Die Träger des Denkmalschutzpreises 2010

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Die Träger des Denkmalschutzpreises 2010

Denkmalschutzpreis Baden-Württemberg zum 31. Mal vergeben

Auch 2010 dürfen sich fünf private Denkmaleigentümer über die Auszeichnung mit dem Denkmalschutzpreis Baden-Württemberg freuen. Mit dem Preis, der bereits zum 31. Mal vergeben wird, zeichnen der Schwäbische Heimatbund und der Landesverein Badische Heimat unter der Schirmherrschaft von Ministerpräsident Stefan Mappus besonders gelungene Beispiele für einen vorbildlichen Umgang mit historisch wertvollen Gebäuden im Land aus. Wie in den Vorjahren ist die Finanzierung der Unterstützung der Wüstenrot Stiftung zu verdanken.

Als Zeichen der Anerkennung ihres ideellen und finanziellen Engagements erhalten die Bauherren einen Preis von 5.000 Euro sowie eine Bronzeplakette zur Anbringung an ihrem Gebäude. Zudem ist die Auszeichnung mit Urkunden für die Eigentümer sowie die beteiligten Architekten und Restauratoren verbunden. Denn Jahr für Jahr zeigen die prämierten Beispiele, dass eine qualitätsvolle Denkmalsanierung ohne ein konstruktives Zusammenwirken zwischen interessierten Bauherren, erfahrenen Architekten, fähigen Handwerkern und Denkmalpflegern nicht möglich ist.
Finden Sie hier weitere Informationen über den Denkmalschutzpreis.

Die Preisverleihung fand statt am Dienstag, den 15. März 2011, in Friedrichshafen am Bodensee.

Hohe Kosten für Facharbeit, der Verlust an handwerklichen Traditionen und ein Rückzug der öffentlichen Hand aus der Bezuschussung von Maßnahmen am Kulturdenkmal haben die Denkmalpflege in den letzten Jahren nicht einfacher gemacht. Dass Denkmaleigentümer dennoch mit großem persönlichen und finanziellem Engagement sowie kreativen Ideen ihrer Verpflichtung gegenüber kommenden Generationen nachkommen, soll gewürdigt werden, sagt Dr. Gerhard Kabierske, der Vorsitzende der siebenköpfigen Jury. Das Gremium aus Vertretern von Schwäbischem Heimatbund, Landesverein Badischer Heimat, der Wüstenrot Stiftung, der Landesdenkmalpflege, des Städtetags und der Architektenkammer Baden-Württemberg hatte wieder keine leichte Aufgabe. In einem Wettbewerbsverfahren wurden 66 Bewerbungen begutachtet. Unter dreizehn in die engere Wahl gekommenen Objekten wurden nach Besichtigung vor Ort und engagierter Diskussion schließlich die Gewinner ermittelt. Die hier vorgestellten Bauten und ihre Besitzer bzw. Bauherren erhalten in diesem Jahr die landesweit wichtigste Auszeichnung für private Denkmaleigentümer. Erstmals stammen gleich drei der Bauten aus dem 20. Jahrhundert. Gerhard Kabierske sieht darin einen deutlichen Hinweis, dass auch jüngere Kulturdenkmale immer stärker zu Sanierungsfällen werden, deren Erhaltung ebenfalls lohnt.

Die Dokumentation aller preisgekrönten Objekte aus drei Jahrzehnten ist für jedermann auf den Internet-Seiten des Schwäbischen Heimatbunds abrufbar. Bilder und Texte beleuchten dort eindrücklich, welch mannigfaltigen Denkmälerbestand der deutsche Südwesten aufzuweisen hat und welch bedeutende Rolle neben Land, Kommunen und Kirchen gerade auch den Bürgern selbst bei der Bewahrung der Zeugnisse der Geschichte zukommt, die für unsere kulturelle Identität und für das Aussehen unserer gebauten Umwelt so wichtig sind.

Die Preisträger 2010

Altes Schloss in Ingelfingen

Schlossbau

Altes Schloss in Ingelfingen
Fotos: Preisträger

Alte Schlossgasse 17, 74658 Ingelfingen

Baujahr 1515/1632. Preisträger: Interessengemeinschäft Sanierung historischer Bauren, Harald Brode

Ehemalige Adelssitze in verwahrlostem Zustand sind keineswegs allein ein Problem der neuen Bundesländer. Jahrelang war das so genannte Obere oder Alte Schloss in Ingelfingen bei Künzelsau ein Sorgenkind der baden-württembergischen Denkmalpflege.

