Die Preisträger des Denkmalschutzpreises 2016

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Die Preisträger des Denkmalschutzpreises 2016

Vorbildliche Sanierungen historischer Bausubstanz.

Stuttgart. Alle zwei Jahre schreiben der Schwäbische Heimatbund und der Landesverein Badische Heimat den von der Wüstenrot Stiftung finanzierten Denkmalschutzpreis Baden-Württemberg aus - in diesem Jahr war es bereits die 34. Auslobung. Vergeben werden fünf gleiche Preise an private Bauherren, die im Rahmen von Gesamtsanierungen historischer Bauten denkmalpflegerisch besonders vorbildlich mit ihrem Eigentum umgegangen sind.

Dieses Jahr wurden nicht weniger als 86 Bewerbungen eingesendet, erfreulicherweise mehr als doppelt so viele wie bei der letzten Preisrunde 2014. Wieder einmal zeigte sich, wie vielfältig die Denkmallandschaft im Südwesten in typologischer Hinsicht ist, dass aber auch immer mehr Sanierungen von Bauten der jüngeren Vergangenheit ins Blickfeld geraten.

Kulturdenkmale sind eben nicht nur spektakuläre Gebäude wie Burgen und Schlösser, Kirchen und Klöster oder die heute touristisch in den Fokus gerückten Welterbestätten, sondern auch eine Vielzahl von ebenso wichtigen Zeugnissen alltäglicher Architektur aus vielen Jahrhunderten, die unsere gebaute Umwelt in ihrer Geschichtlichkeit erlebbar machen, so der Juryvorsitzende Dr. Gerhard Kabierske vom Südwestdeutschen Archiv für Architektur und Ingenieurbau am Karlsruher Institut für Technologie. Beim gesellschaftlichen Auftrag der Erhaltung der Kulturdenkmale für künftige Generationen sind die Denkmaleigentümer in starkem Maße in die Pflicht genommen. Nicht jeder von ihnen nimmt seine die nach dem Grundgesetz aus der Sozialgebundenheit des Eigentums erwachsene Aufgabe wirklich ernst. Umso wichtiger ist es, dass beispielhaftes privates Engagement auch öffentlich gewürdigt wird.

Die Preisträger erhalten neben einer Urkunde und einer Bronzetafel zur Anbringung an ihrem Gebäude jeweils eine finanzielle Anerkennung in Höhe von 5000 Euro.
Finden Sie hier weitere Informationen über den Denkmalschutzpreis.

Die Preisträger des Denkmalschutzpreises Baden-Württemberg 2016

Stadthaus in Konstanz

Konradigasse 35, 78462 Konstanz (Kreis Konstanz)

Preisträger: Rolf Huesgen

Gerade einmal 69 Quadratmeter misst die Grundstücksfläche des Kleinhauses in einer Altstadtgasse von Konstanz, das den Architekten Rolf Huesgen schon seit längerem interessierte. Es stand viele Jahre leer, weil sein Zustand völlig heruntergekommen war und der Grundstückszuschnitt bei einer Breite von wenig mehr als drei Metern ein Wohnen nach heutigen Vorstellungen kaum zuzulassen schien. Als die schwierige Immobilie zum Verkauf stand, griff Rolf Huesgen ohne Zögern zu. Ihn reizte die Aufgabe, das offensichtlich bis ins Mittelalter zurückreichende Kulturdenkmal trotz aller Schwierigkeiten in sein künftiges Wohnhaus umzuwandeln. Planung und Ausführung erfolgten bewusst in mehreren Etappen von 2011 bis 2015.

