Die Preisträger des Denkmalschutzpreises 2014

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Die Preisträger des Denkmalschutzpreises 2014

Denkmalschutzpreis Baden-Württemberg zum 33. Mal vergeben. Anerkennung für vorbildliche Sanierungen durch private Eigentümer

Stuttgart. Bereits zum 33. Mal wurde in diesem Jahr der Denkmalschutzpreis Baden-Württemberg vergeben. Der Schwäbische Heimatbund und der Landesverein Badische Heimat zeichnen damit fünf besonders vorbildliche Beispiele von Sanierungen historisch bedeutender Bauten in Privateigentum aus. Wie seit 2006 ist die Finanzierung des Preises der Wüstenrot Stiftung zu verdanken.

Die vielfältige Denkmallandschaft Baden-Württembergs ist ein unverzichtbarer Teil unseres kulturellen Erbes. Sie für künftige Generationen weiterzutradieren ist eine Aufgabe, die ohne das Engagement der vielen privaten Eigentümer von historisch wertvoller Bausubstanz nicht möglich wäre. Gerade in Zeiten, in denen Land und Kommunen aus Einsparungsgründen Stellen in der Denkmalpflege und Zuschüsse für Sanierungsmaßnahmen reduziert haben, müssen Zeichen gesetzt werden, dass die Eigeninitiative von Denkmaleigentümern gesellschaftliche Anerkennung findet, so Dr. Gerhard Kabierske, der Vorsitzende der Jury für den Denkmalschutzpreis. Sie setzt sich zusammen aus Vertreterinnen und Vertretern der beiden auslobenden Vereine, der Wüstenrot Stiftung, der Landesdenkmalpflege, des Städtetags Baden-Württemberg und der Architektenkammer Baden-Württemberg.

Als Zeichen der Anerkennung erhalten die Bauherren eine Prämie von 5000 Euro sowie eine Bronzeplakette zur Anbringung an ihrem Gebäude. Zudem ist die Auszeichnung mit Urkunden für die Eigentümer sowie die beteiligten Architekten und Restauratoren verbunden.
Finden Sie hier weitere Informationen über den Denkmalschutzpreis.

Die Preisträger des Denkmalschutzpreises Baden-Württemberg 2014

Fachwerkhaus in Külsheim

Bergstraße 3, 97900 Külsheim (Main-Tauber-Kreis)

Preisträger: Harald Brode, Wertheim

Fachwerkhaus

Das sanierte Fachwerkhaus in Külsheim – Aufnahmen: Preisträger

Kulturdenkmale in denkbar marodem Zustand, in seinem Lebensumfeld im nordöstlichen Baden-Württemberg zwischen Kocher und Main gelegen, ziehen Harald Brode seit über zwanzig Jahren magisch an. Und obwohl eigentlich Psychologe von Beruf, hat er sich als Retter von fast aufgegebenen Objekten einen Namen erworben. Auch im Falle des zweigeschossigen Fachwerkhauses in Külsheim unweit von Wertheim sollte er seinem Ruf alle Ehre machen. Brode war in den Ort gekommen, weil er von zwei Abbruchkandidaten gelesen hatte, die sich jedoch als wenig interessant herausstellten. Dafür wurde er in der Nachbarschaft auf ein völlig heruntergekommenes zweigeschossiges Haus mit Satteldach aufmerksam, das bei aller Vernachlässigung noch viel Originalsubstanz zeigte. Unter dem bröckelnden Putz kam fränkisches Schmuckfachwerk zum Vorschein und originale bleiverglaste Fenster sowie ein leeres Tabernakel für eine Heiligenfigur an der Giebelseite zeugten von besseren Zeiten. Wie er auf dem Rathaus erfuhr, stand auch dieses kleine Anwesen eines Händlers oder Handwerkers kurz vor dem Abbruch. Zu lange hatte sich kein Kaufinteressent für das Gebäude gefunden, das laut Inschrift 1707 wahrscheinlich unter Verwendung älterer Bauteile errichtet worden war. Vier Wochen später war Brode Eigentümer und stand vor dem Dilemma, dass seine langjährigen Mitstreiter der Interessengemeinschaft Sanierung historischer Bauten angesichts des damals noch nicht abgeschlossenen Projektes des Oberen Schlosses in Ingelfingen vorläufig keinen Bedarf an einem weiteren Problemfall verspürten.

