Claus-Peter Hutter: Der Neckar.

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Claus-Peter Hutter: Der Neckar.

Titelblatt

Emons Verlag Köln 2015. 240 S., 240 farb. Abb., 34,95 Euro, ISBN 978-3-95451-733-6

Claus-Peter Hutter aus Marbach hat sich schon als 17-Jähriger in eine Bürgerinitiative eingeklinkt, die dem Neckar wieder mehr Luft verschaffen wollte. Bis heute hat ihn sein Fluss nicht losgelassen. Als Leiter der Umweltakademie Baden-Württemberg und als Präsident der Umweltstiftung NatureLife-International erhebt er immer wieder die Stimme und mahnt, sich auf das ursprüngliche Wildwasser zu besinnen. Er hat Renaturierungsprojekte angestoßen und will weitere anstoßen. Nun unterstreicht er sein Engagement mit dem schwergewichtigen Bildband Der Neckar.

Sei Erbtoal kriegt r halb ond halb / vom Schwaazwald und or Rauhe Alb lässt uns der Rottenburger Dichter Sebastian Blau wissen. Und schlägt in seinem Schulbuchgedicht Dr'Neckar den Fluss ganz und gar den Schwaben zu. Indirekte Bestätigung erhält er unfreiwillig durch eine der vielen irregulären Strophen, die man dem schönen Bad'ner Lied angehängt hat. Da heißt es In Karlsruh' ist der Rhein noch blau. In Mannheim wird er grau, da fließt ja auch der Neckar rein, die alte Schwabensau!

Aus der Luft (Seite 171) ist übrigens gut zu sehen, wie sich der Neckar in den Rhein verströmt. Und doch: Ein Schwabe reinen Geblüts ist er nicht. Gerade auf seinem Unterlauf, der ihn ein gutes Stück durch die Kurpfalz und an Hessen entlang führt, erlaubt sich der Neckar etwa zwischen Eberbach und Heidelberg allerlei Extravaganzen, was es den Straßenbauern zum Beispiel in der Neckarschlaufe von Hirschhorn bis heute nicht leicht macht. Wenn er schließlich beim Rhein ankommt, hat er fast ganz Baden-Württemberg durchflossen und viele Landschaften geprägt. 367 Kilometer lang vom Schwenninger Moos bis in den Mannheimer Stadtteil Jungbusch verbindet er Württemberg mit Baden und stiftet so Landesidentität.

Die Mannheimer Bloomäuler, wie sie sich selbst gern nennen, geben sich laut und "kloor", derb aber herzlich, selbstbewusst und offen. Den "schwäbischen" Neckar nehmen sie ohne Vorbehalte auf. Weshalb er gut aufgehoben ist. Und womöglich leidet er dort gar nicht unter dem Heimweh, das ihm Sebastian Blau unterstellt: Was aber tuat dear Stromer? / r lauft schnustracks ins Badisch nei / ond selt - vor lauter Jome - / vrsäuft r se em Rhei!

Im vorliegenden Bildband geht Sebastian Blau, der wohl leidenschaftlichste Neckar-Poet nebst Hölderlin, im Begleittext vor lauter Schiller und Jean Paul, vor lauter Uhland und Mörike, dessen Frühlingsgedicht an dieser Stelle exotisch wirkt, fast unter. Das ist seltsam. Könnte man doch vermuten, dass Blau und Hutter Brüder im Geiste sind, geeint durch ihre Sympathie für den Neckarstrom. Im Unterschied zu Blau, der in besagtem Gedicht quasi Strophe um Strophe geografisch korrekt den Neckar hinabrutscht, beschreibt Hutter aber die Sozialisation eines Flusses, den die Kelten "wildes Wasser" genannt haben, und der in unseren Tagen mit Beton und Stahl, mit 27 Schleusen und Wehren gezähmt, ja auch abgeschottet worden ist, in sieben Themenbereichen, deren Überschriften durch die Bank ein Faible für Alliterationen verraten ("Rapunzel, Riesling, Rebterrassen" oder "Fische, Fischer, Frachter" oder "Dichter, Denker, Dampfmaschinen") in einer impulsiven Bildfolge. So blättern wir im Kapitel "Rentierjäger, Römer, Ritter, Romantik" genüsslich die Seiten Zwingenberg, Neckarsteinach und Heidelberg auf, nur um anschließend wieder auf Horb und seine Ritterspiele zurückgeworfen zu werden. Oder wir finden die gedeckte Holzbrücke unterhalb der Neckarburg gleich in der Nachbarschaft des Rudervereins von Bad Wimpfen, nur um nachher retour zum Plochinger Hafen zu gelangen. Auch ist es nicht ganz plausibel, warum sich eine hübsche Zauneidechse im Kapitel "Wasser, Wirtschaft, Wohlstand" sonnt und nicht im Kapitel "Nachtigall, Nachtreiher und andere". Vielleicht hat da die Typografie zugunsten der Opulenz den Sieg gegen die Ordnung davongetragen. Wirklich störend ist das nicht, denn im Ganzen ist es eine gelungene Laudatio auf den Neckarfluss.