Bauforschung und Bauaufnahme durch Burghard Lohrum, Befunduntersuchungen durch den Restaurator Robert Lung sowie archivalische Recherchen und die Erfassung der kompletten Ausstattung in einem Raumbuch klärten zunächst die komplexe Geschichte des verwinkelten Anwesens, dessen baulicher Bestand bis ins 13. Jahrhundert zurückgeht. Der Keller ließ sich dendrochronologisch auf 1290 datieren, wobei dieser zwischen zwei bereits bestehenden Häuser angelegt worden war und auch die ottonische Stadtmauer mitverwendet hatte. Die Enge des Anwesens liegt in dieser Vorgegebenheit begründet. Die Fachwerkkonstruktion wurde um 1356 errichtet und in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts auf die heutige Tiefe des Grundstücks erweitert. War der Bau zunächst über Jahrhunderte offenbar nur ein Annex eines der Nachbarhäuser und diente als reiner Speicherbau, so zeugt der Einbau einer Bohlenstube mit einer Bretterbalkendecke ab dem 16. Jahrhundert auch von einer kontorähnlichen Nutzung. Erst Veränderungen des späten 18. bis ins frühe 20. Jahrhundert belegen eindeutig die Funktion als beheizbares Wohnhaus.

Die genauen Voruntersuchungen schärften den Blick für die historischen Wertigkeiten, was für eine substanzschonende Sanierung unverzichtbar ist. Die notwendigen Modernisierungseingriffe wurden bei der Planung so gelenkt, dass die historische Substanz weitestgehend erhalten blieb. Die durch die große Haustiefe bedingte unbefriedigende Belichtungssituation ließ sich durch ein von der Straße aus nicht sichtbares schlitzförmiges Atelierfenster im Dach lösen. Von dort fällt das Tageslicht in den Erschießungsbereich in der Mitte des Hauses durch Glasböden von oben bis ins Erdgeschoss. Auch dank der Wiederöffnung des nachgewiesenen Bandfensters des 16. Jahrhunderts im Obergeschoss an der Straßenseite wurde es heller im Haus. Diese neuen Elemente wie auch die Sanitäreinrichtungen oder die platzsparenden Einbauschränke sind bewusst in modernen Formen ausgeführt, während mittelalterliche Oberflächen bis hin zu Tapetenresten des 20. Jahrhunderts restauratorisch gesichert in die collageartige Gestaltungskonzeption einbezogen wurden.

Die aufwändige Sicherungsmaßnahme führt beispielhaft vor Augen, dass auch eine äußerst schwierige und sensible Denkmalsubstanz mit zeitgemäßen Wohnansprüchen verbunden werden kann. Es gelang der Spagat zwischen denkmalgeschützter Bausubstanz, Wiederherstellung des statischen Gefüges ohne zerstörerische Eingriffe, modernem Energiekonzept und den heutigen Funktionen eines kleinen Einfamilienhauses von 100 Quadratmetern Wohnfläche auf vier Ebenen.

Kienzlerhansenhof bei Schönwald im Schwarzwald

Schönwald im Schwarzwald (Schwarzwald-Baar-Kreis)

Preisträger: Anja Kluge und Ingolf Gössel

Die Jahreszahl 1591 steht in arabischen und römischen Ziffern auf einem Balken an der Tür des Kienzlerhansenhofs. Wie das Idealbild eines urtümlichen Schwarzwaldhofs schmiegt sich der breit gelagerte Holzbau mit seinem weit auskragenden Walmdach in die Landschaft eines Hochtals südlich von Schönwald. Wegen seines Alters und der weitgehend auf das Baujahr zurückgehenden Bausubstanz wurde er bereits früh von der Forschung beachtet und als Kulturdenkmal von besonderer Bedeutung eingestuft. Im Lauf der Jahrhunderte hatte der Hof nur wenige Veränderungen erlebt, etwa im 17. Jahrhundert den Einbau einer Hocheinfahrt in den Dachraum oder im 19. Jahrhundert den Anbau eines Leibgedings für den Altbauern, der bei einer Teilsanierung 1976 wieder entfernt wurde. Die schadhaft gewordene Holzverschindelung des Daches wurde zu diesem Zeitpunkt mit wenig passenden Faserzementplatten überdeckt. Damals gehörte der Hof mit seiner Fläche von 45 Hektar Wald und Wiesen noch der Gemeinde Schönwald, die ihn über 150 Jahre lang durch Pächter hatte bewirtschaften lassen.