Innenraum mit altem Sofa und Holztüren

Aus dem Abbruchkandidaten wurde ein Schmuckstück

So übernahm Brode alleine an die Sanierung, wie gewohnt mit großer Eigenbeteiligung bei allen anfallenden Arbeiten. Über viereinhalb Jahre sollte sich diese bis zur Fertigstellung 2013 hinziehen. Zunächst war einer akuten Einsturzgefahr abzuhelfen, da die Standfestigkeit der Kellerdecke durch kontinuierliches Eindringen von Wasser in den Kellerbereich nicht mehr gewährleistet war. 25 verrottende Holzsprieße mussten durch eine sichere Abfangkonstruktion ersetzt, ein gewölbter Außenkeller stabilisiert werden. Erst danach konnte ein Restaurator die historischen Befunde ermitteln, die der Wiederherstellung des Hauses im Äußeren und Inneren zugrunde gelegt wurden. Vor allem die Innenräume brachten manche Überraschung. Sie erwiesen sich im Hinblick auf Stuckdecken, Türblätter, barocke Schlösser und dekorative Ofenplatten als ungewöhnlich reich für die ländliche Lage.

Heute ist das Haus, das jetzt neben einer Ferienwohnung im Erdgeschoss im oberen Stockwerk eine Mietwohnung beherbergt, wieder zu einem Schmuckstück geworden. Die originale Haustür, die bereits in den Kunsthandel gewandert war, ist ebenso zurückgekehrt wie die Statue des Josef mit dem Jesuskind aus dem 19. Jahrhundert, die wieder an ihrem angestammten Platz im Tabernakel an der Giebelseite steht. Die Sanierung setzt Maßstäbe im eher desolaten Ortsbild von Külsheim, in dem noch manches qualitätvolle Kulturdenkmal auf eine ähnlich sorgfältige Sanierung wartet.

Die Jury war sich einig, dass Harald Brode nach seinem Engagement beim Alten Spital in Neuenstein 2002, dem Schlössle in Untermünkheim 2006 und dem Oberen Schloss in Ingelfingen 2010 ein weiterer Denkmalschutzpreis für seinen beispielhaften Einsatz in Külsheim gebührt. Wie kein anderer hat er durch sein Lebenswerk zur Erhaltung der Denkmallandschaft in Baden-Württemberg beigetragen.

Ehemaliges Torkelgebäude in Salem-Mittelstenweiler

Winzerweg 3, 88682 Salem-Mittelstenweiler (Bodenseekreis)

Preisträger: Helga und Dirk Schumacher, Sindelfingen

Fachwerkhaus

Der ehemalige Torkel in Mittelstenweiler mit dem jüngeren Scheunentor – Aufnahmen: Busse (1), Langner (2)

Helga und Dirk Schumacher aus Sindelfingen waren auf der Suche nach Ort, an dem sie sich im Alter niederlassen wollten. Nachdem sie schon mehrere Häuser zwischen Schwarzwald und Oberschwaben besichtigt hatten, wurden sie im Internet auf ein Torkelgebäude aufmerksam, das von der markgräflich-badischen Verwaltung in Mittelstenweiler nahe Salem zum Kauf angeboten wurde. Der Besuch dort wurde zum Schlüsselerlebnis, denn der stattliche Fachwerkbau mit seinem mächtigen Walmdach, am Rande des Dorfes in Obstbaumwiesen gelegen, fand sofort ihr besonderes Gefallen. Der Kauf wurde zur Herzensangelegenheit, auch wenn ihnen von vornherein klar war, dass eine Unterteilung des großen stützenfreien Innenraums unter offenem Dachstuhl das Kulturdenkmal eigentlich zerstören würde.

Errichtet worden war der Funktionsbau 1786 durch das Kloster Salem, das hier die Trauben seiner umliegenden Weingärten pressen ließ. Nach dem Ende des Weinanbaus im 19. Jahrhundert verschwand der gewaltige Kelterbaum, den das Gebäude beherbergte. Es diente dann als Scheune und Stall, auf der Ostseite war dafür ein größeres Tennentor eingebrochen worden. Die wenig intensive Nutzung bewirkte, dass der ehemalige Torkel ohne größere Eingriffe die Zeiten überstanden hat, wenngleich Fachwerk und die eindrucksvolle, weit gespannte Dachkonstruktion mit zweifach liegendem Stuhl und einfachem Hängewerk durch die dauernde Bewitterung Schäden aufwies, die schleunigst beseitigt werden mussten.

