Rose Hajdu: Paul Bonatz. Bauten an Rhein und Neckar.

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Rose Hajdu: Paul Bonatz. Bauten an Rhein und Neckar.

Titelblatt

Mit Texten von Marc Hirschfell und Wolfgang Voigt. Ernst Wasmuth Verlag Tübingen/Berlin, 2014. 184 Seiten mit ca. 240 meist farbigen Abbildungen. Hardcover 35,-. ISBN 978-3-8030-0754-4.

Spätestens, seit der Teilabbruch des Stuttgarter Hauptbahnhofs voranschreitet, kennt Paul Bonatz' Namen nahezu jeder. Obwohl der größte Teil seiner Bauten im deutschen Südwesten entstand, ist zumindest all jenen, die sich mit moderner Architektur beschäftigt haben, bekannt, dass er in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu den einflussreichsten Architekten Deutschlands und darüber hinaus zählte. Sein Schaffensspektrum ist immens und reicht vom privaten Wohnhaus über öffentliche Gebäude, wie Schule, Bibliothek, Bahnhof, Rathaus und Oper, bis zum Kraftwerk, zu Schleusen- und Brückenbauten. Baukünstlerisch bewegte sich Bonatz zwischen Klassizismus, Tradition und Moderne. Seinem Lehrer Theodor Fischer folgte er bei dem Streben, die Bauten in die Landschaft einzubinden. Im Gesamten wie in vielen Einzelheiten ist nahezu allen Entwürfen und Realisierungen - über die technische und funktionale Lösung hinaus - eine große skulpturale Wirkung der Architektur gemein.

Diesen Ansätzen - große Bandbreite, wirkungsvolle Erscheinung und spannungsreiches Detail - folgt das Buch, das in allererster Linie durch die eine große Zahl neuer Fotografien von Rose Hajdu aus den Jahren 2009 bis 2012 besticht. Die Bilder führen den Betrachter zu 23 ausgewählten Beispielen in Baden und Württemberg, oder - wie es im Titel heißt - zwischen Rhein und Neckar, ergänzt durch einen Blick auf das Kunstmuseum in Basel.

Das Interessante an dem Buch ist die gelungene Mischung aus Denkmalbeschreibung, Hausgeschichte und Bildband, wobei die Fotografien eindeutig im Vordergrund stehen. Sie ermöglichen einen erlebnisreichen Besuch in einem Dutzend Privathäuser, vier Schulen, dem Stuttgarter Hauptbahnhof selbstverständlich, vier Verwaltungs- und Kulturbauten sowie zwei Beispielen für technische Architektur. Es ist das Auge der Fotografin, dem sich bisher unbekannte oder wenig beachtete Innenräume und zahlreiche Details eröffnen. In jedem der Beispiele lenkt Rose Hajdu den Blick des Lesers rasch weg von der Straßen- oder Gartenpartie eines Hauses auf Treppen, Öfen, Terrassen, Türen und Fenster, ja sogar auf Dachrinnen, Handläufe und Wandkacheln.

Zu den Überraschungen gehören einige Gebäude, die manch einen bislang womöglich unberührt ließen, weil er der Bauaufgabe weniger (bau-)künstlerische Bedeutung beimaß. Dazu gehören die Lerchenrainschule, das Mörike-Gymnasium und die Feuerbacher Turn- und Festhalle in Stuttgart sowie das Rathaus nebst Wasserturm in Kornwestheim, aber auch das während des Ersten Weltkriegs erbaute Kraftwerk der Pulverfabrik in Rottweil. Mit welcher Eigenart, welchem Eigenwert und welcher architektonischen Potenz die Bauten von ihrem Architekten ausgestattet wurden, wird vor allem am letztgenannten Beispiel deutlich, denn welcher Fabrikbau vermochte es in ähnlicher Weise, zu einer der spannendsten Event Locations des Landes zu mutieren, wie der (pardon!) Betonklotz im Rottweiler Neckartal.

Die exquisiten Aufnahmen werden ergänzt durch ausführliche, aber nicht zu ausschweifende Begleittexte sowie Bilderläuterungen aus der Feder der ausgewiesenen Bonatz-Spezialisten Marc Hirschfell und Wolfgang Voigt. Erwarten durfte man, dass die einleitende Biografie auch Bonatz' Haltung während der nationalsozialistischen Herrschaft trotz aller Knappheit offen und durchaus differenziert anspricht. Einige wenige historische Ansichten ergänzen die Beschreibungen. Das Literaturverzeichnis nennt zwar nur die wichtigsten ein- und weiterführenden Publikationen; doch auch wenn man damit nicht wirklich weiterarbeiten kann, scheint dies gerechtfertigt, ist das Buch doch weder Bonatz-Monographie oder Werkverzeichnis noch erhebt es den Anspruch, einen neuen Forschungsbeitrag zu leisten. Der einzige Anspruch, den es wirklich geltend macht (und auch zu 100 Prozent einlöst), ist es, etwas Neues zum Sehen, Erleben und Verstehen von Architektur beitragen zu können. Dazu bedarf es nicht nur kompetenter Texte, sondern vor allem bestechender Fotografien.

Bernd Langner