Gerhard Raff: Hie gut Wirtemberg allewege, Band IV.

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Gerhard Raff: Hie gut Wirtemberg allewege, Band IV.

Titelblatt

Das Haus Württemberg von Herzog Eberhard Ludwig bis Herzog Carl Alexander unter besonderer Berücksichtigung der Christina Wilhelmina von Grävenitz. Mit den Linien Stuttgart und Winnental.

Landhege Verlag Schwaigern 2015. 780 Seiten mit einigen Abbildungen. Leinen mit Schutzumschlag 50,- €. ISBN 978-3-943066-39-5

Vielen ist Gerhard Raff durch seine Kolumnen in der Stuttgarter Zeitung und im Evangelischen Gemeindeblatt oder durch seinen kleinen Erzählband Herr schmeiß Hirn ra! bekannt, in denen er – in der ihm eigenen schwäbischen Sprache – übers Württemberger Land und seine Einwohner schreibt. Das meiste sind kleine biographische Notizen, in denen er eloquent und pointiert Menschen vergangener Jahrhunderte vorstellt, die mit der Geschichte des Landes verbunden sind, sie mitgestaltet haben. Er erzählt von ihnen, als wäre er mit allen verwandt, als hätte er sie alle gekannt. Dabei spart er nicht mit Lob und Tadel und plaudert aus dem Nähkästchen.

In dem hier vorliegenden Band, dem vierten einer Reihe, zeigt er sich seiner Leser- und Fangemeinde von einer ganz anderen Seite. Hier kommt der wissenschaftliche Forscher zu Wort, der gelernte und wissenschaftlich geschulte Historiker, der einst bei Professor Hansmartin Decker-Hauff am Institut für geschichtliche Landeskunde in Tübingen studiert und das entsprechende Handwerkszeug zu handhaben gelernt hat. Decker-Hauff war es dann auch, der den damaligen Studenten für die Idee begeisterte, als Dissertation ein biographisches Werk zu erstellen, in dem alle Mitglieder des Hauses Württemberg, von den gräflichen Anfängen bis zum Ende der Monarchie, in einer ausführlichen Abhandlung vorgestellt werden – und dies nicht etwa beschreibend, sondern ganz und gar in Form einer kritisch-kommentierten Quellenedition. Da auch die meist unbeachteten Gemahlinnen, die nachgeborenen Söhne und Töchter, ja selbst die früh verstorbenen Familienmitglieder bedacht werden sollten, wurde daraus ein Projekt, das, wie sich bald zeigte, den Rahmen einer Dissertation sprengte. Folglich wurde das Thema auf die ersten elf bekannten Generationen und auf die Hauptlinie eingeschränkt.

Mit diesem zeitlich und inhaltlich reduzierten Thema promovierte Raff 1984. Seine 688 Seiten umfassende Dissertation publizierte er 1988 unter dem Titel Hie gut Wirtemberg allewege. Das Haus Württemberg von Graf Ulrich dem Stifter bis Herzog Ludwig. Damit hätte der Autor es belassen können. Doch er fühlte sich seinem Doktorvater gegenüber auch noch nach dessen Tod (1992) verpflichtet und arbeitete am Projekt weiter. 1993 erschien Band zwei Das Haus Württemberg von Herzog Friedrich I. bis Herzog Eberhard III. und 2002 Band drei Das Haus Württemberg von Herzog Wilhelm Ludwig bis Herzog Friedrich Carl. Mit den Linien Stuttgart, Winnental, Neuenstadt am Kocher, Neuenbürg, Mömpelgard, Oels, Bernstadt und Juliusburg in Schlesien sowie Weiltingen. Und nun kann Gerhard Raff nach 3,9 "wohltätigkeitsgschaftelhubereibedingten Herzinfarkten" dank göttlicher Gnade und ärztlicher Kunst (so im Vorwort) den vierten Band vorlegen, der sich mit der 15. Generation von Herzog Eberhard Ludwig (1676-1733) bis Carl Alexander (1684-1733) befasst.

Wie bei allen Bänden zuvor werden auch hier die Personendaten in 16 Kategorien geordnet: 1. Name, Titel, Geburtsjahr, Todesjahr; 2. Beiname; 3. Regierungszeit; 4. Persönliche Devise, Wahlspruch, "Symbolum"; 5. Vater, Mutter, bedeutende Voreltern; 6. Geburtstag, Geburtsort, Geburtsstätte, besondere Umstände der Geburt; 7. Taufe, Tag, Ort, außergewöhnliche Taufpaten; 8. Vermählung, Jahr, Name und Lebensdaten des Ehepartners, Eheabrede, Beilager, Hochzeitspredigt, Dispens, Trauung; 9. Kinder, Lebensdaten; 10.Testament; 11. Todestag, Todeszeit, Sterbeort, Sterbestätte, Todesursache; 12. Begräbnistag, -ort und -stätte, Leichenpredigt, Oratio Funebris, Kondolenzschreiben; 13. Grabmal, Kenotaph, Epitaph, Sarg Bildhauer, Inschrift; 14. Überführung, Verlegung der Grabstätte; 15. Standbilder, Denkmäler; 16. Kritische Urteile im Laufe der Jahrhunderte. Alle Angaben werden in Anmerkungen ausführlich belegt.

Insgesamt versammelt der Band 16 Biographien. Er beginnt mit der früh verstorbenen württembergischen Herzogin Eleonore Dorothea (1674-1683) und endet mit Christiane Charlotta, Herzogin von Württemberg, Markgräfin von Brandenburg-Ansbach (1694-1729). Wie zu erwarten, sind die Texte unterschiedlich lang. Am materialreichsten ist der Beitrag der das Leben und Wirken der Christina Wilhelmina Friderica von Grävenitz (1686-1744), Mätresse und Zweitfrau von Herzog Eberhard Ludwig, dokumentiert. Er umfasst 194 Seiten. Das sind 20 Seiten mehr als die beiden regierenden Herzöge Eberhard Ludwig und Carl Alexander zusammen beanspruchen.

Wie die Vorgängerbände ist auch der vierte kein eigentliches Lesebuch, wenngleich sich manches, besonders über die Grävenitz, spannend liest. Entstanden ist wieder eine Art Lexikon, ein gründlich recherchiertes und akribisch erarbeitetes Standard- und Nachschlagewerk zur Geschichte Württembergs, des Landes und der Dynastie, das eine Lücke schließt und als Basis weiteren Forschens dienen kann. Eine weitere Lücke ist geschlossen. Man darf auf den nächsten Band gespannt sein.

Wilfried Setzler