Die malerisch an einen Wehrturm der Stadtmauer angelehnte, das Ortsbild prägende Baugruppe hat eine bewegte Geschichte hinter sich. Das Hauptgebäude wurde um 1515 für die Grafen von Hohenlohe-Ingelfingen errichtet, 1632 durch einen Amtsflügel für Verwaltung und Dienerwohnungen erweitert sowie Mitte des 18. Jahrhunderts umgebaut. Zeitweise auch als Gasthaus Zum Hohenloheschen Wappen genutzt und dann wieder als herrschaftliche Wohnung, wirkte sich der Verkauf und die Nutzung als städtisches Armenhaus, landwirtschaftliches Anwesen und Mietshaus in Privatbesitz seit der Mitte des 19. Jahrhunderts alles andere als förderlich für die Bausubstanz aus. Nach dem Abbruch der unmittelbar benachbarten Zehntscheuer und der Überbauung des zugehörigen Gartens hinter dem Schloss in den 1970er Jahren schienen die Tage des ehemals repräsentativen Anwesens gezählt. Lange wollte sich kein Käufer für das marode und unansehnlich gewordene Gemäuer finden, das - wie sogar ein Denkmalpfleger einräumte - jeder vernünftigen Nutzung widerstrebe.

Schlossbau Rückseite

Rückansicht

Es war ein Glücksfall für dieses Kulturdenkmal von besonderer Bedeutung, dass sich Harald Brode, Petra Jaumann, Tomas Bauckhage und Martin Pfahls mit ihrer bereits an Erfahrungen reichen Interessensgemeinschaft Sanierung historischer Bauten den außergewöhnlichen Herausforderungen dieses Objekts stellen wollten. 2001 kauften sie das Schloss, und später gelang es ihnen sogar, den eigentlich schon zum Abbruch bestimmten ehemaligen Amtsflügel hinzu zu erwerben. Die Gruppe ließ sich Zeit, um die Baulichkeiten genau zu untersuchen, die Schäden festzustellen und erst einmal die Sanierungskonzeption wachsen zu lassen. Bis zum Abschluss der Bauarbeiten sollten deshalb nicht weniger als acht Jahre vergehen, wobei rund 20.000 Stunden an Eigenleistung der Beteiligten einflossen, die sich den vorsichtigen Rückbau aller verunstaltenden Ein- und Anbauten sowie die handwerksgerechte Reparatur auf die Fahnen geschrieben hatten.

Als besonders vorbildlich sah es die Jury an, wie die Nutzung mit zehn Mieteinheiten unterschiedlichsten Zuschnitts für Wohnen und ein Künstleratelier in den Bau integriert wurden, ohne dabei die historischen Strukturen eines ländlichen Schlosses des 16. bis 18. Jahrhunderts zu zerstören. Die üblichen negativen Folgen einer intensiven, von spekulativen Absichten getragenen Denkmalnutzung sucht man hier vergebens. Dies war nur möglich durch den bewussten Verzicht auf überzogene Ausbaustandards, gerade was den Einbau von Sanitärräumen angeht. Erfreulicherweise reduzierten auch die Baurechtsbehörden ihre Auflagen auf ein Minimum, so dass eine unkonventionelle Lösung realisiert werden konnte.

Harald Brode und seine Mitstreiter dürfen über die Preisverleihung stolz sein, werden sie doch seit 2002 bereits zum dritten Mal mit dem Denkmalschutzpreis Baden-Württemberg für besondere Leistungen bei der Sanierung von Kulturdenkmalen ausgezeichnet. Mit dem Spital in Neuenstein (2002), dem "Schlössle" in Untermünkheim (2006) und nun mit dem Oberen Schloss in Ingelfingen haben sie sich neben der Sanierung weiterer Objekte um die Erhaltung der Denkmallandschaft in Hohenlohe sehr verdient gemacht.


