aussterben ließen. Eine wichtige Rolle spielt das Kloster Kirchheim mit seiner aus dem Elsass gekommenen Küsterin Magdalena Kremer. Die detailliert herausgearbeiteten Fragen des Reformideals und dessen Umsetzung in die Praxis mitsamt den daraus resultierenden Konflikten werden ebenso behandelt wie die Frage, welches religiöse und außerreligiöse Wissen die Dominikanerinnen hatten.

Summa summarum: Die Studie von Frau Neidhardt erweitert in imponierender Weise unsere Kenntnis der Lebens- und Gedankenwelt gebildeter geistlicher Frauen vorreformatorischen Jahrhunderts und erhellt - das sei nochmals unterstrichen - dass das reformatorische Jahrhundert viel differenzierter gesehen werden muss, als es in der Luther- und Reformationseuphorie des Jahres 2017 gesehen wird. Vielleicht ist es ein kleines, und aus meiner Warte fast egoistisches Lob: Liebe Frau Neidhardt, ich habe aus Ihrer Untersuchung viel gelernt.

Matthias Slunitschek

Herrn Slunitscheks Arbeit führt in eine ganz andere Epoche und thematisch in einen ganz anderen Bereich. Herr Slunitschek wurde im selben Jahr wie Frau Neidhardt geboren, also 1985 - und ebenfalls in einer früheren Freien Reichsstadt, nämlich in Reutlingen.

junger Mann an einem Rednerpult

Auch Matthias Slunitschek dankt dem Publikum für Preis und Beifall.

Nach dem Abitur studierte er Germanistik und Musikwissenschaft in Heidelberg. Angesichts des Themas seiner Dissertation - Hermann Kurz - war er von 2012-2014 Hermann-Kurz-Stipendiat in seiner Geburtsstadt Reutlingen. Während seines Studiums hat sich der Preisträger mit Kurz und seinem literarischen Umfeld beschäftigt und - thematisch und inhaltlich flankierend und das zweite Studienfach mit einbeziehend - mit Volksliedforschung.

Derzeit arbeitet Herr Slunitschek als Vater einer derzeit von zwei auf drei Kinder anwachsenden Familie, außerdem - die Familie will ja ernährt werden - als Autor, Journalist, Lektor und Markentexter in so gegensätzlichen Bereichen wie einer Sportwagen vermarktenden Werbeagentur und dem Katholischen Bibelwerk in Stuttgart.

Der Titel von Herrn Slunitscheks bei Prof. Kühlmann eingereichten literaturwissenschaftlicher Dissertation lautet: Poesie der Wirklichkeit. Studien zum Frühwerk von Hermann Kurz (1813-1873). Mit etwas verändertem Titel wird die Arbeit im Herbst 2017 bei de Gruyter erscheinen. Soweit Kurz heute noch bekannt ist, verdankt er dies seinen großen Romanen Schillers Heimathjahre von 1843 und Der Sonnenwirt von 1855. Aber um diese beiden Werke geht es dem Preisträger weniger, sondern um das sehr heterogene Frühwerk des Dichters von etwa 1828 bis 1845, das auch von Fachleuten kaum wahrgenommen wurde.

Herr Slunitschek hatte - und da findet sich dann doch eine Parallele zur Arbeit von Frau Neidhardt - mit einer komplizierten Überlieferungslage zu kämpfen. Die Zahl der Orte, an denen sich Quellen zum Frühwerk von Kurz samt seinem Nachlass befinden, ist erstaunlich groß: Reutlingen, Marbach, Stuttgart, Tübingen, München - und in diesen Orten oft noch auf verschiedene Archive, Museen und Bibliotheken verteilt. Eine solche Überlieferungssituation schreckt die meisten Forscher ab, und so wundert es nicht, dass Slunitschek nachweisen kann, dass einzelne Kurz-Forscher sich a) durch Faulheit und Quellenferne auszeichnen, b) deshalb keine Ahnung haben und c) zu dem aberwitzigen Ergebnis kommen, dass der fortschrittliche Vormärz-Demokrat, Juden- und Zigeunerfreund Kurz ein Rassist und Vorläufer der Nazis gewesen sei.

Aber diese Abrechnung mit dem bisherigen Forschungsstand ist nur eine Marginalie der Dissertation. Kern der Arbeit sind vielmehr die äußerst komplexen knapp zwei Jahrzehnte des Frühwerks. Dieses trägt stilistisch teils noch Züge der Spätromantik, dann einer historisch-landesgeschichtlich inspirierten Frührealismus. Intensiv werden die personellen und historischen Verknüpfungen erarbeitet. Hierbei handelt es sich - da mit Massen nicht edierter Quellen gearbeitet wird - um echte Kärrner- und Grundlagenarbeit, die dazu angetan ist, sowohl Kurzens Bedeutung und Position als auch deren literarischen Rang neu einzuschätzen. Die Maulbronner Gedichte bewegen sich in einem seltsamen Zwischenraum zwischen Epigonalität und Originalität. Auch in den anderen Bereichen seines Frühwerks überrascht Kurz durch die markante Verquickung von Regionalität, Historizität und originellen eigenen sozialen Elementen.

Ein umfangreicher editorischer Anhang mit den Maulbronner Gedichten, Reden, theoretischen Texten, Kalendergeschichte und - v. a. - der Fassung letzter Hand der bedeutenden Novelle Die beiden Tubus beschließt die Arbeit und erschließt damit der Öffentlichkeit bislang unzugängliche Primärtexte. Das Gutachten des Doktorvaters enthält die Formulierung, Slunitschek habe mit findiger Beobachtungsgabe, Neugier und synthetischer Kraft, ein einsames Grundbuch der Kurz-Forschung geschrieben, das mit pionierhaften Textinterpretationen und dichtgedrängten neuen Forschungsergebnissen in den Bann zieht. Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen.

Solche Bücher wie die von Frau Neidhardt und Herrn Slunitschek zu lesen, erweitert den Horizont und macht intellektuelle Freude. Was kann man von der Wissenschaft mehr erwarten? Es ist mir eine große Freude, beiden den Gustav-Schwab-Preis überreichen zu können. Ich bin sicher: Wir werden von Frau Neidhardt und von Herrn Slunitschek auch in Zukunft Weiteres hören.