Dachstuhl von unten

Das mächtige Dachwerk des Torkels

2012 erwarb Familie Schumacher den Bau. Ihr denkmalpflegerisches Konzept, das zusammen mit der Architektin Corinna Wagner-Sorg aus Überlingen entwickelt und 2013/14 umgesetzt wurde, fand das besondere Lob der Jury: Im Unterschied zu den Überlegungen anderer Interessenten, die einen Umbau zu einem Wohnhaus mit mehreren Wohneinheiten im Sinn hatten, basiert es auf dem Verzicht der Umnutzung für Wohnzwecke und auf dem Verzicht auf bauliche Eingriffe in bisher ungestörte Substanz. Der Torkel bleibt als Einraumgebäude erhalten und dient lediglich Atelier- und Ausstellungszwecken der Eigentümer, die sich mit Malerei und Fotografieren beschäftigen. Auch dies wird denkmalschonend nur temporär erfolgen, da auf eine Heizung verzichtet wurde. Die Öffnungen wurden unter Erhalt der historischen Tore und Läden verglast und der Fußboden mit Backsteinen ausgelegt. In die Torkelstube, den ehemaligen Aufenthaltraum des Keltermeisters, wurden eine Küchenzeile sowie eine Toilette eingebaut. Das Domizil für den Lebensabend der Schumachers wird in gebührendem Abstand zum historischen Gebäude entstehen, mit einem kleinen Wohnhausneubau in der Ecke des weitläufigen Grundstücks, in unmittelbarem Anschluss an die dörfliche Nachbarbebauung.

Den Denkmalschutzpreis erhalten die Bauherren aber auch für ihre Bereitschaft, die notwendigen Arbeiten am Torkel in größter denkmalpflegerischer Sorgfalt ausführen zu lassen. Sichern, Bewahren, Reparieren war hier das erklärte Ziel. Am Anfang stand eine akribische Bauaufnahme und Schadenskartierung. Schon dabei kam der Sanierung die Professionalität und die handwerklichen Fähigkeiten der Zimmermannsfirma von Sebastian Schmäh aus Meersburg zu gute. Er war der Jury bereits 2012 durch seine Leistungen bei den Holzreparaturen am prämierten Haus am Münsterplatz in Überlingen positiv aufgefallen. Nun hat er mit seinen Arbeiten am Torkel mit der Ausführung der Zimmerer-, Dachdecker- und Holzarbeiten an Konstruktion, Toren und Läden wiederum seine Qualität unter Beweis gestellt.

Früheres fürstliches Beamtenwohnhaus in Sigmaringen

Karlstraße 5, 78244 Sigmaringen (Landkreis Sigmaringen)

Preisträger: Inkelore und Meinrad Förster, Sigmaringen

Stadthaus mit klassizistischen Elementen

Das wieder hergerichtete klassizistische Beamtenhaus in Sigmaringen – Aufnahmen: Langner (1), Kabierske (2)

Meinrad Förster erinnert sich noch gut an das kalte Schlafzimmer, in dem er als Kind zu Besuch bei den unverheirateten Großtanten in Sigmaringen schlief. Die Atmosphäre im alten Wohnhaus von biedermeierlich-residenzstädtischem Zuschnitt mitsamt den alten Möbeln und Porträtgemälden der Vorfahren hat ihn nie mehr losgelassen. Für den heutigen Fachingenieur für Fernsehstudios war es deshalb selbstverständlich, das Erbe, das auf ihn zukam, nicht als Last zu empfinden, sondern als herausfordernde Aufgabe, die es zu meistern galt.