Ehemalige Tabakscheune in Bretten-Neibsheim

großes Holzhaus

Tabakscheune in Neibsheim
Fotos: Preisträger

Heidelsheimer Straße 28, 75015 Bretten-Neibsheim

Baujahr 1940/41. Preisträger: Carola und Florian Blümig

Sie existierten eigentlich nur ein paar Jahrzehnte, in denen sie aber auf besondere Weise die Landschaft am Oberrhein und den angrenzenden Regionen prägten. Gemeint sind die Tabakscheunen, jene langen, schmalen und hohen Holzkonstruktionen mit Satteldach, in denen hinter einer hölzernen Lamellenfassade die Tabakblätter, aufgefädelt auf Bandeliere, getrocknet wurden. Ihre Existenz verdanken diese prägnanten, vom Wetter gezeichneten, außerhalb der Dörfer gelegen Bauten dem verstärkten Tabakanbau in unserem Land, der vor allem nach 1933 Importe aus dem Ausland vermeiden sollte. Die Verbreitung von Tabakkrankheiten und vor allem der globale Handel ließen diese besondere Sparte der heimischen Landwirtschaft nach 1950 schrumpfen und die Scheunen bald überflüssig werden. Schnell verschwanden sie wieder aus dem Landschaftsbild, da es kaum eine andere Nutzungsmöglichkeit für sie zu geben schien.

Auch die Neibsheimer Scheune, 1940/41 mitten im Zweiten Weltkrieg nach einem Musterentwurf vom örtlichen Tabakbauverein als Genossenschaftstrockenschopf errichtet, blieb nur durch Zufall erhalten, nachdem der Tabakanbau im Dorf 1967 eingestellt worden war. Eine Geflügelhaltung erwies sich als nicht erfolgreich. Einen Abbruch des zunehmend schadhaften Baues verhinderte einzig die ungeklärte Eigentumsfrage mit jahrelangen Rechtsstreitigkeiten. Obwohl man bereits Mitte der achtziger Jahre eine mögliche Denkmaleigenschaft diskutierte und 1997 tatsächlich die Aufnahme in die Denkmalliste erfolgte, betrieb die Stadt Bretten, wohin Neibsheim eingemeindet worden war, zielstrebig den Abbruch des inzwischen an Dach und Fassaden baufällig gewordenen Gebäudes. 2004 schließlich - die Denkmalbehörden hatten sich wegen Unzumutbarkeit bereits von diesem Objekt verabschieden müssen und die Abbrucharbeiten waren bereits ausgeschrieben - entdeckte der junge Architekt Florian Blümig auf einer Radtour den Bau. Für ihn war es Liebe auf den ersten Blick. Mit einem selbstgebauten Modell gelang es ihm, gegen anfänglichen Widerstand in vielen Gesprächen mit den Verantwortlichen in Behörden und politischen Gremien seine ungewöhnlichen Ideen für eine bislang nicht für möglich erachtete Sanierung und Umnutzung zum Wohnhaus verständlich zu machen. 2005 konnten Blümig und seine Frau Grundstück und Bau erwerben, zwei Jahre später schließlich zogen sie nach einer Phase vielfältiger Arbeit ein.

Lichteffekte bei Nacht

Ansicht bei Nacht

Heute ist die Neibsheimer Tabakscheune ein rundum geglücktes Beispiel für den kreativen Umgang mit einem nicht alltäglichen Objekt der reichen Denkmallandschaft in Baden-Württemberg. Das Konzept eines Hauses im Haus lässt das konstruktive Gerüst und die für den Bautyp charakteristische offene Bauweise weitgehend in Erscheinung treten. Die durch langjährige Vernachlässigung der Bauunterhaltung verloren gegangenen Teile des Daches und der Fassade wurden denkmalgerecht erneuert, so dass die besonderen Baumaterialien des Gebäudes ohne Abstriche erhalten blieben. Alle zusätzlichen Elemente, angefangen von den notwendigen statischen Verstärkungen der Holzkonstruktion mittels Stahlprofilen über die angehängten Balkone bis hin zu den orangenen Holzwolleplatten des Innenkerns, die diesen unter anderem auf neueste Energiestandards bringen, überzeugen durch ihren Respekt gegenüber der historischen Bausubstanz und ihre hohe architektonische Qualität. Die Jury hofft, dass dieses Beispiel Planer und Eigentümer ermutigt, auch bei anderen Umnutzungen mit Phantasie nach schöpferischen Lösungen zu suchen.