Angesichts dringend notwendiger Sanierungsmaßnahmen beschloss die Gemeinde 2013, sich von dem unrentierlichen Objekt zu trennen. Es war ein Glücksfall, dass Anja Kluge und Ingolf Gössel aus Stuttgart, Inhaber des Architekturbüros gk gössel+kluge generalplaner, auf den Hof aufmerksam wurden. Ihre Bereitschaft, das Anwesen nicht nur als Zweitwohnsitz und Dependance ihres Architekturbüros zu nutzen, sondern auch die Landwirtschaft unter Naturschutzaspekten und extensiver Arbeitsweise weiterzubetreiben, gab den Ausschlag, dass sie in einem Bieterverfahren neue Eigentümer wurden.

In enger Abstimmung mit den Denkmalbehörden erfolgte 2014-16 eine umfassende Sanierung des Hofes, für die zunächst von den Bauforschern Dr. Stefan Blum, Stephen King und Burghard Lohrum detaillierte Untersuchungen durchgeführt wurden. Eine Bauaufnahme durch das eigene Büro bildete die Grundlage für die folgenden baulichen Maßnahmen, die unter Beibehaltung der Grundrisse in traditioneller Handwerkskunst durchgeführt wurden. Schadhafte Hölzer wurden ausgetauscht, Verformungen vorsichtig rückgängig und Holzverbindungen wieder kraftschlüssig gemacht. Für die Außenwirkung besonders erfreulich ist die Entfernung der Zementplatten auf dem Dach und die Neueindeckung mit handgespaltenen Holzschindeln, unter denen die Reste der historischen Verschindelung erhalten blieben. Als positiv bewertet hat die Jury auch das Ziel, trotz des Grundsatzes der Minimierung von Veränderungen den Hof niedrigenergetischen Standards anzupassen. Im originalen Aufbau der Außenwand wurden als Kernschicht eine Holzfaserdämmung sowie eine speziell abgestimmte Windsperre eingebracht. Die neuen Holzfenster nach historischem Vorbild wurden als Kastenkonstruktionen ausgebildet. Die dauerhafte Grundwärme von 20 Grad Raumtemperatur liefert auch in kalten Wintern eine geothermische Anlage, die in einem der früheren Wirtschaftsräume installiert werden konnte ohne die Bausubstanz zu beeinträchtige. Traditionelle Grundöfen in den Stuben und der restaurierte Herd in der Rauchküche liefern bei Bedarf zusätzliche Wärme.

Für erforderliche Neubauteile, vor allem im Hinblick auf den Einbau von Bädern und einer Sauna sind ausschließlich die am ursprünglichen Bau vorhandenen Materialien Holz, Granit und Lehm verwendet. Auf Fliesen wurde ganz verzichtet, stattdessen die Wände mit Lehm verputzt und der Boden mit einem mit Stallmist versetzten Lehmestrich versehen. Moderne Sanitärelemente erscheinen als hinzugefügte Objekte von skulpturaler Wirkung.

Uhland-Haus in Tübingen

Neckarhalde 24, 72070 Tübingen (Kreis Tübingen)

