Heimat-Schwindel, Gastfreundschaft

. . . . . .

Heimat-Schwindel, Gastfreundschaft

[Friedemann Schmoll (Zur Sache, Schwäbische Heimat 2015, Heft 1)]

Es verstört zutiefst, wie unverhohlen sich auf den Pegida-Demonstrationen bornierte Heimat-Vorstellungen Luft verschaffen. Wir sind das Volk! 25 Jahre, nachdem mit diesem Weckruf zu demokratischer Selbstbestimmung das Ende der DDR eingeläutet wurde, hat er einen abweisenden Zungenschlag erhalten. Wir sind das Volk! Das meint auf den gespenstischen Umzügen derzeit: Ihr gehört nicht dazu. Die Heimat bleibt deutsch, reklamieren die Täfelchen der ewig Unzufriedenen; Slogans befeuern diffuse Szenarien der Islamisierung und Überfremdung. Die Botschaften sind unmissverständlich: Ausgrenzung statt Integration. Da wird garstig dumpfe Fremdenfurcht mobilisiert und schärfere Asylgesetzgebung gefordert, was eilfertig in der Politik Resonanz findet. Wenn schon im Gegenzug die Grundlagen eines christlichen Abendlandes Beschwörung erfahren, dann sei in Erinnerung gerufen, dass Werte wie Nächstenliebe nicht ganz so unmaßgeblich zu diesen zählen. Wenn die Pegida-Demonstranten jedenfalls die Texte der deutschen Weihnachtslieder, die sie da als Protest-Songs gegen vermeintliche Islamisierung anstimmten, etwas genauer studiert hätten, dann müssten sie auch die Botschaften der Barmherzigkeit und des Mitleids gehört haben. Jesus jedenfalls bat oft um Asyl, war Fremder und pries die Gastfreundschaft. Die Bibel ist durchdrungen von einem Geist der Fremdenfreundlichkeit!

Dennoch werden wider besseres Wissen Diskussionen um Migration und Einwanderung in der Atmosphäre von Misstrauen und Ablehnung geführt. Zu den Forderungen nach Verschärfung der Asylgesetzgebung fallen Unterstellungen wie jene des Asylmissbrauchs. Missbrauch, das raunt unredliches Hintergehen und illegitime Ausnutzung. Dieser Vorwurf geht gerne an die Adresse sogenannter Wirtschaftsflüchtlinge, wenn die Festung Europa gegen Notleidende verteidigt werden soll - so, als stelle die Migration aus Hunger und ökonomischer Not ein moralisch suspektes Motiv dar. Da wundert es, wie ein- und dasselbe bei den Eigenen ganz anders bewertet wird. Vieltausendfach brachen aus Schwaben im 18. und 19. Jahrhundert Menschen als Wirtschaftsflüchtlinge auf. Sie fanden in Zeiten kollektiver Hungersnöte in der Heimat kein Auskommen mehr und suchten rund um den Globus ihr Glück in einer neuen Heimat. Solches wird im kulturellen Gedächtnis als heroische Leistung und Überlebenswille gefeiert. Wenn dasselbe Fremde tun, dann scheint das etwas anderes zu sein, dann heißt das Asylmissbrauch. Solche Vokabeln aktivieren Abwehr, Angst und Ablehnung. Im Angesicht der Fremden scheinen die eigenen Erfahrungen mit Flucht und Vertreibung - ob nun während der großen Auswanderungswellen oder den Flüchtlingskatastrophen nach den Kriegen des 20. Jahrhunderts - einer bemerkenswerten Amnesie ausgesetzt.

Es ließe sich ja auch fragen: Fremder, woher kommst Du? Warum musstest Du Deine Heimat verlassen? Was brauchst Du? Solche selbstverständlichen Fragen spielen trotz der Tragödien, die Flüchtlinge hinter sich haben, keine Rolle. Bevor ihnen überhaupt in die Augen geschaut wird, steht der Verdacht der Unterwanderung und Überfremdung im Raum. Da scheint es angebracht, einmal mehr über das althergebrachte Wörtchen Gastfreundschaft nachzudenken und als eine fast allgemein-menschliche Umgangsform unter Fremden in Erinnerung zu rufen. Gastfreundschaft - ein aussterbendes Kulturgut? Weil dieses Gebot in fast allen Religionen und Kulturen beheimatet ist, ordnete es der Völkerkundler Adolf Bastian den Elementargedanken zu. Damit meinte er kulturelle Universalien, welche die ganze Menschheit unabhängig historischer Zeiten und über die Grenzen unterschiedlicher Kulturen hinweg verbinden. Ob ihrer humanisierenden Macht wurde diese denn auch von Ernst Curtius 1870 in seiner Rede "Die Gastfreundschaft" unter die Erbgüter oder Erbtugenden des Menschengeschlechts gezählt - damit meinte er die ewigen Wahrheiten, die Blüthen des sittlichen Lebens, (...) und wenn ich mich umschaue auf diesem Gebiete, so finde ich keinen Gegenstand, dessen Betrachtung uns die Macht des sittlichen Lebens in gleicher Klarheit vor Augen stellte (...) als die Tugend der Gastfreundschaft. Der Aufklärer und Gartenkünstler Christian Cay Lorenz Hirschfeld empfand sie 1777 als eine der liebenswürdigsten Tugenden, die je die menschliche Natur geziert hat, die Nationen verschwistert und Welttheile aneinander kettet (...).

Darum geht es in der Gastfreundschaft: um einen sozialen Rahmen für freundschaftliche Begegnung zwischen Fremden, um soziale Regeln für die Erzeugung von Vertrauen und Zutrauen in die Anderen. Und dies scheint in einer globalisierten Welt mit wachsender Bedeutung freiwilliger und unfreiwilliger Mobilität (Migration und Flucht) dringlicher denn je. In nomadischen Zeiten, da weder Recht noch Institutionen Schutz und Sicherheit zu gewährleisten vermochten, erzeugte Gastfreundschaft ganz einfach Sicherheit und Zutrauen. In allen großen Religionen zählt sie zu den Grundlagen der Mitmenschlichkeit und des Wohlfahrtswesens. Im Erzählgut abendländischer Kulturen kursierte die beängstigende Vorstellung, man könne Gott oder Jesus als Fremden abweisen. Gastfreundschaft ist eine Prüfung für die Menschen, denn sie könnten in der Person des Fremden ja das Göttliche selbst abweisen. Das Hauptmotiv zur Gewährung der Gastfreundschaft ist in der christlichen Vorstellungswelt darin zu sehen, dass man diese nicht nur der realen Person des Gastes gewährt, sondern dem Herrn selbst erweist. Und: Der Christ übt sie aus, weil er weiß, dass er selbst nur Gast auf Erden ist und hie keine bleibende Statt hat - dass er selbst Fremdling ist. Das bedeutet: Ich gewähre Gastfreundschaft aus dem Wissen, dass ich selbst jederzeit Fremder sein kann, und ich gewähre dem Anderen das, was ich mir selbst wünsche.