Fabrikgebäude der Firma Hohner in Trossingen

Fabrikgebäude

Hohner-Gebäude in Trossingen
Fotos: Preisträger, Kabierske

Hohnerstraße 14, 78647 Trossingen

Baujahr 1921. Preisträger: Wössner & Lechner GmbH, 79100 Freiburg

Die Firma Hohner und die Kleinstadt Trossingen am Rand der Schwäbischen Alb bilden seit mehr als 150 Jahren eine enge Symbiose. Die Musikinstrumente, die dort erdacht, hergestellt und in die ganze Welt exportiert werden, haben den Namen der Stadt weithin bekannt gemacht. Baulich hat sich die rasante Firmenentwicklung des 19. und frühen 20. Jahrhunderts in einem ganzen Hohner-Quartier niedergeschlagen, das sich nach und nach nahe dem Zentrum von Trossingen bildete und vom Aufstieg eines Weltunternehmens in der Provinz zeugt. Dass Hohner Anfang der 1980er Jahren in neue Produktionsstätten umzog, stellte die Stadt vor nicht geringe Probleme, musste doch für eine Reihe von ehemaligen Fabrikbauten, die als Kulturdenkmale eingestuft worden waren, neue Nutzungen gefunden werden. Während sich dies für einige kleinere Gebäude ohne größere Probleme bewerkstelligen ließ, entwickelte sich der Hauptbau der früheren Fabrikation von Mundharmonikas und Akkordeons zu einem Problemfall.

Der L-förmige Bau V mit immerhin 6.000 Quadratmetern Nutzfläche war 1921 in einer ausgesprochenen Expansionsphase der Firma durch Philipp Jakob Manz aus Stuttgart, dem damals führenden südwestdeutschen Architekten für Industriebau, errichtet worden. Charakteristisch für das Büro Manz, das sogar international tätig war, sind auch hier die damals innovative Betonskelettbauweise, die monumentale Gliederung der Fassadenpfeiler und die bewegte Dachlandschaft. Nach langer Vernachlässigung, über 15 Jahren Leerstand und großen Schäden durch ein Unwetter glich der Bau im Jahr 2005 mehr einer Ruine als einem erhaltungsfähigen Gebäude. Nur die Hartnäckigkeit der Denkmalpflege verhinderte den Abbruch. Nahezu zwanzig Konzepte unterschiedlicher Kaufinteressenten scheiterten, nicht zuletzt an der Frage der Erhaltung der für das Erscheinungsbild wichtigen, im Original erhaltenen 400 Fenster. Sie sind heute äußerst selten zu findende Beispiele für doppelscheibige Panzerfenster, eine Vorform der heutigen Isolierverglasung.

Dank des Engagements der Investoren Wulf Wössner und Volker Lechler in Freiburg, die mit dem Architekturbüro Leo Braun in Konstanz ein denkmalverträgliches Konzept der Umnutzung und substanzorientierten Erneuerung entwickelten, konnte der nicht nur für Trossingen wichtige Bau doch noch gerettet werden. Eine gemischte Nutzung aus Stadtbücherei und Räumen für die städtische Musikschule, Gastronomie mit angeschlossenem Hotel, Arztpraxen und Büros sowie Eigentums- und Mietwohnungen ermöglicht eine wirtschaftlich tragbare Lösung, die zugleich denkmalpflegerischen Intentionen nicht zuwiderläuft, worauf der Bauherr größten Wert legte.

farbige Gebäudedetails

Jugendstilelemente blieben erhalten

Der ursprüngliche Eindruck von Großzügigkeit ging bei der Aufteilung der Flächen für die neuen Nutzungen nicht verloren. Besonders positiv bewertete die Jury, dass das Gebäudevolumen nicht um jeden Preis vermarktet wurde. So blieben große Dachräume bewusst unausgebaut. Die dort untergebrachten Abstellkammern für die Mieter des Komplexes steigern ihrerseits den Gebrauchswert der Einheiten. Achtzig der wertvollen originalen Fenster konnten aufwändig restauriert und wieder eingebaut werden. Die neu angefertigten Ersatzfenster nehmen in ihrer Sprossendimensionierung Rücksicht auf das ursprüngliche Erscheinungsbild. Restauratorische Untersuchungen lieferten Erkenntnisse für die Wiederherstellung der historischen Oberflächen, Farbfassungen der Fassaden sowie der nahezu unverändert erhaltenen Treppenhäuser. Funktional notwendige Eingriffe wie der Einbau von Aufzügen und vor allem die Balkone an den Wohnungen ordnen sich angenehm zurückhaltend dem Gesamtbild unter.