Das Lob auch für den Autor Hutter wird nicht geschmälert durch den Hinweis auf ein anderes Buch mit demselben Titel, das Jan Bürger vom Deutschen Literaturarchiv Marbach geschrieben und das 2013 bei Beck seine zweite Auflage erfahren hat. Allerdings fokussiert sich jener hauptsächlich auf das literarische Neckarland. Hutters Ansatz ist umfassender.

Zu den starken Seiten des Buchs gehören die weit ausufernden Entdeckungen an beiden Flussseiten. Die Fotos, vom Autor zusammen mit Eva Grubmiller gesucht, gefunden und sorgfältig editiert, meist in Farbe und vielfach im großen Format, zeigen eine Flusslandschaft, wie wir sie in ihrer Ganzheitlichkeit selten zu sehen bekommen: Fast wehmütig betrachtet man ein uraltes Schwarz-Weiss-Foto mit Neckarflößern bei Tübingen oder, ebenfalls schwarz-weiss, die Weinlese 1959 bei Heilbronn, oder ein Rindviehgespann vor einem Leiterwagen mit gefüllten Butten.

Claus-Peter Hutter gewährt Einblicke in die Salzkammern bei Bad Friedrichshall-Kochendorf und zeigt das monströse Hauptklärwerk von Stuttgart-Mühlhausen, dessen kreisrunde Becken aus der Luft betrachtet, eine durchaus ästhetische Aussage bekommen. Er nimmt uns 18 Meter tief mit hinab in einen Düker unter der Neckarsohle, und er beweist, dass sogar Schleusen, bei günstigem Licht fotografiert, ein gewisser Zauber innewohnt. Wie auf einem Skizzenblock wirken Steillagen, in denen die Rebstöcke den Hang hinab fast bis zum Wasser wachsen. Ob die terrassierten Mauerweinberge wirklich die steinernen Kathedralen des Weinbaus sind, oder ob man nicht doch lieber ein paar Nummern kleiner hätte formulieren können, möge der Leser selbst entscheiden.

Sachlich geht es zu, wenn der Neckar als Verkehrsweg betrachtet wird. Und seine Ufer, die streckenweise zu reinen Industrielandschaften geworden sind. Die Zeiten, in denen der Fluss meterhohe Schaumblasen schlug, weil er eingeleitete Schadstoffe nicht mehr verdauen konnte, sind vorbei. Man könne aus ihm trinken, heißt es heute. Und doch ist noch viel zu tun. Sein Korsett da, wo es geht, ein wenig aufzuschnüren, ihm freien Lauf zu lassen, wie es vor gar nicht langer Zeit bei Marbach gemacht worden ist, das werden Zukunftsaufgaben sein. Ebenso wie die Erneuerung und Modifizierung der Schleusen unter denkmalpflegerischen, aber auch wirtschaftlichen Gesichtspunkten.

Den Menschen, die am und vom Neckar leben oder gelebt haben, wird zwischendurch immer wieder Platz eingeräumt. Ob es der Tübinger Stocherkahn-Gondoliere ist, oder die Frachtkapitänin, der Bootsverleiher von Heidelberg oder der Kabarettist vom Max-Eyth-See, die Türmerin von Bad Wimpfen oder der Schlossherr von Weitenburg, der Neckartal-Ranger oder der Falkner: Sie alle kommen vor in diesem Bildband, der ein umfassendes Bild von Land und Leuten im Neckarland gestern und heute zeichnet. Die Seiten 234 bis 237 sind schließlich dem Anhang vorbehalten, in dem Geschichte und ökologische Fakten aufgelistet sind, sowie die Nebenflüsse, länger als 20 Kilometer. Dazu alle öffentlichen und privaten Institutionen im Einsatz für den Neckar, und Vorschläge für Fahrrad- und Wandertouren. Ein Ortsverzeichnis hätte auch nicht geschadet, denn die Einteilung in Themenkomplexe bringt es mit sich, dass ein- und derselbe Ort mehrmals in verschiedenen Kontexten auftaucht.

Der Neckar wiegt satte zwei Kilogramm und kommt im Format eines typischen Coffe-Table Books daher. Das ist es in erster Linie auch. Es aber lediglich dekorativ auf dem Tisch auszustellen, hieße seine subkutane Botschaft zu vernachlässigen: Weniger als zwei Prozent der Neckarlandschaft gelten heute noch als natürlich oder auch nur naturnah!

Reinhold Fülle