Elisabeth Spitzbart und Jörg Schilling: Martin Elsaesser. Kirchenbauten, Pfarr- und Gemeindehäuser.

. . . . . .

Elisabeth Spitzbart und Jörg Schilling: Martin Elsaesser. Kirchenbauten, Pfarr- und Gemeindehäuser.

Titelblatt

Mit Neuaufnahmen von Rose Hajdu. Ernst Wasmuth Verlag Tübingen/Berlin, 2014. 208 Seiten mit ca. 169 teils farbigen Abbildungen. Hardcover 48,-. ISBN 978-3-8030-0778-0.

Martin Elsaesser ist vor allem als Baumeister des deutschen Südwestens zwischen 1905 und den früher 1950er-Jahren bekannt und dort vor allem als Architekt von Kirchenbauten. Darüber hinaus gehören einige Rathäuser und Schulen zu seinem Repertoire, Privathäuser, Verwaltungen, Markthallen und einiges mehr. Zu seinen in unserer Region bekanntesten Bauten gehören die Markthalle Stuttgart, die Pfarrkirche Gaisburg und das Stuttgarter Wagenburg-Gymnasium - allesamt noch vor dem Ersten Weltkrieg entstanden -, dazu die Eberhardskirche in Tübingen 1909/10 sowie die späte Esslinger Südkirche 1925/26.

Der Kirchenbau beider Konfessionen zählte in Deutschland seit dem 19. Jahrhundert angesichts des großen Bevölkerungswachstums und aufgrund der rasch wachsenden Städte zu den wichtigsten öffentlichen Bauaufgaben. Da sich die Architektur jedoch zunächst dem In welchem Style sollen wir bauen? zuwandte, gerieten funktionale Fragen lange Zeit in den Hintergrund. Architektur und Liturgie wieder zusammenzuführen, beschäftigte schließlich Architektenschaft und Kirche in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts in besonderem Maß.

An dieser Stelle trat Martin Elsaesser auf den Plan, der es als seine wichtigste Aufgabe ansah, dem evangelischen Kirchenbau des 20. Jahrhunderts einen neuen Weg zu weisen und ihm eine eigene, der protestantischen Liturgie angemessenen Gestalt zu verleihen. In seinen Entwürfen und Ausführungen lassen sich die wesentlichen Diskussionen um Form und Funktion im Kirchenraum über mehr als zwanzig Jahre hinweg ablesen. Er gab den - einander teils widerstrebenden - Gedanken der Liturgiereformen jener Zeit Form und Ausdruck, reagierte auf Veränderungen, setzte aber auch selbst Zeichen, wenn er in seinen Kirchenbauten nicht auf jeden neuen Denkansatz einging, sondern sich auch beharrlich zeigte. Als modernen Architekten gab er sich durch die undogmatische Wahl der Materialien, den zwar freien, aber der Aufgabe entsprechenden Umgang mit Stilmitteln und die Anpassung von Räumen an die jeweiligen Anforderungen und Eigentümlichkeiten zu erkennen.

Bereits in den 1980er-Jahren hatte sich Elisabeth Spitzbart in ihrer Dissertation den Kirchenbauten Elsaessers und deren Einbindung in Kirchenbautheorie und Liturgiediskussion gewidmet. Diese Arbeit und die sich daran anschließenden monografischen Darstellungen einzelner Kirchen im Land bilden den Kern des vorliegenden Buches. Was zunächst sperrig klingt, ist eine spannend zu lesende Geschichte des manchmal auch verbissen geführten, man darf es ruhig so nennen, Kampfes um den richtigen Weg im Kirchenbau. An jeder Dorf- und Stadtkirche und an jedem Betsaal Elsaessers lässt sich dies ablesen. Die spannendsten Lösungen bietet er dabei mit einer seiner frühesten und einer der späteren Kirchen: die 1913 eingeweihte Pfarrkirche in Stuttgart-Gaisburg und die Südkirche in Esslingen von 1925/26. Ausführlich entwickelt Spitzbart den theoretischen Hintergrund und ebenso detail- und kenntnisreich führt sie den Leser durch Elsaesser Kirchen. Ihre auch für ein breiteres Publikum überaus lesbaren Ausführungen werden ergänzt durch eine Betrachtung Jörg Schillings über die Pfarr- und Gemeindehäuser sowie eine ausführliche Würdigung von Leben und Werk des Architekten.

Der Clou an diesem Buch sind aber die Abbildungen. Damit sind nicht nur die vielen bauzeitlichen Grund- und Fassadenrisse oder die historischen Aufnahmen gemeint. Vielmehr ist es der erfahrenen Architekturfotografin Rose Hajdu gelungen, die Worte und Gedanken Spitzbarts und Schillings mit zahlreichen, erst in jüngerer Zeit entstandenen Außen-, Innen- und Detailaufnahmen ins Visuelle zu übersetzen. Die Kraft und die Qualität der Baukunst Elsaessers, sein Gestaltungswille und der Anspruch seiner Bauten werden durch Hajdus Bilder eindrucksvoll unterstrichen und herausgearbeitet. Hier treffen sich Fachkenntnis und Seherlebnis und vermögen gemeinsam, das Besondere an der Architektur Martin Elsaessers ans Licht zu bringen. Das anspruchsvolle Buch vermag es, sowohl das Verlangen nach wissenschaftlicher Aufarbeitung zu befriedigen wie auch den Wunsch, Dinge angemessen im Bild erleben zu dürfen.

Die Publikation ist darum beides: zum einen ein grundlegendes Fachbuch für Architektur- und Kunsthistoriker, zum anderen ein Bilderbuch, das Lust macht, die religiöse Baukultur unseres Landes nicht nur über die Kirchenbauten des Mittelalters und der Barockzeit kennen- und verstehen zu lernen, sondern auch über jene aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Dass dies gelingen kann ist nicht nur ein Verdienst Elsaessers, sondern auch der Bild- und Textautorinnen und -autoren dieses Buches.

Bernd Langner