Preisträger: Baugemeinschaft Neckarhalde 24

Jahrelang sorgten sich die Restauratorin Simone Korolnik und der Journalist Burkhard Baltzer um den Zustand des stattlichen Hauses in der Tübinger Altstadt, in dem sie zur Miete wohnten. Das Dach war undicht und eingedrungenes Wasser zog mehr und mehr die Fachwerkkonstruktion in Mitleidenschaft. Sanitäreinrichtungen und Brandschutz waren unzureichend, die Wohnungen feucht und durch unsachgemäße Renovierungen in den 1990er-Jahren in ihrem Erscheinungsbild erheblich beeinträchtigt worden. Dabei handelt es sich keineswegs um ein Gebäude wie jedes andere. In der Zeile der hohen Giebelhäuser direkt unterhalb von Schloss Hohentübingen bildet es einen besonderen Glanzpunkt der Neckarhalde, eine der schönsten Straßen der Universitätsstadt. Der eindrucksvolle, tief in den Boden eingegrabene Gewölbekeller, direkt von der Straße aus durch eine steile Treppe erschlossen, und der vom Keller bis auf das Niveau des Neckars hinabreichende Brunnenschacht stammen spätestens aus dem 16. Jahrhundert, in dem das Haus erstmals im Kataster erwähnt wird. Das steinerne erste Obergeschoss, zwei weitere Geschosse in verputztem Fachwerk und die zwei Dachgeschosse sind ein repräsentativer Neubau des Jahres 1772, der nicht nur in der spätbarocken Fassadengestaltung, sondern auch in der inneren Ausstattung mit Türen, Böden und Stuckdecken in seiner Substanz noch gut erhalten ist. Eine Tafel an der Fassade vermeldet zudem, dass hier 1787 der schwäbische Dichter und Politiker Ludwig Uhland geboren wurde, ein weiterer Grund, warum das Haus 1993 als Kulturdenkmal von besonderer Bedeutung ins Denkmalbuch eingetragen wurde. Den Niedergang des Anwesens schien dies trotzdem nicht aufzuhalten, was bis in die Lokalpresse hinein thematisiert wurde.

Die Wende kam erst mit der Entscheidung der städtischen Wohnbaugesellschaft GWG, sich von der für sie unrentablen Immobilie zu trennen. Da entschlossen sich Simone Korolnik und Burkhard Baltzer 2014, selbst als Käufer aufzutreten. Mit dem syrischen Arzt Rami Archid sowie Erika Gaier und Jürgen Heerlein fanden sie weitere Miteigentümer und potentielle Bewohner, um nun als Baugemeinschaft bürgerlichen Rechts eine professionelle Sanierung des wertvollen Hauses in Angriff zu nehmen. Zunächst beauftragten sie das Planungsbüro für Architektur und Denkmalpflege Lukaschek & Zimmermann in Bad Schussenried mit einer detaillierten Schadensaufnahme, die eine Fülle von Baumängeln bis hin zu massivem Schwammbefall zutage förderte. Die Architektin Verena Klar in Mähringen und der Architekt Pierre Archid in Tübingen leiteten danach 2014/15 die Bauarbeiten, an der zwei begutachtende Restauratoren, ein Statiker, ein Energieberater und nicht weniger als 17 Handwerksfirmen unterschiedlichster Gewerke beteiligt waren. Zudem brachten sich die Eigentümer mit viel Eigenarbeit ein, um die Kosten niedrig zu halten.

Es bei dieser Baumaßnahme gelungen, die erhaltene Originalsubstanz weitestgehend zu bewahren und ohne gravierende Eingriffe in die Struktur des Hauses heutigen Ansprüchen an nach Sicherheit, Haustechnik und Hygiene zu entsprechen sowie den Wohnwert deutlich zu steigern. Der Rückbau von abgehängten Decken, aufgedoppelten Fußböden sowie anderen unzulänglichen Modernisierungen der letzten Jahrzehnte haben die Geschichtlichkeit des Hauses auch im Inneren wieder erlebbar gemacht. Beispielhaft fand die Jury zudem, wie die vier Eigentümer trotz unterschiedlicher Herkunft und Berufe sowie begrenzte Mittel sich gemeinschaftlich auf das Projekt eingelassen haben. Unter Zurückstellung von Einzelinteressen ist es gelungen, dass das Haus weiterhin als bauliche Einheit erscheint.

