Projekt Kleindenkmale: 3.000 Zeugen der Lokalgeschichte vor dem Vergessen bewahrt

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Projekt Kleindenkmale: 3.000 Zeugen der Lokalgeschichte vor dem Vergessen bewahrt

Projektabschluss im Landkreis Ludwigsburg

(Stand: Januar 2005)

Der Ort: Ein kleiner, eigentlich recht unscheinbarer Brunnen an der Auffahrt zum Hohenasperg mit seiner bekannten Festung. Daneben eine neue Bank auf der sich Kisten mit Aktenordnern türmen. Der Anlass: Nach rund drei Jahren Koordination, intensiver Suche und akribischer Beschreibung sind die meisten Kleindenkmale im Landkreis Ludwigsburg vor dem Vergessen bewahrt. Damit ist die Gegend um Ludwigsburg nach dem Landkreis Sigmaringen und dem Alb-Donau-Kreis der dritte Landkreis, in dem Ergebnisse des landesweiten Pilotprojektes vorgezeigt werden können.

50 Aktenordner füllt die Dokumentation, 1755 Grenzsteine und 1163 Kleindenkmale der verschiedensten Kategorien sind erfasst, ausführlich beschrieben, fotografiert, teilweise auch von Hand abgezeichnet und mit genauem Standort angegeben.

Das vom Schwäbischen Albverein, dem Schwarzwaldverein, dem Schwäbischen Heimatbund und dem Landesamt für Denkmalpflege gemeinsam getragene und finanzierte Projekt stieß bei den Kleindenkmalliebhabern und heimatkundlich Interessierten rund um Ludwigsburg auf große Resonanz. Rund 100 Personen meldeten sich auf den Aufruf zur Mitarbeit, gut 80 haben sich letztlich beteiligt und in ihrer Gemeinde die Zeitzeugen am Wegesrand dokumentiert. Nur wenige Gemarkungen im Landkreis blieben mangels Helfer unbearbeitet, die Erfassung der dortigen Kleindenkmale soll eventuell später nachgeholt werden. Für eine Weinbaugegend wenig verwunderlich ist die mit 181 hohe Zahl von Unterständen, in denen früher Wengertschützen und Besitzer Schutz vor dem Wetter suchten. Relativ klein ist dagegen die Zahl der religiösen Kleindenkmale. Nur 21 Feldkreuze und andere Glaubenszeichen finden sich im vorwiegend evangelisch geprägten Landkreis. Zum Vergleich: Im Landkreis Sigmaringen gibt es rund 1.500 religiöse Kleindenkmale.

Stapelweise gingen handschriftliche Notizen, penibel ausgefüllte Erfassungsbögen und digitale Datensammlungen auf CD-ROM bei Landkreiskoordinator Reinhard Wolf ein, der die Datenflut in aufwändiger Arbeit ordnete und diese vorläufig in eine 131 Seiten umfassende Liste einordnete. Die Erfassung der Ergebnisse in der Datenbank des Landesamt für Denkmalpflege stockt dagegen, weil der Aufwand für die Dateneingabe für die kleinen Denkmale sehr hoch ist. Im Moment wird dafür nach einer neuen Lösung gesucht, damit die Daten von der Verwaltung und Denkmalschützern genutzt werden können.

Den vielen ehrenamtlichen Erfassern galt der erste Dank von Landrat Dr. Rainer Haas, der das Projekt von Anfang an begleitet und unterstützt hat. So stellte der Landkreis 3.500 Euro zur Verfügung mit denen die Auslagen der Erfasser für Filmmaterial und Fotoentwicklung bezahlt wurden. Dr. Haas dankte auch den Trägern und ganz persönlich Reinhard Wolf für die Initiative und die Finanzierung des Projekts. Er regte an, einen Teil der Kleindenkmale in einer Broschüre zu veröffentlichen und die Daten den Gemeinden zur Verfügung zu stellen - Details dazu sollen noch besprochen werden.

Auch Prof. Dr. Dieter Planck, Präsident des Landesamtes für Denkmalpflege, bewertete die Arbeit der ehren- und hauptamtlichen Kleindenkmalschützer, die schon fast einer Volksbewegung gleichkomme, als positiv. Kleindenkmale seien durch mangelhafte Wahrnehmung in der Öffentlichkeit akut gefährdet, trotz ihrer Bedeutung für die lokale und regionale Kultur- und Landesgeschichte. Aus der Liste der erfassten Kleindenkmale im Landkreis Ludwigsburg will das Landesamt für Denkmalpflege nun Objekte mit kulturhistorischer Bedeutung herausfiltern, um sie in die Denkmalliste aufzunehmen.

Dieter Dziellak, damaliger Geschäftsführer des Schwäbischen Heimatbunds, wies noch einmal auf die besondere Konstruktion des Pilotprojektes hin. Die drei Vereine tragen 40 Prozent der Personalkosten der Projektkoordinatorin Martina Blaschka, werben unter ihren Mitgliedern und Freunden für die ehrenamtliche Mitarbeit und koordinieren die Erfassung der Kleindenkmale. 60 Prozent der Personalkosten plus die Sachmittel der Koordinationsstelle trägt das Landesamt für Denkmalpflege. Eine Partnerschaft, die trotz schwieriger finanzieller Verhältnisse auf allen Seiten nach Ende der vierjährigen Projektphase voraussichtlich fortgesetzt wird. Die Schwäbische Heimat wird in einer der nächsten Ausgaben ausführlich berichten.

Tiefe Einblicke in die Lokalgeschichte erlaubt manches unscheinbare Kleindenkmal, wie uns stellvertretend das Schicksal des genannten Brunnens am Fuß des Hohenaspergs zeigt.

In sehr schlechtem Zustand und schon lange ohne Wasser diente er Reinhard Wolf in seinen Vorträgen als Beispiel für ein vergessenes und vernachlässigtes Kleindenkmal. Ein Makel, der den Asperger Bürgermeister Ulrich Storer nicht ruhen ließ, vor allem weil ihn seine Mutter aus dem fernen Göppingen auf den Missstand in seiner Gemeinde aufmerksam gemacht hatte. Also wurde der Brunnen repariert und an die Trinkwasserversorgung angeschlossen um im Sommer Besucher und Einheimische zu erquicken. Seit kurzem sind auch die Hintergründe seiner Errichtung bekannt. Die Aspergerin Gertrud Bolay, selbst eine rührige Dokumentarin von Kleindenkmalen und der Asperger Ortsgeschichte tief verbunden, hat sie in den Archiven entdeckt: Bis in die 1930er Jahre wurde am Hohenasperg Gips abgebaut. Die benötigte Wassermenge Weiterbehandlung des Gipses teilten sich die Gipswerke mit den Wengertern am Hohenasperg. Mit der Ausweitung der Produktion stieg auch der Wasserbedarf der Gipsindustrie und die Wengerter konnten ihre Weidenruten zum Anbinden der Reben nicht mehr wässern und damit geschmeidig machen. Ihr Protest führte schließlich 1921 dazu, dass am Weg zur Strafanstalt ein Brunnen errichtet wurde, dessen Wasser das damals übliche und heute fast vergessene Befestigen der Weinreben mit Weidenruten ermöglichte.

Volker Lehmkuhl