Der ursprüngliche Bauherr, Urururgroßvater Johann Michael Buck, hatte das Haus 1837/38 an der gerade angelegten Karlstraße in Sigmaringen erbauen lassen. Er war Hofkammerrat in Diensten des Fürsten von Hohenzollern und das Schicksal wollte es, dass er sein neues spätklassizistisches Haus mit zwei Stockwerken und Mädchenkammern unter dem Satteldach schon kurz nach Bezug wieder verlassen musste, weil er in den böhmischen Besitz des Fürsten versetzt wurde. Erst Jahrzehnte später kehrte seine Familie wieder nach Sigmaringen zurück. 1893 wurde das Haus für die gewachsene Familie um eine Achse verlängert und die Fassade entsprechend dem nun herrschenden historistischen Geschmack mit Putzgliederungen versehen. Hundert Jahre lang war das Haus nun Mittelpunkt der Familie, bis in den 1990er Jahre die letzte Bewohnerin gestorben war. Das Ende des Anwesens stand bevor, weil es der Stadt für ein Straßenbauvorhaben im Wege stand. Glücklicherweise scheiterte das Projekt, da der Fürst das ebenfalls erforderliche Gelände im benachbarten Schlosspark verweigerte.

Innenraum mit altem Kachelofen

Auch die Innenräume wurden wieder authentisch hergestellt.

Nach zehn Jahren des Leerstands, der dem Haus nicht gut getan hatte, entschloss sich Meinrad Förster 2006 nach Regelung der Erbangelegenheiten, sich des Hauses anzunehmen. Ein weit reichender Entschluss für ihn und seine Frau Inkelore, galt es doch für sie, ihren bisherigen Lebensmittelpunkt in Berlin aufzugeben, und in die Provinz zu ziehen, vorerst einmal eine provisorische Wohnung im Dachgeschoss des Hauses.

Es war ein Glücksfall, dass Meinrad Förster in Corinna Wagner-Sorg aus Überlingen eine Architektin fand - wir kennen sie schon von der ebenfalls Prämierten Sanierung des Torkels in Salem-Mittelstenweiler -, die seine Vorstellungen einer sehr behutsamen Reparatur teilte. Die Unterstützung der Denkmalpflege war einem solch vorsichtigen Vorgehen sowieso sicher. Die Authentizität des Hauses sollte auf jeden Fall erhalten bleiben, auch wenn dies mit gewissen Einschränkungen heutigen Wohnkomforts verbunden war. Zunächst hatte der Restaurator Jürgen Schulz-Lorch aus Sigmaringen den Auftrag zu einer ausführlichen Befunduntersuchung der historischen Oberflächen, die zur Grundlage der Wiederherstellung gemacht wurde. 2011/12 wurde das Werk realisiert. Das Wenige, was in den letzten Jahrzehnten hinzugefügt worden war - PVC- und Teppichbeläge über den alten Holzböden, die entstellenden Kunststoffrollläden, ein Windfang im Erdgeschoss und die Verkleidung der originalen Kalksteintreppe am Hauseingang mit Granitplatten - wurde zurückgebaut. Die Installationen wurden erneuert, Fenster und Vorfenster sowie das gesamte Holzwerk repariert, wobei angesichts des knappen Budgets die Bauherren enorme Eigenleistungen einbrachten. Um störende Heizkörper in den Fensternischen zu vermeiden, erhielt das Obergeschoss eine umlaufende Sockelheizung. Zusätzlich wird mit den wieder gangbar gemachten historischen Kachelöfen geheizt. Neue Elemente waren kaum erforderlich, sodass das Haus einen fast musealen Charakter hat. Heute bewohnen die Försters in 6. und mit Sohn Arthur nun schon in 7. Generation das Obergeschoss, das Erdgeschoss ist an eine Kanzlei vermietet.

Ehemaliges Diakonissenheim in Bad Liebenzell

Im Blumenstiel 6, 75378 Bad Liebenzell (Landkreis Calw)

Preisträger: Johannes Haag, Grundstücksgesellschaft Ziegelei Sondernheim GbR

sehr großes Gebäude im Schwarzwaldstil

Das ehemalige Diakonissenheim im Stil der Schwarzwald-Baukultur – Aufnahmen: Preisträger

Schon in seiner Jugend kam Johannes Haag häufig in das große Gebäude am Waldrand oberhalb von Bad Liebenzell, wenn er seinen erblindeten Großvater besuchte, der hier in seinen letzten Lebensjahren von Diakonissen betreut wurde. Und wahrscheinlich stünde das nicht alltägliche Kulturdenkmal heute nicht mehr, hätte der heutige Bauunternehmer nicht damals zu diesem Bauwerk eine besondere emotionale Bindung entwickelt.