Ehemaliger Bahnwasserturm in Heidelberg

Eppelheimer Straße 46, 69115 Heidelberg

Preisträger: Aag LoebnerSchäferWeber Freie Architekten BDA

Bei einem Besuch der Architekturbiennale in Venedig fiel bei Armin Schäfer, Stephan Weber und Stefan Loebner der Entschluss, nach zehn Jahren erfolgreicher Tätigkeit endlich eigene Räume für ihr Architekturbüro Aag in Heidelberg zu suchen. Schnell geriet als mögliches Domizil der ehemalige Wasserturm am Rand des früheren Bahngeländes im Westen der Stadt in den Blick. Gegenwärtig entsteht dort mit der Bahnstadt ein neues Stadtquartier. Der raue Charme, aber auch die monumentale Geste des 30 Meter hohen Turmes, hinter dessen dunkelroter Klinkerfassade eine eindrucksvolle Betonkonstruktion mit großem Wasserbehälter steckt, begeisterte die Architekten. Der Funktionsbau mit architektonischem Anspruch war in der zweiten Hälfte der 1920er-Jahre nach Plänen des Hochbaubüros der Reichsbahndirektion zur Wasserversorgung der damals noch dampfbetriebenen Lokomotiven errichtet worden. Die beiden seitlich anschließenden Flügel beherbergten ehedem Werkstätten und Sozialräume für Bahnarbeiter.

2014 konnte das Büro den seit den 1980er-Jahren leerstehenden und entsprechend heruntergekommenen Bau erwerben, der bereits 1989 als Kulturdenkmal eingestuft worden war. Da das Raumangebot die erforderliche Fläche überstieg, entwickelten die Architekten ein Konzept, das dem dominierenden Gebäude unter dem Namen Tankturm in Zukunft auch eine teilweise öffentliche Nutzung sichern und es zu einem Mittelpunkt des neuen Stadtteils machen soll. Nach den einjährigen Bauarbeiten hat nun auf zwei Etagen des Ostflügels, im ausgebauten Dach darüber sowie in den unteren Geschossen des Turms das Architekturbüro seinen Platz gefunden, während im Westflügel, in den Kellerräumen und in den Turmobergeschossen Veranstaltungsräume für geschäftliche und kulturelle Nutzungen angeboten werden. Als Mieter hat hier etwa der Heidelberger Verein für zeitgenössische Musik Klangforum seine temporären Proberäume gefunden.

Die historische Bausubstanz wurde weitestgehend erhalten und vorsichtig repariert. Dies betrifft die originalen dunkelgrau gestrichenen Holzfenster mit ihren für die 1920er-Jahre typischen querrechteckigen Teilungen ebenso wie die in den Bahnwerkstätten eigens hergestellten groben Beschläge, die alten Installationen des Wasserturms oder die Betonoberflächen der Treppe im Turm sowie vor allem das Innere des ehemaligen Wassertanks, das mit seinen Kalk- und Rostablagerungen geradezu Kunstwerkcharakter besitzt.

Für die neuen Nutzungen waren jedoch auch Eingriffe in das Gebäude notwendig. Die Büros und Veranstaltungsräume in den Flügelbauten erhielten eine isolierende Innenschale, die sich optisch geglückt als eine spätere Zutat zu erkennen gibt. Die Belichtung der ausgebauten Walmdächer erfolgt durch einen umlaufenden Lichtschlitz, der unter Erhaltung des originalen Dachstuhls durch den geschickten Wechsel der Dämmung zwischen innen und außen möglich wurde. In den Turmobergeschossen musste eine für die neue Funktion unabdingbare neue Treppe und ein Aufzug eingebaut werden. In ihrer Gestaltung sind diese Teile aus rostendem Stahl deutlich als nachträgliche Zutaten zu erkennen, ebenso wie die beiden von der Feuerwehr geforderten Turmaußenbalkone zum Anleitern im Brandfall sowie die Feuertreppe auf der Ostseite. Alle diese Maßnahmen wurden mit den Denkmalbehörden abgestimmt und erfolgten auch nach Meinung der Jury mit Augenmaß und einer dem Bau angemessenen Weise. Die nicht alltägliche Umnutzung des Kulturdenkmals hat es in seinem historischen und architektonischen Aussagewert nicht geschmälert und verdient in ihrer Beispielhaftigkeit den Denkmalschutzpreis 2016.