Franz-Seppe-Hof in Sankt Blasien-Menzenschwand

Bauernhaus

Franz-Seppe-Hof in Menzenschwand
Fotos: Preisträger

Hinterdorfstraße 53, 79837 Sankt Blasien-Menzenschwand

Baujahr 1749. Preisträger: Dr. Brigitte und Hans-Dieter Salzmann

Wie ein Motiv aus einem Fotokalender präsentiert sich dieser Schwarzwälder Eindachhof in Menzenschwand-Hinterdorf. Schon von weitem ist er Blickfang in der lockeren Bebauung des Talgrundes. 1748 als Bohlenständerbau errichtet, fällt der Hof durch seine schiere Größe und sein schmuckes Aussehen auf. Dabei ist das Erscheinungsbild keineswegs ursprünglich, sondern das Ergebnis von Veränderungen des späteren 19. Jahrhunderts, als die zahlreichen Einzelfenster mit Klappläden eingebaut, die Balkonbrüstungen aus gesägten Brettern hinzukamen sowie die heute nur noch auf der Eingangsseite sichtbaren, ungemein massiven hölzernen Bohlenwände mit Schindeln verkleidet wurden.

Obwohl nicht grundsätzlich in seiner Substanz gefährdet - das ursprüngliche Schindeldach war schon früher einer Eindeckung mit Faserzementplatten gewichen - bereitete vor einigen Jahren ein anstehender Eigentümerwechsel doch Schwierigkeiten, da der Hof seines ursprünglichen Grundbesitzes beraubt worden war und sich die großen Flächen des Hauses ohne denkmalpflegerisch problematische Eingriffe kaum wirtschaftlich nutzen ließen. Zudem wirkte das Innere wegen trivialer Einbauten wenig einladend.

2006 entschlossen sich Brigitte und Hans-Dieter Salzmann aus Köln, seit Jahren regelmäßig Urlauber in Menzenschwand, den Hof zu erwerben und künftig als Zweitwohnsitz zu nutzen. Der Verzicht auf eine Ertrag bringende Verwertung eröffnete dem Anwesen eine positive Zukunftsperspektive. Mit Stefan Blum engagierten die Bauherren einen auch als Bauforscher tätigen Architekten, der im Umgang mit historischen Schwarzwälder Holzbauten bestens vertraut ist. Am Anfang der Sanierung standen die gründliche Bauuntersuchung und eine planerische Aufnahme, welche die hohe Qualität der noch vorhandenen Innenausstattung erst deutlich werden ließ, aber auch manchen Schaden zu Tage förderte. Im anregenden Austausch zwischen den bereits sanierungserfahrenen Eigentümern, dem Architekten und der zuständigen Vertreterin der Fachbehörde entstand ein Sanierungskonzept, das einen hohen konservatorischen Anspruch an den Substanzerhalt und die Bewahrung des Charakters des Hofes, aber auch die Forderung nach modernem Wohnkomfort und neuesten energetischen Standards stellte.

Bauernhaus mit Garten

Giebelseite

Bei den 2009 abgeschlossenen Baumaßnahmen wurden unpassende Veränderungen rückgebaut, konstruktive Schäden repariert, beschädigte Bauteile wie Sprossenfenster, Fußböden, Holzvertäfelungen oder die historischen Kachelöfen handwerklich aufgearbeitet. Ebenso ideenreich wie sorgfältig war man bei den nirgends ins Auge fallenden energetischen Maßnahmen: Die teilweise vorhandenen Vorfenster wurden ergänzt, Sparren aufgedoppelt und ihr Zwischenraum mit Pflanzenfasermatten und Zellulosefasern gedämmt, die Innenwände mit Lehm verputzt. Eine moderne Erdwärmepumpe beheizt heute das Haus, umlaufende Heizkörper sind dezent in einem eigens entworfenen Lamperiesockel versteckt. Die erzielten Verbrauchswerte entsprechen denen eines Neubaus.

Das Herz des Wohnteils ist die wieder über beide Stockwerke reichende Rauchküche geworden. Sie allein hat eine Grundfläche von rund 60 Quadratmetern. Erst bei der Bauuntersuchung war man auf diesen ursprünglich hallenartigen Raum mit seinen rußigen Oberflächen aufmerksam geworden. Er wurde durch Entfernung der späteren Unterteilungen wieder hergestellt, man nutzte ihn aber auch für neue, sich deutlich vom historischen Bestand unterscheidenden Einbauten wie eine auch im Winter heizbare Küche sowie die modernen Sanitärbereiche.