Errichtet worden war das Haus 1911/12 als Ferien- und Pflegeheim des württembergischen Diakonissenvereins, der Ende der zwanziger Jahre mit 1435 Schwestern nicht weniger als 40 Krankenhäuser betrieb. In der guten Luft des Nordschwarzwaldes sollte hier den arbeitsmüden und erholungsbedürftigen Schwestern eine wertvolle Stätte der Stärkung und Erholung geboten werden. Die Entwürfe stammten von dem namhaften Stuttgarter Architekturbüro Bihl & Woltz, die den symmetrischen, viergeschossigen Bau einerseits nach modernsten Ansprüchen an Bautechnik, Funktionalität und Hygiene konzipierten, das Erscheinungsbild aber gemäß den Vorstellungen der Heimatschutzbewegung der Jahre vor dem Ersten Weltkrieg durch Putz, Schindeln und hohe Walmdächer der Landschaft und den lokalen Traditionen des Schwarzwaldes entsprechend einzupassen versuchten.

Bis 1986 diente der Bau seiner Bestimmung, dann freilich standen größere Investitionen an, die der Verein angesichts der Tatsache, dass es immer weniger Diakonissen gab, nicht länger aufbringen konnte. Der folgende Leerstand ließ die Bausubstanz rasch verkommen, hinzu kam Vandalismus durch ungebetene Gäste, die immer wieder in das Gebäude eindrangen. Das Anwesen litt unter raschem Eigentümerwechsel und Zwangsversteigerungen. Abbruchgesuche verschiedener Investoren wurden eingereicht, die hier ihr Geld machen wollten. Das Ende des zum Schandfleck für den Kurort gewordenen Baues schien nur noch eine Frage der Zeit.

Eingangsprotal mit rotem Sandstein

Ganz im Jugendstil das große Eingangsportal

Umso erfreulicher ist es, dass Johannes Haag das riesige Anwesen schließlich erwarb und 2012/13 als Planer und Bauherr eine ungemein schonende Umnutzung und Sanierung realisierte. Das wirtschaftliche Konzept ging davon aus, das Gebäude fortan mit großzügigem Wohnen in Eigentum bzw. zur Miete zu reaktivieren. Das Gebäude beherbergt heute ganze zehn Wohnungen, keine unter 200 Quadratmeter groß. Dabei wurde erfreulicherweise kaum in die historische Grundrissstruktur eingegriffen. Abtrennungen beiderseits des zentralen Treppenhauses führen pro Stockwerk in je zwei weitläufige Wohnungen, die durch den bisherigen Mittelflur erschlossen werden. Auch die Raumzuschnitte blieben weitgehend erhalten. Selbst in den Toiletten wurde die charakteristische, jeweils doppelte Anordnung aus der Zeit der Heimnutzung erhalten. Bäder von opulenter Größe wurden in den bereits Ende der 1950er-Jahre durch Fenster geschlossenen Loggien installiert. Die Jury war beim Rundgang überrascht darüber, wie individuell sich die einzelnen Wohneinheiten trotz der relativ festgelegten Disposition gestalten und möblieren lassen.

Denkmalpflegerisch vorbildlich war auch sonst der Umgang mit dem Überkommenen: Die vielen originalen Fenster aus der Erbauungszeit wurden sorgfältig repariert und durch zusätzliche Kastenfenster energetisch ergänzt, im Inneren das Holzwerk von 80 Zimmertüren aufgearbeitet und die mehrfach mit ungeeigneten Farben überstrichenen Flächen fachgemäß nach Befund gefasst. Auch die verwahrlosten Außenanlagen wurden wiederhergestellt, dabei sogar untergeordnete Ökonomiebauten wie der Hühner- und Schweinestall vorbildlich repariert und neu gestrichen. Als Abstellraum für die Bewohner tun sie heute wieder gute Dienste.