Tankstelle in Tettnang

Ravensburger Straße 8, 88069 Tettnang (Bodenseekreis)

Preisträger: Fritz Wahr Energie GmbH & Co KG

Die ersten Automobile wurden mit Kraftstoffen betrieben, die Apotheker, Drogisten, Kohlehändler oder Gastwirte bereithielten. Simple Pumpen standen dafür am Straßenrand vor Läden oder Gasthäusern bereit. Erst seit den 1920er-Jahren bildete sich der Typus der Tankstelle heraus, eine neue Bauaufgabe, die sich infolge der zunehmenden Motorisierung der Gesellschaft ebenso rasch weiterentwickelte. Die baulichen Zeugnisse, selbst wenn sie hie und da durchaus architektonischen Ansprüchen genügten, hatten selten längeren Bestand. Der Veränderungsdruck war angesichts technischer Vorgaben, Sicherheitsauflagen und sich wandelnden Geschäftsmodellen immer groß, und er ist es bis heute geblieben. Allenfalls bei Aufgabe der eigentlichen Nutzung besteht normalerweise eine gewisse Chance der Erhaltung.

So glaubt man fast, nicht richtig zu sehen, wenn man an der Ravensburger Straße im oberschwäbischen Tettnang tatsächlich noch eine alte Tankstelle in Betrieb entdeckt. Und dass sie alt ist, macht ein Vergleich mit einer heute üblichen Tankstation in der unmittelbaren Nachbarschaft deutlich. Die Dimensionen wirken dagegen fast puppenhaft.

Gerade einmal zwei Zapfsäulen stehen rechts und links einer Stütze, de sich nach oben erweitert und mittig eine profilierte, nach vorne abgerundete Kragplatte trägt. Sie überdacht nur eine einzige Autovorfahrt, deren geringe Durchfahrtshöhe hohe Lastwagen kaum zulässt. Wie das Dach so ist auch der darunter geschobene Kassenraum mit seinem abgerundeten Grundriss und dem charakteristischen, ebenso gerundeten Fensterband, dem weißen Anstrich über grauem Sockel und einem schmalen, über den Fenstern umlaufenden roten Streifen der Ästhetik des Neuen Bauens der späten Zwanziger Jahre verpflichtet.

Die Tankstelle ist 1950 nach einem Entwurf der Deutsch-Amerikanischen Petroleumgesellschaft, hinter der der Esso-Konzern stand, errichtet worden. Ein ähnlicher Bau wurde etwa gleichzeitig in Friedrichshafen erstellt. Bauherr in Tettnang war Karl Dangel, der die Tankstelle bis zu seinem Tod 1972 betrieb. Schon um 1958 war seitlich eine Reifenwerkstatt und ein Lagerraum angebaut worden, weitere Veränderungen, die das klare äußere Erscheinungsbild beeinträchtigten, sollten folgen. Im Inneren wurde eine Wand versetzt, um einen von hinten durch ein Fenster bedienten Imbissverkauf zu ermöglichen.

Trotz dieser Maßnahmen wurde der Bau im Jahr 2000 als Kulturdenkmal ausgewiesen, gerade noch rechtzeitig, um Abbruchanträge der veralteten Anlage 2001 und 2005 denkmalrechtlich ablehnen zu können. Es ist das Verdienst der Fritz Wahr Energie GmbH & Co. KG in Nagold, die insgesamt 21 Tankstellen der Marke MTB betreibt und seit 2005 Eigentümerin des ungewöhnlichen Objekts ist, sich mit ihrem, dem üblichen Standard gewiss nicht entsprechenden Objekt angefreundet zu haben. Heute empfindet die Firma die Tettnanger Niederlassung als unser Schmuckstück. In Abstimmung mit der Denkmalpflege wurde die Tankstelle im Frühjahr 2016 vorbildlich saniert. Das Kragdach, das überraschenderweise keine Beton-, sondern eine Holzkonstruktion ist, wurde repariert. Die verunstaltenden Um- und Anbauten wurden unter Erhalt der Originalsubstanz zurückgebaut und das ursprüngliche Erscheinungsbild mitsamt der früheren Farbigkeit nach Befund wieder hergestellt. Die Bereitschaft des Eigentümers, ein rar gewordenes Dokument der Verkehrsgeschichte des 20. Jahrhunderts in ursprünglicher Form und Funktion weiterzutradieren, verdient nach einhelliger Auffassung der Jury einen Denkmalschutzpreis 2016.

Gerhard Kabierske