Landhaus Wagner in Friedrichshafen-Spaltenstein

moderne Villa

Villa Wagner am Bodensee
Fotos: Preisträger, Kabierske

Kluftener Straße 85, 88048 Friedrichshafen-Spaltenstein

Baujahr 1966. Preisträger: Firma J. Wagner GmbH

Ein in jeder Hinsicht ungewöhnliches Haus aus der Mitte der 1960er Jahre zu erwerben, es nach genauer Bestandsaufnahme mit gleicher Akribie wie ein jahrhundertealtes Bauwerk sorgfältig zu restaurieren und einfühlsam für eine neue Nutzung angemessen umzubauen - darin sahen die Juroren eine besonders preiswürdige Leistung, nicht zuletzt vor dem Hintergrund der aktuellen Diskussion über den Umgang mit der Architektur der Nachkriegszeit. Diese hat es gegenwärtig nicht leicht, was die Bewahrung des Originalzustands angeht. Dabei werden meist wirtschaftliche Gründe und der Hinweis auf energetische Probleme ins Feld geführt, oftmals steht dahinter aber schlichtweg die generationsbedingt geringe Wertschätzung der Leistungen einer noch nahen Vergangenheit. Auch im Fall der Villa Wagner bei Friedrichshafen schien die Zerstörung zunächst unabwendbar.

Die Stuttgarter Architektin Veronika Kergaßner und ihr Mann waren es, die 2001 die Denkmalbehörden auf das leer stehende Anwesen luxuriösen Zuschnitts aufmerksam machten. Wie ein eben gelandetes UFO steht dort in Einzellage auf einem parkartigen Grundstück mit Fernblick zum See und den Alpen ein Haus, in dem modernistische Architekturvorstellungen der 1960er Jahre in besonders dichter Weise umgesetzt sind. Man glaubt sich in die Kulisse eines frühen James-Bond-Filmes versetzt: Abgeschottet gegen die Straße, öffnet sich zur Landschaft hin ein flacher, bungalowartiger Baukörper mit vorgelagerter Terrasse über einem sockelartigen Erdgeschoss. Aus Trapezen zusammengesetzte Grundrissstrukturen - es finden sich somit kaum rechteckige Raumzuschnitte - schaffen vor allem im Repräsentationsbereich eine fließende Wohnlandschaft von organischer Dynamik, in der eine Fülle kontrastierender Materialien von Naturstein bis zum Aluminium eine mehr als unübliche Atmosphäre verbreiten. Allgegenwärtig ist die geradezu futuristisch anmutende Haustechnik mit elektrischen Fensterhebern, Automatiktüren, Fernsehmonitoren und einer eigenen Notstromversorgung.

Recherchen ergaben, dass es sich um das Haus des Markdorfer Industriellen Josef Wagner handelte, das dieser 1964-66 unter starker eigener Planungsbeteiligung von den örtlichen Architekten Schliessmann und Stihler hatte errichten lassen, die sonst nie mit solch spektakulärer Architektur in Erscheinung traten. Die nachfolgende Einstufung als Kulturdenkmal hatte ein juristisches Nachspiel, da der damalige Eigentümer seinen bereits von der Stadt genehmigten Plan zur Aufstockung und Aufteilung in mehrere Wohnungen nicht mehr realisieren konnte. Das Gericht bestätigte indes die Denkmaleigenschaft und die Rücknahme der Umbaugenehmigung.

Garten mit Schwimmbecken

Die Gartenansicht mit dem Schwimmbecken

Gerettet war das Haus damit noch nicht, ließ es sich doch nicht im üblichen Sinne vermarkten. Erst Veranstaltungen zum 100. Geburtstag des Bauherrn, die im Haus stattfanden, brachten die Wende. Die Verantwortlichen der auch heute noch weltweit tätigen Firma J. Wagner GmbH erkannten, dass sich der innovative Geist, die Technikbegeisterung und der Qualitätsanspruch des Firmengründers in hohem Maße in seinem ehemaligen Privathaus wiederfinden. 2007 kaufte die Firma das Anwesen zurück und beauftragte die Architekten Christa Kelbing und Frank Hilbert mit einer Sanierung, die so viel wie möglich von der Originalsubstanz und dem besonderen Charme des Anwesens erhalten sollte. Heute ist das Haus Sitz der Josef-Wagner-Stiftung, in dem Konferenzen und Firmenpräsentationen stattfinden. Im Sockelgeschoss wurden anstelle der Hausmeister- und Chauffeurwohnungen drei Wohnappartements für neue leitende Mitarbeiter eingerichtet, alles unter größtmöglicher Berücksichtigung des ursprünglichen Zustandes.