Graben für Germanien. Archäologie unterm Hakenkreuz.

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Graben für Germanien. Archäologie unterm Hakenkreuz.

Titelblatt

Herausgegeben von Focke-Museum unter Mitarbeit von Sandra Geringer, Frauke von der Haar, Uta Halle, Dirk Mahsarski und Karin Walter. Konrad Theiss Verlag Stuttgart 2013. 192 Seiten mit 150 Abbildungen. Gebunden 29,95 Euro. ISBN 978-3-8062-2673-7

Der Mythos des 19. Jahrhunderts von den großen, tapferen, blauäugigen und blonden Germanen und einem großgermanischen Reich als Ursprung der gesamten abendländischen Kultur, der sich ausdrucksstark im Niederwalddenkmal bei Rüdesheim oder im Hermannsdenkmal auf der Grotenburg in Detmold zeigt, wurde bei den Nationalsozialisten zu einem Eckpfeiler ihres arischen Rassenwahns. Nachhaltig unterstützten sie deshalb jegliche Bemühungen zur Absicherung der Germanenidee, insbesondere in der Bodenforschung, von der man sich «einen tiefen Einblick in die Entstehung unseres Volkes aus glaubensnahen und artverwandten rassischen Elementen unter vorbildlicher Führung der nordischen Herrenschicht» versprach («ABC der Volkstumskunde» 1936). Wie sich dies im Bereich der Archäologie, sei es als wissenschaftliches Fach an den Universitäten, als Sektion der Denkmalpflege oder als Baustein musealer Einrichtungen, auswirkte, wird im vorliegenden Buch unter den verschiedensten Perspektiven untersucht und analysiert. Es erschien als Begleitband zu einer gleichnamigen Sonderausstellung des Focke-Museums, dem Bremer Landesmuseum für Kunst und Kunstgeschichte, die vom 10. März bis zum 8. September 2013 gezeigt wird. Das zentrale Anliegen von Ausstellung und Buch ist die Frage, «wie der Mythos Germanien entstanden ist, sich über Jahrhunderte entwickelt hat und mit Hilfe der Archäologie im Nationalsozialismus ausgrenzend und übergreifend wirkte».

Deutlich wird, wie sehr sich die Vorgeschichtsforschung von den «braunen Machthabern» instrumentalisieren und missbrauchen ließ und dass zu diesem Geflecht von Archäologie und NS-Ideologie auch württembergische Einrichtungen, Personen und Projekte gehörten. Beispielsweise Hans Reinerth (1900–1990), Privatdozent am Urgeschichtlichen Forschungsinstitut der Universitär Tübingen, der von Alfred Rosenberg, «Hitlers Chefideologe», in den «Kampfbund für Deutsche Kultur» berufen wurde und dort die «Fachschaft Vorgeschichte» aufbaute und leitete, in der Ende 1933 bereits 70 deutsche Archäologen organisiert waren. Einen Namen machte sich Reinerth auch durch seine Grabungen im Federseegebiet.

Für das «SS-Ahnenerbe», einer mit dem «Amt Rosenberg» konkurrierenden, Himmler unterstehenden zweiten Parteiorganisation, engagierten sich der Geologe und Archäologe Gustav Riek (1900–1976) sowie der Tübinger Anatomieprofessor Robert Wetzel (1898–1962). Beide taten sich mit Forschungen der Höhlen im Lonetal auf der Schwäbischen Alb hervor. Auch die von Riek durchgeführte Ausgrabung des Hohmichele bei der Heuneburg, einer der größten hallstattzeitlichen Grabhügel Mitteleuropas, stand unter der Flagge der SS: «Die Hand der SS muss sofort drauf», schrieb Riek, im Dezember 1936.

Interessant ist auch das Schlusskapitel des Buches, das sich mit dem Fortleben der Germanienidee beschäftigt. Gezeigt wird darin, wie sich die Karrieren bekannter Archäologen nach 1945 weiter entwickelten, wie man «NS-Handlungsabläufe verschob bis man sich quasi als Widerständler definieren konnte», wie man Sündenböcke suchte und fand oder wie man bei Publikationen zum Hohmichele einfach die SS-Fahne wegretuschierte. Gut belegen die Autoren dieses Kapitels zudem, wie sich die in der NS-Zeit verfestigten Germanenbilder heute noch in der Alltagskultur halten und werbewirksam eingesetzt werden sowie welche Rolle der Mythos Germanien bei rechtsextremen Gruppierungen heute spielt.

Wilfried Setzler