Einstiges Direktions- und Verwaltungsgebäude der Pulverfabrik in Rottweil

Neckartal 100, 78628 Rottweil (Landkreis Rottweil)

Preisträger: Grundstücksverwaltung Neckartal 100 Projekt GbR

verputztes schlichtes Bürohaus

Das einstige Verwaltungsgebäude hat auch nach der Sanierung seinen schlichten Charakter behalten – Aufnahmen: Preisträger (1), Kabierske (2)

Die Umnutzung des ausgedehnten Areals der ehemaligen Pulverfabrik, direkt unterhalb der Altstadt von Rottweil im Neckartal gelegen, gehört in mehrfacher Hinsicht zu den erfreulichen Unternehmungen im Land. Mit dem Gewerbepark Neckartal, der mit einer vielfältigen Infrastruktur aus Arbeiten und Wohnen, Freizeit und Gastronomie, Dienstleistung und Kultur innovative Wege beschreitet und auch besonderen Wert auf denkmalpflegerische Zielsetzungen legt, konnte seit 1993 eine Industriebrache mit zahlreichen Kulturdenkmalen reaktiviert werden. Zweifellos kommt dabei dem Engagement von Hermann Klos und Günther Seitz und mit ihrer mittlerweile bundesweit tätigen Holzmanufaktur Rottweil GmbH, eine Schlüsselrolle zu. Bereits 1999 erhielten sie für die Sanierung des ehemaligen Badhauses als Restaurant und Theaterstätte einen Denkmalschutzpreis, 2006 folgte ein weiterer für die Umwandlung des früheren Sozialgebäudes und der Arbeiterkantine zu Funktionsbauten der Holzmanufaktur.

2014 bewarben sie sich mit zwei weiteren Sanierungsbeispielen des Neckartalensembles: dem alten, zur Lackiererei der Holzmanufaktur umgebauten Pumpwerk sowie dem sanierten ehemaligen Direktions- und Verwaltungsgebäude der Pulverfabrik. Die Jury sprach letzterem angesichts der abermals überzeugenden denkmalpflegerischen Leistung von beispielhaftem Charakter einen Preis zu.

fünf figürliche Glasfenster

Die renovierten Glasfenster geben Auskunft über die einstige Schießpulver-Produktion im Tal

Die Baugeschichte des langgestreckten zweigeschossigen, zwischen Straße und jähem Abhang gelegenen Direktorengebäudes ist komplex wie die Geschichte der Pulverfabrik selbst, die hier seit den 1840er-Jahren kontinuierlich wuchs und gerade in Zeiten, in denen Kriege geplant oder geführt wurden, besonders prosperierte. Unmittelbar vor dem Zweiten Weltkrieg standen auf dem Werksgelände nicht weniger als 140 Gebäude. Wenn auch der heutige Kern des Direktionsgebäudes 1840 das erste eigens für die Fabrik errichtete Haus war, das später zweimal erweitert werden sollte, so geht das heutige Erscheinungsbild doch auf einem tiefgreifenden Umbau aus der Zeit der Aufrüstung im Nationalsozialismus 1937 zurück. Vor allem der charakteristische, mit Kalkstein verkleidete Haupteingang, die repräsentative Treppe zu den Direktionsräumen und die Ausstattung mit Farbglasfenstern, in denen unter dem Zeichen eines monumentalen Reichsadlers die Verwendung des Pulvers durch die Jahrhunderte verklärt wird, sind typische Zeugnisse jener Zeit. Wie alle Baulichkeiten des Areals, das nach dem Zweiten Weltkrieg noch eine zeitlang dem Textilhersteller Rhodia diente, drohte auch das Verwaltungsgebäude seit den 1970er-Jahren zu verfallen. Eine temporäre Nutzung als Übergangswohnheim leistete dem Vorschub.

Unter der Leitung der Architekten Dominik Burkard und Alfons Bürk wurde das Gebäude 2010-2012 ohne starke Eingriffe in die Gebäudestruktur saniert, um dem Konzept des Gewerbeparks entsprechend verschiedene Nutzer aufzunehmen: eine Rechtsanwaltskanzlei, zwei Firmen für medizinische Geräte, eine Spedition, aber auch ein Studio für orientalischen Tanz. Das historische Holzwerk der Fenster bis zu den Fußböden, Wandverkleidungen und Einbauschränken wurde dabei, wie von der Holzmanufaktur nicht anders zu erwarten, in höchster handwerklicher Qualität repariert, die Fenster dabei durch innere Kastenkonstruktionen energetisch ertüchtigt. Originale Oberflächen und Farbfassungen wurden nach Befund restauriert. Neue Bauteile, wie unter die Decke gehängte Heizradiatoren oder die Glaswand zur Unterteilung des früheren Sitzungssaals, setzen sich in Materialität und Form bewusst von den historischen Elementen ab.

Gerhard Kabierske